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Jun 01, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: MEYER, Selma
MEYER, Selma
Artikel von: Verena Wulf, Frank Leimkugel
Erschienen in Band 7, Seite(n) 182-185.
 

Biographie

Die gebürtige Deutsche Selma Meyer wird bis zum heutigen Tage in Jerusalem für ihren hingebungsvollen und aufopfernden Dienst als Ober­schwester im „All­gemeinen Jüdischen Shaare Zedek Kran­kenhaus zu Jerusa­lem“ (aus dem Heb­räischen: Tore der Barmherzigkeit) verehrt. Für ihre Verdienste an der Bevölkerung ihrer Wahlheimat wurde sie noch zu Lebzeiten mit der Verleihung des Ehrenbürgertitels der Stadt Jerusalem ausge­zeichnet und gewürdigt.

Selma Meyer wurde 1884 in Hannover gebo­ren und wuchs als eines von fünf Geschwis­tern in einer jüdischen Familie auf. In späte­ren Jahren begann sie ihre berufliche Ausbil­dung als Krankenschwester in Hamburg und war dort von 1906 bis 1916 am „Israelitischen Hospital“ tätig. Ermöglicht worden war die Errichtung dieses Krankenhauses durch den in Hamburg ansässigen Bankier Salomon Heine (1767-1844), der als Andenken an seine ver­storbene Frau Betty mit einer großen Geld­spende die Errichtung des jüdischen Hospitals auf dem ehemaligen Gelände des Pestfriedho­fes in Hamburg St. Pauli ermöglichte und darüber hinaus dessen Unterhalt fortlaufend förderte. Das Israelitische Krankenhaus nahm 1843 seinen Betrieb in Hamburg St. Pauli auf und stand ausdrücklich, ebenso wie das später erbaute Shaare Zedek Krankenhaus, allen Schichten und Religionszugehörigkeiten der Bevölkerung offen.

Über die Motive bei ihrer Berufswahl gab Selma Meyer an: „Weil ich meine Mutter bereits sehr früh verlor und deshalb eine schwierige Jugend hatte, erwachte in mir das starke Bedürfnis Menschen das zu geben, was ich selber so vermissen musste: Mutterliebe und Nächstenliebe [obwohl Selma Meyer niemals heiraten sollte, erfüllte sie sich als erwachsene Frau ihren Kinderwunsch durch die Annahme von Adoptivtöchtern]. Deshalb wählte ich den Beruf einer Krankenschwester. Vor diesem Hintergrund machte ich mir Ge­danken über den Wert eines Menschen, über den Wert einer komplett vereinnahmenden Tätigkeit, über die Pflichten eines Berufes, insbesondere des meinigen, über die Ver­pflichtung, den Armen und Kranken zu hel­fen.“

Im Jahre 1902, genauer am 27. Januar 1902 zu Ehren des Geburtstages des Deutschen Kaisers Willhelm II. (1859-1941), wurde nach einer fünfjährigen Bauphase das Shaare Ze­dek Krankenhaus in Jerusalem unter der Lei­tung des rheinischen Arztes Dr. Moritz Wallach (1866-1957) eröffnet. Dr. Moritz Wallach war 1866 als ältester Sohn von sie­ben Kindern einer jüdisch- orthodoxen Fami­lie in Köln geboren worden. Nach erfolgrei­chem Abschluss seines Medizinstudiums in Berlin mit anschließender Promotion in Würzburg fasste er den ausschließlich religiös motivierten, also nichtzionistischen Ent­schluss, nach Palästina zu emigrieren und erreichte das Heilige Land im Dezember 1890. Dort spielte er eine zentrale Rolle bei der Gründung des das Shaare Zedek Kran­kenhauses in Jerusalem und leitete dieses für die kommenden 45 Jahre.

Zu Beginn der Krankenhausgeschichte des Shaare Zedek Spitals war dieses geprägt durch den Mangel an qualifiziertem Personal, nicht zuletzt weil sich die Angestellten nur schwer mit den herrschenden Verhältnissen im „Wallach-Krankenhaus“ – durch die do­minante Persönlichkeit des leitenden Direk­tors Moritz Wallach war der Begriff innerhalb der Bevölkerung oft geläufiger als der offizi­elle Krankenhausname – dauerhaft arrangie­ren konnten.

Das Spital blieb über einen langen Zeitraum ohne Oberschwester, bis Wallach im Zuge einer Deutschlandreise das Israelitische Hos­pital besuchte und Selma Meyer für den zu besetzenden Posten gewinnen konnte. Schwester Selma reiste noch während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) nach Paläs­tina und erreichte das Heilige Land im De­zember 1916.

Vorgefunden hatte Meyer das Shaare Zedek Krankenhaus, das zu dieser Zeit unter primiti­ven Bedingungen ohne fließendes Wasser und Elektrizität arbeitete, in sehr ungeordneten Verhältnissen und sie begann nach und nach mit der Einführung eines Ordnungssystems in Anlehnung an ihre Ausbildung und zehnjäh­rige Berufserfahrung in Deutschland.

Dem Mangel an qualifizierten Kranken­schwestern in den ersten Betriebsjahren ver­suchte Selma zu begegnen, indem sie sich für die Akquirierung von Schwesternpersonal aus Europa einsetzte. Konnte sie auch hin und wieder eine Einstellung bewirken, so schei­terte ein permanentes Arbeitsverhältnis oft an den strengen Reglements, die Dr. Wallach dem Krankenhauspersonal auferlegte. Der dringliche Wunsch nach einer ausgebildeten Kraft an ihrer Seite erwuchs aus ihrer damali­gen Situation im Wallach-Spital, die sie mit folgendem Satz zusammenfasste: „Von 1920 bis 1930 war ich verantwortlich für alles zwi­schen Himmel und Erde.“

Als Oberschwester war Selma Tag und Nacht in Bereitschaft, assistierte im Operationssaal und hatte darüber hinaus die Funktion der Hebamme inne. Sie schulte das Personal, vertrat Moritz Wallach während seiner Abwe­senheit und war außerdem zuständig für die Ordnung und Sauberkeit des Hauses. Des Weiteren oblag ihr die Überwachung der Ein­haltung der religiösen Regeln, auf die Dr. Wallach besonderen Wert legte.

Mehrmals erbat sich Selma bei ihrem Chef eine Entlastung aus ihrem umfangreichen Aufgabengebiet, so dass sie schließlich von den Pflichten der OP-Schwester entbunden wurde. Von ihrem diplomatischen Geschick im Umgang mit der schwierigen Persönlich­keit ihres Vorgesetzten musste sie nicht selten Gebrauch machen. Selmas bedachtsames Vorgehen war vor allem gefragt, um sich für die Belange der angestellten Schwesternschaft des Krankenhauses einzusetzen. Bereits beim Eintritt in das Arbeitsverhältnis kamen die Schwestern in Kontakt mit den strengen reli­giösen Reglements des „Wallach-Hospitals“: „Die Schwestern des Shaare Zedek Hospitals und ebenso die Schülerinnen der Schwestern­schule haben sich beim Eintritt in das Hospi­tal ausdrücklich verpflichtet, sowohl inner­halb wie ausserhalb [sic!] desselben die Vor­schriften unser jüdischen Religion strikte zu befolgen, insbesondere am Shabat keine reli­gionsgesetzlich verbotene Arbeit auszufüh­ren.“

Schwester Selma nutzte die Gelegenheit, ihre Shana Tova-Grüße („Shana Tova“, das jüdi­sche Neujahrsfest) an ihren Chef mit Wün­schen für das Neue Jahr zu verbinden und sich mehr Verständnis und weniger Ein­schränkungen der Krankenschwestern zu er­bitten: „Ich wünsche mir das für mich zum neuen Jahre dazu etwas mehr Milde u. Ver­ständnis für die heutige Generation, nicht allzu viel Einschränkungen der persönlichen Freiheitsrechte ihrer Angestellten! Heute ist der Vorgesetzte nicht mehr der Gefürchtete, sondern der Berater! Dürfen die Pflegerinnen nun die Feiertage ausgehen? Wenn ich mich auch auf die Arbeit wieder freue so wird mir doch recht schwer um‘s [sic!] Herz wenn ich an alle die ‚Shaare Zedek Gebote oder viel­mehr Verbote‘ denke! Ich hoffe, Sie werden bald Gelegenheit haben, sich wieder einmal europäische Betriebe anzusehen. Es wird ge­wiss auch hier nur mit Wasser gekocht, aber es gibt doch viele Dinge, die hier einfach un­möglich wären. Der Arzt ist der Vorgesetzte der Schwester – aber niemals wird er sich in Persönliches einmischen, was dieselbe anbe­langt. – Er verlangt Pflichterfüllung an dem Krankenbett u. voil? tout! – Ob die Schwes­tern ausgehen u. wie lange, das ist ihm ganz gleichgültig.“

Im Jahre 1936 wurde mit der Eröffnung der Schwesternschule ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Shaare Zedek Kranken­hauses erreicht. Selma berichtete, Wallach sei zunächst gegen die Eröffnung gewesen, zu­mal er befürchtete, die Schwestern würden durch eine schulische Ausbildung nicht genü­gend praktisches Können erlernen. Schwester Selma hingegen legte auf die Gründung der Ausbildungsstätte besonderen Wert, weil sie verhindern wollte, dass die Schwestern im Shaare Zedek Spital einen Nachteil in ihrer Ausbildung gegenüber Schwestern anderer Religionen hätten. Der Krankenhausvorstand teilte die Meinung Selmas, so dass schließlich die Schule eröffnet wurde.

Die Ausbildung zur Krankenschwester dau­erte im Regelfall drei Jahre. 1939 erhielten die ersten acht Absolventinnen der Schwes­ternschule ihr „Diploma“ nach erfolgreich abgelegter Prüfung, die nach den Vorgaben der Britischen Mandatsregierung abgenom­men wurde. Prüfungsgegenstand waren die Fächer „Theory and Practise of Nursing, Anatomy and Physiology, Medicine and Sur­gery incl. Gynaecology, Infectious Diseases, Spread of Infection und Jewish religious law regarding Nursing”. In den Abschlussprüfun­gen der Schwesternschule wurden stets sehr gute Ergebnisse erzielt. Eine in Shaare Zedek ausgebildete Krankenschwester hatte eine hervorragende Schule durchlaufen, so dass der „Wert der Wallach Schwestern“ allge­mein bekannt wurde.

Die Schule, die eine staatlich anerkannte war, vermittelte getreu der Linie des Shaare Zedek Krankenhauses neben theoretischen und praktischen Kenntnissen der Medizin eben­falls religiöse Kenntnisse des Jüdischen Glau­bens. Schwester Selma war unterdessen zu­ständig für Vermittlung der praktischen Tä­tigkeiten einer Krankenschwester und gab ihr Wissen, gemäß ihrer Berufserfahrung und ihrer eigenen Ausbildung in Deutschland, an die Schwesternschülerinnen weiter. Ihre Ma­xime lautete, für einen Patienten müsse alles nur Menschenmögliche getan werden.

In einem Abschiedsgedicht von Schwestern­schülerinnen anlässlich ihrer bestandenen Berufsausbildung heißt es über ihre Ober­schwester: „Oberschwester Selma! Sie ge­nießt den besten Ruf. Den, sie sich selber schuf! Früh am Morgen, spät am Abend. Nie ermüdend, alle labend, wandert sie durchs Krankenhaus. Und nicht geht ihr die Puste aus. [...] Ihr gebührt die Krone von diesem Allen! Sie hat unser ungeteiltes Wohlgefal­len!!“.

Schwester Selma erfüllte ihre Aufgaben am Shaare Zedek Krankenhaus zeitlebens mit viel Güte, Hingabe, Herz und Verstand und trug an der Seite von Moritz Wallach dazu bei, den Charakter des Hospitals als orthodoxes und humanistisches Krankenhaus maßgeblich zu formen.

Selma Meyer verstarb in ihrem 100. Lebens­jahr im Februar 1984 in Jerusalem. Das heu­tige Shaare Zedek Krankenhaus erinnert im Vorwort Selmas Memoiren, die in englischer und hebräischer Sprache veröffentlicht wur­den, an ihren beispiellosen Dienst als Kran­kenschwerster: „Schwester Selma war seit 1916 Oberschwester am Shaare Zedek Kran­kenhaus. Für mehr als ein halbes Jahrhundert lieferte diese herausragende Frau ein Beispiel für Liebe, Wissen und Hingabe, welches den Berufsstand der Krankenschwester in Jerusa­lem und überall in Israel geformt hat.“


Literatur

Bartal, Nira: „Selma Mair“ Jewish Women: A Com­prehensive Historical Encyclopedia.1 März 2009 o. O. Jewish Women's Archive (www.jwa.org/ency clopedia/article/mair-selma [19.02.2015]).

Meyer, Selma: Schwester Selma. My Life and Experi­ences at „Shaare Zedek“. Shaare Zedek Medical Center 1973, Seite 4-7, Seite 18-30 und Seite 38-39.

Privatarchiv Dr. Josef Wallach/Israel.

Schwake, Norbert / Murken, Axel Hinrich (Hrsg.): Studien zur Geschichte des Krankenhauswesens, Band 8: Die Entwicklung des Krankenhauswesens der Stadt Jerusalem vom Ende des 18. bis zum Be­ginn des 19. Jahrhunderts, Teil 2. Verlag Murken-Altrogge. Herzogenrath 1983, Seite 549-595 und Seite 727-741.

The Central Zionists Archives, Jerusalem, A399, Box 54, nicht katalogisiert.

Wulf, Verena / Leimkugel, Frank: Dr. Moritz Wallach (1866-1957) – Ein rheinischer Arzt als Gründer des Shaare Zedek Krankenhauses in Jerusalem. In: Karenberg, Axel / Groß, Dominik / Schmidt, Ma­thias (Hrsg.): Forschungen zur Medizingeschichte – Beiträge des Rheinischen Kreises der Medizinhisto­riker (Schriften des Rheinischen Kreises der Medi­zinhistoriker 3). kassel university press. Kassel 2013, Seite 207-214.

Wulf, Verena / Leimkugel, Frank: Die Frau an seiner Seite – Schwester Selma Meyer (1884 -1894) und Dr. Moshe Wallach (1866 – 1957), Gründer des Shaare Zedek Krankenhauses zu Jerusalem. In: Caris-Petra Heidel (Hrsg.): Die Frau im Judentum – jüdische Frauen in der Medizin (Schriftreihe Medi­zin und Judentum, Band 12). Mabuse-Verlag. Frankfurt am Main 2014, Seite 55-64.

Bildquelle: Privatarchiv Dr. Josef Wallach / Israel.

MEYER, Selma

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Verena Wulf, Frank Leimkugel. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Verena Wulf, Frank Leimkugel, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 182-185

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