88ac26825fAnfang Oktober 2017 versammelten sich rund 50 Pflegewissenschaftlerinnen und Pflegewissenschaftler, Pflegehistorikerinnen und Pflegehistoriker sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Verbänden und Gewerkschaft an der Frankfurt University of Applied Science (FUAS) um sich anlässlich des 70. Geburtstags von Prof. Dr. Hilde Steppe (1947-1999) mit ihrem Vermächtnis und ihrem bis heute spürbaren Einfluss auf Pflegepolitik und Pflegewissenschaft zu befassen. Weggefährtinnen wie Prof. Dr. Eva-Maria Ulmer, die durch den Tag führte, und Hilde Schädle-Deininger (Verein zur Förderung der historischen Pflegeforschung e.V.) waren ebenso vertreten wie Pionierinnen der Akademisierung der Pflege – unter anderem Prof. Dr. Sabine Bartholomeyczik und Prof. Dr. Ruth Schröck – und Mitglieder der Sektion Historische Pflegeforschung in der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V. (DGP). Steppe gehörte zu den Begründerinnen der DGP und war selbst Sprecherin der Sektion Historische Pflegeforschung.

Nach einer ersten anekdotischen Annäherung an Hilde Steppe und ihr Wirken an der FUAS durch Prof. Dr. Dieter Kraushaar skizzierte Bartholomeyczik die Entwicklung der Akademisierung der Pflege in Deutschland. Steppe veröffentlichte 1988 den ersten deutscher Text zur Bedeutung von Pflegetheorien in Die Schwester Der Pfleger. Es folgen Texte zu einzelnen Pflegemodellen mit den mittlerweile legendären Worten: „Die aktuelle Situation in der Pflege erscheint auf den ersten Blick nicht gerade dazu geeignet, sich über Pflegetheorien Gedanken zu machen.“ (Die Schwester Der Pfleger 4/1989). 1992-98 trieb Steppe als Leiterin des Referats Pflege im hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Jugend, Familie und Gesundheit die Konzeption pflegerischer Studiengänge maßgeblich voran.

Bartholomeyczik stellte dann die Entwicklung in Ost- und Westdeutschland in Pflegeforschung und -ausbildung dar und analysierte die vier Phasen der Pflegewissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland und Europa der hierbei immer wieder genannt wurde, war Antje Grauhan (1930 – 2010) – eine Biographie, die nach wie vor ein Desiderat der historischen Pflegeforschung ist. Spannend auch die Fragen, denen sich die Pflegeforschung in den 1990er Jahren stellen musste:

  • Was ist Pflege?
  • Was ist Pflegeforschung?
  • Was ist Pflegewissenschaft?
  • Warum und wozu ist Pflegeforschung wichtig?
  • Gibt es eine eigene Pflegewissenschaft oder „nur“ Sammelsurium anderer Wissenschaften?
  • Was unterscheidet Pflegeforschung von anderer Forschung?
  • Wer „darf“ Pflegeforschung durchführen? (GeriaterInnen, GerontologInnen, GesundheitswissenschaftlerInnen, SoziologInnen) oder: PflegewissenschaftlerInnen? – und was kennzeichnet die?
  • Es stellt sich für uns heutige Pflegewissenschaftlerinnen und -wissenschaftler die Folgefrage, ob diese Fragen bereits erschöpfend beantwortet wurden. In der historischen Pflegeforschung wird nach wie vor durchaus diskutiert, ob diese Disziplin der Pflegewissenschaft oder der Geschichtswissenschaft zugehörig ist.

Ab 1993 entstanden in rascher Folge bis 2000 circa 50 Studiengänge. Heute existieren etwa 150 Pflege-Studiengänge unterschiedlicher Arten, davon eine wachsende Zahl grundständiger, meist dualer Studiengänge, die allerdings meist als Modellversuche durchgeführt werden. Die Erstausbildung auf Hochschulebene soll 24 Jahre nach dem Beginn in Frankfurt am Main demnächst dem „Modellversuchs“-Stadium entwachsen. Nach wie vor geht die Pflege in der akademischen Ausbildung viele Sonderwege, unter anderem:

Der Bachelorabschluss bringt außer an der Hochschule für Gesundheit in Bochum nach wie vor nicht automatisch die Berufszulassung mit sich.

Die Lehrerqualifikation erfolgt immer noch größtenteils an FHs/Universities of Applied Sciences statt an Universitäten und sogar auf Bachelorebene.

Bartholomeyczik kam in ihrem Fazit zum Schluss, dass Hilde Steppe in ihren Ideen und Forderungen ihrer Zeit weit voraus war. Dazu gehört auch ihre bahnbrechende Forschung zur jüdischen Pflegetradition und zur Krankenpflege im Nationalsozialismus. Dennoch ist Geschichte der Pflege bis heute ein „Stiefkind in den Studiengängen“ (Bartholomeyczik).

Herbert Weisbrod-Frey, ehemaliger Leiter des Bereichs Gesundheitspolitik beim Bundesvorstand der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft – ver.di, richtete den Blick auf Steppes Gewerkschaftstätigkeit und ihr dezidiert politisches Verständnis von historischer Pflegeforschung. Er zitierte Steppe aus der zweiten Auflage von Krankenpflege im Nationalsozialismus (1984): „Wir haben gesehen, dass die Geschichte, die uns die Mediziner, Sozialwissenschaftler oder Historiker als die unsere aufschwätzen wollten, lückenhaft ist – oder jedenfalls nicht so, wie wir sie uns selbst erarbeiten könnten und sollten.“ Steppe wies darauf hin, dass noch sehr wichtige Themen zu erforschen seien, wie

  • „Die Vertreibung der Proletarier aus der Krankenpflege
  • Die Unterdrückung der Frauen in der Medizin
  • Die Ideologiebildung in der Krankenpflege
  • Die Verhinderung von beruflichen Rechten in der Krankenpflege
  • Die Kriegskrankenpflege
  • Die Regelung und Reglementierung durch die Ausbildung und und und …“ (Zitat Steppe nach Weisbrod-Frey)

Steppe schrieb zum Beispiel über die Geschichte der gewerkschaftlich organisierten Krankenschwestern und die Konflikte mit der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (B.O./BOKD) unter Agnes Karll (1868-1927).

Weisbrod-Frey erinnerte neben Steppes Einsatz für die Erforschung der Rolle der Krankenpflege 1933-1945 an Steppe als Rednerin, wie während des Heidelberger Pflegekongresses 1991: „Die Kongressleitung bildeten das Berufsfortbildungswerk des DGB, der DBfK, die ÖTV und die Uniklinik Heidelberg. Hilde Steppe war Mitglied im Fachausschuss, der die Themen bestimmte und das Programm gestaltete. Sie war jemand, der man zuhörte – ja zuhören musste. Es war auch völlig klar für uns in der Kongressleitung des Heidelberger Pflegekongresses, dass ein Vortrag von Hilde Steppe entweder am Anfang stehen musste oder den Schlusspunkt setzte. Jedenfalls bei Hildes Vortrag waren immer alle im Saal.“ Ein Höhepunkt des Vortrags war das Abspielen einer Tonbandkassette mit Steppes Redebeitrag während des Heidelberger Pflegekongresses 1997. Erfreulicherweise hat Weisbrod-Frey dieses Tondokument dem Hilde-Steppe-Archiv an der FUAS übergeben, so dass es jetzt der historischen Pflegeforschung zur Verfügung steht.

Während der Mittagspause besuchte eine kleine Gruppe an Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern mit Schädle-Deininger Steppes Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe zum alten Jüdischen Friedhof und in Laufweite zur FUAS und symbolisiert so augenfällig zwei wichtige Komponenten in Steppes Leben.

Im Anschluss stellten Dr. Birgit Seemann und Dr. Edgar Bönisch die überarbeitete Homepage des Forschungsprojekts zur jüdischen Pflegegeschichte an der FUAS vor: http://www.juedische-pflegegeschichte.de – vielleicht das offensichtlichste Vermächtnis aus Hilde Steppes Wirken.

Zwei Referenten konnten wegen der sturmbedingten Bahnausfälle nicht zur Tagung anreisen. Dadurch entstanden mehr Gelegenheiten zum Gespräch, die die Anwesenden gerne und intensiv nutzten.
Die akademische Feier in memoriam Hilde Steppe wurde durch die Sektion Historische Pflegeforschung in der DGP und den Verein zur Förderung der historischen Pflegeforschung e.V. in Kooperation mit der FUAS und dem Arbeitskreis Pflege in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (DGSP) durchgeführt. Sie hat Standards gesetzt in der Würdigung verstorbener PflegewissenschaftlerInnen und -politikerInnen und die Pionierleistung der ersten akademischen PflegeforscherInnen und -lehrenden in Deutschland für die nächste Generation zusammengefasst und erlebbar gemacht.

Dr. rer. med. Anja K. Peters
Kinderkrankenschwester, Dipl.-Pflegewirtin (FH)

 

Ausgewählte Literatur


Hilde Steppe: „Die Vielfalt sehen, statt das Chaos zu befürchten“. Ausgewählte Werke, Huber, Bern/Göttingen/Toronto/Seattle 2003.
Hilde Steppe (Hrsg.): „... den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre... „ Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland, 2. Auflage, Mabuse, Frankfurt am Main 2006.
Hilde Steppe (Hrsg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus, 10. überarb. Auflage, Mabuse, Frankfurt am Main 2013.
Hilde Steppe (Hrsg.), Eva-Maria Ulmer (Hrsg. 5. Auflage): „Ich war von jeher mit Leib und Seele gerne Pflegerin“. Über die Beteiligung von Krankenschwestern an den „Euthanasie“-Aktionen in Meseritz-Obrawalde, Mabuse, Frankfurt am Main 2014.x

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