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Lernwelten 2018

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Who was who in nursing history: KOLAKOWSKI, Wanda von
KOLAKOWSKI, Wanda von
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 7, Seite(n) 155-157.
 

Biographie

Während der nationalsozialistischen Gewalt­herrschaft (1933-1945) beteiligten sich nicht nur Mediziner, wie beispielsweise Werner Catel (1894-1981) , Ernst Grawitz (1899-1945) , Siegfried Handloser (1885-1954) Eva Justin (1909-1966)  oder Her­bert Linden (1899-1945) direkt oder indirekt an der Tötung von geistig und kör­perlich behinderten, kranken und alten Men­schen, sondern auch Krankenschwestern und Krankenpfleger. Angehörige des Pflegeperso­nals begleiteten Vernichtungstransporte, ver­abreichten im Auftrag von „Euthanasie“-Ärzten tödliche Injektionen und Medikamente oder ließen ihre Schutzbefohlenen langsam verhungern; schließlich töteten sie auch aktiv und ohne direkte Anweisung ihre Patientinnen und Patienten.

Obwohl mittlerweile einige Arbeiten vorlie­gen, so etwa von Angelika Ebbinghaus (1987), Ulrike Gaida (2006), Mathias Ha­mann (1987), Franz Koch (1985), Hilde Steppe (2001) und Antje Wettläufer (2003), die sich kritisch mit dem Pflegepersonal in der NS-Zeit auseinandersetzen, wissen wir noch immer viel zu wenig über diesen dun­kelsten Teil pflegerischer Geschichte. Unge­klärt ist etwa, wie viele Krankenschwestern und -pfleger insgesamt beim Morden geholfen oder sogar selbst gemordet haben. Fest steht aber zweifelsfrei, worauf Hilde Steppe (1947-1999)  zu Recht hinwies, dass die Pflege als ausführendes Organ an allen Umsetzungs­phasen der systematischen Vernichtung be­teiligt war.

Wenngleich es auch vorbildliche Beispiele des Widerstandes, der Menschlichkeit und der Fürsorge gab, wie beispielsweise Elsa Eber­lein (1910-1979) , Helene Kafka (1894-1943) , Anna Bertha Königsegg (1883-1948) , Sara Nussbaum (1868-1957)  und Gertrud Seele (1916-1945) , stellt sich die Frage, wie es geschehen konnte, dass im Nationalsozialismus Pflegepersonal zum Mörder wurde? Warum haben sich da­mals Frauen und Männer konträr zu ihrem eigentlichen Berufsethos des Pflegens und Heilens verhalten? Zur Rechenschaft für ihr Handeln gezogene und des Mordes ange­klagte Schwestern und Pfleger waren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) zum überwiegenden Teil fest davon überzeugt, „nur ihre Pflicht“ getan zu haben.

Von zahlreichen namentlich bekannten Täte­rinnen und Täter, wie beispielsweise Luise Erdmann (1901-?), Agnes Kappenberg (1907-?), Pauline Kneissler (1900-?), Edith Korsch (1914-?), Maria Müller (1907-?), Lydia Thomas (1910-?), Anna Wrona (1907-?), Christel Zielke (1913-?), die an den Mord­aktionen im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ (namensgebend für das erst nach 1945 gebräuchlich gewordene Kürzel war die in nach einer Villa in der damaligen Tiergarten­straße 4 in Berlin-Mitte untergebrachte Zent­raldienststelle T4, einer Tarnorganisation der mit der Durchführung des nationalsozialisti­schen „Euthanasie“-Programms beauftragten Kanzlei des Führers [KdF]) beteiligt waren, konnten die Sterbedaten aus Datenschutz­gründen bislang nicht erforscht werden. Le­diglich in einigen Fällen ist es gelungen, diese für die jeweilige Biographie wichtigen Daten in Erfahrung zu bringen. Neben Margarete Borkowski (1894-1948) , Käthe Gumb­mann (1898-1985) , Irmgard Huber (1901-1974) Paul Reuter (1907-1995), Heinrich Ruoff (1887-1946), Helene Schürg (1904-1975), Karl Willig (1894-1946) , Minna Zachow (1893-1977), Helene Wieczorek (1904-1947), Mina (Philomena) Wörle (1895-1973), Olga Rittler (1901-1979) und Paul Heichele (1896-1979) gehört hierzu auch Wanda von Kolakowski.

Wanda von Kolakowski wurde 1890 geboren. Über ihre Kindheit und Jugend ist nichts be­kannt, ebenso wie über ihre Ausbildung zur Krankenschwester. Durch die „Gemeinnüt­zige Stiftung für Anstaltspflege“, so die Tarn­bezeichnung für das von der „T4-Organisa­tion“ beschäftigten nichtärztlichen Personals (darunter Krankenschwestern und Kranken­pfleger), war Wanda von Kolakowski seit 1. November 1944 zur „Kinderfachabteilung“ (so das zeitgenössische Tarnwort für den Kindermord) der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren mit der Nebenstelle Irsee (Ostall­gäu / Bayerisch Schwaben) abgeordnet wor­den, wo bereits seit April 1944 die Kranken­schwester Pauline Kneissler arbeitete. Nach dem „Jahresbericht der Kreis Heil- und Pfle­geanstalt Kaufbeuren Irsee 1944“ waren zur damaligen Zeit in der Einrichtung insgesamt 5 Ärzte, 63 Pfleger und 88 Pflegerinnen (ein­schließlich 14 Ordensschwestern) beschäftigt.

Während sich im Jahre 1949 Direktor Dr. Valentin Faltlhauser (1876-1961) ?p, die Schwestern Olga Rittler und Mina Wörle so­wie der Pfleger Paul Heichele – Pauline Kneissler war im April 1945 zunächst ihrer Verhaftung durch Flucht entgangen – vor dem Landgericht Augsburg wegen Beteiligung an Euthanasieverbrechen angeklagt und verur­teilt wurden, hatte sich Wanda von Kola­kowski bereits 1945 ihrer Verantwortung durch Suizid entzogen.

Hierzu findet sich ein Eintrag im Tagebuch „Neues und Altes aus der Pfarrei Irsee“ (1939-1946) des Ortspfarrers Joseph Wille (1897-1983): „Als wir am Dienstag [3. Juli 1945] früh ? 1 Uhr zurückkehrten, war die Anstalt von den Amerikanern besetz, Dr. Gärtner hatte Selbstmord begangen, alle ande­ren Ärzte u. verschiedene Beamten verhaftet. Am Donnerstag brachte dann das Radio die Meldung von der Vernichtungsanstalt Kauf­beuren-Irsee. Pflegerin Wanda [von Kola­kowski] hatte schon 8 Tage vorher in Kaufbe­uren durch Selbstmord geendet. Fräulein [Mina (Philomena)] Wörle verhaftet – Pauline [Kneissler] scheinbar noch nicht erwischt.“


Literatur

Aly, Götz (Hrsg.): Aktion T4: 1939–1945. Die „Eutha­nasie“-Zentrale in der Tiergartenstraße 4. Edition Hentrich. Berlin 1987 (2., erweiterte Auflage 1989).

Cranach, Michael von / Siemen, Hans-Ludwig (Hrsg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayeri­schen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Oldenbourg Verlag. München 1999.

Ebbinghaus, Angelika (Hrsg.): Opfer und Täterinnen. Frauenbiographien des Nationalsozialismus (Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialge­schichte des 20. Jahrhunderts, Band 2). Franz Greno Verlag. Nördlingen1987, Seite 218-247.

Gaida, Ulrike: Zwischen Pflegen und Töten. Kranken­schwestern im Nationalsozialismus. Einführung und Quellen für Unterricht und Selbststudium. Ma­buse Verlag. Frankfurt am Main 2006.

Hamann, Matthias: Die Morde an polnischen und sowjetischen Zwangsarbeitern in deutschen An­stalten. Beispiel Hadamar. In: Aussonderung und Tod. Die klinische Hinrichtung der Unbrauchbaren (Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Band 1). Mit Beiträgen von Götz Aly [und anderen]. Herausgegeben vom „Verein zur Erforschung der nationalsozialistischen Ge­sundheits- und Sozialpolitik e.V. (1. Auflage 1985). Zweite Auflage. Rotbuch Verlag. Berlin 1987, Seite 121-187.

Heuvelmann, Magdalene: „Wer in einer Gottesferne lebt, ist im Stande, jeden Kranken wegzuräumen.“ „Geistliche Quellen“ zu den NS-Krankenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee. Für das Bil­dungswerk des Bayerischen Bezirkstags herausge­geben von Stefan Raueiser und Michael von Cranach (Impulse Band 7). Grizeto Verlag. Irsee 2013, Seite 107.

Koch, Franz: Die Beteiligung von Krankenschwestern und Krankenpflegern an Massenverbrechen im Na­tionalsozialismus. In: Krankenpflege im National­sozialismus. Versuch einer kritischen Aufarbeitung. Herausgegeben von der AG Krankenpflegege­schichte. (1. Auflage 1984). Zweite, erweiterte Auflage. Mabuse Verlag. Frankfurt am Main 1985, Seite 25-67.

Schmidt, Martin / Kuhlmann, Robert / Cranach, Mi­chael von: Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren. In: Cranach, Michael von / Siemen, Hans-Ludwig (Hrsg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Oldenbourg Verlag. München 1999, Seite 265-326, hier Seite 312.

Steppe, Hilde: „Mit Tränen in den Augen haben wir dann diese Spritzen aufgezogen“. Die Beteiligung von Krankenschwestern und Krankenpflegern an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In: Steppe, Hilde (Hrsg.): Krankenpflege im National­sozialismus. 10., aktualisierte und erweiterte Auf­lage. Mabuse Verlag. Frankfurt am Main 2013, Seite 143-182.

Wettlaufer, Antje: Die Beteiligung von Schwestern und Pflegern an den Morden in Hadamar. In: Roer, Dorothee / Henkel, Dieter (Hrsg.): Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945. Dritte, unveränderte Auflage. Mabuse Verlag. Frankfurt am Main 2003, Seite 283-330.

www.bildungswerk-irsee.de/stat/content/pdf/2014 /803/Praesentation_Dr._Stefan_Raueiser.pdf [25. 09.2014].

www.de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4 [25.09.2014].

www.de.wikipedia.org/wiki/Zentraldienststelle_T4 [25. 09.2014].

KOLAKOWSKI, Wanda von

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 155-157

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Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=439

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