gdp2Formen der Macht, die mit Care, dem Sorgen für das seelische und körperliche Befinden der Menschen verschränkt sind, standen im Fokus des Panels „Durchsetzen und beschneiden: Macht in Mikrohistorien des Sorgens“, das am 11. Juni in Lausanne im Rahmen der 4. Geschichtstage stattfand. In der Perspektive der Philosophin Annemarie Mol (2008) wird demnach Care/ Sorgen als ein anthropologisches Tun begriffen, das die Pflege des gesunden und die Behandlung des kranken Menschen als untrennbar konzipiert. In Care-Prozessen stimmen Akteur/innen Wissen und Technologien, Körper und Gefühle, die Ausrichtung auf Individuen und auf Kollektive fortlaufend aufeinander ab. Das Panel sucht darin nach den Machtformen, die derart austariertes Sorgen durchsetzen oder behindern können. Es konzentriert sich auf den Zeitraum von 1850 bis zum Ersten Weltkrieg, als Akteur/innen der Sorge unter starkem Veränderungsdruck standen. Namentlich die sich ausweitende staatliche Gesundheitsgesetzgebung, die bürgerliche Familien- und Geschlechterordnung sowie die Verwissenschaftlichung der Medizin und des Sozialen schufen Betreuungshierarchien, in denen der wissenschaftlich gebildete, männliche Arzt zur machtvollen wie Macht beanspruchenden Figur wurde. Auf dem Feld des Sorgens erlitten Figuren wie der Pfarrer, die selbständige Hebamme oder der Handwerkschirurg einen Bedeutungsverlust. Praktiken der Hausmedizin, des Glaubens, der Krankenwartung oder des humoralmedizinischen Wissenskorpus’ gerieten sukzessive in den Ruf, Leben und Wohlbefinden zu gefährden, wenn sie sich der Sorgehierarchie entzogen. Dennoch erhielten sich solche Praktiken in der Pflege des seelischen und körperlichen Befindens, wie Forschungsergebnisse der letzten Jahre zeigen. Beiträge für dieses Panel sollen die Zuschreibungen von Macht sowie die sozialen und politischen Machtverhältnisse auf mikrohistorischer Ebene ausloten, wo sie in den Beziehungen der sorgenden Akteur/innen untereinander sowie zu den ‚besorgten’, betreuten Akteur/innen fassbar werden. Sie sollen Sorgeprozessen an ausgewählten geografisch, kulturell und/oder sozial peripheren Orten, mithin Situationen am Rande zentraler Institutionen der Sorge gelten. Sie beschreiben, wie Akteur/innen in ihrer Sorgearbeit mit der Gleichzeitigkeit von zentralen Machtansprüchen, von lokalen Konzepten und sozialen Verhältnissen der Sorge sowie den daraus resultierenden Ambivalenzen umgingen. Welche Widersprüche, Spannungen und Dilemmata ergaben sich? Wie gingen die Sorgenden mit der Tatsache um, dass ihr Wissen und Können realen, sozialen und kulturellen Beschränkungen unterstand? Wie die ihnen Anvertrauten? Wie handelten die Beteiligten Lösungen von Konflikten aus? Wie achteten die Sorgenden in ihrem Handeln darauf, eigene Macht zu erhalten? Wie kamen sie den Ängsten, Hoffnungen und Ansprüchen der Betreuten entgegen? Entlang dieser Fragen sollen die Beiträge die Erkenntnisse dazu erweitern, wie Situationen des Sorgens zentrale, institutionelle und lokale, kulturelle Formen der Macht ebenso durchsetzten wie beschnitten.

Weitere Informationen S
chweizerische Gesellschaft für Geschichte (SGG)
https://www.geschichtstage.ch

Weitere Unterlagen zu pflege- und gesundheitsberuflichen Themen:
https://www.geschichtstage.ch/ panel/88/durchsetzen-und-beschneiden-macht-in-mikrohistorien-des-sorgens-1850-1914-imposer-et-limiter-le-pouvoir-dans-les-microhistoires-du-prendresoin- 1850-1914

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