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Forschungswelten 2019

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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: SEILER, Anna
SEILER, Anna
Artikel von: H. Kolling
Erschienen in Band 3, Seite(n) 259-260.
 

Biographie

Sie stiftete im 14. Jahrhundert in Bern ein Spital und organisierte die dortige Krankenpflege; heute, nach rund 650 Jahren, ist ihr Vermächtnis zu einem Kran-kenhaus von zentraler Bedeutung mit fast 1.000 Bet-ten geworden, das der Bevölkerung als Kantons-spital dient. Die Rede ist von der um 1300 geborenen Anna, der Tochter des vermögenden Berner Rats- und Tuch-herrn Peter Ab Berg, die Heinrich Seiler geheiratet hatte. Nach dem Tod ihres Mannes, der bis 1334 das Amt des Spitalmeisters (Vorsteher) des Niederen Spitals in Bern inne hatte, war Anna eine der reich-sten Frauen der Stadt. 1349 hatte eine verheerende Seuche das ganze Abendland mit Schrecken erfüllt; in Bern zählte man während einiger Tage bis zu 60 Leichen; das Fehlen hinreichender Pflege und Un-terkunft für die Kranken muss gerade damals emp-findlichen Gemütern einen unauslöschlichen Ein-druck gemacht haben. Zudem hatte die Anzahl der dauernd in Spitälern untergebrachten Pfründer Mitte des 14. Jahrhunderts zugenommen, so dass gerade für die armen bettlägerigen Kranken, welche nicht über die nötigen Mittel verfügten, sich eine Pfründe zu kaufen, kein Platz blieb. Anna Seiler hatte sich mit Hilfe ihres Gesindes sol-cher Kranken angenommen, die trotz dringender Pflegebedürftigkeit in die vorhandenen sozialen Einrichtungen nicht aufgenommen werden konnten. Die Notlage der bedürftigen Kranken kennend, liess Anna Seiler am 29. November 1354 eine Stiftungs-urkunde erstellen, mit der sie ihren gesamten Besitz zur Schaffung eines „ewigen“ Spitals für Unbemit-telte und Pflegebedürftige stiftete. Der Stiftung musste nach damaligen Recht eine „Freiung“ vor-ausgehen, wonach sie ihr Beistand, ferner der Schultheiß und die Räte der Stadt ermächtigten, über ihr beträchtliches Vermögen frei zu verfügen. Anna Seiler muss im Krankenversorgungssystem ihrer Heimatstadt besonders bewandert gewesen sein. Nur so lässt sich erklären, warum sie ein neues Spital gründete, obwohl zur damaligen Zeit in Bern bereits ein Heiliggeist-Spital, ein bürgerliches Niederes Spital, ein Antonierhaus und in der Umgebung eine Leproserie bestanden. Scheinbar hatte aber die dort jeweils herrschende Ordnung, insbesondere die Aufnahmebedingungen, nicht dem von der Stifterin gewünschten Zweck entsprochen. Die Stiftungsurkunde bestimmt, dass in dem neuen Spital dauernd und ausschließlich 13 bettlägrige und bedürftige Personen aufgenommen werden, ebenso zu deren Pflege drei „ehrbare Personen“. Es bleibt zu vermuten, dass die bestimmte Zahl der Patienten symbolisch zu erklären ist: sie sollte an Christus und seine zwölf Jünger erinnern. Das Verhältnis von Patienten und Pflegepersonen spricht für einen – für damalige Verhältnisse durchaus ungewöhnlich – the-rapieorientierten Betrieb, ebenso wie die Bestim-mung, wonach bei Tod eines der Patienten oder ei-ner Pflegerin der freiwerdende Platz sofort wieder zu belegen sei und dass Patienten, welche wieder zu Kräften gekommen sind, vom Spitalvogt zu entlas-sen seien. Anna Seiler verpflichtete nachdrücklich die städti-schen Behörden und ihre Erben zum immerwäh-renden Einhalten dieser Bestimmungen. Allem An-schein nach wollte sie verhindern, dass in ihrem Spi-tal auch sogenannte Pfründner Einlass fänden, was sich auf die Dauer allerdings nicht vermeiden ließ. Nach einem Beschluss der Stadt Bern von 1437 durften nicht mehr als 18 Personen aufgenommen werden, eine Zahl, die 1442 auf 20 erhöht, aber dann 1457 wieder auf 15 herabgesetzt wurde. Durch einen Beschluss von Rat und Bürgern wurde am 10. Juli 1531 der alte Stiftungsbrief bestätigt und erneuert. Übereinstimmend mit seinem Wortlaut wurde fest-gelegt, man wolle künftig „niemands drin nen, dan durftig und ligrig“. Die bisherigen Pfründner behiel-ten bis an ihr Lebensende die ihnen zugesicherte Versorgung, neue aber wurden nicht mehr aufge-nommen, sondern an die übrigen Spitäler verwiesen. Wenn es auch noch einige Zeit brauchte, bis sich diese Bestimmung wirklich durchsetzte, so war doch wenigstens prinzipiell das Seilerin-Spital nun das eigentliche Krankenhaus für die Einwohner Berns geworden. Im Unterschied zu den sogenannten Beginenhäusern der damaligen Zeit war das Geschlecht der Pfleg-linge dort nicht vorgeschrieben. Die Stifterin stattete ihre wohltätige Einrichtung, die als Vorläufer des heutigen Inselspitals angesehen werden kann, groß-zügig mit Gebäuden und auswärtigem Grundbesitz aus, aber auch mit Hausrat, insbesondere Küchen-geräte und Bettwäsche, und sicherte den Betrieb die-ser weitzerstreuten Besitzungen durch Zehnten und Mietzinse. Sie stellte ihre Stiftung unter die Aufsicht der Obrigkeit und legte sie so umsichtig an, dass sie immer noch eine der Grundlagen des heutigen Insel-spitals ist. Die Befolgung ihrer Verfügungen sicherte Anna Seiler durch eine Ersatzverfügung: Falls in ihrem Krankenhaus nicht nach ihrem Willen ver-fahren würde, sollte das Widmungsvermögen zu je einem Viertel den Spitälern in Basel, Fryburg im Uechtland, Thun und Burgdorf zufallen; nach Ab-sicht der Stifterin bedeutete diese Nennung eine deutliche Warnung an die Berner Stadtbehörden. Wahrscheinlich leitete Anna Seiler die Pflege in ihrem Spital – das Gebäude lag mitten in der Stadt; es stand an der heutigen Zeughausgasse zwischen dem Schützengässchen und dem früheren Außer-standes-Rathaus – noch bis zu ihrem Tod 1360. Nach dem großen Stadtbrand von Bern im Mai 1405 wurde das „Seilerin-Spital“ neu aufgebaut. Nach der Reformation wurde die Institution in die Gebäude des aufgehobenen Dominikanerinnenklosters auf der Aareinsel Altenberg (heute nicht mehr existierend) verlegt und dann dem Sinne der Stifterin entspre-chend reorganisiert. Seither trägt es den Namen Inselspital, im Volksmund kurz „die Insel“ genannt. In den Jahren 1718 bis 1724 wurde es neu aufgebaut und 1881 bis 1884 in das Gebiet Kreuzmatte west-lich der Stadt verlegt, wo das heutige Univer-sitätsspital weiterhin den Namen Inselspital trägt. An den Bestimmungen der Stiftung ist bemer-kenswert, und dies deutet auf eine starke Persön-lichkeit von Anna Seiler hin, dass sie nicht nur für eine langfristige ökonomische Sicherheit sorgen so-wie Aussagen zu den Aufnahmebedingungen und die Anforderungen an das Pflegepersonal enthalten, sondern auch – für damalige Verhältnisse ebenfalls ganz ungewöhnlich – keinerlei Angaben über die Seelsorge, weder für die Patienten noch für das Per-sonal, enthält. Anna Seiler war offenbar nach ihren Erfahrungen zu der Überzeugung gekommen, dass der Lippendienst weniger wichtig sei als die „Werke der Barmherzigkeit“. Wenn in ihrem Vermächtnis von ärztlicher Aufsicht und Behandlung der Patien-ten keine Rede ist, so braucht das nicht zu ver-wundern; die Zahl der Ärzte war um die Mitte des 14. Jahrhunderts noch so gering, dass selbst größere Städte wie Bern zeitweilig Mühe hatten, einen ge-lehrten Arzt zu dauernder Niederlassung zu gewin-nen. Spitalärzte waren jedenfalls damals eine höchst seltene Ausnahme. Während nun mehr als sechs Jahrhunderten konnte sich das Anna-Seiler-Spital in seiner ursprünglichen Rechtsform erhalten und hat damit bis zum heutigen Tag Tausenden von bedürftigen Kranken kostenlos Pflege und Heilung gewährt. Nach Anna Seiler wird heute in Bern eine Strasse, eine Trakt der medi-zinischen Klinik des Inselspitals sowie ein Brunnen, der in der Nähe des sogenannten Käfigturms steht, benannt. Dieser 1548, also fast 200 Jahre nach der Stiftung, errichtete Brunnen zeigt eine Bürgersfrau, welche in harmonischer Bewegung Wein aus einer Kanne in einen Trinkbecher gießt.

Literatur

Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE). Herausgegeben von Walter Killy und Rudolf Vierh. Band 9. Saur. München 1998, Seite 271. Heim, Urs F.A.: Leben für Andere. Die Krankenpflege der Diakonissen und Ordensschwestern in der Schweiz. Schwabe. Basel 1998, Seite 43-45. Hintzsche, Erich: Sechshundert Jahre Krankenpflege im Berner Inselspital. In: In: Rennefahrt, Hermann / Hintzsche, Erich: Sechshundert Jahre Inselspital 1354-1954. Verfasst im Auftrag der Inselkorporation. Hans Huber. Bern 1954, Seite 181-525. Lexikon der Frau in zwei Bänden. Band II. Encyclios. Zürich 1954, Seite 1258. Rennefahrt, Hermann: Geschichte der Rechtsverhältnisse des „Inselspitals“ der Frau Anna Seiler. In: Rennefahrt, Hermann / Hintzsche, Erich: Sechshundert Jahre Inselspital 1354-1954. Verfasst im Auftrag der Inselkorporation. Hans Huber. Bern 1954, Seite 11-180. Schweizer Lexikon in sechs Bänden. Herausgegeben von der Kollektivgemeinschaft Mengis und Ziehr. Band 5. Verlag Schweizer Lexikon. Luzern 1993, Seite 770. Utz-Tremp, Kathrin: Zwischen Ketzerei und Krankenpflege. Die Beginen in der spätmittelalterlichen Stadt Bern. In: Bietenhard, Sophia / Dellsperger, Rudolf / Kocher, Hermann / Stoll, Brigitta (Hrsg.): Zwischen Macht und Dienst. Beiträge zur Geschichte und Gegenwart von Frauen im kirchlichen Leben der Schweiz. Stämpfli. Bern 1991, Seite 27-52.

SEILER, Anna

Version vom: 
2004-01-20

Zitation

H. Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von H. Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 3. hpsmedia, 2004. S. 259-260

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Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=705

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