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Jun 07, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: SONNENTHAL-SCHERER, Maria
SONNENTHAL-SCHERER, Maria
Artikel von: K. Wittneben
Erschienen in Band 3, Seite(n) 267-269.
 

Biographie

Nicht alle Frauen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts entspra-chen unvermeidlich der gängigen Norm der Weiblichkeitsideologie. Eine dieser wenigen, in-teressanten Ausnahmen ist Maria Sonnenthal-Scherer. Obwohl Ehe-frau und Mutter eines kleinen Jungen, ver-pflichtete sie sich im Ersten Weltkrieg als österreichische Armee-schwester. Zu der sich sehr ernst gebenden k. k. Armeeschwester Maria Naepflin (1894-1972)? stellt die stets hochge-stimmte, kapriziöse Maria Sonnenthal-Scherer ein bemerkenswertes Gegenbild dar. Maria Scherer wurde 1884 als zweites Kind des re-nommierten Germanisten und Literaturhistorikers Wilhelm Sch. in Berlin geboren. W. Scherer stamm-te aus Schönborn (heute zu Göllersdorf / Nieder-österreich), wo er am 26. April 1841 geboren wurde. Er lehrte u.a. in Wien und zuletzt in Berlin. In seiner „Geschichte der deutschen Litteratur“ (1883) ver-suchte er, sprachliche und literarische Erscheinun-gen nach naturwissenschaftlichem Vorbild, d.h. nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung zu erklären. W. Scherer verstarb plötzlich am 6. August 1886 in Berlin. Die Witwe Marie Scherer, eine Österrei-cherin, blieb mit ihrer zweijährigen Tochter und ihrem sechsjährigen Sohn in Berlin. Sie war eine geborene Leeder, hatte bei Marchesi Gesang studiert und ihre kaum begonnene Bühnenlaufbahn aufgege-ben, als sie ihrem Mann 1879 nach Berlin folgte. Auch nach dem Tode ihres Mannes lebte sie mit ihren Kindern in Berlin offenbar in komfortablen Verhältnissen. Neben literarischen Größen gehörten zu ihrem Freundeskreis Herman Grimm (1828-1901), Adolf von Harnack (1851-1930), Hermann von Helmholtz (1821-1894), Magnus Hirschfeld (1868-1935), Theodor Mommsen (1817-1903), Max Planck (1858-1947), Carl Stumpf (1848-1936) und Carl Zeller (1842-1898). Der Historiker Mommsen hatte zu der kleinen Maria Scherer eine so große Zuneigung gefasst, dass er sie sogar unangemeldet in seinem Arbeitszimmer duldete und spielen ließ, während er an seinen Studien arbeitete. In einem ge-sellschaftlich so glänzenden, bürgerlich-liberalen Milieu aufgewachsen, hätte eine Frau von heute wohl selbst eine wissenschaftliche oder künst-lerische Laufbahn gewählt. Doch Maria Scherer, un-ter besten Voraussetzungen auch in die Berliner Ge-sellschaft eingeführt, musste sich noch anders ent-scheiden. Auf einer Tour auf die Schneealpe im Sommer 1904 lernte sie den k. k. Forstarzt Horaz Sonnenthal aus Mürzsteg/ Steiermark kennen, mit dem sie schon am 26. April 1905 in der evangelischen Heilandskirche in Mürzzuschlag/ Steiermark die Ehe einging. Sie entwickelte sofort ein lebhaftes Interesse am Beruf ihres Mannes und wurde in ganz kurzer Zeit seine angelernte Sprechstundenhilfe in der Praxis und auf den Hausbesuchen. Die ehemals angelernte Tätigkeit der Sprechstundenhilfe ist heute in Deutschland ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf. Wie die ausgebildete Arzthelferin von heute übernahm Maria Sonnenthal-Scherer neben technischen Hilfeleistun-gen die Abrechnungen und die Korrespondenz der Praxis und gab diese innerhäusliche Berufstätigkeit auch nicht auf, als der Sohn, das einzige Kind des Paares, geboren wurde. Wenngleich nun auf einem Dorf wohnhaft, lebte Maria Sonnenthal-Scherer auch hier in begüterten Verhältnissen. Das Ehepaar hielt sich Jagdhunde und später auch Pferde. Eine offensichtliche Wohlsitu-iertheit ermöglichte den Sonnenthals schon damals weitläufige Reisen, die den meisten Menschen zu der Zeit noch versagt blieben. Ihre Hochzeitsreise hatte sie nach Norwegen geführt, wo sie wohl in ein-fachen Unterkünften lebten, aber immerhin schon der Elchjagd nachgehen konnten. Später unternah-men sie sogar eine Expedition nach Kenia/ Ost-afrika. Für das Jahr 1914 war eine Reise nach Zen-tralafrika geplant, auf der sie Belgisch-Kongo und den Sudan besuchen wollten. Diese Reise jedoch kam nicht mehr zustande. Inzwischen war der Erste Weltkrieg angezettelt worden. Anfang September 1914 begab sich Horaz Sonnenthal als Chefarzt einer österreichisch-ungari-schen Rotkreuz-Sanitätskolonne in den Krieg im kroatisch-serbischen Grenzgebiet, wo gegen Ser-bien, von Russland unterstützt, die Stellung gehalten werden sollte. M. Sonnenthal-Scherer ließ keine Ruhe, bis sie die Erlaubnis erhielt, ihrem Mann als Armeeschwester zu folgen. Zwei Monate später traf sie in Ruma ein, wo ihr zusammen mit zwei anderen Schwestern, bei Tag gemeinsam, in der Nacht ab-wechselnd, die Pflege von vierzig meist durch Schussverletzungen Schwerverwundeten übertragen wurde. Außer mit ihrem Mann entwickelte sich hier eine enge Zusammenarbeit mit Dr. Gräfin Desfours-Walderode. Nach einem überstürzten Abzug noch im November 1914 aus Ruma erfolgte ihr Einsatz bis Dezember 1914 in Schabatz (Sabac/ Serbien) und anschließend bis März 1915 in Ujvidek. Da H. Sonnenthal keinen Vertreter für seine Praxis gefunden hatte, kehrte er im März 1915 nach Mürz-steg zurück. M. Sonnenthal-Scherer folgte jedoch nicht ihrem Mann, sondern einer Rotkreuz-Sanitäts-kolonne zunächst nach Máramaros-Shiget in Ober-ungarn und dann nach Kolomea in Ostgalizien (heu-te Ukraine). Bis zum Frühjahr 1916, unterbrochen von einer längeren Krankheitspause, wirkte sie hier als Operationsschwester. Diese durch Einarbeitung erlangte Tätigkeit schloss das Anlegen von Gips-verbänden und die Verabreichung von Narkosen ein. Ende August 1915 hatte sie sich ein Erythema multiforme zugezogen. Die entzündlichen Herde an Haut und Schleim-häuten hatten ihr Allgemeinbefinden so stark ge-schwächt, dass sie eine Erholungspause in Mürzsteg einlegen musste. Mitte Februar 1916 verließ sie end-gültig die Sanitätskolonne in Kolomea und kehrte vorübergehend nach Mürzsteg zurück. Überlange Arbeitszeiten bis 22.00, 23.00, oft sogar bis 24.00 Uhr mit den unvermeidlichen Folgen der Überarbeitung, Übermüdung und Erkrankung und zusätzliche Strapazen, verursacht durch Wanzen und Kleiderläuse, hielten sie nicht davon ab, sich ein drittes Mal als Armeeschwester zu melden. Gerade in einer bejahenden Hinnahme all dieser Widrig-keiten schien sie die Sinnhaftigkeit ihres Tuns zu se-hen. Ein christliches oder vaterländisches Pflegever-ständnis machte sie ausdrücklich nicht geltend. Ihr dritter Einsatz führte sie nach Bir Seba (heute Beer Scheba/ Israel) an die Palästina-Front, wo mit der verbündeten Türkei die Stellung gegen England verteidigt werden sollte. Am 10. April 1916 verließ sie mit ihrer Kolonne Wien. Die k. k. Sanitätsko-lonne für Palästina machte sich in zwei Abteilungen auf den Weg. Die erste Abteilung brach unter der Führung des Regimentsarztes Urbantschitsch und Maria Sonnenthaler-Scherer als Vize-Oberin auf, die zweite Abteilung wurde von dem Stabsarzt von Feistmantel als Sanitätschef und Oberin Gräfin Sayn-Wittgenstein angeführt. Aus ihren letzten Briefen hier am Nordrand der Wü-ste Negev spricht ein schwelgerisch-schwärme-rischer Ton. Wie sie berichtet, ritt sie, die geübte Reiterin, barfuss und ohne Sattel in mystisch an-mutender Naturverbundenheit mit wehendem Sei-denmantel auf einem ungestümen Araberhengst al-lein in die nächtliche Wüste hinein. Es scheint, als ob sie eine ersehnte Freiheit gefunden hatte, die sie sich zuvor durch Ehe und Mutterschaft versagen musste. Aus dieser abenteuerlichen und lebens-frohen Phase wurde die k. k. stellvertretende Oberin Maria Sonnenthal-Scherer jäh herausgerissen. Nach einer kurzen aber heftigen Erkrankung an der Cho-lera verstarb sie am 9. September 1916. Sie wurde in Bir Seba begraben. Einen Wahlspruch, den sie in ihr letztes Tagebuch eintrug, hatte sie trotz der die Frau-en ihrer Generation einengenden Zwänge ausgelebt: „Frei bin ich geboren, frei bin ich erzogen, frei hab’ ich gelebt, und frei bin ich gestorben ...“. Frei war sie auch von einer herkömmlichen strengen und engen Schwesternsozialisation geblieben und hatte sich von der angelernten Sprechstundenhilfe des Ehemannes zur Operations- und Narkose-schwester und schließlich zur stellvertretenden Obe-rin ohne formale Ausbildung vorangearbeitet. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, auf die sich dieser Text im wesentlichen stützt, hat Hermine von Sonnenthal 1918 postum herausgegeben und mit erläuternden Anmerkungen versehen.

Literatur

Der Brockhaus in fünfzehn Bänden. Brockhaus, Leipzig / Mannheim 1997-1999. Sonnenthal, Hermine von (Hrsg.): Ein Frauenschicksal im Kriege. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Schwester Maria Sonnenthal-Scherer. Ullstein & Co., Berlin / Wien 1918. Stürmer, Michael: Das ruhelose Reich. Deutschland 1866-1918. Severin und Siedler, Berlin 1983. Walter, Ilsemarie: Pflegende in Österreich zwischen 1914 und 1938. Differenzierung durch Ausbildung oder Verwischung der Unterschiede? In: Seidel, Elisabeth, Walter, Ilsemarie (Hrsg.): Rückblick für die Zukunft. Beiträge zur historischen Pflegeforschung. Pflegewissenschaft heute, Band 5. Maudrich, Wien / München / Bern 1998, Seite 42-69. Bildquelle: Sonnenthal, Hermine von (Hrsg.): A.a.O.

SONNENTHAL-SCHERER, Maria

Version vom: 
2004-01-20

Zitation

K. Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von K. Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 3. hpsmedia, 2004. S. 267-269

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