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Forschungswelten 2019

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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: REHM, Amalie
REHM, Amalie
Artikel von: K. Wittneben
Erschienen in Band 3, Seite(n) 228-231.
 

Biographie

Amalie Rehm gehörte im 19. Jahrhundert zur er-sten Generation der Dia-konissenhaus-¬Oberinnen. Die Veröffentlichung der vom Anstaltsvorsteher Rektor Friedrich Meyer (1832 1891) verfassten Trauerrede im „Korres-pondenzblatt der Diako-nissen aus Neuendettel-sau“ Nr. 3/4 aus dem Jahr 1883 gibt einen auf-schlussreichen, nachdenklich stimmenden Einblick in das Leben dieser Diakonisse in leitender Position. Das Korrespondenzblatt der Diakonissen von Neu-endettelsau ließ der Begründer der „Diakonissen-anstalt Neuendettelsau“, Wilhelm Löhe (1808 1872)?, zur Pflege des Zusammenhalts der Schwe-stern seit 1858 drucken. Die Trauerrede auf Amalie Rehm im Korrespondenzblatt stellt für die Abfas-sung einer Lebensskizze eine zeitnahe Primärquelle dar, die durch Sekundärquellen mit den von Hans Lauerer verfassten Chroniken der Diakonissenanstalt Neuendettelsau angereichert werden kann. Amalie Eleonore Auguste Rehm wurde am 5. März 1815 als Tochter des Pfarrers in Steinheim bei Mem-mingen und späteren Kirchenrats und Dekans von Memmingen, Michael R., in Steinheim geboren. Sie war die Älteste von acht Geschwistern. Ihre formale Bildung wird nicht beschrieben, es wird jedoch übermittelt, dass sie ein „reichbegabtes und gut-geartetes Kind“ war. Als sie 18 Jahre alt war, ver-starb ihre Mutter. In dieser neuen Lebenslage musste sie bei den jüngeren Geschwistern die Mutterstelle vertreten und dem Vater in Memmingen den Haus-halt führen. Neben ihren Hausfrauenpflichten ver-folgte sie Erscheinungen und Entwicklungen auf kirchlichem Gebiet, sei es durch Lektüre oder per-sönliche Begegnungen mit Pfarrleuten und Missio-naren im väterlichen Haus. Auf diesem Wege fand sie Zugang zur Heidenmission und gründete, ange-regt durch den Baseler Missionar Zaremba, 1842 den über die Jahre sich gut entwickelnden „Verein für christliche weibliche Erziehung in den Heiden-ländern“. Die Entfaltung dieser Eigeninitiative bleibt in spä-teren Berichten über sie aus der Diakonissenanstalt Neuendettelsau gänzlich unerwähnt. So lässt sich aufgrund der herangezogenen Quellen auch nicht sagen, ob Amalie Rehm den Vorsitz des Vereins bekleidet hat oder zumindest daran beteiligt gewesen ist. Wenngleich von der unierten Baseler Mission angeregt, blieb sie der lutherischen bayerischen Landeskirche verbunden. Wilhelm Löhe war durch den Vikar Semm in Mem-mingen auf sie aufmerksam gemacht worden, als er sich mit dem Gedanken der Gründung eines Vereins für weibliche Diakonie befasste. 1853 fragte er brieflich bei ihr an, ob sie bereit sei, zu einer Be-sprechung über weibliche Diakonie nach Neuen-dettelsau, einem Dorf zwischen Nürnberg und Ans-bach, zu kommen. Sie kam und kehrte mit dem Ent-schluss, eine Aufgabe in Neuendettelsau zu über-nehmen, nach Hause zurück. Nachdem der zunächst noch zögernde Vater einge-willigt hatte, zog sie um Ostern 1854 von Mem-mingen nach Neuendettelsau. Hier war sie die zwei-te von drei Vorsteherinnen, mit denen und acht Schülerinnen Wilhelm Löhe am 9. Mai 1854 in das Gasthaus zur Sonne einzog. Noch im selben Jahr konnte am Ort ein neuerbautes Diakonissenhaus be-zogen werden, in das auch Kranke, Bedürftige und geistig Behinderte aufgenommen wurden. Als erste Vorsteherin war Karoline Rheineck (1811 1855), eine in Kaiserswerth angelernte Diakonisse, auser-sehen worden. Die dritte Vorsteherin war Helene von Meyer, die später eigene Wege ging. Im selben Jahr wurde der „Verein für weibliche Diakonie“ gegründet, der als der Ursprung der Diakonissen-anstalt Neuendettelsau betrachtet wird. Im Unterschied zur ihrem männlichen Vorgesetzten verfügte die um nur acht Jahre jüngere Vorsteherin Amalie Rehm zum Zeitpunkt der Neuendettelsauer Vereinsgründung bereits über eine zwölfjährige Er-fahrung in dem von ihr initiierten Verein für christ-liche weibliche Erziehung in den Heidenländern, einen Erfahrungsschatz also, von dem auch Wilhelm Löhe profitiert haben dürfte. Die von Amalie Rehm eingebrachten Erfahrungswerte bleiben jedoch in den aus der Perspektive von Kirchenmännern ver-fassten Berichten und Chroniken völlig ungewür-digt. Ihre erste Aufgabe in der Diakonissenanstalt, die nach Löhes Selbstverständnis vor allem eine Bil-dungsanstalt für Frauen zur Ausbildung christlicher Persönlichkeiten und eine Ausbildungsstätte für Krankenpflege sein sollte, bestand in der Wieder-holung des von Löhe erteilten Unterrichts, aber auch der Erteilung eigenen Unterrichts sowie in der Füh-rung der Anstaltskorrespondenz. Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass uns in Amalie Rehm eine frühe „Lehrerin für Pflegeberufe“ begegnet, deren Lehrtätigkeit allerdings stärker auf religiösem als fachlichem Gebiet gelegen haben dürfte. Die Neuendettelsauer Diakonissenschule wurde nach dem blauen Band, das die Schülerinnen am Kleid trugen, als „Blaue Schule“ bezeichnet. Die blaue Schürze und das blaue Umschlagtuch der Diakonissen führten dann zu der internen Bezeich-nung der „Blauen Schwestern“. Die Blaue Schule war ein Berufsvorbereitungslehrgang in Vollzeit-form, der vier bis fünf Monate dauerte. Nach dem frühen Tod Karoline Rheinecks rückte Amalie Rehm im August 1855 zur ersten Vorste-herin auf. Erst 1858 wurde sie als Diakonisse ein-gesegnet, und gleichzeitig erhielt sie den Titel einer Oberin. Bis dahin hatte sie als „Hausmutter“, quasi im Range einer Probeschwester, gewirkt. Das Amt zunächst der ersten Vorsteherin und später der Obe-rin hat Amalie Rehm fast 29 Jahre versehen. Als Vertreterin der Schwesternschaft hat sie bis 1872 Wilhelm Löhe und anschließend bis zu ihrem Tode seinem Nachfolger, dem um siebzehn Jahre jüngeren Theologen Friedrich Meyer (1832 1891) gedient. Meyer hat in seiner Parentation die nach seiner Auf-fassung wesentlichen Charakterzüge seiner Oberin, mit der er über zehn Jahre zusammengearbeitet hat-te, herausgestellt. Er attestiert ihr edle Einfachheit, herzliche Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, gleichmäßige Freundlichkeit, hohe Verständigkeit und Besonnenheit, große Treue und Pünktlichkeit sowie ein schönes Maß an Selbstüberwindung, und er fasst zusammen: „Einfach und schlicht war ihr Reden, ihr Tun und ihr Glaube“. In dieses von ei-nem durchgebildeten Theologen mit aristokratischer Orientierung gezeichnete Charakterbild sind wohl ebenso wahre Züge der Person Amalie Rehm wie auch Konturen eines Wunschbildes einer Diakonisse bzw. einer Frau aus Theologensicht eingeflossen. Tatsächlich hat aber Amalie Rehm gelegentlich auch selbst beklagt, dass es ihr schwergefallen sei, innere Gedanken zum Ausdruck zu bringen und in Worte zu fassen. Sie war wohl vor allem eine tief religiös empfindende Frau. Die von Friedrich Meyer gefun-dene Charakterisierung ist auf einer Gedenktafel im Gang des Mutterhauses verewigt worden: „Sie [Amalie Rehm] hat die Diakonissensache unter Leitung des seligen Vaters Löhe dahier mitbe-gründen helfen und diesem Hause durch fast 29 Jahre vorgestanden durch Dienen regierend eine Liebhaberin der Verborgenheit im Joche Christi freudig gehend unter Leiden arbeitend mit großer Treue klaren, hellen Geistes, freundlich maßvoll, bescheiden und stille ein Beispiel edler Einfach-heit, eine Siegerin über sich selbst“. Leicht gefallen ist Amalie Rehm die Wahrnehmung des Oberinnenamtes offenbar nicht. Das lag zum ei-nen daran, dass sie sich auf das innigste mit der Diakonissenanstalt verbunden fühlte, jederzeit für jeden ansprechbar war und selbst auf Reisen, auf de-nen sie Löhe nach Italien, in die Schweizer Berge oder ans Mittelmeer begleitete, nicht frei von Heim-weh blieb. Zum anderen hatte sich das Oberin-nenamt im Laufe der Jahre zu einer beträchtlichen Leitungsaufgabe ausgeweitet. Die Schwesternzahl war 1883, dem Jahr ihres Todes, auf 221 ange-wachsen, die in Dutzenden von Einsatzgebieten, Sta-tionen genannt, tätig waren, seit 1875 auch im Städ-tischen Krankenhaus Nürnberg. Zudem plagte sie eine chronische Schlaflosigkeit. Aus einem stillen Aufenthalt in der Nähe des Boden-sees berichtete sie 1864 von einem erquickenden Schlaf und wünschte sich, dass ihr die Wohltat des Schlafes erhalten bleiben möge, damit sie sich im Amt nicht „so müde und matt herumschleppen müsste“. Von ihrem Vorgesetzten Meyer, der sonst als ein seelsorgerlicher, milder Chef beschrieben wird, wurde ihre Schlaflosigkeit als ein „allnächt-liches Kreuz“ interpretiert, worunter wohl ein unab-wendbares, gottgewolltes Schicksal zu verstehen ist. Innerweltlich und sozial denkenden Menschen von heute muss diese für ihre Zeit typische, hingenom-mene Fraglosigkeit eines ernsthaften Krankheits-symptoms als wenig einfühlsam, ja sogar inhuman erscheinen. Ebenfalls voller Sympathie, aber letzt-lich ohne nachvollziehbares, entscheidendes menschliches Eingreifen wird Amalie Rehms jahre-lange Lungen und Herzschwäche erwähnt, der sie schließlich erlag. Am 18. Februar 1883 waren ihre Füße so stark angeschwollen, dass sie kaum noch stehen konnte, und obwohl sie sich sehr elend fühlte, schleppte sie sich noch bis zum Mittwoch hin, als sie endgültig das Bett aufsuchen musste. Ihr von qual-vollen Schmerzen erfülltes Krankenlager dauerte 19 Tage. In dieser Phase ließ sie ihre tiefe Verwurzelung im Glauben laut und deutlich erkennen. Als noch ein-mal alltägliche Fragen in ihre Sterbevorbereitung eindrangen sie hatte die Rechnungsbücher stets penibel geführt , soll sie diese Seite ihres Lebens inständig abgewehrt und sehnsuchtsvoll gefleht haben: „Ich will ja IHN, nur IHN!“ Amalie Rehm, die stille, unauffällige, duldsame erste Oberin der Diakonissenanstalt Neuendettelsau verstarb am 11. März 1883. Nachhaltige Spuren in der Anstaltsgeschichte scheint diese bescheidene, tiefreligiöse und von chronischer Schlaflosigkeit ermattete Frau nicht hin-terlassen zu haben. Im Unterschied zu ihrer sprach und schriftgewandten Nachfolgerin Therese Stählin (1840 1928), einer angeblich überragenden Persön-lichkeit, findet Amalie Rehm in den von Hans Lau-erer zum 70 jährigen und 100 jährigen Bestehen der Diakonissenanstalt Neuendettelsau verfassten Chro-niken sowie im Kaiserswerther Diakonis-sen Lesebuch von 1927 und im Diakonissenbuch von 1935 eine vergleichsweise schwache Würdi-gung. Obwohl mehr Lehr und Leitungs als Pflege-diakonisse verdient diese Frau auch in der Ge-schichte der Pflege mehr Beachtung als ihr bisher zuteil geworden ist. Sie hat immerhin schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als „Pflegema-nagerin“ Hunderte von Diakonissen in pflegerischen Einsatzgebieten, insbesondere auch der psychiatri-schen Pflege, betreut, beraten, beaufsichtigt und in ihrem Geist beeinflusst. Der Frage, was für Wege aus dem Geist der christ-lichen Pflege des 19. Jahrhunderts herausführen und in ein neues Selbstverständnis einmünden können, ist Johanna Taubert (1992) in ihrer Dissertation nachgegangen.

Literatur

Kaiserswerther Verband Deutscher Diakonissen Mutterhäuser (Hrsg.): Diakonissen-Lesebuch. Berlin Wilmersdorf 1927. Kaiserswerther Verband Deutscher Diakonissen Mutterhäuser (Hrsg.): Diakonissenbuch. Buchhandlung der Diakonissen Anstalt Düsseldorf Kaiserswerth, Düsseldorf-Kaiserswerth 1935. Lauerer, Hans: Die Diakonissenanstalt Neuendettelsau. Aus Geschichte und Gegenwart. Buchhandlung der Diakonissenanstalt, 2. Aufl., Neuendettelsau 1928. Lauerer, Hans: Die Diakonissenanstalt Neuendettelsau 1854 1954. Verlag der Evang. Luth. Diakonissenanstalt Neuendettelsau, Neuendettelsau 1954. Meyer, Friedrich: Am 14. März. Ein Wort zum Gedächtnis [an Amalie Rehml. Korrespondenzblatt der Diakonissen von Neuendettelsau 26 (1883) ¾, Seite 9 13. Taubert, Johanna: Pflege auf dem Weg zu einem neuen Selbstverständnis. Berufliche Entwicklung zwischen Diakonie und Patientenorintierung. Mabuse, Frankfurt am Main 1992. Trautwein, Selma: Therese Stählin. In: Kaiserswerther Verband Deutscher Diakonissen Mutterhäuser (Hrsg.): Diakonissenbuch. Buchhandlung der Diakonissenanstalt Düsseldorf Kaiserswerth, Düsseldorf Kaiserswerth 1935, Seite 166 172. Bildquelle: Lauerer, Hans: A.a.O.

REHM, Amalie

Version vom: 
2004-01-20

Zitation

K. Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von K. Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 3. hpsmedia, 2004. S. 228-231

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Permalink:
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