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Der Stellenwert der Geschichte in der Ausbildung von Pflegefachpersonen, Hebammen und Physiotherapeuten an Höheren Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten war das Thema, mit dem sich der dritte Workshop der https://www.infoclio.ch/sites/all/themes/infoclio/img/1_extern.gif); padding-right: 12px; margin-left: 2px; background-position: 0% 50%; background-repeat: no-repeat no-repeat;">Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheits- und Pflegegeschichte befasst hat. Mit dieser Themenwahl schloss die Tagung am Medizinhistorischen Institut der Universität Bern an eine seit längerem geführte Debatte über die Bedeutung von Geschichte für die Ausbildung von Gesundheitspersonal und die Ausgestaltung des Gesundheitswesens an.1 Gastgeber HUBERT STEINKE (Bern) zog denn auch in seiner Begrüssung Parallelen vom Tagungsthema zum Stellenwert von Geschichte im Medizinstudium: Der Einbezug von Geschichte sei nie eine Selbstverständlichkeit, sondern bedürfe immer guter Argumente. Wozu also Geschichte? 

SUSANNE KREUTZER (Münster) nannte vier Funktionen, die das Fach Geschichte in der Ausbildung von Pflegefachleuten einnehmen könne: Es leiste einen Beitrag zur Identitätsbildung der angehenden Berufsleute, zeige die historischen Hintergründe gegenwärtiger Konflikte auf, vermittle Allgemeinwissen und mache die Studierenden auf generationenspezifische Prägungen von Pflegebedürftigen aufmerksam. Mit Nelson/Gordon kritisierte sie die „rhetoric of rupture“,2 welche die Haltung der Pflege zu ihrer Geschichte präge. Gemeint ist die starke wissens- und berufspolitische Abgrenzung von den älteren Pflegeformen, beispielsweise in christlichen Gemeinschaften. Diese Rhetorik verhindere, dass eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit den Vorläufern heutiger Pflegeberufe stattfinde, positive Aspekte vergangener Organisationsformen erkannt würden und kritische Distanz zur Gegenwart gewonnen werde. 

Die Veränderungen, die der rhetoric of rupture zugrunde liegen, thematisierte ANNIE OULEVEY BACHMANN (Lausanne). Sie skizzierte die Akademisierung der Pflegeausbildung in Lausanne, die 2007 zur Gründung eines, an der Faculté de biologie et de médicine der Université de Lausanne angesiedelten Institute universitaire de formation et de recherche en soins geführt hatte. Der Vortrag veranschaulichte, wie in den letzten zwanzig Jahren der Lehrplan für Pflegefachleute neu ausgerichtet wurde. Die Geschichte erlangte im Bachelorstudiengang den Stellenwert einer von vielen „sciences contributives“. Der Grund für diese Entwicklung liege im Wandel von der Fach- zur Kompetenzenorientierung in den Lehrplänen. Kenntnisse der Geschichte der Pflegeberufe erachtet Oulevey Bachmann vor allem deshalb als wichtig, weil sie die Entwicklung der Pflege erkennen lasse und eine kritische Haltung ermögliche.

JOLANDA NYDEGGER (Goldau) plädierte dafür, die Ausbildung nicht auf die Vermittlung historischen Wissens über die Entwicklung des eigenen Fachbereichs zu beschränken, sondern auf die Einübung der geschichtswissenschaftlichen Denkweise und Methodik auszurichten. Als Beispiel diente ihr ihre Tätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Schwyz. Das Ziel ihres Unterrichts besteht darin, den angehenden Lehrerinnen und Lehrern einen kritischen Umgang mit den Lehrmitteln beizubringen, die sie künftig einsetzen werden. Denn viele dieser Lehrmittel geben nicht den aktuellen Stand historischer Forschung wieder, sondern stellen Figuren wie Wilhelm Tell als historische Persönlichkeiten vor. Nydegger will dagegen zu einem reflektierten Umgang mit den Mythen der Schweizer Geschichte anregen. Die Studierenden sollen in ihrem Unterricht deshalb lernen, wie sie beurteilen können, ob ein Lehrmittel den geschichtswissenschaftlichen Forschungsstand berücksichtig oder nicht. 

Wie solches kritisches Denken im Bereich der Gesundheitsberufe fruchtbar gemacht werden kann, veranschaulichte VÉRONIQUE HASLER (Lausanne). Sie sprach über die Physiotherapieausbildung, in der sie eine Marginalisierung der Geschichte beobachtet. Diesem geringen Interesse an Geschichte stellte Hasler die Anstrengungen gegenüber, welche Physiotherapeutinnen und -therapeuten unternehmen, um die Beurteilungskriterien der evidence based medicine zu erfüllen. Aus diesem Bestreben resultiere eine Obsession für die Effizienz von Behandlungen. Den Geschichtsunterricht sieht sie als Möglichkeit, die Vor- und Nachteile solcher Entwicklungen zu erörtern. Allerdings müsse dazu das Vorurteil korrigiert werden, dass Geschichte keine Analysen, sondern in erster Linie Chronologien und deskriptive Berichte hervorbringe.

Dass der Anspruch, kritisches Denken anzuregen, selbst eine Geschichte hat, zeigte der Beitrag von CHRISTINE MENZI-KUHN (Winterthur). Sie verglich den Unterricht, den sie in den 1980er Jahren an der Krankenpflegeschule Neumünster praktizierte, mit ihrem heutigen Unterricht an der Fachhochschule Winterthur. Dabei wurde deutlich, dass die in den 1980er Jahren vergleichsweise gut im Curriculum verankerte Geschichte der Pflege vor allem dazu diente, die Identifikation mit der Ausbildungsstätte bei den Studierenden herbeizuführen. Demgegenüber sieht Menzi-Kuhn – aufgrund der Veränderungen in der Ausbildung der vergangenen Jahrzehnte – eine wichtige Funktion des heutigen Geschichtsunterrichts darin, die Verständigung unter den unterschiedlich ausgebildeten Pflegefachleuten zu ermöglichen. Gleichzeitig wünscht sie sich eine bessere Vernetzung der Dozierenden, die an Fachhochschulen und Universitäten Geschichte der Gesundheitsberufe betreiben.

Auf die konkrete Unterrichtspraxis fokussierten auch CHRISTINE LOYTVED und KRISTIN HAMMER (Winterthur), die an verschiedenen Hochschulen im deutschen Sprachraum Hebammengeschichte lehren. Für sie bietet die Auseinandersetzung mit Geschichte den Studierenden Raum für Reflexionen über das eigenen Berufs- und Rollenverständnis. Geschichte soll Distanz zur Gegenwart erzeugen und dadurch zum Nachdenken über heutige Praktiken und die heutige Bedeutung der Hebamme anregen. Beispielsweise diskutieren Loytved und Hammer mit den Studentinnen, was unterschiedliche Geburtsverfahren für Implikationen für die gebärenden Frauen haben. Inwiefern macht es einen Unterschied, ob eine Frau im Krankenbett liegend oder sitzend auf Augenhöhe mit den Helferinnen und Helfern gebärt? 

Diese Tagungsbeiträge ergänzte ein Kurzreferat von THERESA SCHERER (Bern). Sie stellte eine Umfrage zu den Erwartungen von Dozierenden und Gesundheitsfachpersonen an die Geistes- und Sozialwissenschaften vor. Die Studie befindet sich in der Auswertungsphase. Das Referat liess gleichwohl deutlich werden, dass Geschichte künftig als Bestandteil der medical humanities in die Ausbildung von Gesundheitsfachleuten Eingang finden soll. Angesichts dieser Entwicklung erachtete es SABINA ROTH (Zürich) in einem ersten Fazit als wünschenswert, dass nicht nur aus der Perspektive der Gesundheitsberufe Anforderungen an das Fach Geschichte gestellt werden, sondern dass die Fachvertreterinnen und -vertreter selber formulieren, worin sie ihren Beitrag zu gut praktizierenden Pflegefachleuten, Hebammen und Physiotherapeuten sehen. Obwohl verschiedene Hindernisse im deutschsprachigen Raum bestehen, sei eine Institutionalisierung des Fachs für seine Lehre und Forschung ein Desiderat.


Tagungsübersicht

Begrüssung durch Hubert Steinke (IMG Universität Bern)

Panel I: Moderation: Sabina Roth

Susanne Kreutzer (Münster): Wofür brauchen Gesundheitsberufe Geschichte? Erfahrungen und Perspektiven.
Annie Oulevey Bachmann (Lausanne): Histoire de la profession et des sciences infirmières : des connaissances émancipatoires pour les infirmières et infirmiers suisses ?
Jolanda Nydegger (Goldau): ‚Engel in Weiss’. Über die Auseinandersetzung mit Mythen und die Heranführung an geschichtswissenschaftliches Denken.
Theresa Scherer (Bern), Kurzinput zum Projekt Geistes-, Human- und Sozialwissenschaften in der Praxis und Ausbildung der Gesundheitsberufe in der Schweiz.
Moderation: Sabina Roth

Panel II: Moderation: Michèle Schärer

Véronique Hasler (Lausanne): L’histoire dans le programme d’études de la filière physiothérapie de Suisse romande : une question de bonne conscience ?
Christine Menzi-Kuhn (Winterthur): Pflegegeschichte unterrichten: von den Diplom- zu den Fachhochschulen.
Christine Loytved, (Winterthur), Kristin Hammer (Winterthur): Welche Hebammengeschichte für Studierende in der Deutschschweiz?

 

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Anmerkungen:
1 Vgl. zum Beispiel Jacalyn Duffin: Infiltrating the curriculum: An integrative approach to history for medical students, in: Journal of Medical Humanities 16 (1995), 3, S. 155-174; Virginia Berridge: Thinking in time: does health policy need history as evidence? in: The Lancet 375 (2010), March 6, S. 798-799.
2 Sioban Nelson, Suzanne Gordon: The rhetoric of rupture: Nursing as a practice with a history? in: Nursing Outlook 52 (2004), S. 255-61.

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