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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: MUCHA, Viktor
MUCHA, Viktor
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 7, Seite(n) 194-196.
 

Biographie

Viktor Mucha wurde am 8. Februar 1845 in Luka nad Jihlavou (deutsch: Wiese an der Igel) im Bezirk Jihlava (Iglau) in der Region Kraj Vysočina (Böh­misch-Mährische Höhe) in Tschechien geboren. Er studierte Medizin in Prag und promovierte dort auch 1869. Anschließend arbeitete er im Prager Irrenhaus und in der Landesfindelanstalt, wo er noch den Magister der Geburtshilfe erwarb. 1873 wurde er zum Kreisphysikus der Städte Königgrätz, Senf­tenberg und Grulich ernannt, bevor er am 7. Juni 1884 zum Direktor der Landesheilanstalt in Brünn (tschechisch: Brno; heute die zweit­größte Stadt Tschechiens und Verwaltungssitz des Jihomoravský kraj, der Südmährischen Region) berufen wurde.

Viktor Muchas berufliche Karriere führte ihn schließlich nach Wien, wo er in der Nach­folge von Friedrich Lorinser (1817-1895) am 20. November 1892 zunächst die Leitung des Wiener Krankenhauses übernahm und drei Jahre später von Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916) als Nachfolger von Karl Böhm zum Direktor des Wiener Allgemeinen Kran­kenhauses (AKH) – das 1784 mit 2000 Betten in der Alser Straße eröffnet worden war – berufen wurde. So wie er es bereits in Brünn eingeführt hatte, ließ er auch das Allgemeine Krankenhaus finanziell in Eigenregie ver­walten: „Mit der Übernahme des Spitals in Eigenregie hat sich Director Mucha eine un­geheure Arbeitslast aufgebürdet und die Spi­talskanzlei gleicht oft dem Bureau eines Großhandlungshauses. Lieferanten kommen und gehen, bringen Offerte, legen Muster vor und mit Jedem unterhandelt Director Mucha persönlich. Er überzeugt sich selbst von der Güte der Waren und der Speisen, des Ver­bandsmateriales und der Medicamente. Er sorgt für Küche und Keller, er bezieht, soweit es die Mittel zulassen, nur das Beste für seine Patienten und hat es zuwege gebracht, dass die Speisekarte des Krankenhauses möglichst viel Abwechslung biete, dass jedem Wunsche eines Kranken nach Genehmigung des behan­delnden Arztes willfahrt werden könne.“ Es erscheint verständlich, dass es hierbei über kurz oder lang zu Meinungsverschiedenheiten bis hin zum tiefen Zerwürfnis mit dem Präsi­dium der „K. K. Niederösterreichischen Statt­halterei“ wegen „auffallend hoher Ausgaben“ beziehungsweise der Notwendigkeit bezüg­lich von Schreibmaterialien, Verbandsstoffen und Medikamente kam.

Zahlreiche Einrichtungen im Wiener Allge­meinen Krankenhaus gehen auf die Initiative Victor Muchas zurück, darunter ein großer Bibliothekssaal, sowie die Schaffung eines Ärztesaales, in dem den „Doctores“ die Mahl­zeiten zu Regiekosten serviert wurden. Ob auch Krankenpflegerinnen dieses Angebot nützen konnten, ist nicht bekannt. Victor Mucha gilt als einer der Gründer der Kran­kenvolksküche mit Zentralstelle in der Thalia­straße 138. Von dort wurde den Kranken Speisen in ihre Wohnungen gebracht, zwei­fellos eine frühe Form von „Essen auf Rä­dern“, wie wir es heute kennen.

Neben einer immensen organisatorischen Aufbauleistung vor allem für die Universi­tätskliniken gelang es ihm, die im Jahr 1866 durch den lothringischen Priester Peter Viktor Braun (1825-1882)  gegründeten „Diene­rinnen des heiligsten Herzen Jesu“ – die 1873 eine Niederlassung in Wien mit einer Tocht­ergründung bei Köln gegründet hatten – für den Pflegedienst im Allgemeinen Kranken­haus zu gewinnen. Zu deren Unterbringung erwarb der K. K. Krankenanstaltenfonds ein Grundstück in der Spitalgasse, auf welchem ein Schwesternhaus errichtet wurde. Dieses Schwesternhaus war durch einen unterirdi­schen Gang mit dem ersten Hof des Allge­meinen Krankenhauses verbunden und wurde am 1. Juni 1899 in Betrieb genommen.

Trotzdem gelang es nicht, dem Pflegebedarf gerecht zu werden. Die Fertigstellung der beiden Frauenkliniken in den neuen Gebäu­den des Allgemeinen Krankenhauses in Wien, die für das Jahr 1908 erwartet wurde, hatte das bereits dringende Problem der Pflegeaus­bildung aktualisiert. Zwar hatte der Minister des Innern schon im Jahre 1869 angeordnet, dass zur Heranbildung des weiblichen „Wart­personals“ eine dreimonatige Lernzeit vorzu­sehen sei und dass durch Einführung von „Matronen (Präfektinnen)“ das Niveau des Pflegedienstes gehoben werden solle, doch erwiesen sich beide Maßnahmen als unzu­reichend, nicht zuletzt deshalb, weil Frauen aus dem gebildeten Mittelstand für den Pfle­gedienst nicht zu gewinnen waren. Zwar war es 1882 dem Chirurgen Theodor Billroth (1829-1894)  gelungen, am Wiener Ru­dolfinerkrankenhaus eine Pflegerinnenschule zu gründen, die einen sehr guten Ruf hatte, doch blieb die Zahl der dort Ausgebildeten vorerst beschränkt.

Viktor Mucha richtete daher als Direktor im Jahre 1903 erstmals Unterrichtskurse mit all­gemeinen Vorträgen und fachspezifischen Lehrplänen für das Wartpersonal ein. Der Unterricht wurde zweimal wöchentlich von 17 bis 18 Uhr abgehalten und war ein erster Schritt hin zur Etablierung einer geregelten Ausbildung. In Anlehnung an das „Rudol­finerhaus“ versuchte Viktor Mucha im All­gemeinen Krankenhaus eine ähnliche Institu­tion einzurichten. Wenngleich die Wichtigkeit einer solchen Einrichtung erkannt worden war, sah die öffentliche Hand zunächst keine Notwendigkeit, finanzielle Unterstützung für eine Krankenpflegeschule bereitzustellen. Schließlich konnte Mucha – durch private Geldgeber ermöglicht – am 10. August 1904 mit Zustimmung des Ministeriums des Innern in der neuen Heilstätte für Lupuskranke (einer Einrichtung zur Behandlung von Hauttuber­kulose) ein kleines „Krankenpflegerinnen-Institut für die k. k. Krankenanstalten“ zur Ausbildung von Krankenschwestern eröffnen, das unter der Aufsicht der Oberin Marie Auer (1871-1908)  – die am 31. Dezember 1907 den jüngsten Sohn Viktor Muchas, den Bahnbeamten Fritz Mucha, heiratete – stand. Dieses sollte sowohl die Ausbildung der Pfle­gerinnen als auch ihre Versorgung überneh­men. Im ersten Jahr war vorgesehen, die Schülerinnen mit den Einrichtungen des Krankenhauses vertraut zu machen und gleichzeitig in einem theoretisch-praktischen Kurs in der Krankenpflege zu unterweisen. Im zweiten Jahr sollten sie dann an den Abtei­lungen mitarbeiten. Aufgrund ihrer Ausgeh­tracht, bestehend aus einem blauen Kleid, einer weißen Schürze, einem blauen Mantel und einem ebenso farbigen Haube, nannten sich diese Pflegerinnen – bis weit in die 1950er Jahre hinein – „Blaue Schwestern“.

Allerdings war es Viktor Mucha nicht gelun­gen, die Institution zu etablieren. Erst 1913 wurde sein Nachfolger, Hofrat Dr. med. Edu­ard Meder (1862-1937), der dem AKH vom 1909 bis 1935 als Direktor vorstand, damit beauftragt, für die Errichtung einer Kranken­pflegeschule mit Internat zu sorgen. Am 22. November 1913 wurde schließlich die Kran­kenpflegeschule des Wiener k. K. Krankenan­staltenfonds von Kardinal Friedrich Gustav Piffl (1864-1932) feierlich eingeweiht und vom Innenminister mit dem Hinweis, „daß die Errichtung dieser Schule den ersten sichtbaren Schritt auf dem Wege der planmäßigen Aus­gestaltung des Krankenpflegewesens bedeute, das in Österreich der Entwicklung der Heil­kunde bisher zu folgen nicht vermochte“, als erste staatliche Krankenpflegeschule Öster­reichs eröffnet. Während mit der Leitung der Schule, die am 13. November 1913 mit 26 weltlichen und mit 10 geistlichen Schülerin­nen den Betrieb aufnahm, Eduard Meder be­auftragt wurde, dem Oberin Helene Gräfin Sternberg (1879-1966)  zur Seite stand, übernahmen Ärzte des Allgemeinen Kran­kenhauses wie Prof. Dr. med. Jakob Pál (1863-1936)  und Prof. Dr. med. Ludwig Adler (1876-1858)  den Unterricht.

Das Auftreten der Pest im Allgemeinen Kran­kenhaus Wien hatte unterdessen zu schweren Vorwürfen gegen Viktor Mucha geführt, in deren Folge er am 30. Juni 1909 in den Ruhe­stand ging. Viktor Mucha zog sich zu seinem Sohn nach Lilienfeld (in Niederösterreich) zurück und verstarb dort am 6. Oktober 1919. In Erinnerung an den Reformer der Wiener Krankenanstalten wurde die Mooslackengasse in Wien (Neustift am Walde) im Jahre 1978 in „Muchagasse“ umbenannt.


Literatur

Bundesministerium für Soziale Verwaltung (Hrsg.): Wiener Allgemeines Krankenhaus 1784-1934. Ge­denkschrift. Tyrolia-Verlag. Innsbruck, Wien, München 1935.

Daucher, Johanna / Riha, Georg: Das Wiener Allge­meine Krankenhaus, Universitätskliniken. Voest-Alpine-Medizintechnik, Wien. Wien [1994], Seite 35-40.

Dorffner, Gabriele: „... ein edler und hoher Beruf“. Zur Professionalisierung der österreichischen Kranken­pflege. Vier-Viertel-Verlag. Strasshof 2000, Seite 85-89, 233.

Fürstler, Gerhard: Zur Geschichte der beruflichen Ge­sundheits- und Krankenpflege in Österreich. In: Kemetmüller, Eleonore / Fürstler, Gerhard (Hrsg.): Berufsethik, Berufsgeschichte und Berufskunde für Pflegeberufe. Facultus Universitätsverlag. Wien 2013, Seite 155-215.

Niederösterreichisches Landesarchiv (NÖLA) (Land­hausplatz 1, A-3109 St. Pölten): Best. Promemoria-Mucha.

Pilz, Katrin: Die Institutionalisierung der Radiologie in Wien 1895-1930. Eine Bildgeschichte. Magisterar­beit. Wien 2010, Seite 105, 107, 143.

Schweikardt, Christoph: Berufliche Entwicklung der Krankenpflege in Deutschland, Österreich und der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert. In: Hähner-Rombach, Sylvelyn (Hrsg.) unter Mitarbeit von Christoph Schweikardt: Quellen zur Geschichte der Krankenpflege. Mit Einführungen und Kommenta­ren. Mabuse-Verlag. Frankfurt am Main 2008, Seite 129-150.

Tragl, Karl Heinz: Chronik der Wiener Krankenan­stalten. Böhlau Verlag. Wien, Köln, Weimar 2007, Seite 107, 222-223.

Walter, Ilsemarie: Pflege als Beruf oder aus Nächsten­liebe? Die Wärterinnen und Wärter in Österreichs Krankenhäusern im „langen 19. Jahrhundert“ (Ma­buse-Verlag Wissenschaft, Band 77). Mabuse-Ver­lag. Frankfurt am Main 2004.

Walter, Ilsemarie: Zur Pflege in Österreichs Kranken­häusern im 19. Jahrhundert. In: Österreichische Pflegezeitschrift, Heft 12, 2004, Seite 20-25.

Walter, Ilsemarie: Zur beruflichen Pflege in Österreich 1784 bis 1914. Wärterinnen und Wärter in öffentli­chen Krankenhäusern. In: Walter, Ilsemarie / Seidl, Elisabeth / Kozon, Vlastimil (Hrsg.): Wider die Ge­schichtslosigkeit der Pflege. ÖGVP-Verlag. Wien 2004, Seite 25-44.

Walter, Ilsemarie: Krankenpflege in Österreich 1784-1938. Wunschbilder und Realität. In: Braun­schweig, Sabine (Hrsg.): Pflege – Räume, Macht und Alltag. Beiträge zur Geschichte der Pflege. [7. Internationaler Kongress zur Geschichte der Pflege am 17. März 2006 an der Universität Basel]. Chro­nos Verlag. Zürich 2006, Seite 29-38.

www.alumni-meduniwien.at/news/medizin+im+bild/ die+geburtstags-kassette/ (Medizinische Universität Wien: Viktor Mucha) [29.11.2014].

www.heurigenkaffee.at/strassennamen/m.htm [29.11. 2014].

www.wienkav.at/kav/ausbildung/allgemein/akh/ZeigeText.asp?ID=7077 (Foto: Hofrat Dr. Viktor Mucha, ärztl. Direktor 1896-1909 [29.11.2014]).

www.wienkav.at/kav/ausbildung/allgemein/akh/ZeigeText.asp?ID=7033 (Das Pflegeinstitut der „blauen Schwestern“ [29.11.2014]).

Bildquelle: www.wienkav.at/kav/ausbildung/allge mein/akh/ZeigeText.asp?ID=7077 [29.11.2014].

MUCHA, Viktor

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 194-196

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Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=458

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