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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: MORGENTHALER, Walter
MORGENTHALER, Walter
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 7, Seite(n) 188-193.
 

Biographie

Walter Morgenthaler wurde am 15. April 1882 in Ursenbach im schweizerischen Kan­ton Bern geboren. Sein Vater Christian Niklaus Morgenthaler (1853-1928), Geome­ter, Ingenieur, Regierungsrat und Baudirektor, gehörte dem Ständerat an und war Direktor der Emmentalbahn, seine Mutter Anna Bar­bara (1852-1908) war die Tochter des Krä­mers von Ursen­bach, Samuel Witt­wer (1824-1886).

Morgenthaler wuchs mit seinen Brüdern Ernst und Otto im Oberaargau auf und ging in Kleindietwil zur Primarschule. Nachdem seine Fa­milie 1897 nach Bern gezogen war, besuchte er das Progym­nasium und Gymnasium, bevor er dort 1902 das Studium der Medizin begann. Das letzte Studienjahr verbrachte Morgenthaler in Zü­rich, wo er 1908 das medizinische Staatsexa­men ablegte.

Zunächst arbeitete Morgenthaler als Assis­tenzarzt in der Bernischen kantonalen Irren­anstalt Waldau. Nachdem er dort 1909 mit einer Arbeit über „Blutdruckmessungen bei Geisteskranken“ zum Doktor der Medizin promoviert hatte, besuchte er die psychiatri­schen Kliniken in München und Berlin, wo er die Psychiater Emil Kraepelin (1856-1926) und Hermann Oppenheim (1858-1919) ken­nenlernte. Ab 1910 arbeitete er in der Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt in Basel wieder als Assistenzarzt, ab 1912 in der Heilanstalt Münsingen bei Bern und 1913 in der Anstalt Waldau als Oberarzt. Nachdem er 1915 eine Arbeit über das „Bernische Irrenwesen“ ver­öffentlicht und sich 1918 für Psychiatrie an der Universität Bern habilitiert hatte, über­nahm er 1920 als Chefarzt die Leitung der privaten Nervenheilanstalt Münchenbuchsee. Im Jahre 1925 eröffnete Morgenthaler eine Privatpraxis für Psychotherapie und Ehebe­ratung in Bern. Seit 1940 lebte und arbeitete er in Muri bei Bern, wo er am 1. April 1965 verstarb.

Mit der Veröffentlichung der Krankenge­schichte des schizophrenen Künstlers Adolf Wölfli (1864-1930) im Jahre 1921 machte Morgenthaler auf den Wert künstlerischer Beschäftigung als Heilmittel in der Betreuung psychiatrischer Patienten aufmerksam. Außerdem setzte er sich für die Verbreitung der psychodiagnostischen Methode von Her­mann Rorschach (1884-1922), des Ror­schachtests (Interpretation von Klecksbil­dern), ein. 1942 gründete er die Schweizeri­sche Gesellschaft für Psychologie und gab ab 1942 die Schweizerische Zeitschrift für Psy­chologie und ihre Anwendungen heraus. Ver­suchen deutscher Berufsverbände, ihn in die Nazi-Ärzteschaft zu integrieren, widersetzte sich Morgenthaler erfolgreich.

Die von Walter Morgenthaler im Kontext seiner 1918 erschienen Habilitationsschrift „Übergänge zwischen Zeichnen und Schrei­ben bei Geisteskranken“ gesammelten Kunst­gegenstände bilden ein Herzstück der „Stif­tung Psychiatrie-Museum Bern“. Heute um­fasst die Sammlung rund 5.000 bildnerische Werke: 2.500 Bilder (Zeichnungen, Aqua­relle, Ölbilder und Collagen), 1.500 Text­blätter (davon 2/3 in deutscher und 1/3 in französischer Sprache) sowie viele Arbeiten aus Holz, Stoff, Ton, Metall und anderen Materialien.

Im Hinblick auf die Pflegegeschichte verdient Walter Morgenthaler vor allem Beachtung wegen seinem lebenslangen Bemühen um eine Verbesserung der Pflegeausbildung in der Psychiatrie. In einer Vielzahl von Veröf­fentlichungen, etwa in der seit 1922 erschei­nenden „Kranken- und Irrenpflege“ („Zeit­schrift zur Berufsbildung und zur Vertretung der wirtschaftlichen und sozialen Interessen des in den schweizerischen Kranken- und Versorgungsanstalten beschäftigten Personals = Gazette des hôpitaux et des hôpitaux psy­chiatriques. Organe consacré ? la formation professionnelle du personel des services hos­pitaliers suisses et ? la sauvegarde de ses intét?ts économiques et sociaux, herausgege­ben vom Kartell des Anstaltspersonals des Schweizerischen Verbandes des Personals öffentlicher Dienste“), für deren Erscheinen er sich gegenüber seinen skeptischen Kolle­gen stark gemacht hatte, propagierte er nicht nur die Aus- und Weiterbildung der Pflege­kräfte, sondern setzte sich auch für die Ein­führung eines verbindlichen Lehrplanes sowie die bessere Bezahlung des Pflegepersonals ein.

Bereits während seiner Assistenzarztzeit in der Waldau hatte Walter Morgenthaler seit 1908 damit begonnen, zunächst einzelne Wartpersonen zu schulen und später in Grup­pen zu unterrichten. In seiner Schrift „Bildung und Ausbildung beim schweizerischen Pfle­gepersonal für Gemüts- und Geisteskranke“ (Bern 1934) schreibt er hierzu: „Dabei ent­deckte ich bald nicht nur, dass der Durch­schnitt bildungsfähiger war als man im All­gemeinen glaubte, sondern dass die meisten sehr dankbar dafür waren, dass man sich mit ihnen abgab.“

Die Skepsis gegenüber dem Interesse und der Lernfähigkeit des aus der Unterschicht stam­menden Wartpersonals war für viele Ärzte bezeichnend. Viele Psychiater fürchteten, dass ein Halbwissen gefördert und geschultes Personal ihre Autorität hinterfragen würde. In Erinnerung an seine Assistenzarztzeit in den Anstalten Friedmatt und Münsingen hielt Morgenthaler hierzu fest: „Skepsis und Be­sorgnis aber, man könnte das Personal zu ‚ge­scheit‘ und damit zu anspruchsvoll machen und eine Masse anderer Einwände fanden sich vor allem bei älteren Oberärzten und in einer Anstalt auch beim Oberpflegepersonal.“

Vor 1920 war das Wartpersonal in der Schweiz nur in wenigen Heil- und Pflegean­stalten unterrichtet worden, so gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeitweilig durch Prof. Dr. med Ludwig Wille (1834-1912) ?p. Aufgrund eines Fragebogens, den die „Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie“ (SGP) 1920 an alle Anstalten verschickt hatte, formulierte die Anstaltskommission mit ihrem Präsidenten Walter Morgenthaler eine Reso­lution über die Wünschbarkeit einer Ausbil­dung des Personals, die an einer Versamm­lung der SGP angenommen wurde. Anstalten sollten demnach Kurse organisieren und den Absolventen einen hauseigenen Fähigkeits­ausweis aushändigen. Das geplante „Wärter­diplom“ sollte unterdessen nur gut qualifi­zierten Pflegepersonen überreicht werden.

Zwischenzeitlich hatte Morgenthaler auf der Grundlage der Krankenpflegeausbildung ei­nen aus zwei Teilen bestehenden Lehrplan ausgearbeitet. Der erste Teil unter dem Titel „Krankenpflege und Samariterkurs mit Be­ziehung auf unsere speziellen Verhältnisse“ umfasste die Theorie mit 20 Lektionen in „Bau und Verrichtungen des menschlichen Körpers, mit Demonstrationen am Skelett und Lebenden, event[uell] Sektionen“, Erster Hilfe, Gesundheitslehre und Krankenpflege. Im praktischen Teil (20-40 Stunden) wurden Krankenpflege (Lagerung, Reinhaltung, Nah­rung und so weiter), Krankenbeobachtung (Allgemeines, Temperatur, Puls), die Ausfüh­rung ärztlicher Verordnungen (Arzneien, Um­schläge, Wickel, Bäder, Einreibungen, Klis­tiere, Massage und so weiter) und Desinfek­tion sowie Verbandslehre vermittelt. Der zweite Teil war der „Irrenpflege“ gewidmet. Der theoretische Teil von 18-20 Lektionen führte dabei in den „Bau und Funktion des gesunden und kranken Nervensystems, mit Demonstrationen“, in die „Erscheinungen des Irreseins“, die Beobachtung Geisteskranker, die Pflege und die Arbeitstherapie ein. Eine Lektion beschäftigte sich auch mit der Ge­schichte und Einrichtung der Anstalt. Im praktischen Teil waren 20-30 Stunden vorge­sehen: Krankenbeobachtung sowie die spezi­elle Pflege, „Anfassen, Transport, Erregte, Negativistische, Selbstgefährliche, Gemeinge­fährliche, Idioten, Untersuchungsfälle usw: Fütterung von Nahrungsverweigerern“ und die körperlichen Krankheiten bei Geistes­kranken. Das sogenannte Rapportwesen, dem für die Behandlungsentscheide der Psychiater wesentliche Bedeutung zukam, wurde theore­tisch und praktisch unterrichtet. Schließlich wurden zwei bis drei Stunden auf die „Cha­rakterlehre und -erziehung“ aufgewendet. In ergänzenden Bemerkungen machte Morgen­thaler zudem Vorschläge zu inhaltlichen und didaktischen Fragen, zur Kursgestaltung und zu einem abschließenden Examen, welches das bestehende „Wärterdiplom“, das als An­erkennung für treue Dienste eingeführt wor­den war, ablösen sollte.

In verschiedenen Anstalten wurde daraufhin ab 1925 mit Ausbildungskursen begonnen, die auf dem von der SGP verabschiedeten Lehrplan basierten. Erste Prüfungen fanden 1927 statt, wobei die Mitglieder der neu ge­bildeten Prüfungskommission, einer Arbeits­gruppe der Anstaltskommission unter Vorsitz von Walter Morgenthaler, die Prüfungen ab­nahmen. Da ein Schweizer Lehrbuch der Psy­chiatriepflege bis dahin nicht vorlag, wurden vor allem auf den „Grundriss der Kranken­pflege“ von Friedrich Brunner (1858-1940)  und den „Leitfaden für Irrenpfleger“ von Ludwig Scholz (1868-1918)  sowie die „Geisteskrankenpflege“ von Valentin Faltl­hauser (1876-1961) ?p zurückgegriffen.

Dieses Desiderat aufgreifend gab Walter Morgenthaler 1930 im Auftrag der Schweize­rischen Gesellschaft für Psychiatrie (SGP) das Buch „Die Pflege der Gemüts- und Geistes­kranken. Lehr- und Handbuch für das Pflege­personal“ heraus, das bis 1962 sechs Mal in revidierter und erweiterter Fassung aufgelegt (1. Auflage 1930, 2 Auflage 1931, 3. Auflage 1936, 4. Auflage 1941, 5. Auflage 1949, 6. Auflage 1954 und 7. Auflage 1962) wurde, wobei Morgenthaler Unterstützung bei der sechsten Auflage 1954 durch Oskar Wanner (1920-2009) und bei der siebten Auflage durch Fred Singeisen (1909-1982) erfuhr.

Von dem Lehrbuch, das während Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum das wichtigste Unterrichtsmittel in den Ausbildungsgängen war, erschien 1930 auch eine französische Ausgabe („Le traitement des malades nerveux et mentaux“), die der Schweizer Psychiater Oscar Louis Forel (1891-1982) übersetzt hatte. Neben einer italienischen Ausgabe 1934 („L'assistenza dei malati di mente. Ma­nuale teorico-pratico ad uso degli infermieri“) von Bruno Manzoni (1876-1957), dem lang­jährigen Direktor der Anstalt Casvegno in Mendrisio, erschien 1936 auch eine von G. Capó Balle übersetzte spanische Ausgabe („Manual del enfermero para pacientes nervi­osos y mentales“).

In dem von Michael Fischer (1887-1948) , später dann von Hubert Reinartz (1899-1953)  beziehungsweise Bernhard Rüther (1913-1980)  redigierten Fachzeitschrift „Krankendienst. Zeitschrift für katholische Krankenhäuser und Pflegekräfte“ wurde 1930 das Buch „Die Pflege der Gemüts- und Geis­teskranken“ wie folgt vorgestellt: „Das Buch, das als Lehrbuch gedacht ist, aber auch als Nachschlagewerk wertvolle Dienste leistet, will in erster Linie die notwendigen Berufs­kenntnisse vermitteln, ferner auf die Grenzen des Wissens und die Berufsschwierigkeiten aufmerksam machen und endlich die Charak­tereigenschaften wecken und fördern, die für die Pflege bei Geisteskranken besonders not­wendig sind. Es behandelt den gesunden und kranken Menschen, während der größere Ab­schnitt der eigentlichen Pflege gewidmet ist. Auch die moderne Außenfürsorge findet ein­gehende Behandlung. Eine gewaltige Stoff­menge ist hier verarbeitet worden, fachlich und unter restloser Verwendung der neuesten Ergebnisse in der Psychiatrie wie auch der Pflegetechnik. Seltene Klarheit und Über­sichtlichkeit bei Ausschaltung alles Überflüs­sigen zeichnen dieses Werk, das wir als eine Musterleistung seiner Art bezeichnen dürfen.“

Seit 1922 erschien in der Schweiz zweispra­chig auf Deutsch und Französisch die Mo­natsschrift „Kranken- und Irrenpflege“. Wäh­rend die redaktionelle Verantwortung für den gewerkschaftlichen Teil bis 1926 in Händen von Josef Henggeler (1889-1950), Präsident des Anstaltskartells und danach von Hans Oprecht (1894-1978), Präsident und Zentral­sekretär des Verbandes des Personals öffent­licher Dienste (VPOD), lag, übernahm Walter Morgenthaler als gewählter Vertreter des Vereins schweizerischer Irrenärzte (VSI), der sich 1920 in Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie“ (SGP) umbenannt hatte, den fachliche Teil mit psychiatrischen und pflege­rischen Themen.

In seinen Grundsatzartikeln „Die Stellung des Pflegepersonals für psychisch Kranke zur allgemeinen Krankenpflege“ (1925) und „Der Standpunkt unseres Personals zur Stellung des Pflegepersonals für psychisch Kranke zur allgemeinen Krankenpflege“ (1926) themati­sierte Morgenthaler etwa die individuellen Handlungsspielräume des Pflegepersonals. Dabei forderte er, dass die ärztlichen Anord­nungen zwar „peinlich genau aufgefasst und im Gedächtnis behalten werden“ müssten, aber bei den Kranken „absolut nicht starr und sklavisch durchgeführt werden“ dürften. Das psychiatrische Pflegepersonal benötige eine große „Anpassungsfähigkeit und Vielseitig­keit in der Durchführung der Aufgabe und in der Wahl der Mittel“. Im psychiatrischen Pflegealltag könnten sich jederzeit Situatio­nen ergeben, in der die „ursprünglichen An­ordnungen des Arztes nicht mehr pedantisch durchgeführt werden“ könnten. Deshalb müsse die psychiatrische Pflegeperson von sich aus „die Anordnungen abändern, unter­lassen oder ganz neue treffen, alles in mög­lichst restloser Anpassung sowohl an die ver­änderte momentane Lage wie auch an die Intentionen und ursprünglichen Anordnungen des Arztes“. Damit stehe dem Pflegepersonal „eine viel grössere Freiheit der Handlungs­fähigkeit“ zu. Die Fähigkeit, in jedem Mo­ment abzuwägen, ob so oder anders zu reagie­ren sei, also die Handlungsmöglichkeiten aus­zuloten, den Spielraum zu nutzen, sei gera­dezu eine Bedingung der Psychiatriepflege. Mögliche Fehlentscheidungen und entspre­chende Konsequenzen diskutierte Morgent­haler unterdessen nicht. Vielmehr verschlei­erte er das zwischen Arzt und Pflegeperson bestehende Abhängigkeitsverhältnis und ver­mittelte den Eindruck, dass beide in ihren Handlungen gleichberechtigt wären, was be­dingt durch die Anstaltshierarchie und die ärztlichen Machtbefugnisse keineswegs der Realität entsprach.

In seinem bereits zitierten Beitrag „Die Stel­lung des Pflegepersonals für psychisch Kranke zur allgemeinen Krankenpflege“ setzte sich Morgenthaler auch mit den unter­schiedlichen Anforderungen an die „Kran­kenpflegerinnen“ und das „Psychiatriepflege­personal“ auseinander. Hierbei trat er der Meinung entgegen, „ausgebildetes und tüchti­ges Pflegepersonal für körperlich Kranke eigne sich ohne weiteres auch für die Pflege psychisch Kranker“, und betonte, dass dies „vollständig falsch“ sei. Seines Erachtens bestand ein grundlegender Unterschied in der „Einstellung zum Technischen“. Pflegever­richtungen wie „Instrumentieren, Asepsis, Narkose, Verbände, Blutstillung, künstliche Atmung“ verlangten „eine grosse Menge exakten Wissen“ in Anatomie, Physiologie und Arzneimittellehre, so dass „etwas Tech­nisch-Sicheres, etwas Selbstverständlich-Ord­nendes, Exaktes“ in das Wesen der Kranken­schwester gelangte, das ihr „eine natürliche Überlegenheit“ über den Kranken gebe. Für die Psychiatriepflege hingegen seien „exakte Kenntnisse“ und „Technik“ weniger von Be­deutung, wenngleich die Pflegenden die wichtigsten Prinzipien bei ansteckenden Krankheiten, Maßnahmen der Ersten Hilfe bei Notfällen, insbesondere bei „Blutungen, Er­stickungszuständen, Vergiftungen, Kollapsen usw.“ sowie der medikamentösen und Bäder­behandlung kennen müssten. Das Psychiatrie­pflegepersonal müsse zwar auch an eine „peinliche Ordnung gewöhnt“ werden wie die Krankenpflegerinnen, nur bedeutete dies beim psychisch erkrankten Menschen etwas ande­res. So benötige das Psychiatriepflegepersonal „eine grössere Einfühlungs- und Anpassungs­fähigkeit“, „eine grosse aber nicht pedanti­sche Zuverlässigkeit in der Durchführung von Anordnungen und Vielseitigkeit der Metho­den.“ Von daher sollten nach Ansicht von Morgenthaler die Pflege körperlich Kranker und diejenige psychisch Kranker „zwei ver­schiedene Berufe“ sein. Von daher müsse eine diplomierte Psychiatriepflegerin, die in ein Krankenhaus wechseln wolle, die gesamte Krankenpflegeausbildung nachholen. Umge­kehrt könne einer diplomierten Kranken­schwester „auf begründetes Gesuch hin“ unter Umständen ein Teil der theoretischen Ausbil­dung erlassen werden, nicht aber die Praktika in der psychiatrischen Anstalt, denn Un­glücksfälle wie etwa Suizide könnten kaum mit einer in der Psychiatrie unerfahrenen Krankenschwester verhindert werden. Es sei nicht recht, wenn Kranke und Personal „büs­sen“ müssten und Vorgesetzte „aus mangel­hafter Einsicht in die tatsächlichen Verhält­nisse“ falsche Anordnungen treffen würden.

In seiner Forderung nach zwei unabhängigen Pflegeberufen wurde Morgenthaler von Kol­legen unterstützt, insbesondere von Arthur Kielholz (1879-1962) ?p, Anstaltsleiter von Königsfelden, und Charles Bach, Leiter der privaten Anstalt Sonnenhalde in Riehen bei Basel.

Die Anstaltskommission der „Schweizeri­schen Gesellschaft für Psychiatrie“ (SGP), das Anstaltskartell des „Verbandes des Perso­nals öffentlicher Dienste“ (VPOD) und der 1925 gegründete „Schweizerische Verband des Personals für Nerven- und Gemüts­kranke“ (SVPNG) waren in der Schweiz von­seiten der Anstalten die wichtigsten Akteure bei der Organisierung und Professionalisie­rung der Psychiatriepflege. 1934 gründeten sie die „Schweizerische Zentralstelle des Pflegepersonals für Gemüts- und Geistes­kranke“, deren Geschäftsstelle sich mit Bil­dungsfragen des Personals befasste, die Prü­fungen vorbereitete, die Diplome ausstellte, eine Stellenvermittlung führte und an der Be­rufszeitschrift „Die Kranken- und Irren­pflege“ mitwirkte. Ende 1937 führte die Zent­ralstelle unter dem diplomierten psychiatri­schen Pflegepersonal eine Umfrage durch, ob Interesse an der Mitgliedschaft in einem „Bund des diplomierten Pflegepersonals für Gemüts- und Geisteskranke“ bestehe. Die Idee hierzu stammte von Walter Morgentha­ler, der analog zum Schweizerischen Kran­kenpflegebund, dem Berufsverband der Kran­kenpflege, einen entsprechenden für die Psy­chiatrie aufbauen wollte. Obwohl fast 200 diplomierte Psychiatriepflegepersonen aus 37 privaten und staatlichen Anstalten für einen solchen „Bund“ votierten – 64 sprachen sich dagegen aus –, entschied die SGP-Anstalts­kommission, einen anderen Weg einzuschla­gen und eine Arbeitsgemeinschaft der SGP und der Personalverbände aufzubauen. So konstituierte sich am 8. Dezember 1938 in Form eines Vereins die „Schweizerische Zentralstelle des Pflegepersonals für Gemüts- und Geisteskranke (Personalzentrale)“.

Neben seinem Engagement für die Ausbil­dung des „Psychiatriepflegepersonals“ veröf­fentlichte Walter Morgenthaler im Jahre 1932 auch eine Broschüre über „Psychologische Fragen der Säuglingsschwester und des Wo­chenbettes“, die 1937 unter dem Titel „Probl?mes psychologiques ? l'usage des in­firmi?res d'hygie maternelle et infantile“ auch in französischer Sprache erschien.


Literatur

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Braunschweig, Sabine: Zwischen Aufklärung und Betreuung. Berufsbildung und Arbeitsalltag der Psychiatriepflege am Beispiel der Basler Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt, 1886-1960. Chronos Ver­lag. Zürich 2013.

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Braunschweig, Sabine: „Die Männer haben immer dominiert.“ Die ersten Frauen im Basler VPOD. In: Verband des Personals öffentlicher Dienste (Hrsg.): „Und dass nur ein Mittel dagegen hilft, nämlich die Organisation“. VPOD Sektion Basel 1891-1991. Basel 1991, Seite 7-16.

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Forel, Oscar Louis: Le traitement des malades nerveux et mentaux. Verlag Huber. Bern 1930.

Forel, Oscar Louis: Manual del Enfermero para pa­cientes nerviosos y mentales. Salvat Editores. Barcelona 1936.

Keller, Willy (Hrsg.): Schweizer Biographisches Ar­chiv, Band 2. EPI Verlag Internationaler Publikati­onen. Zürich, Lugano, Vaduz 1952, Seite 86 und Seite 203.

Knechtle, Eva: Walter Morgenthaler (1882-1965) als Pionier der Ausbildung des Psychiatrie-Pflegeper­sonals in der Schweiz. Hochschulschrift (Medizini­sche Dissertation der Medizinischen Fakultät der Universität Bern). Bern 1992.

Lienert, Meinrad / Nydegger, Andreas: Walter Mor­genthaler und das bildnerische Schaffen der Geis­teskranken: die Bemühungen des Psychiaters Dr. Walter Morgenthaler um das Malen und Zeichnen Geisteskranker, dargestellt an Werken fünf ausge­wählter Patienten, und der weitere Verlauf der Ar­beits- und Gestaltungstherapie bis zur Eröffnung des Waldaumuseums im Jahre 1993. Medizinhisto­rische Institut der Universität Bern. Bern 1995.

Manzoni, Bruno: L'assistenza dei malati di mente. Manuale teorico-pratico ad uso degli infermieri. Edito sotto gli auspici della Società Svizzera di Psichiatria. Lugano 1934.

Morgenthaler, Walter: Die Behandlung Geisteskranker in alter und neuer Zeit. Vortrag, gehalten von Dr. W. Morgenthaler an der Hauptversammlung des Hülfsvereins für Geisteskranke in Bern [am 18. Mai 1915]. Verlag Stämpfli & Cie. Bern 1915.

Morgenthaler, Walter: Bernisches Irrenwesen, Von den Anfängen bis zur Eröffnung des Tollhauses 1749. Verlag Grunau. Bern 1915 (147 Seiten).

Morgenthaler, Walter: Ein Geisteskranker als Künstler. Adolf Wölfli (Arbeiten zur angewandten Psychiat­rie, Band 1). Bircher Verlag. Bern 1921 (126 Sei­ten). Erweiterter Nachdruck. Bearbeitet in Zusam­menarbeit mit der Adolf-Wölfli-Stiftung, Kunstmu­seum Bern. Medusa-Verlag. Wien 1985.

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Morgenthaler, Walter: Die Stellung des Pflegeperso­nals für psychisch Kranke zur allgemeinen Kran­kenpflege. In: Schweizerische Ärztezeitung, 48 (1925), Seite 431-434.

Morgenthaler, Walter: Entwurf zu einer Schule für das schweizerische Irrenpflegepersonal. In: Kranken- und Irrenpflege 10 (1925), Seite 49-52.

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Morgenthaler, Walter (Hrsg.): Die Pflege der Gemüts- und Geisteskranken. Lehr- und Handbuch für das Pflegepersonal. Im Auftrag der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie herausgegeben von Walter Morgenthaler. Verlag Hans Huber. Bern 1930-1962 (7 Auflagen).

Morgenthaler, Walter: Der Standpunkt unseres Perso­nals zur Stellung des Pflegepersonals für psychisch Kranke zur allgemeinen Krankenpflege. In: Kran­ken- und Irrenpflege 8 (1926), Seite 48-50.

Morgenthaler, Walter: Entwurf der Vorschriften für die Prüfungen von schweizerischem Irrenpflegeperso­nal. In: Kranken- und Irrenpflege, 9 (1926), Seite 49-50.

Morgenthaler, Walter: Erläuterungen zum Prüfungs­reglement. In: Kranken- und Irrenpflege, 12 (1926), Seite 67-68.

Morgenthaler, Walter: Seelische Hygiene. Verlag Stämpfli. Bern 1931 (62 Seiten).

Morgenthaler, Walter: Ueber verbrecherische Psycho­pathen. Sonderdruck aus: Schweizerische Zeit­schrift für Strafrecht. Jg. 46. Jg., Heft 4, 1932, Seite 446-464.

Morgenthaler, Walter: Psychologische Fragen der Säuglingsschwester und des Wochenbettes. Verlag Huber. Bern, Berlin 1932 (78 Seiten).

Morgenthaler, Walter: Problèmes psychologiques à l'usage des infirmières d'hygie maternelle et in­fantile. Traduit et adaptè en français par Madame Dr. méd. I[re] Ruefenacht-Gerber. Verlag Huber. Bern 1937 (61 Seiten).

Müller, Christian: Walter Morgenthaler. In: Histori­sches Lexikon der Schweiz (www.hls-dhs-dss.ch/ textes/d/D14559.php [22.09.2014]).

Wormer, Eberhard J.: Morgenthaler, Walter. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 18. Verlag Duncker & Humblot. Berlin 1997, Seite 115-116.

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www.puk.unibe.ch/cu/museum/museum4.html (Sammlung Walter Morgenthaler) [22.09.2014].

Bildquelle: Keller, Willy (Hrsg.): Schweizer Biogra­phisches Archiv, Band 2. EPI Verlag Internationa­ler Publikationen. Zürich, Lugano, Vaduz 1952, Seite 203.

MORGENTHALER, Walter

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 188-193

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