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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: ROLIN, Nicolas
ROLIN, Nicolas
Artikel von: H. Kolling
Erschienen in Band 3, Seite(n) 240-241.
 

Biographie

Inmitten der Weinfelder des Burgund (Frankreich) findet der Besucher der Stadt Beaune ein außerge-wöhnliches Zeugnis zur Geschichte des Kranken-hauswesens und der Kran-kenpflege: das 1443 durch Nicolas Rolin gegründete „Hôtel-Dieu“. Das Kran-kenhaus, bei dem es sich um ein einzigartiges Zeugnis vom Leben und der bürgerlichen Baukunst am Ende des Mittelalters handelt, zieht heute jähr-lich über 400.000 Besucher in seinen Bann. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts standen weite Teile des französischen Königreiches unter engli-scher Herrschaft. Der Hundertjährige Krieg (1339-1453) hatte das Land ausgezehrt, die Pest grassierte und marodierende Söldnerheere machten das Land unsicher. In dieser Situation waren bittere Armut, Krankheit und Tod für Teile der Bevölkerung an der Tagesordnung. Rolin gehörte nicht zu diesen Men-schen. Von seinen 80 Jahren stand er fast 60 Jahre im Dienst der Herzöge von Burgund, 20 Jahre davon als Jurist und den Rest als Kanzler. Im Jahre 1376 war er in Autun geboren worden und stieg nach dem Studium der Rechtswissenschaft in seiner Heimat-stadt die Stufen des sozialen Erfolgs empor. Seit 3. Dezember 1422 wurde er unter Herzog Philippe-le-Bon („Philipp der Gute“) Kanzler, zur damaligen Zeit eine Art „Super-Minister“, der zugleich die Ämter des Innen-, Finanz- und Außenministerium, sowie einige andere in seiner Person vereinte. Rolin war unterdessen nicht nur ein ausgezeichneter Ver-walter, sondern auch ein kluger Politiker, der das Herzogtum von Burgund aus einer Allianz mit England befreite, die störend geworden war, als sich nach dem glorreichen Sieg von Jeanne d´Arc, das Schicksal Karl VII. von Frankreich günstiger zeigte. Der ohnehin bereits immens reiche Kanzler gewann durch den Frankreich und Burgund miteinander versöhnenden Friedensschluss von Arras (1435), den er wesentlich mit verfasste, weitere unermessliche Reichtümer hinzu. Im Jahre 1442 lebten im inneren Stadtbezirk von Beaune 335 Familien, von denen 24 zahlungsfähig waren, 217 in Armut lebten und 94 ihr Dasein durch Betteln fristeten. In den Jahren 1437/38 wurde die Hungersnot, die ohnehin schon schlimm genug unter der Bevölkerung im Burgund wütete, noch extremer. Ein zeitgenössischer Bericht hält hierzu fest: „In den Orten versammeln sich die Armen um Feuer, wo sie vor Hunger umkommen. [...] Die Wölfe, die sich bisher von den menschlichen Kadavern ernährt ha-ben, verfolgen nun die Überlebenden bis in die Städte hinein. Schlimmer noch als diese wilden Tiere sind die Betrüger und Plünderer, die die Bevöl-kerung in beständiger Angst halten“. In dieser Situation beschloss Nicolas Rolin „ohne auf jegliche menschlichen Bedürfnisse zu achten und allein zu seinem persönlichen Seelenheil“, ein Ho-spital für die Armen zu gründen. Als Standort wählte er Beaune aus, die Geburtsstadt seiner Mutter, und gab am 4. August 1443 sein Vorhaben öffentlich be-kannt. Nachdem er die großen Linien seines Projek-tes festgelegt hatte, warb er für den Bau, der das St. Jacques-Hospitals in Valenzia zum Vorbild hatte, die besten Baumeister, Konstrukteure und Handwer-ker an. Für die Bauarbeiten, die noch im selben Jahr (1443) in Angriff genommen wurden, berechnete Rolin fünf Jahre. In Wirklichkeit wurde das Bau-werk erst am 31. Dezember 1451 eingeweiht. Einen Tag später, am 1. Januar 1452, wurden sechs Nonnen aus Flandern von Rolin und seiner ebenfalls überaus reichen Gemahlin Guigone de Salins emp-fangen und einige Stunden später der erste Kranke aufgenommen; am 10. Januar wurde der erste Ver-storbene auf dem krankenhauseigenen Friedhof bei-gesetzt. Der letzte Kranke verlies das Hospital 1971 – 520 Jahre später. Dabei wurde die von Rolin anlässlich der Ein-weihung verfügte Grundregel die Jahrhunderte hin-durch gehalten: Arme, schwache und Kranke werden auf Kosten des Hospiz aufgenommen, ernährt und gepflegt. Im Jahre 1441 hatte Rolin bereits den Bauplatz ge-kauft. Die Stadt schenkte ihm ein angrenzendes Grundstück, das an den Ufern des Flüsschens Bou-zaise lag, und erteilte ihm gleichzeitig das Recht, einen Teil dieses Gewässers umzuleiten und zur Ent-sorgung der Abfälle zu nutzen. Die zur Straße hinge-wandte Gebäudeseite wurde betont unscheinbar ge-halten. Grauer Stein, ein unauffälliges Dach und we-nig Verzierungen prägen die gotische Fassade; die Pracht des Gebäudes wollte man nicht nach außen demonstrieren, um Räuber und Plünderer fernzu-halten. Demgegenüber zeigt sich im Innenhof die ganze Pracht dieses Bauwerkes. Das farbenprächtige Dach ist mit glasierten, vielfarbigen Ziegeln ge-deckt, die außergewöhnlich reiche, geometrische Muster zeigen, ist in der ganzen Welt zum Symbol für Burgund geworden. Zwei überdachte Außen-gänge im Erdgeschoss und im ersten Stock ermög-lichten es den Schwestern, auch bei schlechtem Wetter trockenen Fußes jeden Gebäudeteil zu er-reichen. Aus der Sicht der Krankenpflege ist das Herzstück des heutigen Museums der „Große Saal der Armen“ („Grande Salle des Pôvres“), der mit der Kapelle 72 Meter lang, 14 Meter breit und 15 Meter hoch ist. Die Deckenbalken sind reichhaltig verziert, so dass die (bettlägrigen) Kranken etwas zum Anschauen hatten. In der Gründungsurkunde hatte Rolin genau festgelegt, wie viele Kranke in diesem Saal gepflegt werden durften: an beiden Seiten sollten jeweils 15 Betten hintereinander aufgestellt werden, wobei je-des Bett über eine eigene Truhe verfügte, um die persönlichen Habseligkeiten des Kranken zu ver-wahren. In der Mitte des Saales standen Tische und Stühle zum Essen. Die Hintereinanderreihung der Betten, die für die Schwestern von beiden Seiten her zugänglich waren, gewährte die größtmöglichste Be-achtung der Intimsphäre. Darüber hinaus gehörte zu jedem Bett ein Stuhl und ein kleiner Beistelltisch, auf dem Pflegeutensilien abgestellt werden konnten. Am Ende des Krankensaales befand sich eine ledig-lich durch Vorhänge abgetrennte Kapelle. Damit wurde der Intention des Gründers Rechnung getra-gen, Kirche und Krankenbetreuung zu vereinen. So war sichergestellt, dass sowohl die (bettlägerigen) Kranken wie auch die (arbeitenden) Schwestern an der Messe teilnehmen konnten. Nach und nach wurde weiterer Raum zur Unterbrin-gung von bis zu 160 Kranken geschaffen. Um 1645 wurde durch eine Spende des Vorsitzenden der Fi-nanzabteilung im Parlament von Paris, dem gebür-tigen Beauner Hugues Bétault, die Einrichtung des Saales „Saint-Hugues“ mit seinen zwölf Betten er-möglicht. Im Jahre 1658 stellte der junge Ludwig der XIX. die notwendigen Mittel zur Verfügung, um im Saal „Saint-Nicolas“ die „Pflegestation der ar-men dem Tode geweihten Kranken“ zu erweitern und eine Trennung von weiblichen und männlichen Patienten zu ermöglichen. Drei Jahre später kam noch der Krankensaal „Saint-Louis“ dazu. Bei der Gründung des Hôtel-Dieu hatte Rolin fünf Schwestern und eine Oberin des Ordens von Malins kommen lassen, die nach den Prinzipien der Spitäler von Valenzia arbeiteten. Da die erste Oberin, Sr. Alardine Gasquière, einen rigorosen Druck auf ihre Mitschwestern ausübte und eine Atmosphäre der Strenge und Unterdrückung verbreitete, entließ Ro-lin sie alsbald wieder und erließ für das Kran-kenpflegepersonal neue Regeln. Danach sollten etwa die Schwestern „gut behandelt werden durch die Vorsteherin, ohne Murren und ohne üble Nachrede; es soll weder Uneinigkeit noch Eifersucht geben. Die Schwestern sollen gut ernährt werden und sie dürfen jederzeit Wasser trinken, ohne die Erlaubnis der Vorsteherin einholen zu müssen. Die Vorsteherin und die Schwestern nehmen ihre Mahlzeiten ge-meinsam ein, ohne Lektüre, und das Abendessen sollen alle zusammen an dem dafür bestimmten Ort verzehren. Währenddessen überwachen zwei Schwe-stern die Krankensäle“. Selbst das tägliche Leben beziehungsweise den Tagesablauf hatte der Gründer genau geregelt: „Ich will“, schreibt Rolin, „dass die Schwestern und die Vorsteherin im Sommer zwischen vier und fünf Uhr morgens aufstehen, dass die Pforte meines Hospitals gegen fünf Uhr geöffnet wird, diese gegen acht Uhr abends wieder geschlossen wird und dass sich die Schwestern gegen neun Uhr schlafen legen. Im Win-ter aber sollen sie um sechs Uhr aufstehen, die Pfor-te um sieben Uhr öffnen, diese um sechs Uhr abends schließen und zwischen acht und neun Uhr zu Bette gehen“. Arbeiteten zunächst fünf Schwestern im Hôtel-Dieu, waren es seit 1501 dann 17. Ärztliches Personal gab es unterdessen keines. Erst 1469 wurde von Guigone de Salins ein Chirurg damit beauftragt, nach den Kranken, aber auch nach den Schwestern und dem übrigen Personal des Hospitals zu schauen. Junge Mädchen, die Krankenschwester werden wollten, wurden ab dem 14. Lebensjahr einmal pro Woche zum Dienst an den Kranken herangezogen, damit sich die Vorsteherin davon überzeugen konnte, ob die Anwärterin auch wirklich für die Krankenpflege berufen war. Das anschließende Noviziat bis zur endgültigen Aufnahme in die Gemeinschaft dauerte Monate oder auch Jahre. Dabei waren die Kran-kenschwestern von Beaune nie Mitglieder einer Or-densgemeinschaft wie es im Norden von Burgund bereits üblich war. Sie führten aber ein religiös ge-prägtes Leben. Rolin hatte daher in seinen überar-beiteten Regeln die Möglichkeit geschaffen, dass Schwestern auch aus den Diensten des Hospitals wieder ausscheiden konnten: „Ich will, dass die Vorsteherin oder eine ihrer Schwestern, wenn sie einem Orden beitreten, hei-raten oder zu ihrer Familie zurückkehren wollen, mein Hospital verlassen können. Sie sollen mich vorher um Erlaubnis bitten“. Die Schwestern des Hôtel-Dieu lebten wie Ordens-gemeinschaften nach den Grundsätzen der Keusch-heit, des Gehorsams und der Armut, durften aber im Gegensatz zu diesen über ihren Besitz verfügen und auch Erbschaften annehmen. Nicolas Rolin starb am 8. Januar 1461 in seiner Ge-burtsstadt. Nach dem Tod ihres Mannes gab seine Ehefrau Guigone de Salins ihre soziale Stellung und die damit verbundenen Ehren auf und widmete sich bis zu ihrem Tode im Jahre 1469 ganz der Kran-kenpflege. Von 1471 bis 1491 war ihr Sohn Antoine Rolin Verwalter des Hôtel-Dieu. Das berühmte Bau-denkmal gehört heute zum Krankenzentrum von Be-aune („Centre Hospitalier de Beaune“), das aus mehreren Klinikkomplexen gehört und über 512 Betten verfügt. Zu ihm gehören vier Einrichtungen: 1. das Hôtel-Dieu, das ein Museum beherbergt, zu Wohnzwecken für Ordensschwestern und zur Auf-nahme noch gesunder alter Menschen dient, 2. das „Hospice de la Charité“ (Barmherzigkeits-Hospiz), 1645 von dem adligen Ehepaar Rousseau-Deslandes gegründet und durch die Errichtung eines Altenhei-mes vergrößert, 3. das neue Krankenhaus, das 1971 in Dienst genommen wurde, und 4. das 1984 ein-geweihte „Centre Nicolas Rolin“, das als Rehabili-tationseinrichtung und zur Aufnahme von Langzeit-patienten dient. Dank seiner barmherzigen Ziele hat das Hôtel-Dieu in den letzten fünf Jahrhunderten sehr zahlreiche Schenkungen erhalten, unter denen seine berühmten Weinberge an erster Stelle stehen, die wesentlich zu seiner ökonomischen Sicherheit beitragen.

Literatur

Charles, Corinne: La bonne étoile des Rolin – mécénat et efflorescence artistique dans la Bourgogne du Xve siècle. Ouvrage. Autun 1994. Hoefer, Johann: Nouvelle biographie génétale. Band 41 / 42. Paris 1862, Seite 562-564. Jacobs, Peter: Das Hôtel-Dieu in Beaune. In: Die Schwester / Der Pfleger 34 (1995) 5, Seite 445-449. Leflaive, Anne: L´ Hôtel-Dieu de Beaune et les Hospitalières. Grasset. Paris 1959. Muteau, Charles / Garnier, Joseph: Galerie bourguignonne. Dijon / Paris 1858, Seite 69-70. Narbonne, Roland de: Les Hospices de Beaune. Herausgegeben für das „Centre Hospitalier de Beaune“. Sociétés des Editions Régionales. Paris 1989. Plancher, Urbain: Histoire générale et particulière de Bourgogne avec des notes, des dissertations et des preuves justificatives, composée sur les auteurs […]. Band IV. Dijon 1781. Quantin, Edmond: Hôtel-Dieu de Beaune, description sommaire. Betault. Beaune 1900. Renaud, Guy: L´ Hôtel-Dieu de Beaune. Bien public. Dijon 1990. Rossignol, Claude: Histoire de Beaune, depuis les temps les plus reculés jusqu´à nos jourd. E. Batault-Morot. Beaune 1854. Stein, Henry: L´ Hôtel-Dieu de Beaune. Laurens. Paris 1933. Webseite: www.burgund-tourismus.com/patrimoine/beaunehotel.htm. Webseite: www.kfki.hu/~arthp/tours/flemish/weyden/rolin.html. Webseite: www.patriarche.com/npbourgogne_personnages-uk.html. Bildquelle: Webseite www.kfki.hu/~arthp/tours/flemish/weyden/rolin.html.

ROLIN, Nicolas

Version vom: 
2004-01-20

Zitation

H. Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von H. Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 3. hpsmedia, 2004. S. 240-241

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Permalink:
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care/whowaswhodetail.php?id=693

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