fbpx
Jan 28, 2020 Last Updated 9:39 AM, Jan 14, 2020

Forschungswelten 2019

Save-the-date: Forschungswelten 2019! Vom 4.-5. April 2019 findet an der Hochsc...

Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: STIEGLER, Martha
STIEGLER, Martha
Artikel von: K. Wittneben
Erschienen in Band 3, Seite(n) 272-274.
 

Biographie

Die Ludwigsluster Diakonisse Martha Wilhelmine Henriet-te Friederike Stiegler ist weder Verfasserin eines Werkes noch hat sie eine Institu-tion begründet. Sie war selbst eine Insti-tution und ist in-zwischen, wie Zeit-zeugen bestätigen, in der kleinen Stadt Teterow/ Mecklenburg, wo sie jahrzehntelang wirkte, zur Le-gende geworden. In ihrer bedeutsamen Bedeutungs-losigkeit kann M. Stiegler als Stellvertreterin zig-tausender namenloser, gottesfürchtiger Diakonissen betrachtet werden, die still und selbstverleugnend der Pflege kranker Menschen und der Betreuung ge-sunder Kinder gedient haben. So wollte z. B. keine der Diakonissen des Paul Gerhardt Stiftes zu Berlin, die Ljuba Kirjuchina unlängst interviewt hat, in der Veröffentlichung der Befragung ihren Namen ge-nannt sehen. Die folgenden, nicht anonymen Ausführungen über M. Stiegler stützen sich u.a. auf einen Bericht in der Broschüre „Frauenleben in Teterow“, die von der Gleichstellungsbeauftragten Viola Stemmwedel auf den Weg gebracht wurde. M. Stiegler wurde am 1. Juli 1885 als Tochter des Bäckermeisters Friedrich Wilhelm Christian St. und seiner Ehefrau Marie Albertine, geb. Thesenvitz, in Stralsund geboren. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt war ihre Familie in der Falkenstrasse 53 wohnhaft. So-lange sie noch zu Hause war, gehörte die Mithilfe im Haushalt der Eltern zu ihren selbstverständlichen Pflichten. Nach einer einfachen Schulbildung wurde sie im April 1900 in die zum „Stift Bethlehem“, einem Diakonissenmutter- und Diakonissenkranken-haus, gehörende „Marienschule“ in Ludwigslust aufgenommen. Die Marienschule war nicht, wie der Name nahe legen könnte, eine katholische Ein-richtung, sondern eine evangelische Vorschule für junge Mädchen, die Diakonisse werden wollten. Diese Diakonissenvorschule, benannt nach der Pro-tektorin der Schule, Marie Großherzogin von Meck-lenburg-Schwerin, geb. Prinzessin von Schwarz-burg-Rudolstadt (1850-1922), war bereits am 4. Juni 1873 eröffnet worden und nahm schulentlassene, konfirmierte Mädchen auf, die noch nicht das vor-geschriebene Alter von 18 Jahren zum Eintritt als Probeschwester erreicht hatten. Dieser Zeitpunkt war für M. Stiegler 1903 gekommen, als sie als Pro-beschwester eingekleidet wurde. Nach einer vierjährigen „Lehrzeit“ erfolgte zum Jahresfest des Stiftes 1907 ihre Einsegnung als Dia-konisse. Oberin des Stiftes Bethlehem war zu der Zeit die in Schwerin geborene und in einem Guts-haushalt in Bristow/ Mecklenburg aufgewachsene Ina Gräfin von Bassewitz (1850-1940)?. Dem Zu-lassungsritual zum Diakonissenberuf folgte eine über fünfzigjährige, entsagungsvolle Berufstätigkeit, die M. Stiegler in wechselnden politischen Systemen bis in die Zeit der DDR ausgeübt hat. Offensichtlich zeigte Schwester Martha eine Vor-liebe und Befähigung für die Pflege und Betreuung von Kindern. Nach kurzen Einsätzen auf der Kin-derstation des Diakonissenkrankenhauses in Lud-wigslust, einer Gemeindepflegestation in Lübeck so-wie in einem Kindergarten in Neubrandenburg wur-de ihr 1908 der Kindergarten, damals in der Flied-nerschen Tradition noch als Kleinkinderschule be-zeichnet, in Teterow übertragen. Aus dieser sie wohl sehr ausfüllenden Arbeit wurde sie 1940 herausgerissen, als die „NS-Frauenschaft“ das am Schulkamp schön gelegene Haus, in dem der Kindergarten untergebracht war, für ihre eigenen nationalsozialistischen Zwecke beanspruchte. Vor-übergehend wurde M. Stiegler von ihrem Mutter-haus in Lübz und Güstrow/ Mecklenburg eingesetzt, doch am 15. September 1943 konnte sie nach Tete-row, wo sie sehr heimisch geworden war, zurück-kehren, nun allerdings nicht mehr als Kinder-gärtnerin, sondern als Krankenschwester in der Ge-meindepflege. Die Kindererziehung behielten sich die Nationalsozialisten, wie andernorts üblich, wohl auch hier selbst vor. Im fortgeschrittenen Alter von fast 60 Jahren musste M. Stiegler unter dem Diktat der Nationalsozialisten einen beruflichen Neuanfang auf sich nehmen. M. Stiegler war nicht die erste Ludwigsluster Diako-nisse, die als Gemeindeschwester in Teterow einge-setzt wurde. Schon im März 1892 war eine Lud-wigsluster Diakonisse als Gemeindekrankenpfle-gerin nach Teterow berufen worden. Die von ihr be-nutzten Pflegeutensilien musste sie sich noch aus dem Johanniterdepot des Johanniterritters Graf Bas-sewitz besorgen, der 10 km südlich von Teterow auf Burg Schlitz residierte. Das Stift Bethlehem hatte bereits 1857 eine Kooperation mit der „Mecklen-burgischen Johanniter-Genossenschaft“ begründet. Ob es sich bei dieser ersten Gemeindeschwester Teterows um die von Willamowius (1997) gewür-digte Gemeindepflegerin Marie handelt, muss noch erschlossen werden. 1943 nahm M. Stiegler ihre Pflegearbeit in der da-mals also schon vor mehr als fünfzig Jahren von den Ludwigsluster Diakonissen in Teterow begründeten Gemeindepflege auf, die sie bis 1960, noch als 75-Jährige, ausgeübt hat. In der Pflege, Betreuung und Seelsorge von kranken Menschen hat sie sich in dieser Zeit große Verdienste und eine nachhaltige Anerkennung erworben. Kein Weg, sei es bei Tag oder bei Nacht, war ihr zu weit, um zu den Kranken zu gelangen, die nach ihr riefen. Wenn es sein musste, machte sie sich zu Fuß mit einem kleinen Handwagen, in dem sie ihre Pflegeutensilien trans-portierte, auf den Weg. Dabei konnte es sich um Entfernungen von nicht weniger als 5 km bis in die Dörfer Köthel, Niendorf, Pampow und Teschow handeln. Das waren strapaziöse, inzwischen kaum noch vorstellbare Arbeitsbedingungen, die M. Stieg-ler klaglos auf sich nahm. Spurlos ging diese selbst-lose Pflegearbeit allerdings auch an ihr nicht vorü-ber. Sie selbst litt an starken Migräneanfällen. Über ihre eigentliche aufopferungsvolle Pflegearbeit hin-aus rief sie die Bevölkerung zu christlichen Festen wie Ostern und Weihnachten in der Teterower Ta-geszeitung zu mildtätigen Spenden für bedürftige Mitbürger/innen auf. Als sie 1960 in ihr Mutterhaus nach Ludwigslust zu-rückkehrte, setzte sie sich noch längst nicht zur Ru-he. Nun machte sie sich regelmäßige Besuche bei chronisch Kranken zur Aufgabe, denen sie mit Ge-bet und Bibellesen geistlichen Zuspruch und Trost spendete. Dieser seelsorgerlichen Tätigkeit ging sie bis in hohe Alter nach. Nach einem arbeitsreichen, aufreibenden Berufsleben zunehmend geschwächt, verstarb M. Stiegler, immerhin 94-jährig, am 16. März 1979 in Ludwigslust, damals noch in der DDR. Über fünf Jahrzehnte hat M. Stiegler auf dem Hin-tergrund einer schlichten Vor- und Ausbildung den Beruf der Kindergärtnerin und den der Kranken-schwester ausgeübt und als Feierabendschwester noch eine Aufgabe als „Seelsorgerin“ bei chronisch Kranken wahrgenommen. In der Vielfalt, Beständig-keit und Zeitdauer ihrer Tätigkeiten spiegelt sich eine beachtliche Lebensleistung wider. Heute muss dazu allerdings angemerkt werden, dass uns in M. Stiegler eine Frau und Berufskollegin begegnet, die noch einer ländlichen Lebensform entstammte. Die von ihr in großem Gottvertrauen praktizierte Berufs-förmigkeit können wir rückblickend zwar respekt-voll würdigen, aber nicht mehr nachahmen. In unse-rer Zeit sind wir an uns selbst verwiesen mit der Verpflichtung, die von Diakonissen geprägte tradi-tionelle Pflegetätigkeit gegenwarts- und zukunfts-fähig zu erneuern. Dieser Erneuerungsprozess muss auch ein Nachdenken über die bei Diakonissen über Generationen beobachtbaren psychosomatischen Störungen einschließen, die in dem Berufsstand wahrscheinlich verbreiteter waren, als uns bisher bekannt ist. So wie M. Stiegler an starken Migräneanfällen litt, war z. B die Diakonisse Amalie Luley (1839-1915) ? von starken Stimmungsschwankungen und stets wiederkehrenden Magen-Darm-Störungen oder die Neuendettelsauer Mutterhausoberin Amalie Rehm (1815-1883)? von chronischen Schlafstörungen be-lastet. Eine tiefe Gründung im christlichen Glauben konnte bemerkenswerter Weise beträchtliche Be-findlichkeitsstörungen der Diakonissen selbst nicht verhindern. Dieses auf den ersten Blick nicht plau-sible Zusammenspiel bleibt weiterhin abklärungs-bedürftig.

Literatur

Arbeitsgemeinschaft für berufliche und persönliche Förderung (ABPF) R. Diehl GmbH (Hrsg.): Frauenleben in Teterow. Eine Chronik. Rostock 2000. 100 Jahre Krankenhaus Teterow 1888-1988. Der Weg vom Armenhospital zur Funktionseinheit Kreiskrankenhaus - Kreispoliklinik. Bearb. von MD Dr. Resener. Teterow 1988. Kirjuchina, Ljuba: Im Gewand der Magd. Aus dem Leben der Diakonissen des Paul Gerhardt Stifts zu Berlin. Edition Ebersbach, Berlin 2001. Krabbe, Joh.: Helene von Bülow. Ein Lebensbild der Begründerin und ersten Oberin des Diakonissenhauses Bethlehem in Ludwigslust. Selbstverlag des Stiftes Bethlehem, 2. Aufl., Ludwigslust 1930. Kronprinzessin Cecilie ?geb. Herzogin zu Mecklenburg-Schwerin?. Erinnerungen. Koehler, Leipzig 1930. Mündliche Mitteilungen des Stadtarchivs Teterow vom 6. November 2001 an d. Verf. Willamowius, Bernd: Gemeindepflegerin Marie stets im Dienste der Kranken und Armen. Nordkurier, unabhängige Tageszeitung für Mecklenburg-Vorpommern, vom 25.01.1997, Seite 15. Wolff, Horst-Peter (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. „Who was who in nursing history“. Band 1. Ullstein Mosby, Berlin / Wiesbaden 1997. Wolff, Horst-Peter (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. „Who was who in nursing history“. Band 2. Urban & Fischer, München / Jena 2001. Bildquelle: Jenner, Harald: Aus der Mitte heraus. 150 Jahre Stift Bethlehem Ludwigslust. Hrsg. Vom Stift Bethlehem Ludwigslust, Ludwigslust 2001, Seite 94.

STIEGLER, Martha

Version vom: 
2004-01-20

Zitation

K. Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von K. Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 3. hpsmedia, 2004. S. 272-274

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=712

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge

datenbankbanner 2