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Jun 04, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: REICH.Mathilde
REICH.Mathilde
Artikel von: T. Weber-Reich
Erschienen in Band 3, Seite(n) 231-232.
 

Biographie

Johannette Henriette Dorothea Sophie Mathilde Reich wurde am 20. April 1842 als erstes von neun Kindern der Johannette Christiane Karoline R. geborene Fink (geb. 1820) und des Lehrers und spä-teren Pfarrers Dr. theol. Georg R. (1803-1848) in Offenbach am Main geboren. Wahrscheinlich hat sie unter Oberin Olga von Lützerode (1836-1917)? im Clementinenhaus vom Roten Kreuz in Hannover eine halbjährige Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. Sicher ist, dass sie zusammen mit Marie Margraf (geb. 1869) zuerst als Clementinen-schwester und später als freiberufliche Pflegerin die Göttinger Privatkliniken „Untere Maschstraße 15/ 16“ und „Goßlerstraße 5“ leitete. Die Direktoren der Göttinger Universitätskliniken, Franz König (Chirurg; 1832-1910)?, Wilhelm Ebstein (Internist; 1836-1912) und Theodor Leber (Ophtalmologe; 1840-1917) kauften 1878 das nahe der Kliniken gelegene Privathaus Untere Masch-straße 16, um es als Privatklinik zu nutzen. Dies war notwendig geworden, da begüterte Kranke die Uni-versitätskliniken mieden, um dem Studentenunter-richt nicht ausgesetzt zu sein. Seit 1877 bestand eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Clementinen-schwestern, daher überließen die genannten drei Direktoren ihr Gebäude Oberin von Lützerode, die darin eine Filialklinik des Clementinenhauses mit 15 Betten einrichtete. Die „Privatklinik Untere Maschstraße 16“ wurde am 15. 07. 1878 eröffnet und der Leitung zweier Cle-mentinenschwestern übergeben. Sowohl der Kran-kendienst als auch die Verwaltung wurden, laut Be-richt des Clementinenhauses, „im allgemeinen nach denselben Grundsätzen wie im Mutterhause zu Han-nover [Clementinenhaus] in ganz selbständiger Wie-se“ von den Schwestern besorgt. Mathilde Reich besetzte seit 1881 eine Schwesternstelle, ihre Mit-schwester war Clara Hecker (geb. 1856). Schon 1885 gab das Clementinenhaus die Privat-klinik auf, weil die Räume für den Betrieb nicht mehr ausreichten. Clara Hecker wurde abgelöst durch Marie Margarf, die aus Neu-Trebbin bei Frankfurt/Oder stammte. Die Tochter des Großbau-ern Ferdinand Margraf und dessen Frau Friederike war offenbar vermögend und kaufte nicht nur die Privatklinik, sondern auch noch das angrenzende Nebengebäude Untere Maschstraße Nr. 15 zum Zweck der Erweiterung der Klinik. Gemeinsam mit Mathilde Reich löste sie sich vom Clementinenhaus. Beide betrieben als niedergelas-sene freiberufliche Pflegerinnen das Unternehmen auf eigene Verantwortung, eigene Rechnung und mit großem Erfolg. Von der Stadt Göttingen erwarb Marie Margraf das Bürgerrecht aufgrund der Tatsa-che, dass sie im Besitz eines Hauses war und ein bürgerliches Gewerbe selbständig ausübte. Als um 1890 im nordöstlichen Außenbezirk der Stadt ein neues Areal für Universitätskliniken ent-stand, waren die Pflegerinnen in der Lage Schritt zu halten. Mathilde Reich war die Bauherrin und Grün-derin der zeitgemäßen „Privatklinik Goßlerstaße 5“ mit 30 Betten. Inzwischen war nach § 30 der Gewer-beordnung zum Betrieb einer Privatkrankenanstalt eine Konzession der Bezirksregierung erforderlich. Diese erhielt Mathilde Reich uneingeschränkt, da „[…] die Person der Unternehmerin [Mathilde Reich] zu der Erwartung berechtigt, daß Leitung und Verwaltung treffliche sein werden“. Im Jahre 1890 erwarb Mathilde Reich ebenfalls das Bürgerrecht der Stadt. Auch am neuen Standort er-wiesen sich die beiden Pflegerinnen als kompetente Klinikvorsteherinnen. Nur wenige Jahre später ent-standen in der Nachbarschaft zwei weitere exklusive Schwesternkliniken: Neu-Mariahilf, der Neubau der Vinzentinerinnen unter Oberin M. Thekla Ahleme-yer (1824-1899)?, und Neu-Bethlehem, der Neu-bau der Diakonissenanstalt unter Hausmutter Marie von Trampe (1846-1908)?. Insgesamt sind in Göt-tingen bis 1900 sechs außeruniversitäre Kranken-häuser entstanden, die allesamt in den Händen von Krankenschwestern lagen. Aus unbekannter Ursache kam es zwei Mal zu ei-nem Wechsel der Besitzerinnen der Privatklinik Goßlerstraße 5. Mathilde Reich verkaufte sie Ge-winn bringend 1895 an Oberin Marie Bruns (1858-1932) aus Bremen, die sich wie ihre Cousine Anna Margarete van Delden (1858-1938)? dem von Frie-drich Zimmer (1855-1919)?1894 gegründeten Ev. Diakonieverein angeschlossen hatte. Anfang 1906 ging die Klinik in den Besitz von Diakonieschwester Oberin Annemarie Bandelow (1860-1947) über, die diese bis nach dem Ersten Weltkrieg halten konnte. Im Inflationsjahr 1922 sprang der Ev. Diakonie-verein ein und kaufte die Klinik auf Leibrentenbasis, so konnte Oberin Bandelow bis zu ihrem 73. Le-bensjahr 1933 die Leitung fortführen. Eine wissen-schaftliche Studie von 1927 ergab, dass hier, wo die Schwestern auf eigene Verantwortung pflegten, die postoperativen Lungenkomplikationen weit geringer langen als in der Universitätsklinik. Unter dem Na-men „Friedrich-Zimmer-Klinik“ bestand die Privat-klinik Goßlerstraße 5 bis 1973. Nachdem Mathilde Reich ihre Klinik verkauft hatte, verließ sie die Stadt. Eine größere Reise führte sie zunächst an die italienische Riviera, danach ließ sie sich in Tannenberg (Erzgebirge) nieder und zog 55-jährig weiter nach Darmstadt. Hier lebte sie unverheiratet bis zu ihrem Tod am 6. Oktober 1916. Ihre Partnerin Marie Margraf siedelte Ende 1897 in ihre Heimat Neu-Trebbin zurück. Weiter ist über sie nichts bekannt.

Literatur

Weber-Reich, Traudel: „Wir sind die Pionierinnen der Pflege…“ Krankenschwestern und ihre Pflegestätten im 19. Jahrhundert am Beispiel Göttingen (=Robert Bosch Stiftung, Reihe Pflegewissenschaft). Bern, Göttingen, Totonto, Seattle 2003. Dies.: Pflegen und Heilen in Göttingen. Die Diakonissenanstalt Bethlehem von 1866 bis 1966 (=Studien zur Geschichte der Stadt Göttingen, Bd. 22). Göttingen 1999

REICH.Mathilde

Version vom: 
2004-01-20

Zitation

T. Weber-Reich. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von T. Weber-Reich, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 3. hpsmedia, 2004. S. 231-232

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=686

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