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Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history. Band 6 (Hrsg.: Hubert Kolling)

 

hpsmedia, Hungen, 2012, 327 Seiten, 34,80 EUR.

Rezension von: Dr. med. Philipp Osten, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Biographische Lexika sind Langzeitprojekte. Seit über einem halben Jahrhundert arbeitet die Bayrische Akademie der Wissenschaften an der Neuen Deutschen Biographie. Der erste Band erschien 1953, inzwischen (2013) ist man beim Buchstaben T angekommen. Ein anderes Konzept verfolgt das Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte, dessen sechster Band nun vorliegt. Jeder Band reicht von A-Z und jeder für sich ist ein Beleg für den enormen Wissenszuwachs, den das Feld der Pflegegeschichte in den vergangenen 15 Jahren erfahren hat. Den meisten der hier veröffentlichten Biographien ist anzumerken, dass es sich um Pionierarbeiten handelt. Kein einziger Eintrag erschöpft sich in dürren Lebensdaten. Das Lexikon der Pflegegeschichte ist ein Lesebuch mit  wissenschaftlichem Anspruch. Für gewöhnlich werden Lexika nicht ‚durchgelesen’. Hier aber lohnt es sich. An den vorgestellten Personen wird Sozialgeschichte lebendig. Wir lesen, was eine Rot-Kreuz-Schwester in den 1920er Jahren verdiente, erfahren ganz nebenbei, dass die ersten Flugbegleiterinnen von Beruf Krankenschwestern waren, lesen über den Alltag religiöser Gemeinschaften und können die Geschichte des Kampfes gegen die exorbitant hohe Säuglingssterblichkeit nachverfolgen, der sich wie ein roter Faden durch viele Lebensgeschichten zieht. Thema vieler Biographien der bundesdeutschen Nachkriegszeit ist nicht zuletzt das Bemühen um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Krankenpflege und um die Neufassung berufsständischer Organisationen. Mit den Biographien Johanna Tauberts und Ricarda Kleins tritt auch die Entstehung der modernen Pflegewissenschaften in den Blick der Geschichte.


Bemerkenswert ist, wie viele unterschiedliche Perspektiven allein auf die Zeit des Nationalsozialismus in diesem einen Lexikonband eröffnet werden. Die ausgezeichnet geschriebenen Biographien der Schweizer Krankenschwestern Fridel Bohny-Reiter, Elsa Ruth, Rösi Näf, Elsbeth Kasser und Emma Ott lenken den Blick auf Flüchtlingselend und Volkermord. Die Biographien zahlreicher Opfer des Nationalsozialismus, darunter über Paula Friedl, Leo Langstein und Pauline Maier spiegeln jüngste Forschungsergebnisse wieder. Vielen Texten ist anzumerken wie viel detektivische Kleinarbeit in ihnen steckt. Das macht die Lektüre umso spannender und wird neue Recherchen anstoßen, wie beispielsweise im Fall der B.O.K.D. Funktionärin Helene Meyer oder der noch in den 1990er Jahren als bekennende NS-Anhängerin auftretenden DRK Führerin Gertrud Scholtz-Klink.


Einige Biographien von Funktionsträgerinnen aus der NS-Zeit wurden hier erstmals in enzyklopädischer Form und auf hohem Niveau zusammengestellt. Die SS- und Wehrmachtssanitätsführer Karl Genzken und Siegfried Handloser werden auf Basis der aktuellen Literatur vorgestellt. Ein bedauerlicher Ausrutscher ist die Biographie über den Kindermörder Jussuf Ibrahim. Der Dresdner Pädiater überwies Patienten mit dem Auftrag „Euthanasie“ in eine NS-Tötungsanstalt. Nebulös wird von einem „Schatten“ gesprochen, der auf Ibrahims Namen gefallen sei, als „Dokumente über Verstrickungen in Euthanasiemaßnahmen auftauchten“. Der Artikel endet mit dem Worten, Ibrahims Klinik sei „stets ein ‚Hort der Humanität’ gewesen“. Der unheimliche Schlusssatz bagatellisiert die Krankenmorde. Aber dieser Beitrag bleibt der einzige Atavismus der alten, naiven Tendenz in Medizin- und Pflegegeschichte, alle in Heilberufen tätige Menschen ungeachtet ihrer Verbrechen mit Heiligenscheinen zu versehen. Gerade das Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte trägt maßgeblich zu einem kritischen Bewusstsein über Gesundheit und Krankheit, über die Strukturen beruflicher Organisationen und über die Machtverteilung im Gesundheitswesen bei. Dieses Nachschlagewerk gehört in jede gute Bibliothek – und es enthält ein Register aller weit über tausend Biographien, die in den vorangegangenen fünf Bänden erschienen sind.

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