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Rezensionen

Wecker, Regina; Braunschweig, Sabine; Imboden, Gabriela; Ritter, Hans Jakob: Eugenik und Sexualität. Die Regulierung reproduktiven Verhaltens in der Schweiz, 1900 – 1960. Zürich: Chronos-Verlag 2013, 200 Seiten, 34,00 Euro, ISBN 978-30340-1131-0

Bis in die 1990er Jahre konzentrierte sich die historische Forschung zum Thema Eugenik stark auf die nationalsozialistische Rassenhygiene. Erst allmählich wurde auch deutlich, dass seit Ende des 19. Jahrhunderts auch in demokratischen Staaten eugenische Ideen nicht nur diskutiert, sondern auch umgesetzt wurden. In diesem Zusammenhang begannen einige Schweizer Forscher(innen) mit der Erforschung der Eugenik in der Schweiz.

Der vorliegende Band enthält verschiedene Beiträge, deren Wurzeln auf die ersten Anfänge dieser Forschung in den 1990er Jahren zurückgehen. Zunächst finanziell nicht gefördert, wurde das Thema Eugenik jedoch im größeren Rahmen ab April 2003 innerhalb des Nationalen Forschungsprogramms im Gesamtprojekt „Integration und Ausschluss“ finanziert. Die Autor(inn)en betonen, dass bei den Beiträgen des Buches erstmals die Themen „Eugenik“ und „Sexualität“ aufeinander bezogen wurden.

Der Band beinhaltet folgende Themen:

Hans Jakob Ritter, Gabriela Imboden: Zur Praxis der psychiatrischen Ehefähigkeitsbegutachtung

Gabriela Imboden, Hans Jakob Ritter: Zur psychiatrischen Begutachtung von Abtreibung und Sterilisation im Kanton Basel-Stadt

Gabriela Imboden: Kastration zur Regulierung „gefährlicher“ männlicher Sexualität

Sabine Braunschweig: Sexualität und Pflegealltag

Regina Wecker: Geschlecht, Eugenik und Sexualität

Untersucht wurden in erster Linie psychiatrische Krankenakten, die mit den zeitgenössischen Schriften der Psychiater, mit Lehrbüchern, Gesetzen usw. abgeglichen wurden. Der Schwerpunkt der Forschung lag auf psychiatrischen Kliniken, und hier besonders den Institutionen in Basel. Für den Zeitraum von 1900 bis 1960 wurde die zentrale Frage untersucht: Verändert die Eugenik die sexuelle Einstellung oder umgekehrt? In Bezug auf Eheverbote gab es z. B. die paradoxe Situation, dass in der psychiatrischen Ehefähigkeitsbegutachtung ein Eheverbot bei einem geisteskranken Paar ausgesprochen wurde, dieses aber zusammenlebte und dann trotzdem Kinder bekam, weil beide Partner die Sterilisation verweigerten. Somit hatten sie uneheliche Kinder, obwohl ja gerade die Geburt der Kinder durch das Eheverbot verhindert werden sollte.

Festhalten lässt sich, dass in der Diskussion ab 1900 eine Trennung der Sexualität von der Fortpflanzung erfolgte. Es etablierte sich in der Schweiz die Einstellung, dass nicht alle Menschen Kinder haben sollten, parallel wurde jedoch das sexuelle Verhalten individualisiert. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts nahm die Bedeutung der psychiatrischen Begutachtung in Basel zu, eine zunehmende Vernetzung mit Ämtern lässt sich feststellen. So übernahm die psychiatrische Poliklinik ab 1923 Begutachtungen im Auftrag des Zivilstandsamts oder für Gerichte. Die Entscheidung über Sterilisationen, Schwangerschaftsunterbrechungen und Kastration wurde daher zunehmend von Psychiatern beeinflusst. Auch die Rolle der Psychiater im Spannungsfeld medizinischer Begründungen und juristischer Bedeutung lässt sich herausarbeiten.

Der Umgang mit Sexualität im Pflegealltag psychiatrischer Einrichtungen war geprägt von der Notwendigkeit, gesellschaftliche Normen einzuhalten und die Disziplin in der Klinik aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig wurde von den Pflegenden erwartet, „ungewöhnliches“ Sexualverhalten der Patient(inn)en als Krankheit wahrzunehmen.

Die Autor(inn)en kommen zum Schluss, dass eugenische Argumente in den Krankenakten mit den individuellen Lebenssituationen der Patient(inn)en begründet wurden und dort nicht bevölkerungsbezogen argumentiert wurde, wie es in den populärwissenschaftlichen Schriften der Fall war. Dieser Widerspruch ist eines der zentralen Ergebnisse der Studien. Als typisch für die Schweiz konstatieren die Autor(inn)en, dass vom Staat (bzw. Kanton) soziale Aufgaben an private Institutionen übertragen wurden, die dann kaum in ihren Aktivitäten überprüft wurden. Für die Psychiatrie und die im 20. Jahrhundert noch junge Sexualwissenschaft spielte die Idee, mit medizinischen Maßnahmen soziale Probleme der Gesellschaft zu lösen, eine nicht unerhebliche Rolle bei der Weiterentwicklung der Wissenschaft.

Das Buch spricht sicherlich besonders Pflegelehrende und Lehrende an Hochschulen an, die das Thema Eugenik bisher eher im Rahmen des Nationalsozialismus behandelt haben. Die Kapitel sind thematisch zwar getrennt, jedoch fällt beim Lesen auf, dass sich manche Inhalte wiederholen. Nicht immer ist klar, von welchem Zeitraum gerade berichtet wird. Eine Zeitleiste oder eine Übersicht, wann z. B. welche rechtlichen Grundlagen geschaffen wurden, wären als Information zu Beginn des Buches oder im Anhang sicher nützlich für die Leser(innen), die in der Geschichte der Schweiz nicht so gut Bescheid wissen. Grundsätzlich kann die Lektüre des Buches allen empfohlen werden, die sich für noch wenig erforschte Themen der Pflege- und Medizingeschichte interessieren.

 

Mathilde Hackmann

Hamburger Fern-Hochschule

Alter Teichweg 19 – 23a

22081 Hamburg

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