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"Gott hilft Dir, aber rudern musst du selbst"
Dr. Viola Riederer, Freiin von Paar zu Schönau (1903-1996), die Gründerin und Ehrenvorsit-zende des Katholischen Berufsverbandes für Pflegeberufe (Kolling, Hubert )

 

Katholischer Berufsverbandes für Pflegeberufe, Regensburg, 2003, 108 S., ISBN 3-00-012469-1

Rezension von: Ernst Lesser

Mit der 108 Seiten umfassenden Broschüre zur Biografie von Dr. Viola Riederer Freiin von Paar zu Schönau hat der Autor ein Werk vorgelegt, das sich mit der Geschichte der Pflege, hier der konfessionellen Pflegehistorie befasst. Der Autor beschreibt den Lebensweg von Dr. Riederer, vor allem ihren Weg als Kinderkrankenschwester und als Medizinerin. Sie arbeitet 1938 als medizinische Leiterin einer Kinderkrankenpflegeschule in Genf, muss aufgrund des beginnenden Zweiten Weltkrieges dienstverpflichtet die Schweiz verlassen und kann im Rahmen einer Erkrankung, die sich als Fehldiagnose herausstellt, 1941 wieder an ihren alten Arbeitsplatz in die Schweiz zurückkehren. Ein Gespräch mit dem Seelsorger für Pflegeberufe in München, Dr. Curt M. Genewein (1921-1991) ist der Anlass einen konfessionellen Berufsverband für Krankenpflege zu gründen und diesen auch 16 Jahre als Erste Vorsitzende zu leiten.

Die Kapitel 3 und 4 befassen sich vor allem mit dem Werdegang des von ihr mit gegründeten "Freien Katholischen Berufsverbandes für Krankenpflege", der wie der Name es besagt, den katholischen Schwestern und Pflegern dienen sollte, die nicht in einer Schwesternschaft oder einem Verein organisiert waren. So waren es auch die bereits bestehenden Caritasschwesternschaften, die misstrauisch dieses neue "Pflänzchen" beäugten, das sicherlich Konkurrenz war und dessen Namen auch verdächtig nach "katholischer Gewerkschaft" roch. Die Arbeit im Verein auf lokaler und nationaler Ebene wird dargestellt und die mannigfaltigen Aufgaben, die Fr. Dr. Riederer darin zufallen, aufgezeigt. Ihr Engagement für berufliche Fort- und Weiterbildung der Pflegekräfte, aber auch ihr eigenes publizistisches Wirken wird dargestellt.

Ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis, aber auch ein Verzeichnis ihrer Beiträge im "Mitteilungsblatt des Freien Katholischen Berufsverbandes für Krankenpflege" können Hilfe für den interessierten Leser sein.

Interessant und lesenswert scheint auch der Dokumentenanhang mit Veröffentlichungen von Fr. Dr. Riederer. Ihre Stellungnahmen im Mitteilungsblatt des Verbandes geben ja auch die Meinung vieler Mitglieder wieder, bzw. sind für viele Mitglieder Orientierung, der nach außen vertretenen Auffassung zu bestimmten Themen. Es ist hochinteressant, einen Artikel über "Dienstvertrag und Arbeitsmoral" vor dem Hintergrund unserer Arbeitszeitdiskussion zu lesen. Eine 48-Stundenwoche war 1961 die Regel und Fr. Dr. Riederer schreibt, dass die strikte Einhaltung dieser Vorgabe aufgrund des herrschenden Schwesternmangels und des fehlenden Geldes, um neue Schwestern einzustellen, ein rapides Ansteigen des Arbeitstempos zur Folge habe, "das die einzelne Schwester aus dem Hetzen gar nicht herauskommt, ...". Ein weiteres Dokument befasst sich mit der "wilden Schwester", wie die unorganisierten Pflegerinnen auch gerne bezeichnet wurden. Die Bedeutung des Berufsverbandes für diese nicht organisierten, konfessionellen Schwestern und Pfleger, aber auch die Erwartung des Verbandes an seine Mitglieder ist Inhalt dieses Artikels. Lesenswert schien mir auch ihr Kommentar zum Münchner Prozess gegen 14 Krankenschwestern, die der Beihilfe zum Mord im Nationalsozialismus angeklagt waren - Dokument 14. Auch hier finden sich Gedanken einer Zeitzeugin, die das Glück hatte, ihrer Dienstverpflichtung zu entkommen. Wer weiß, wie sie sonst geurteilt hätte.

Insgesamt sind es 25 solcher Einzeldokumente, die das Denken und Wirken in dieser Biografie belegen und untermauern.

Ein kleines Buch, das lesenswert ist für alle, die sich mit der konfessionellen Ausprägung der Pflege und der konfessionell verbandlichen Pflegearbeit beschäftigen. Es ist aber auch lesenswert für jeden an der Pflegegeschichte Interessierten. Zeigt doch diese Vita die Entwicklung nicht nur der Pflegeverbände schlaglichtartig auf, sondern auch die Entwicklung und den Stand des Pflegeberufes in den 60-er Jahren. Was gutbürgerliche Familie denkt, wenn die Tochter erklärt sie möchte Kinderkrankenschwester werden. Auch beauftragt man nicht eine Krankenschwester mit der Gründung eines Verbandes, sondern eine, wenn auch engagierte Frau, so doch Ärztin. Vieles erscheint aus der heutigen Zeit betrachtet einseitig oder wenig verständlich. Genau diese Sichtweise macht die Broschüre interessant. Ich würde mir wünschen, dass in der Pflegeausbildung, wenn es um die Wurzel des Berufs geht, auch dieses Buch mit zum Einsatz käme, um die Geschichte der Berufsentwicklung lebhaft und interessant werden zu lassen.

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