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Lernwelten 2018

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Who was who in nursing history: IBLACKER, Reinhold
IBLACKER, Reinhold
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 7, Seite(n) 127-130.
 

Biographie

Heute steht „Hos-piz“ für einen Um-gang mit Sterben, Tod und Trauer, der den Bedürfnissen von Menschen unse-rer Tage im letzten Abschnitt ihrer „Le-bensreise“ gerecht wird. Sterben wird als natürlicher Vor-gang angesehen, den es weder zu beschleunigen noch hinaus-zuzögern gilt. Die Hospiz-Idee nimmt dabei einen Grundgedanken des mittelalterlichen „hospitium“ (Herberge, Gastfreundschaft) auf, das Pilgern an besonders gefährdeten Stellen ihrer Reise Schutz und Hilfe bot.

Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland lässt sich unterdessen nicht ablösen von den Entwicklungen in England und den USA und ist bleibend mit den Namen ihrer Pionierinnen – der englischen Kranken­schwester, Sozialarbeiterin und Ärztin Dr. Cicely Saunders (1918-2005)  und der schweizerisch-US-amerikanischen Psychiate­rin Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004)  – verbunden.

Cicely Saunders hatte erkannt, dass die Ster­benden in den Krankenhäusern vernachlässigt wurden und gründete 1967 mit Spendengel­dern das St. Christopher’s Hospice in London. Elisabeth Kübler-Ross beschrieb 1969 in ih­rem Bestseller „On death and dying“ (deutsch 1971 „Interviews mit Sterbenden“) fünf Sta­dien (Leugnung, Zorn, Verhandeln, Depres­sion, Akzeptanz), die der mit dem Tod kon­frontierte Mensch durchmachen kann und machte damit das Sprechen über den Tod zum Thema.

Bis die Hospizbewegung beziehungsweise die Idee der „Palliative Care“ (lat. palliare = mit einem Mantel umhüllen) in Deutschland Fuß fasste, war es noch ein weiter Weg. Während 1983 an der Universitätsklinik Köln die erste Palliativstation eröffnete, wurde 1985 in München mit Hilfe des Jesuitenpaters Rein­hold Iblacker und Dr. med. Gustava Everding der Christopherus Hospiz Verein (CHV) ge­gründet (1. Vorsitzender Reinhold Iblacker), der erste Hospizverein in Deutschland, und später auch Mitinitiator der Bayerischen Stif­tung Hospiz. Der CHV war an Überlegungen und Planungen der ersten Palliativstation in Bayern am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in München-Nymphenburg (1991) beteiligt, später intensiv am Aufbau der Palli­ativstation im Städtischen Klinikum Mün­chen-Harlaching, die ursprünglich den Namen Christophorus Hospiz trug. Von München ausgehend gründeten sich bald schon viele regionale Hospizgruppen, darunter durch Christine Denzler-Labisch (1949-2009)  eine in Bamberg.

Maßgeblich beeinflusst wurde die Hospizidee in Deutschland durch den Film „Noch 16 Tage. Eine Sterbeklinik in London“, den Reinhold Iblacker 1971 im Christophorus Hospiz in London innerhalb von vier Wochen gedreht hatte. Der am 10. Juni 1971 erstmals im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) aus­gestrahlte Dokumentarfilm, den damals rund sechs Millionen Zuschauer sahen, schlug hohe Wellen und löste heftige Reaktionen aus: anstelle einer Auseinandersetzung mit einem anderen Umgang von Sterben und Tod in der modernen Medizin kam es zu großen Missverständnissen und Missdeutungen, wo­bei insbesondere der Begriff der „Sterbekli­nik“ für reichlich Diskussionsstoff sorgte und die öffentliche Sicht auf den eigentlichen Kern der Hospizidee erschwerte. Dabei wollte Iblacker etwas anderes, etwas Positives zei­gen: nämlich dass es für Menschen, die un­heilbar krank sind, gilt, „die Isolation der Sterbenden, die normalerweise in Kliniken herrscht, zu vermeiden. Ziel der Klinik ist, dem Tod den Schrecken zu nehmen und die Menschen in Würde sterben zu lassen.“

Reinhold Iblacker war am 29. März 1930 in der Oberpfalz geboren worden. Nach dem Theologiestudium trat er 1949 dem Jesuiten­orden – der katholischen Ordensgemeinschaft Gesellschaft Jesu (Societas Jesu, Ordenskür­zel: SJ) – bei und studierte in den USA Kommunikation, wo er auch seit 1963 erste Medienerfahrung sammelte. Anschließend war er zwei Jahre Redakteur der Jesuitenzeit­schrift „Stimmen der Zeit“ in München. Ab 1969 arbeitete er als Regisseur und Dreh­buchautor von Dokumentarfilmen für den Norddeutschen Rundfunk (NDR) in Ham­burg. Reinhold Iblacker war auch Mitbegrün­der und von 1977 bis 1980 Geschäftsführer des „Instituts für Kommunikationsforschung und Medienarbeit“ an der Jesuitenhochschule für Philosophie in München (www.hfph.mwn. de), dem er auch später mit Produktionen, Seminaren und Lehrveranstaltungen verbun-den blieb.

Das Leben von Reinhold Iblacker war 1969 nachhaltig durch eine Begegnung mit Cicely Saunders beeinflusst worden. Damals hatte er den weltweit anerkannten Theologen Karl Rahner (1904-1984) zur Verleihung der Eh­rendoktorwürde an die Yale-Universität be­gleitet und dort Cicely Saunders getroffen, die ebenfalls die Ehrendoktorwürde erhielt.

Insgesamt produzierte Reinhold Iblacker rund 100 TV- und Kinofilme, darunter sechs Sen­dungen über Amerikas Katholiken und Bei­träge über vieldiskutierte Themen wie Exor­zismus, Homosexualität oder Schwerstbehin­derte. Für seinen Film „Noch 16 Tage“ – der jahrelang, jahrzehntelang als Dokument, als Lehr- und Anschauungsmaterial immer wie­der gezeigt wurde, um Menschen, Ehrenamt­liche und Professionelle mit der Hospizidee zu berühren – erhielt er den Grimme-Preis; für den zeitgleich, ebenfalls im Christophorus Hospiz in London gedrehten Film „Die letzte Station“ den Internationalen Dokumentati­onspreis Salzburg.

1991 produzierte Reinhold Iblacker mit Georg Stingl, Gerburg Vogt, Mechtild Müser und Jörg Röttger im Auftrag des Hessischen Rundfunks (HR) den beeindruckenden Film „Hospiz – Sterbenden helfen“. Die fünfteilige Dokumentation porträtiert die Hospizbewe­gung, wie sie sich seit ihren Anfängen entwi­ckelt hat. Teil 1 (Eine Idee setzt sich durch) erläutert die Grundgedanken der Bewegung; Teil 2 (Im Mittelpunkt: Die Kranken) be­schreibt anhand von Beispielen, wie das An­liegen der Bewegung in die Tat umgesetzt wird; Teil 3 (Ein Zuhause schaffen zum Ster­ben) geht der Einbeziehung der Familienan­gehörigen in die Betreuung Schwerstkranker nach; Teil 4 zeigt die Entwicklungen in Deutschland auf und Teil 5 (AIDS - die neue Herausforderung) gibt einen Einblick in AIDS-Hospize in San Francisco und Frank­furt.

In seinen letzten Lebensjahren verfolgte Reinhold Iblacker hartnäckig die deutsche Übersetzung der von Mary Campion verfass­ten Geschichte von St. Joseph „The Making of a Hospice. Congregation oft he Sisters of Charity“ (London 1979). Das Buch erschien schließlich als „Freundschaftsgabe“ posthum auf Betreiben der Pallottinerin Schwester Dr. Gerburg Vogt (1937-2012) im Jahre 1997, die im Vorwort schreibt: „Das war es wohl, was Reinhold Iblacker nicht in Vergessenheit ge­raten lassen wollte: Das Begleiten Sterbender, der Versuch, physische und seelische Be­drängnis zu lindern und dabeizubleiben, wenn das Leben sich dem Ende zuneigt, gab es be­reits im St. Joseph´s Hospice der Sisters of Charity.“

Nach einem Herzinfarkt im Frühjahr starb Pater Reinhold Iblacker am 1. Juli 1996 wäh­rend einer Rehabilitation in Bad Wiessee (im oberbayerischen Landkreis Miesbach) am Tegernsee im Alter von 66 Jahren.

In vielen Nachrufen und Erinnerungen wurde er als besonderes Kommunikationstalent ge­lobt, und die vielen Freundschaften, die er selbst knüpfte und anderen ermöglichte, in berührender Weise zum Ausdruck gebracht. So hob auch Cicely Saunders neben all seinen Verdiensten um die Hospizidee den Menschen Iblacker hervor, als sie schrieb: „Father Reinhold was a deeply spiritual per­son who welcomed me and my husband, Pro­fessor Marian Bohusz-Szyszko, whose art he greatly admired, into a most creative fried­ship.“


Literatur

Aulbert, Eberhard / Nauck, Friedemann / Radbruch, Lukas (Hrsg.): Lehrbuch der Palliativmedizin. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Schattauer Verlag. Stuttgart 2007, Seite 106.

Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz e.V. (Hrsg.): Hel­fen am Ende des Lebens. Hospizarbeit und Pallia­tive Care in Europa. Der Hospiz Verlag, Wuppertal 2004.

Campion, Mary: Ein Hospiz entsteht. Von Pionierinnen der Hospizbewegung (Reihe Soziales Leben, Band 1). Verlag Attenkofer. Straubing 1997.

Iblacker, Reinhold: Katholische Glaubens-Information – neuer Weg missionarischer Seelsorge. In: Stim­men der Zeit. Die Zeitschrift für christliche Kultur, 167. Band, Heft 6, 1961, Seite 465-468.

Iblacker, Reinhold: Die Elite deutscher Fotografen in Mannheim. In: Stimmen der Zeit. Die Zeitschrift für christliche Kultur, 179. Band, Heft 5,1967, Seite 387-388.

Iblacker, Reinhold: Ansätze der Kommunikationsfor­schung in Deutschland. Ein Literaturbericht. In: Stimmen der Zeit. Die Zeitschrift für christliche Kultur, 182. Band, Heft 7, 1968, Seite 60-62.

Iblacker, Reinhold: Katholische Filmarbeit auf neuen Wegen. In: Stimmen der Zeit. Die Zeitschrift für christliche Kultur, 182. Band, Heft 11, 1968, Seite 343-346.

Iblacker, Reinhold: Keinen Eid auf diesen Führer. Josef Mayr-Nusser, ein Zeuge der Gewissensfreiheit in der NS-Zeit. Tyrolia-Verlag. Innsbruck 1979.

Iblacker, Reinhold: Reinhold! Unschlagbar in seiner kämpferischen Sanftmut! [Festschrift zum 60. Ge­burtstag von P. Reinhold Iblacker]. München 1990.

Gerabek, Werner E. / Haage, Bernhard D. / Keil, Gun­dolf / Wegner, Wolfgang (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte, Band 1. Verlag de Gruyter. Berlin 2005, Seite 629.

Godzik, Peter: Hospizlich engagiert. Erfahrungen und Impulse aus drei Jahrzehnten. Steinmann Verlag. Hamburg 2011, Seite 17.

Gronemeyer, Reimer / Heller, Andreas: In Ruhe ster­ben. was wir uns wünschen und was die moderne Medizin nicht leisten kann. Pattloch Verlag. Mün­chen 2014.

Groß, Dominik / Abend, Sandra (Hrsg.): Medizinge­schichte in Schlaglichtern (Beiträge des „Rheini­schen Kreises der Medizinhistoriker“). Kassel Uni­versität Press. Kassel 2011, Seite 258.

Heller, Andreas / Pleschberger, Sabine / Fink, Micha­ela / Gronemeyer, Reimer: Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland. Mit einem Bei­trag von Klaus Müller. Der Hospiz-Verlag. Lud­wigsburg 2012, Seite 28-29, 43-45 und 152-153.

<Holder-Franz, Martina: „... dass du bis zuletzt leben kannst.“ Spiritualität und Spiritual Care bei Ciceley Saunders. Theologischer Verlag Zürich. Zürich 2012, Seite 20.

Kittelberger, Frank: Hospizarbeit in Bayern. Eine Stu­die der Hospizarbeit in Bayern zur Orientierung kirchlichen Handelns. ELKB [Evangelisch Lutheri­sche Kirche in Bayern]. München 2000.

Lange, Martin / Iblacker, Reinhold (Hrsg.): Christen­verfolgung in Südamerika – Zeugen der Hoffnung. Verlag Herder. Freiburg 1980.

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www.lizenzshop.filmwerk.de/shop/detail.cfm?id=46 (Film: Hospiz – Sterbenden helfen, Folge 1 bis 5) [27.10.2014].

www.palliativ-cux.de/wp-content/uploads/2014/03/Pal liativmedizin_Dr_Carus.pdf (Artikel von Prof. Dr. med. Thomas Carus: Die Entwicklung der Palliativ-medizin in Deutschland) [27.10.2014].

www.spiegel.de/spiegel/print/d-43078885.html (Arti­kel: Tun tun wir es) [27.10.2014].

Bildquelle: www.bbtgruppe.de/media/img/00001-Themenportal/palliative-care/historische-bilder/Ibl acker_KNA.jpg [25.10.2014].

IBLACKER, Reinhold

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 127-130

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