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"Wir sind Pionierinnen der Pflege..."
Krankenschwestern und ihre Pflegestätten im 19. Jahrhundert am Beispiel Göttingen (Weber-Reich, Traudel)

 

Verlag Hans Huber. Bern, 2003, 331 S., 26,95 €- ISBN 3-456-83873-5

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Die Entwicklung der Pflegewissenschaft in Deutschland hat in den letzten zwei Jahrzehnten mit der Einrichtung zahlreicher Studiengänge an Fachhochschulen und Universitäten einen starken Entwicklungsschub erlebt. Trotz dieser erfreulichen Entwicklung ist die Erforschung der Geschichte der Krankenpflege immer noch ein eher randständiges Gebiet der Pflegeforschung, auch wenn in den letzten Jahren einige Arbeiten erschienen sind, die eine historische Aufarbeitung von Teilaspekten der Entwicklung des Berufes versuchen. Von einer umfassenden und systematischen Aufarbeitung der Geschichte unter pflegerischen Gesichtspunkten kann bisher jedenfalls noch keine Rede sein. "Forschungen zur Geschichte der Pflege", schreibt Horst-Peter Wolff völlig zurecht im Vorwort des vorliegenden Bandes, "werden zurzeit im Wesentlichen noch immer nicht aus der Einsicht in die Notwendigkeit heraus initiiert, die von den ersten akademischen und vorzugsweise universitären Institutionen der Pflegewissenschaft erwartet wird, sondern überwiegend aus dem individuellen Interesse heraus, dass einzelne Forscherinnen der Geschichte ihres Fachgebietes entgegenbringen" (S. 9). So ist auch die Studie über Krankenschwestern und ihre Pflegestätten im 19. Jahrhundert am Beispiel Göttingen in erster Linie dem Forschungsdrang seiner Autorin zu verdanken, die sich schon vor Jahren in Göttingen mit ihrem Engagement in der historischen Frauenforschung einen Namen machte und sich nun hier in profunder Weise einem bisher kaum erforschten Fragenkomplex der Pflegegeschichte zugewandt hat.

In den Mittelpunkt ihrer historisch-empirischen Studie, der eine 2001 an der Medizinischen Fakultät Charité der Humboldt-Universität zu Berlin angenommene Dissertation zu Grunde liegt, hat Traudel Weber-Reich die Krankenpflege im 19. Jahrhundert in der heute niedersächsischen Universitätsstadt Göttingen (Königreich Hannover, seit 1866 preußische Provinz Hannover/Regierungsbezirk Hildesheim) gestellt, wobei sie die Entstehung der Arbeitsfelder der freien Pflege, der diakonischen und katholischen Pflege sowie der Rotkreuz-Krankenpflege quasi vergleichend untersucht und darstellt. Wie hat man sich das Netz der Krankenfürsorge in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorzustellen? Ist davon auszugehen, dass Krankenstationen und Heilanstalten und somit der Kernbereich des zu einem beträchtlichen Teil doch ohne staatliche Hilfe aufgebauten Gesundheitssystems von Krankenpflegepersonen weithin ausgestaltet und selbst verantwortlich aufrechterhalten wurde? Galten Krankenschwestern als kompetente Fachkräfte, die Pionierarbeit leisteten? Und wenn ja, wie entwickelte sich die Kooperation mit Ärzten? Bei der Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen geht die Autorin, gestützt auf die Auswertung handschriftlicher Primärquellen sowie der Sekundärliteratur, von der Hypothese aus, "dass christliche Krankenschwestern vor Ort weit gehend eigenständig eine Infrastruktur der beruflichen Pflege bis hin zum zeitgemäßen Krankenhaus entwickelt haben" (S. 22), ein Punkt, von dem die historische Pflegeforschung mangels empirischer Studien bisher kaum Notiz genommen hat.

Nach der Einleitung mit einem Überblick zur Quellenlage und zum Forschungsstand wendet sich Traudel Weber-Reich zunächst der Herkunft der Göttinger Krankenschwestern zu. Wie sie dabei zeigt, übte das Friederikenstift - das älteste Krankenpflegehaus in Hannover - im Hinblick auf eine sich aufbauende Kultur der weiblichen Armen- und Krankenpflege eine Vorreiterrolle aus, die für die gesamte Provinz von Bedeutung war. Bei seiner Gründung weder ein Pastor noch ein Arzt den Ton an. Das Friederikenstift, zur stationären Krankenversorgung für Kinder und Erwachsene, ging vielmehr aus dem von Ida Arenhold 1840 ins Leben gerufenen Frauenverein für Armen- und Krankenpflege hervor, in dem autodidaktisch gebildete, bezahlte Pflegerinnen in Kooperation mit Hausärzten eine helfende und heilende Krankenbehandlung durchführten, womit sie "erfreuliche Resultate" erzielten (vgl. S. 41).

Demgegenüber gründeten Barmherzige Schwestern der Kongregation vom heiligen Vinzenz von Paul in Paderborn im Jahre 1857 auf den Ruf des Bischofs hin in Hildesheim ein unabhängiges Mutterhaus, womit sich erstmals die geschulte katholische Schwesternpflege im protestantischen Königreich Hannover etablierte. Die Vinzentinerinnen führten im Mutterhaus eine eigene Krankenstation mit Ambulanz und kooperierten gegebenenfalls mit Ärzten. Wie die Autorin zeigt, war die Kongregation der Vinzentinerinnen in Hildesheim ein "exklusiver katholischer Frauenverein mit Korporationsrechten", der unter der Oberaufsicht des Bischofs stand und klösterliche Formen annahm. Nach vinzentinischer Tradition schufen die Hildesheimer Schwestern ein System der sozialen Fürsorge, insbesondere der Fachkrankenpflege, und bauten zugleich die Infrastruktur für eine zeitgemäße stationäre medizinisch-pflegerische Versorgung auf. Das Mutterhaus unterschied sich dabei von jedem weltlichen Frauenverein nicht nur dadurch, dass seine Mitglieder Gelübde ablegten; es ermöglichte unverheirateten religiösen Frauen eine Berufsausbildung sowie eine qualifizierte Berufsausbildung und gewährte umfassende wirtschaftliche und soziale Sicherheit bis zum Tod (vgl. S. 72).

Wenngleich die Diakonissen vom Henriettenstift in Hannover im Gegensatz zu den Vinzentinerinnen kein Gelübde der Armut und Keuschheit ablegten und die protestantische Ethik der Freiheit des Christentums proklamierten, war Diakonissesein doch ein Lebensberuf in Bescheidenheit und jungfräulicher Treue, eingebunden in einer genossenschaftlichen, klosterähnlichen, autark strukturierten Ordnung. Für evangelische ledige Frauen bot das Diakonissenmutterhaus eine gesuchte, vor 1836 nicht vorhandene, Möglichkeit der pflegeberuflichen Bildung und Berufsausübung. Wie Traudel Weber-Reich zeigt, prägte und leitete zunächst Oberin Emmy Danckwerts, die als geprüfte Apothekerin mit Erfahrungen in der Pflege und in der Krankenhausleitung zu den bestausgebildeten Frauen jener Zeit zählte, in der Aufbauphase sowohl das Mutterhaus mit Schwesternschaft als auch das ihm angeschlossene, gut ausgestattete Krankenpflegehaus. Erst im Laufe der Zeit wurde sie wie andere von Pastoren verdrängt, die einen patriarchalischen (antiemanzipatorischen) Führungsstil praktizierten (vgl. S. 110).

Nach Ansicht der Autorin zählte Rot-Kreuz-Oberin Olga von Lützerode zu den Pionierinnen der interkonfessionellen (frei-) beruflichen Krankenpflege. Vom Privatstudium religiöser Schriften angeregt, sammelte sie gezielt Vorerfahrungen in Pflegebereichen und strebte den Krankenpflegeberuf an. Während konfessionelle Schwesternschaften ihre Pflege- und Ausbildungstätigkeit meist als Ausübung eines geistlichen Amtes legitimierten, lehnte Olga von Lützerode diese Kombination ab, da sie auf "religiöse Individualität" bestand und die Pflege als allgemeinen Lehrberuf auffasste. Mit empirischer Kompetenz gründete, finanzierte und leitete sie das Clementinenhaus in Hannover. Ihre "Pflegestätte für Leib und Seele", die zuerst in Mietshäusern untergebracht war, präsentierte sich bald als eigenständiges, modernes Krankenhaus. Unter demselben Dach bildete sie den Pflegenachwuchs systematisch heran, wodurch die Clementinenhaus-Schwesternschaft entstand. Bemerkenswert ist der Umstand, dass auch die von Olga von Lützerode angestellten Ärzte und Hausgeistlichen ihrer Leitung unterstanden (vgl. S. 138).

Wie die weitere Darstellung zeigt, ist in dem für die Göttinger Krankenschwestern relevanten Herkunftsfeld die Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins (EDV) mit großem Abstand die jüngste. Nach Ansicht von Traudel Weber-Reich profitierte der EDV von den Vorgängergemeinschaften, insbesondere von Mutterhäusern, die den Aufbau der christlichen Pflegekultur unter schwierigsten Bedingungen geleistet und vorbildliche Krankenanstalten geschaffen hatten. Vor allem der Theologe Professor Dr. Friedrich Zimmer habe die Rechtsgrundlage für die Autoritätsstellung des Arztes gegenüber der Pflegerin geschaffen und damit die Pflege zum ärztlichen Hilfsberuf degradiert (vgl. S. 177).

Im folgenden Kapitel geht es um die Göttinger Krankenschwestern und ihre Pflegestätten. Wie Traudel Weber-Reich dabei zeigt, waren zur damaligen Zeit auch in Göttingen in erster Linie Kranke für die Klinik und nicht die Klinik für Kranke da. Das so genannte Städtische Hospital diente lediglich zur Aufbewahrung chronisch Kranker, die vom akademischen Hospital abgewiesen wurden, angeblich weil sie sich für den Lehrbetrieb nicht eigneten (vgl. S. 189). Im Gegensatz zu den Universitätskliniken boten die Krankenpflegehäuser (Privatkliniken) für wohlhabende Kranke neben dem höheren Komfort professionelle Behandlung und Pflege unter Ausschluss des universitären Lehrbetriebs. Die Universität duldete die privatwirtschaftlichen Unternehmen der Schwestern, weil die dafür vorgesehenen Kranken sich ohnehin nicht der Forschung zur Verfügung stellten (vgl. S. 208).

Insgesamt betrachtet bietet die Göttinger Studie zur Pflegegeschichte, die über einen soliden Anmerkungsapparat verfügt und durch einige Schwarzweiß-Abbildungen illustriert wird, eine Fülle interessanter neuer Erkenntnisse, die in wichtigen Punkten nicht mit der derzeit rezipierten deduktiven Forschung übereinstimmen. So haben einige der bislang verbreiteten Annahmen, wie die grundsätzliche Unterordnung der Schwester unter den Arzt, ihre Allgemeingültigkeit verloren. Gleichzeitig unterstreichen die Befunde die Bedeutung von mikrohistorischen Lokal- und Regionalstudien, an denen es nach wie vor mangelt.

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