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Jun 04, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: SITTER, Franz
SITTER, Franz
Artikel von: G. Fürstler / P. Malina
Erschienen in Band 3, Seite(n) 265-267.
 

Biographie

Als die Massenvernich-tungsanstalt Hartheim bei Linz im Frühjahr 1940 ihren mörderischen „Tötungsbetrieb“ auf-nahm, dem schätzungs-weise mehr als 30.000 Menschen zum Opfer fielen, befanden sich un-ter den Hartheimer Mit-arbeitern auch vier Pfle-gerinnen und drei Pfleger aus der Heil- und Pflege-anstalt Ybbs an der Donau. Unter Ihnen der psych-iatrische Pfleger Franz Sitter. Sie wurden, durch eine „Notdienstverpflichtung“ nach Hartheim versetzt. Im Allgemeinen wussten die so ausgewählten Mitarbeiter recht wenig über den ihnen zugewiesenen Arbeitsplatz und wurden, wie dies z. B. für die Tätigkeit in Hartheim der Fall war, nur darüber aufgeklärt, dass sie in einer „Geheimen Reichssache“ tätig würden. Für die Tötungsanstalt Hartheim mussten sie vor Dienstantritt die auf Ein-schüchterung setzende „Schweigeerklärung“ unter-schreiben. Das Pflegepersonal war bis auf den Pfleger Franz Sitter in der Zeit von Mai 1940 zum Teil bis zur Auflösung der Anstalt im Jahre 1944 in Hartheim tätig. Die Pfleger und Pflegerinnen waren in die Ak-tion T4, die die Ermordung Geisteskranker durch-führte, eingebunden, und bis 1943 auch in die Tö-tung arbeitsunfähiger Häftlinge aus dem Konzen-trationslager Mauthausen im Rahmen der Aktion 14f13. Sie waren für die Hilfe beim Auskleiden der Pa-tienten zuständig. War dies geschehen, führten sie diese der vorgetäuschten „ärztlichen Untersuchung“ vor, stempelten Personen mit Goldzähnen ein Kreuz auf den Rücken, pferchten sie unter dem Vorwand, sie müssten nun baden in die als Dusche getarnte Gaskammer und schlossen die schwere Stahltüre hinter ihnen wieder zu. Das Einleiten des Giftgases war Sache des Arztes. Dem Pflegepersonal oblag dann noch das Bündeln der Effekten und Kleider sowie der Transport dieser in einen Verwah-rungsraum. Schließlich wurde das in Hartheim tätige Pflegepersonal auch zur Begleitung der Patienten-transporte eingesetzt, die von den Ursprungsan-stalten, praktisch aus ganz Österreich, meist über die Zwischenanstalt Niedernhart (Linz) nach Hartheim gingen. Als solche hatten sie die Kranken in den Au-tobus hineinbringen geholfen und sie unterwegs „betreuen“ müssen. Die Pfleger waren auch als Heizer tätig, denen neben der Reinigung der stets mit Erbrochenem und Exkre-menten verunreinigten Gaskammer auch die Mithilfe bei der Entfernung der ineinanderverkrampften Lei-chen aus der Gaskammer, beim Herausbrechen der Goldzähne und anschließender Verbrennung der Leichen zukam: Eine nicht nur schwierige und ner-venzermürbende Arbeit, sondern auch eine ohne jede Skrupel übernommene „Drecksarbeit“. Am 28. 7. 1947 erhob die Staatsanwaltschaft Linz gegen vier Pflegerinnen und einen Pfleger Anklage wegen der Mitschuld am Mord nach §§ 5, 134 und 137 Strafgesetz in Tateinheit mit dem Verbrechen der Mitschuld an Quälereien und Misshandlungen nach § 5 Strafgesetz und § 3 Kriegsverbrecher-gesetz. Die Hauptverhandlung wurde am 25. und 26. 11. 1947 vor dem Landesgericht Linz als Volks-gericht durchgeführt. Die Pflegerinnen wurden frei-gesprochen, obgleich auch sie das Verbrechen als Gehilfen am Mord begangen haben. Der Freispruch erfolgte, weil die Pflegerinnen lediglich aufgrund ihrer fachlichen Kenntnisse für Hartheim not-dienstverpflichtet wurden. Hingegen wurde der Pfle-ger zu zweieinhalb Jahren schweren Kerker verur-teilt, weil er nach Auffassung des Gerichtshofes das dortige bequemere und ungefährlichere Leben dem Wehrdienst in der Wehrmacht vorzog, obgleich er über die dortigen Geschehnisse eingeweiht war. Ein weiterer Pfleger, gegen den ebenfalls ermittelt wurde, entzog sich am 4. 8. 1946 durch Erhängen in der Zelle dem Gerichtsverfahren. Völlig anders hingegen verlief der Lebensweg des Pflegers Franz Sitter. Am 6.2.1902 in Winterberg (Tschechoslowakei) geboren, erlernte er zunächst den Beruf eines Maschinenschlossers. Im Juli 1925 bot sich für ihn die Möglichkeit als Pfleger im „Ir-rendienst" in der Heil- und Pflegeanstalt Ybbs auf-genommen zu werden. Verbunden mit dieser Tätig-keit war auch Krankenpflegedienst im engeren Sin-ne. Inzwischen in St. Pölten wohnhaft gewesen, zog er eigens dafür nach Ybbs und legte Anfang März 1927 die vorgeschriebene einfache Fachprüfung für Irrenpflege ab. Nachdem er im Juni 1930 definitiv (beamtet) gestellt wurde, bestand er ein Jahr später auch die besondere [höhere] Fachprüfung, die ihn für pflegerische Leitungstätigkeiten qualifizierte und schloss dabei mit der Gesamtqualifikation „geeig-net“ ab. Aus seiner im Jahre 1929 geschlossenen Ehe gingen die beiden Kinder Franz und Renate hervor. Sitter war gerne Pfleger, die Beurteilung durch seine Dienststelle lautete „überdurchschnittlich geeignet“, insgesamt hatte er eine vorzügliche Dienstbeschrei-bung vorzuweisen. Im Oktober 1940, in Österreich waren seit zwei Jahren die Nationalsozialisten an der Macht, wurde er spät abends, völlig unvorbereitet, in die Direktion gerufen und von zwei Herren in Uni-form gefragt, ob er sich zum Transport bzw. zur Verlegung von Geisteskranken „notdienstverpflich-ten“ lassen wolle. Ahnungslos sagte er zu. Schon zwei Tage später ging aus der Heil- und Pfle-geanstalt Ybbs ein erster Transport von Geisteskran-ken in Richtung Hartheim ab, mit dem auch Sitter als Begleitperson mitfuhr. Das Ziel des Transportes wurde ihm zunächst nicht mitgeteilt, die Kranken wurden über die Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart nach Hartheim gebracht. Kaum in Hartheim ange-kommen, hatte er weitere Transporte zu begleiten, darunter auch einen aus der Heil- und Pflegeanstalt Feldhof (Graz) nach Niedernhart. Während dieses Transportes sprach er den Transportleiter an, weil es ihn wunderte, dass die Patienten auf dieser langen Fahrt nichts zu essen und nichts zu trinken bekamen. Mit scharfen Worten teilte man ihm mit, dass ihn das gar nichts angehe. Die Teilnahme an den zur Zerstreuung des Personals im Schloss veranstalteten Gemeinschaftsabenden mit den darauf folgenden Saufgelagen lehnte Sitter entrüstet ab. Wie alle anderen musste auch er die für Hartheim geltende so genannte „Schweigeerklä-rung“ unterschreiben. Seit diesem Zeitpunkt war ihm auch der Zweck der Anstalt, nämlich die Ver-gasung von Geisteskranken bekannt. In der Hauptsache wurde er als Begleiter bei den Transporten eingesetzt, musste aber auch das eine und andere Mal beim Entkleiden der zur Vergasung bestimmten Patienten helfen und auch Etiketten für die Urnen anfertigen. Das alles konnte Sitter nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Er versuchte des-halb von dieser Anstalt so rasch wie möglich wieder wegzukommen. Er zögerte nicht und ließ sich beim ärztlichen Leiter der Anstalt, dem NS-Arzt Dr. Lonauer melden. Er forderte „seine sofortige Zurückversetzung in die Heil- und Pflegeanstalt Ybbs“. Lonauer hielt ihm entgegen, dass ihm seine Stellung in Hartheim vor allem finanzielle Vorteile brächte, er nicht zur Wehrmacht einrücken müsse und dass er sich die Sache gut überlegen solle. Sitter erklärte Lonauer, für ihn gäbe es in dieser Sache überhaupt kein Über-legen und er wolle sofort auf seine alte Dienststelle nach Ybbs zurück, denn das könne er vor seinem Gewissen nicht verantworten, lieber rücke er sofort zur Wehrmacht ein. Das war gefährlich und konnte für Sitter schlecht ausgehen, es drohte ihm nicht nur die Verfolgung durch die Geheime Staatspolizei, sondern auch der Einzug an die Front. Mit der Feststellung, dass er der erste derartige Fall sei, der nicht in Hartheim bleiben wolle, wurde nach neun Tagen seine Zurückver-setzung nach Ybbs bewilligt, doch die Folgen dieser Entscheidung ließen nicht lange auf sich warten. In Ybbs zurück, fand Sitter beim kommissarischen Lei-ter der Heil- und Pflegeanstalt Ybbs, Dr. Scherz, kein Verständnis. Wahrscheinlich wusste zu diesem Zeitpunkt Dr. Scherz, was Sitter bevorstand. Zwar blieb ihm die Verfolgung durch die Geheime Staatspolizei erspart, dafür wurde er Anfang Februar 1941, von der Deutschen Wehrmacht zum Kriegs-dienst an der Front eingezogen, nachdem er Ende Jänner 1941 den Einberufungsbefehl „zum aktiven Wehrdienst“ erhielt. Er überlebte den Militärdienst und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Bis zum April 1946 war Sitter als Sanitäter in einem amerikanischen Reserve-Lazarett tätig. Anfang Mai 1946 konnte Sitter nach Ybbs zurück-kehren. Sofort meldete er sich in der Heil- und Pflegeanstalt zum Dienst und wurde wieder als Pfle-ger angestellt. Er arbeitete zunächst einige Jahre als „Arbeitspfleger“ im Außendienst und rückte 1952 auch zum Oberpfleger auf. Ende 1967 erfolgte seine Versetzung in den dauernden Ruhestand. Im Zuge des im Jahre 1947 eingeleiteten Gerichtsverfahrens gegen die in Hartheim tätigen Bediensteten, wurde auch die Vernehmung Franz Sitters beantragt. Diese Vernehmungsprotokolle sind erhalten geblieben. Franz Sitter war, wie Unterlagen aus seinem Perso-nalakt belegen, auch von der Suspendierung seines Arbeitsplatzes bedroht, was eine derartige Anfrage der Verwaltung der Heil- und Pflegeanstalt Ybbs an das Volksgericht Linz zeigt. Doch das Volksgericht Linz entkräftete in einem Schreiben an die Verwal-tung Vermutungen darüber, dass Sitter in die Tö-tungsverbrechen in Hartheim verstrickt gewesen sei, vielmehr stellte das Volksgericht Linz klar, dass er der einzige, der nach Hartheim notdienstverpflichte-ten Pflegepersonen war, der seinen Dienst dort glatt-weg verweigerte und sich durch den Kriegsdienst - wie es das Volksgericht Linz in seiner Urteilsbe-gründung formulierte - aus der Affäre zog. Sitter verbrachte seine letzten Lebensjahre in Ybbs, wo er im November 1980 auch verstarb. Er wurde auf dem Friedhof in Ybbs beigesetzt. Über die Vor-fälle in Hartheim und seine Notdienstverpflichtung hat Sitter nie gesprochen. Das Bemühen seiner Tochter Renate, von ihm mehr über diese Zeit zu erfahren, scheiterte an den Lebensumständen und an den Anforderungen des Alltages. Franz Sitters Weigerung in der Vernichtungsanstalt Hartheim Dienst zu tun, belegt, dass es in der Zeit des Nationalsozialismus durchaus möglich war, auch in der Position eines kleinen Untergebenen Zivil-courage zu zeigen und das es möglich war, selbst aus der Tötungsanstalt Hartheim auszusteigen, wenn man dies nur wollte.

Literatur

Direktion des Therapiezentrums Ybbs an der Donau (2002): Exzerpt aus dem Personalakt Franz Sitter, zur Verfügung gestellt von der Direktion des Therapiezentrums Ybbs an der Donau. Franz Sitter: Zeugenaussage des Franz Sitter vom 20. März 1947 im Verfahren gegen die angeklagten ehemaligen Bediensteten der Vernichtungsanstalt Schloss Hartheim. Verfahren vor dem Volksgericht Linz: Vg 6 Vr 6741/47. Fürstler, G. und Malina, P.: Österreichische Pflegepersonen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Teil IV: Der psychiatrische Krankenpfleger Franz Sitter aus der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt Ybbs an der Donau. In: Österreichische Pflegezeitschrift. März 2003. Eigenverlag, Wien. Seite 20-22. Fürstler, G. und Malina, P. (2003): Ich tat nur meinen Dienst. Die Beteiligung österreichischer Krankenschwestern und Krankenpfleger an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Zeit des Nationalsozialismus. Zur Geschichte der Krankenpflege in Österreich. Verlag Facultas, Wien, 2003. Krammer, H., Bartsch, E.: Lexikon Nationalsozialismus. Begriffe, Organisationen und Institutionen. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbeck bei Hamburg, 1999. Kepplinger, B.: Die Tötungsanstalt Hartheim 1940-1945. In: Begleitpublikation zur Ausstellung des Landes OÖ in Schloss Hartheim 2003. „Wert des Lebens“. Trauner Verlag, 2003, Seite 85-115. Matzek, Th.: Das Mordschloss. Auf den Spuren von NS-Verbrechern im Schloss Hartheim. Kremayr & Scheriau, Wien, 2002. Rödl, Renate, Tochter des Franz Sitter (2002): Persönliche Erinnerungen an den Vater und Fotos vom Vater. Staatsanwaltschaft Linz (1947): Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Linz 3 St 466/46 Vg 6 Vr 6741/47 gegen die beschuldigten Pflegepersonen Griessenberger, Gruber, Raab, Wittmann, Merta und Schrottmayer. Therapiezentrum Ybbs an der Donau (2002): Personalakt des Pflegers Franz Sitter, Archiv des Therapiezentrums Ybbs an der Donau (1925-1967). Volksgericht Linz (1947): Vernehmungsprotokolle der beschuldigten Pflegepersonen im Verfahren vor dem Volksgericht Linz: Vg 6 Vr 6741/47. Volksgericht Linz (1947): Urteil im Verfahren vor dem Volksgericht Linz Vg 6 Vr 6741/47. Volksgericht Linz (1947): Protokoll der Hauptverhandlung im Verfahren vor dem Volksgericht Linz Vg 6 Vr 6741/47.

SITTER, Franz

Version vom: 
2004-01-20

Zitation

G. Fürstler / P. Malina. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von G. Fürstler / P. Malina, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 3. hpsmedia, 2004. S. 265-267

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