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Forschungswelten 2019

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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: KISCH, Enoch Heinrich
KISCH, Enoch Heinrich
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 7, Seite(n) 150-153.
 

Biographie

Die Entwicklung der professionellen Kran-kenpflege in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde durch ganz unterschied-liche Personen und Interessengruppen beein­flusst, sei es nun gebremst oder vorangetrie-ben. Kaum beachtet wurde hierbei bis-lang der Einfluss, der durch die bürgerliche Familienzeitschrift „Die Gartenlaube. Familien-Blatt“ aus-ging. Die illustrierte, seit 1853 mit großem Erfolg erscheinende Wochenschrift ver-mittelte als Bildungs- und Unterhaltungsblatt seinem Publikum sowohl unterhaltsame als auch lehrreiche Inhalte, wobei sie insbeson-dere bezüglich des medizinischen und hygienischen Diskurses darin die Frau beziehungsweise Hausfrau als Zielleserschaft behandelte. Das thematische Spektrum war dabei breit gestreut und reichte von der Struktur der Körperorganisation und der Kör­perpflege über die häusliche Hygiene bis hin zur Krankenpflegeanstalt und Stadtsanie­rungspolitik. Besonders in den 1890er Jahren bis zum ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ging es auch immer wieder um die Gesund­heits- und Krankenpflege, wobei das Haus als „Krankenpflegeanstalt“ dargestellt und die Frau darin als „Krankenpflegerin“ behandelt wurde. Bereits seit den 1870er Jahren, als sich sehr oft Ansteckungskrankheiten ausbreiteten, und vor allem seit den 1880er Jahren, als die Bakteriologie große Fortschritte machte, war die Bedeutung der Prävention der An-steckungskrankheiten vor allem in der Woh-nung hervorgehoben worden. Eine große Rolle spielten hierbei die Aufgaben der Frau im Haushalt hinsichtlich der Reinlichkeit des Körpers und der Desinfektion der Wohnung.

Jae-Baek Ko, der unlängst unter der Über­schrift „Wissenschaftspopularisierung und Frauenberuf“ erstmals den „Diskurs um Ge­sundheit, hygienische Familie und Frauenrolle im Spiegel der Familienzeitschrift Die Gar­tenlaube in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts“ untersucht hat, weist darauf hin, dass in der frühen Phase des Gesundheitsdis­kurses der „Gartenlaube“ die diätetische Selbstbehandlung der Laien zum einen auf­grund der naturgemäßen Selbstheilungslehre, zum anderen vor dem Hintergrund des pessi­mistischen Milieus gegenüber der ärztlichen Diagnostik und Therapie betont und insbe­sondere die Rolle der Hausfrau als Kranken­pflegerin von Familienangehörigen hervorge­hoben wurde. Auch gegen Ende des 19. Jahr­hunderts sei in den medizinischen und hygie­nischen Texten der Familienzeitschrift vor­zugsweise „die Hausfrau als Krankenpflege­rin im Haus“ bezeichnet worden, obwohl Frauen nicht nur in den verschiedenen öffent­lichen Institutionen wie Krankenhaus, Wohl­fahrts- und Armenfürsorgeanstalten, sondern auch in der privaten Sphäre des Hauses des Kranken, vor allem in wohlhabenden Fami­lien, die während des 19. Jahrhunderts zu ei­nem neuen Arbeitsbereich sich entwickelte Privatkrankenpflege ausübten. Hinsichtlich der häuslichen Krankenpflege sei die Bedeut­samkeit der „Notfallpflege“, ebenso wie die „Krankenbettaufsicht“ (meist von Seiten der Hausfrau) mit der diätetischen Behandlung und der naturgemäßen Heilweise behandelt worden.

Zu den zahlreichen Autoren der „Garten­laube“ zählten Mediziner wie beispielsweise Prof. Dr. Albert Hoffa (1859-1907) ?n und Prof. Dr. Enoch Heinrich Kisch, wobei sich letzterer etwa mit den Beiträgen „Die Fettlei­bigkeit und ihre Folgen“ (1885), „Im Fieber“ (1894), „Unterleibstyphus“ (1894), „Wie be­kämpft man die Abmagerung?“ (1896) und „Winterheilstätten im Hochgebirge“ (1902) explizit auch zum Thema Krankenpflege zu Wort meldete. So bezeichnete Kisch in sei­nem Artikel „Im Fieber“ (1894) die Hausfrau als „ein halber Doktor“, weil er sie als die Gesundheits- und Krankenpflegerin zu Hause im Zusammenhang mit den schlechten Bedin­gungen des öffentlichen Krankenpflegewe­sens und damit der Rolle des Hauses als An­stalt für die Gesundheits- und Krankenpflege ansah. Indem er die Bedeutung einerseits der Krankheitsprävention durch die diätetische und hygienische Behandlung der Familien­mitglieder und der Wohnräume sowie der Haushaltsartikel, andererseits der ersten Not­behandlung der Kranken zu Hause hervorhob, pries Kisch die Rolle der Hausfrau zum einen als „treue Krankenpflegerin“ aufgrund ihrer „natürlichen Eigenschaften“ wie Opferbereit­schaft und Mutterliebe, zum anderen als „un­ersetzliche Helferin in der Not“. Dank „der aufopfernden“ Pflege der Hausfrau wie auch dank der ärztlichen Hilfe könne „manch kost­bares Leben“ gerettet werden. Enoch Heinrich Kisch betonte in seinen weiteren Ausführun­gen auch „die der ärztlichen Hilfe ebenbür­tige, aufopfernde weibliche Pflege“, wenn er schreibt: „Eine fürsorgliche Wartung ist für jeden an Fieber Daniederliegenden unschätz­bare Wohlthat, eine sorgsame Überwachung desselben aber unter allen Umständen drin­gende Notwendigkeit. Die zärtliche Mutter, die treue Gattin, welche mit dem geschärften Auge hingebender Liebe die Wünsche von des Kranken Lippen lesen, ihm Kühlung zu­fächeln, Erfrischung reichen, Beruhigung zuflüstern, sie sind unersetzliche Helferinnen in der Not.“ Bezüglich derartiger „Wartung“ oder „Krankenbettaufsicht“ empfiehlt er be­sonders den „als Mutter oder Gattin kranken­pflegenden Hausfrauen“ ein neues Thermo­meter.

Am Beispiel der Behandlung eines Kranken mit dem meistens „durch Nahrungsmittel, Luft und Wasser in den menschlichen Kör­per“ gelangenden Unterleibstyphus betonte Enoch Heinrich Kisch in den 1890er Jahren die Wichtigkeit der Verdünnung und Entfer­nung des in den Entleerungen der Kranken befindlichen Giftstoffes durch eine Spülung mit Wasser oder den Zutritt frischer, wech­selnder Luft. Daneben schreibt er hinsichtlich der diätetischen und hygienischen Behand­lungsweise bezüglich der Umgebung des Kranken: „Je mehr es gelingt, schädliche Ein­flüsse fernzuhalten, Wohnung, Pflege und Ernährung nach den Gesetzen der Gesund­heitslehre zu gestalten, um so günstiger ver­läuft im allgemeinen der Typhus und um so geringer ist auch die Gefahr für die Umge­bung des Kranken.“ Dabei schätzte er die Bedeutung der „Krankenbettwartung“ so ein: „Im ganzen Verlaufe der Krankheit ist sorgli­che Wartung und achtsame Pflege, peinliche Durchführung der geeigneten hygienischen Maßnahmen nicht nur von großer Wichtig­keit, sondern geradezu von entscheidendem Erfolge. [...] Diese sorgsame Warnung ist eine wesentliche Ergänzung und Unterstützung der ärztlichen Thätigkeit am Krankenbette.“ Weiter hält er über die Pflegeweise der Kran­kenpflegerin fest: „Sie [diese sorgsame War­nung] ist auch nötig, um, wo dies angezeigt erscheint, das Fieber durch abgekühlte Bäder, durch kalte Waschungen und Einpackungen herabzusetzen, ein Verfahren, welches geeig­net ist, manche schwere Erscheinung im Ver­laufe der Krankheit zu mindern, das aber im­merhin so eingreifend wirkt, dass die Anwen­dung desselben nur auf ausdrückliche Ver­ordnung und nach genauer Bestimmung des Arztes erfolgen darf.“ Schließlich sei die Rolle der „Krankenbettwärterin“ entschei­dend, einerseits bezüglich der Heilung des Kranken, andererseits hinsichtlich der Vor­beugung der Verbreitung dieser Anste­ckungskrankheit wegen ihres großen sozialen Einflusses. Daher sollte seines Erachtens, wie bereits erwähnt, die Hausfrau als „der halbe Doktor“ angesehen werden und ihre Rolle der Krankenpflegerin als „eine wesentliche Er­gänzung und Unterstützung der ärztlichen Thätigkeit“ gelten.

Enoch Heinrich Kisch war am 6. Mai 1841 in tschechischen Prag geboren worden. Nach dem Studium der Medizin in seiner Heimat­stadt hatte er 1862 im Alter von 21 Jahren promovierte. Seit 1863 wirkte er als Badearzt in Marienbad und trug maßgeblich dazu bei, dass sich der Ort zum Weltbad entwickelte. Nachdem er sich 1867 in Prag habilitiert hatte, wurde er 1884 zum außerordentlichen Professor für Balneologie (der Anwendung von Heilwassern und anderen nützlichen Heilsubstanzen im Rahmen von Bädern) er­nannt. Kisch gilt als Mitbegründer der moder­nen Balneologie als Lehr- und Forschungs­fach. Hierzu publizierte er eine Vielzahl von Schriften, unter anderem das zweibändige Werk „Die Balneotherapie der chronischen Krankheiten. Ein Handbuch für praktische Ärzte“ (1866/67); seit 1868 redigierte er die „Allgemeine balneologische Zeitung“ und später (seit 1871) die „Jahrbücher für Balne­ologie, Hydrologie und Klimatologie“. Dane­ben veröffentlichte er zahlreiche Monogra­phien und Beiträge zur Gynäkologie, so etwa 1886 „Die Sterilität des Weibes. Ihre Ursa­chen und ihre Behandlung“, 1904 „Das Ge­schlechtsleben des Weibes in physiologischer, pathologischer und hygienischer Beziehung“ und 1917 das zweibändige Werk „Die sexu­elle Untreue der Frau“. Im Jahre 1914 legte er unter der Überschrift „Erlebtes und Erstreb­tes“ seine „Erinnerungen“ vor. Enoch Hein­rich Kisch starb 1918 in Marienbad.


Literatur

Iggers, Wilma (Hrsg.): Die Juden in Böhmen und Mäh­ren. Ein historisches Lesebuch. Beck. München 1986, Seite 213.

Kisch, E[noch] Heinrich: Die Balneotherapie der chro­nischen Krankheiten. Ein Handbuch für praktische Ärzte (2 Bände). Braumüller. Wien 1866/67.

Kisch, E[noch] Heinrich: Handbuch der allgemeinen und speciellen Balneotherapie. Braumüller. Wien 1875.

Kisch, E[noch] Heinrich: Die rationellen Indicationen Marienbads. Selbstverlag. Prag 1876.

Kisch, E[noch] Heinrich: Marienbad, seine Umgebung und Heilmittel. Götz. Marienbad 1883 (11. Auf­lage).

Kisch, E[noch] Heinrich: Ueber Fettleibigkeit. In: Deutsche Medizinal-Zeitung, Berlin 1884, Seite 25.

Kisch, E[noch] Heinrich: Die Fettleibigkeit und ihre Folgen. In: Die Gartenlaube, 1885, Seite 262-263.

Kisch, E[noch] Heinrich: Die Sterilität des Weibes. Ihre Ursachen und ihre Behandlung. Urban & Schwarzenberg. Wien, Leipzig 1886.

Kisch, E[noch] Heinrich: Balneo-therapeutisches Lexi­kon für praktische Aerzte. 2., wesentlich vermehrte Auflage. Urban & Schwarzenberg. Wien 1887.

Kisch, E[noch] Heinrich: Ueber den gegenwärtigen Standpunkt der Lehre von der Entstehung des Ge­schlechtes beim Menschen. In: Wiener Klinik, Heft 6. Wien 1887, Seite 215-246.

Kisch, E[noch] Heinrich: Die Fettleibigkeit (Lipomato­sis universalis). Auf Grundlage zahlreicher Be­obachtungen klinisch dargestellt. Enke. Stuttgart 1888.

Kisch, E[noch] Heinrich: Das Mastfettherz. Eine klini­sche Studie. Renn. Prag 1894.

Kisch, E[noch] Heinrich: Im Fieber. In: Die Garten­laube, 1894, Seite 18-19.

Kisch, E[noch] Heinrich: Unterleibstyphus. In: Die Gartenlaube, 1894, Seite 851 / 854-855.

Kisch, E[noch] Heinrich: Wie bekämpft man die Ab­magerung? In: Die Gartenlaube. 1896, Seite 7-8.

Kisch, E[noch] Heinrich: Uterus und Herz in ihren Wechselbeziehungen (Cardio pathia uterina). Eine klinische Studie. Thieme. Leipzig 1898.

Kisch, E[noch] Heinrich (Hrsg.): Festschrift zur 74. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte / Karlsbad (1. Karlsbads geologische Verhältnisse: Thermalquellen. 2. Marienbad, Franzensbad, Teplitz-Schönau, Johannisbad, Liebwerde, Bilin, Giesshübl, Sauerbrunn, Krondorf, Neudorf). Haase. Prag 1902

Kisch, E[noch] Heinrich: Winterheilstätten im Hoch­gebirge. In: Die Gartenlaube, 1902, Seite 118-119.

Kisch, E[noch] Heinrich: Das Geschlechtsleben des Weibes in physiologischer, pathologischer und hy­gienischer Beziehung. Urban & Schwarzenberg. Berlin, Wien 1904 (2. Auflage 1907, 3. Auflage 1917).

Kisch, E[noch] Heinrich: Erlebtes und Erstrebtes. Er­innerungen. Deutsche Verlags-Anstalt. Stuttgart 1914 (2. Auflage 1914).

Kisch, E[noch] Heinrich: Die sexuelle Untreue der Frau. Teil 1: Die Ehebrecherin. Marcus & Weber. Bonn 1917 (4. Auflage 1930).

Kisch, E[noch] Heinrich: Die sexuelle Untreue der Frau. Teil 2: Das freie und feile Weib. Marcus & Weber. Bonn 1917 (3. Auflage 1931).

Kisch, E[noch] Heinrich: Das Fachinger Mineralwas­ser, seine Wertung als Heil- und Tafelwasser. 1925 (16. Seiten).

Ko, Jae-Baek: Wissenschaftspopularisierung und Frau­enberuf. Diskurs um Gesundheit, hygienische Fa­milie und Frauenrolle im Spiegel der Familienzeit­schrift Die Gartenlaube in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Europäische Hochschulschriften, Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Band 1052). Peter Lang. Internationaler Verlag der Wissenschaften. Frankfurt am Main 2008.

Pagel, Julius Leopold: Biographisches Lexikon hervor­ragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts. Mit einer historischen Einleitung (Reprographie der Originalausgabe Berlin, Wien 1901. Zentralantiqua­riat der Deutschen Demokratischen Republik). Leipzig 1989, Spalte 859-860.

www.heilkunde-lexikon.de/kisch.html [16.10.2008].

www.wikipedia.org/wiki/Enoch_Heinrich_Kisch [16. 10.2008].

Bildquelle: Pagel, Julius Leopold: Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts. Leipzig 1989, Spalte 859.

KISCH, Enoch Heinrich

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 150-153

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