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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: JULIUSBURGER, Otto
JULIUSBURGER, Otto
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 7, Seite(n) 136-138.
 

Biographie

„Es dürfte in unserer bedeutungsvollen und schweren Zeit [die Rede ist vom Ersten Welt­krieg (1914-1918)], die von Arzt und Kran­kenschwester jetzt und für die Zukunft mehr denn je angestrengte und hingebende Arbeit verlangt, wohl angebracht sein, über die ge­meinsamen Aufgaben am Krankenbett einige grundlegende Forderungen aufzustellen. Es könnte vielleicht manchen die Frage ebenso leicht gestellt wie die Antwort darauf rasch gegeben erscheinen, und dennoch liegen bei näherem Zusehen die Dinge schwieriger, als sie auf den ersten Blick erscheinen.“

Mit diesen Sätzen beginnt der Psychiater Sa­nitätsrat Dr. med. Otto Juliusburger seinen Beitrag zum Thema „Arzt und Kranken­schwester“, den er 1918 in der schweizeri­schen Fachzeitschrift „Blätter für Kranken­pflege“, dem Organ des Berufsverbands „Schweizerischer Krankenpflegebund“ veröf­fentlichte. Der Text war im selben Jahr zuvor schon in „Die Schwester vom Roten Kreuz“ und „Veronika“, dem Fachblatt des Verban­des katholischer weltlicher Krankenschwes­tern und Pflegerinnen, erschienen.

Otto Juliusburger beschrieb in dem Artikel das Verhältnis zwischen Arzt und Schwester, wie es sich aus Sicht des Arztes darstellte beziehungsweise darstellen sollte. Während er hierbei die Anforderungen an die Kranken­schwester und ihre pflegerischen Verrichtun­gen umfassend auflistet und beschreibt, er­wähnt er die ärztlichen Aufgaben und Quali­täten nur soweit, wie sie zur Einordnung und zum Verhältnis der Pflege notwendig waren: „Die Krankenschwester sei von unbedingter und unbestechlicher Wahrheitsliebe und Auf­richtig zum Arzte. […] Die Krankenschwester soll durch ihre Kenntnisse und allmähliche Erfahrung soweit kommen, dass sie das kör­perliche und geistige Verhalten des Kranken zutreffend beobachten kann. […] Es muss von der guten Krankenschwester ein wahrhaft schwesterlicher, ja ein mütterlicher Hauch ausströmen. Der Kranke muss sich in der Pflege der Krankenschwester mütterlich be­traut und versorgt fühlen. Neben strenger Aufmerksamkeit muss die Krankenschwester höchste Verschwiegenheit bewahren. […] Freundlich und hilfsbereit sei zu jeder Zeit die Schwester, aber auch fest und beharrlich.“

Während die gewählte Überschrift „Arzt und Krankenschwester“ durch das verbindende „und“ eine Gleichberechtigung zwischen den beiden Berufsgruppen suggeriert, hebt Otto Juliusburger im Text mehrmals hervor, dass die Krankenschwester dem Arzt unterstellt sei, also ein Abhängigkeitsverhältnis bestehe: „Darüber kann ja kein Zweifel bestehen, dass die Krankenschwester dem Arzt unterstellt sein muss.“ Diese hatte seines Erachtens „die Pflicht, gewissenhaft das zu tun, was der Arzt wünscht. Es ist völlig ausgeschlossen, dass die Krankenschwester ohne Rücksprache mit dem Arzte eigenmächtig irgendwelche An­ordnung, Verabreichung von Arzneien oder Einspritzungen vornimmt. Selbst eine erfah­rene Krankenschwester darf sich nicht verlei­ten lassen, die Rolle des Arztes zu überneh­men und selbstwillig hinter dem Rücken des Arztes in die Behandlung einzugreifen.“

Umgekehrt sah Otto Juliusburger die Aufga­ben der Ärzte insbesondere darin, „der Kran­kenschwester die erforderlichen und notwen­digen Weisungen für die Pflege und Wartung des anvertrauten Kranken zu geben.“ Sein im Schlusssatz formulierter Widerspruch, wenn er die „gemeinschaftliche Aussprache und Besprechung“ neben die „selbstverständliche Unterordnung der Krankenschwester unter den Arzt“ setzte, war Otto Juliusburger scheinbar nicht bewusst. Ein hierarchisches Verhältnis zwischen den beiden Berufsgrup­pen („Arzt und Krankenschwester“) erlaubte jedenfalls keine ebenbürtige Aussprache, in der beide Seiten gleich offen reden können – mit einer Freimütigkeit, die auch Kritik er­laubt. Durch ihre untergeordnete Stellung musste eine Krankenschwester im Falle offe­ner Meinungsäußerung vielmehr mit Sanktio­nen rechnen.

Neben diesem Beitrag veröffentlichte Otto Juliusburger – abgesehen von der großen Zahl an medizinischen Fachartikeln – zum Thema Krankenpflege auch die Beiträge „Ueber die Pflege erregter Geisteskranker“ in der „Deut­schen Krankenpflege-Zeitung“ (1902), „Ein Gesetz über die Irrenpflege“ in der „Deut­schen medizinischen Wochenschrift“ (1912) und „Seelische Krankenpflege“ in „Neues Deutschland. Zentralorgan der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (1918).

Otto Juliusburger wurde am 26. September 1867 in Breslau (polnisch Wrocław; heute die viertgrößte Stadt Polens) geboren. Als Sohn eines angesehenen jüdischen Kaufmanns be­suchte er ab 1878 das städtische evangelische Maria-Magdalena-Gymnasium in Breslau. Nach dem Abitur im Jahre 1887 studierte er Medizin in Breslau und Berlin und wurde Assistenzarzt in der Städtischen Anstalt Ber­lin-Herzberge, dann zweiter Arzt in der Pri­vat-Heil- und Pflegeanstalt Fichtenhof in Schlachtensee bei Berlin. Von 1905 bis 1920 war er Oberarzt in der von James Fraenkel (1859–1935) und Albert Oliven (1860–1921) gegründeten Heil- und Pflegeanstalt Beroli­num in Berlin-Lankwitz.

Anschließend ließ Otto Juliusburger sich als frei praktizierender Psychiater in Berlin nie­der. Sein Interesse galt vor allem der Sozial­psychiatrie. So arbeitete er bei der Berliner Fürsorge für Geisteskranke und Rauschgift­süchtige mit und schloss sich, beeinflusst durch den Schweizer Psychiater Auguste Fo­rel (1848-1931), der Guttempler-Bewegung an. Er setzte sich für einen liberalen Strafvoll­zug ein, hielt Vorträge in Kreisen von Sozia­listen und arbeitete über Jahre eng mit dem Institut für Sexualwissenschaft zusammen, dessen Leiter der Arzt Magnus Hirschfeld (1868-1935) war.

Otto Juliusburger, der den Begriff der „Psy­chosomatischen Erkrankungen“ in die Medi­zin einführte, förderte kulturelle Gründungen der Arbeiterklasse und verband wissenschaft­lich-philosophische Ideen mit populärer Auf­klärungsarbeit. 1910 gründete er die Berliner Ortsgruppe der „Internationalen Psychoana­lytischen Vereinigung“ (IPV) mit und nahm aktiv an den Kongressen der „Weltliga für Sexualreform“ teil. Nach dem Ersten Welt­krieg (1914-1918) arbeitete und lehrte er auch am Berliner Psychoanalytischen Institut. Mit dem Schweizer Botaniker Arnold Dodel (1843-1908) und dem Zoologen, Philosophen und Freidenker Ernst Haeckel (1834-1919), beide Vertreter des Darwinismus, war er freundschaftlich verbunden. 1929 wurde er zum Ersten Vorsitzenden des Wissenschaft­lich-humanitären Komitees (WhK) gewählt. Die zahlreichen Veröffentlichungen von Otto Juliusburger zeigen, wie vielseitig, aber auch wie komplex sein Denken und Schaffen im Sinne einer biologischen Naturphilosophie war.

Im Jahre 1917 hatte Otto Juliusburger, der auch im „Bund für Mutterschutz“ aktiv war, Albert Einstein (1879-1935) kennengelernt, wobei aus der Begegnung eine tiefe Freund­schaft entstand. Einstein schrieb später einmal an Juliusburger: „An Ihnen sieht man, was für einen unerschütterlichen Halt das Streben nach Wahrheit verleihen kann.“ Einstein war es auch, der seinen Freund zur Emigration drängte und ihm und seiner Familie – Otto Juliusburger war mit Elisa, einer Tochter von Julius Seligsohn aus Berlin, verheiratet, mit der er einen Sohn und eine Tochter hatte – 1941 die Überfahrt in die Vereinigten Staaten bezahlte. Otto Juliusburger lebte bis zu sei­nem Tod am 7. Juni 1952 in New York.


Literatur

Braunschweig, Sabine: Kommentar Quelle IV, 2. In: Hähner-Rombach, Sylvelyn (Hrsg.) unter Mitarbeit von Christoph Schweikardt: Quellen zur Geschichte der Krankenpflege. Mit Einführungen und Kom­mentaren. Mabuse-Verlag. Frankfurt am Main 2008, Seite 509-512.

Juliusburger, Otto: Einiges über das Wesen und das Ziel einer Entziehungskur. In: Deutsche Kranken­pflege-Zeitung, 3. Jg., 1900, Seite 209 und 229.

Juliusburger, Otto: Ueber die Pflege erregter Geistes­kranker. In: Deutsche Krankenpflege-Zeitung, 5. Jg., 1902, Seite 97-104.

Juliusburger, Otto: Ein Gesetz über die Irrenpflege. In: Deutsche medizinische Wochenschrift, 38. Jg., 1912, Seite 1556.

Juliusburger, Otto: Seelische Krankenpflege. In: Neues Deutschland. Zentralorgan der sozialistischen Ein­heitspartei Deutschlands, 6. Jg., 1918, Seite 18.

Juliusburger, Otto: Arzt und Krankenschwester. In: Blätter für Krankenpflege, 7. Jg., 1918, Seite 97-99.

Juliusburger, Otto: Arzt und Krankenschwester. In: Die Schwester vom Roten Kreuz, Nr. 6, vom 24. März 1918, Seite 108-110 [Aus: Nr. 1/2 des Fachblattes „Veronika“ des Verbandes katholischer weltlicher Krankenschwestern und Pflegerinnen].

Killy, Walther / Engelhardt, Dietrich von / Vierhaus, Rudolf (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklo­pädie (DBE), Band 5. K. G. Saur Verlag. München 1997.

Kreuter, Alma: Deutschsprachige Neurologen und Psychiater, Band 2. K. G. Saur Verlag. München, New Providence, London, Paris 1996.

Lautmann, Rüdiger: Lexikon zur Homosexuellenver­folgung 1933-1945. Institutionen, Personen, Betäti­gungsfelder. Lit Verlag. Münster 2011, Seite 330

Leibbrand, Werner: Otto Juliusburger. In: Neue Deut­sche Biographie (NDB), Band 10. Herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayeri­schen Akademie der Wissenschaften. Verlag Duncker & Humblot. Berlin 1974, Seite 658-659 (online unter: www.daten.digitale-sammlungen. de/0001/bsb00016327/images/index.html?seite=672 [01.12.2014]).

Röder, Werner: Biographisches Handbuch der deutsch­sprachigen Emigration nach 1933, Band 2. K. G. Saur Verlag. München, New York, London, Paris 1983.

Sigusch, Volkmar (Hrsg.): Personenlexikon der Sexu­alforschung. Campus Verlag. Frankfurt am Main 2009, Seite 372.

Walk, Joseph: Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918-1945. K. G. Saur Verlag. München, New York, London, Paris 1988.

www.de.wikipedia.org/wiki/Otto_Juliusburger [01.12. 2014].

www.de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftlich-huma nitäres_Komitee [01.12.2014].

www.hirschfeld.in-berlin.de/institut/de/personen/pe rs_28.html (Otto Juliusburger) [01.12.2014].

JULIUSBURGER, Otto

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 136-138

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Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=428

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