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Rezensionen

Annett Büttner

Die konfessionelle Kriegskrankenpflege im 19. Jahrhundert. (Hrsg. Institut für Geschichte der Medizin Robert Bosch Stiftung: Medizin, Gesellschaft und Geschichte Beiheft 47)

2013, Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 480 Seiten, 69,00 Euro, ISBN 978-3515-104623

 

Zur krankenpflegerischen Versorgung in den Kriegen des 19. Jahrhunderts liegen in Deutschland bisher kaum Studien vor. Annett Büttner füllt mit ihrer Dissertationsschrift diese Lücke. Die Autorin konzentriert sich auf die Reichseinigungskriege (Deutsch-Dänischer Krieg 1864, Preußisch-Österreichischer Krieg 1866, Deutsch-Französischer Krieg 1870/71), also auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, legt aber mit dem ersten Kapitel eine gut strukturierte Einführung in das Militärwesen in Preußen und die nur in Ansätzen vorhandene medizinische und pflegerische Versorgung der Soldaten vor.

 

Erste Aktivitäten der freiwilligen Kriegskrankenpflege durch katholische Orden fanden sich im Deutsch-Dänischen Krieg 1864. Die Ordensschwestern wurden zunächst vom Militär nur geduldet und mussten sich teilweise ihre Tätigkeitsfelder selber suchen. Von evangelischer Seite wurden Diakonissen und Diakone in diesem Krieg tätig. Insgesamt war die freiwillige Krankenpflege jedoch nicht effektiv organisiert. Ähnlich war die Situation im Preußisch-Österreichischen Krieg 1866, obwohl jetzt bereits eine zentrale Leitung die freiwillige Krankenpflege organisierte. Auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 blieb die Verteilung der Gruppen von Schwestern und Diakonen ein Problem. Die Autorin kommt jedoch zum Schluss, dass die Bedeutung der konfessionellen Krankenpflege in den drei Kriegen kontinuierlich zunahm. Während die Schwestern mit Unterstützung der Königin von Preußen sowohl von der Bevölkerung als auch vom Militär relativ schnell akzeptiert wurden, war dies bei den männlichen Diakonen nicht der Fall, daher spielten diese nach 1871 auch keine große Rolle mehr.

 

Das Buch befasst sich ebenfalls mit Fragen der Haltung der Schwestern, die den Staat und den Krieg in der Regel nicht kritisierten, Krieg wurde als Gottes Vorsehung gesehen. Die katholischen Schwestern waren in der Regel jedoch weniger national eingestellt als die evangelischen Diakonissen. Dies erklärt sich aus der Motivation der Genossenschaften. Während die evangelischen Genossenschaften mit dem Einsatz in der Kriegskrankenpflege ihre Verbindung mit dem preußischen Staat zeigen wollten, waren die katholischen Genossenschaften eher daran interessiert, überhaupt vom Staat anerkannt zu sein. Wenig berücksichtigt wurde bei dieser Motivation die einzelne Schwester, die häufig überfordert war, da sie weder über die notwendige Ausbildung verfügte (Seuchen, Kriegsverletzungen) noch eine psychologische Betreuung oder Unterstützung von Seiten des Staates bekam. Auch die Seelsorge durch Seelsorger der eigenen Konfession war nicht immer gewährleistet.

 

Manche Leserin mag sich fragen, warum so wenig konkrete Schilderungen der tatsächlichen kriegsbedingten Verletzungen der Soldaten und die daraus sich ergebenden Pflegetätigkeiten in dem Buch thematisiert werden. Auf dieses Manko weist Annett Büttner gleich zu Beginn hin. Die Schwestern und Diakone sprachen diese Themen in ihren Berichten und Briefen kaum an, da sie ihre Angehörigen und Vorgesetzten nicht beunruhigen wollten. Ebenfalls fehlte noch das, was wir heute als pflegerische Fachsprache bezeichnen. In einigen der ausgewerteten Quellen wird allerdings durchaus das Entsetzen der Pflegekräfte deutlich. Dies ist auch gut nachvollziehbar, wenn man z. B. bedenkt, dass Pflegekräfte bei Operationen assistierten, die ohne Narkosen erfolgten, da die Versorgung mit Chloroform in den Lazaretten nicht gewährleistet war.

 

Das Buch ergänzt die bereits vorhandenen Erkenntnisse zur Entwicklung der beruflichen Krankenpflege im 19. Jahrhundert zum Frauenberuf hervorragend. Darüber hinaus kann es Leser(inne)n empfohlen werden, die sich verstärkt mit den Tätigkeiten konfessioneller Organisationen im Bereich der Krankenpflege auseinandersetzen wollen. Für die Lehre in der Erstausbildung der Pflegeberufe sowie für das Pflegestudium bietet das Buch eine anregende Lektüre. Der gut strukturierte Aufbau, die Zusammenfassungen am Ende der Abschnitte sowie eine klare Sprache machen das Buch trotz seiner fast 500 Seiten gut lesbar, es kann daher auch geschichtlich interessierten Auszubildenden und Studierenden als Lektüre empfohlen werden.

 

Mathilde Hackmann, Diplom-Pflegepädagogin (FH), MSc

wissenschaftliche Mitarbeiterin

Fachbereich Gesundheit und Pflege

Hamburger Fern-Hochschule

Alter Teichweg 19-23a

D - 22081 Hamburg

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