fbpx
Jun 04, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: FRANKE, Elisabeth
FRANKE, Elisabeth
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 7, Seite(n) 92-95.
 

Biographie

Es ist eine Wiege der deutschen Pädiatrie. Am 20. Juni 2009 feierte eine traditi­onsreiche Vorgän­ger-Institution der heutigen Charité – Universitätsmedizin Berlin, das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Säuglingsheim, ei­gentlich Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus (KAVH) im Heubnerweg 6 in Berlin-Char­lottenburg, seinen hundertsten Geburtstag. Die vielfältig sozial engagierte Kaiserin Au­guste Victoria (1858-1921) Ehefrau von Kaiser Wilhelm II. (1859-1941), hatte die Einrichtung im Jahre 1909 als „Reichsanstalt zur Bekämpfung der Säuglings- und Klein­kindersterblichkeit“ gegründet. Sie wurde zwischen 1907 und 1909 unter der Führung des Berliner Architekten und Stadtbaurats Ludwig Hoffmann (1852-1932) erbaut, wobei die Planung maßgeblich in Händen der Ar­chitekten Alfred Messel (1853-1909) und Edmund May (1876-1956) lag. Nach einer wechselvollen Geschichte wurde das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) zur Kinderklinik der Freien Universität Berlin; im Jahre 1995 zogen die pädiatrischen Einrich­tungen ins Virchow-Klinikum um. Heute be­herbergt das ehemalige Krankenhaus die ESCP Europe Campus Berlin sowie das Res­sourcenzentrum für Genomforschung (RZPD) und die Proteinstrukturfabrik (PSF).

Mehrere Schriften, darunter von Eduard Diet­rich (1860-1947) , Leo Langstein (1876-1933) und Paul Kühl, hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Öffentlichkeit über die neue Institution informiert. Die mit ihr verbundene KAVH-Schwesternschaft sollte von einer Oberin geleitet werden, zu deren Aufgaben die geistige, moralische und erzie­herische Führung der Schwesternschaft ebenso gehörte wie die Versorgung der Schwestern und Schülerinnen mit Kleidung, Essen und Wohnung, die Einstellung von Schwestern und Schülerinnen, die Besetzung der Stationen sowie die Ausbildung der Schülerinnen.

Unterdessen war es nicht ganz einfach, für die neue Einrichtung sogleich eine geeignete Oberin zu finden, zumindest tat sich der Kammerherr und Kabinettsrat der Kaiserin Auguste Victoria, Karl Friedrich Ludwig von Behr-Pinnow (1864-1941), beim Suchen recht schwer. Die Kaiserin wünschte, dass ihr die in Frage kommenden Personen vor der Ent­scheidung vorgestellt wurden, ebenso wie Geheimrat Prof. Dr. med. Johann Otto Leon­hard Heubner (1843-1926), auf dessen Gut­achten großen Wert gelegt wurde. Bei den Auswahlkriterien wurde besonderes Augen­merk auf das Auftreten der zukünftigen Obe­rin und auf ihr Elternhaus gelegt, während die Ausbildung und Erfahrung in der Säuglings­pflege nicht so sehr im Vordergrund stand. Die erste Oberin der KAVH-Schwestern­schaft war (vom 15. Mai 1909 bis 31. Juni 1911) Elisabeth Helene Mannhardt (1877-1949) , der (vom 1. Juli 1911 bis 31. De­zember 1912) Wanda Kern (* 1872) und (vom 1. Januar 1913 bis 31. Dezember 1919) Gertrud Röhrssen (1880-1972)  im Amt folgten. Seit 1. April 1921 war Elisabeth Franke Oberin der KAVH-Schwesternschaft.

Elisabeth Franke wurde am 22. Juli 1864 in Berlin geboren. Ihr Vater war Superintendent. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Kranken­schwester im Diakonissenmutterhaus Betha­nien in Berlin, bevor sie später „Oberin vom Roten Kreuz“ [?] wurde. Bevor sie ins KAVH kam, arbeitete sie als Volontärin in der Säug­lingspflege. Im Jahresbericht des KAVH vom 1. April 1921 bis 31. März 1922 heißt es im Abschnitt Schwesternschaft und staatliche Pflegerinnenschule: „Die Notwendigkeit straffer Zusammenfassung der Schwestern­schaft nach erzieherischen und ethischen Ge­sichtspunkten, wie auch der Wille, die Schwesternschaft wirtschaftlich absolut sicher zu stellen, hat im Berichtsjahre zum Siege des Mutterhausgedankens geführt. Die Einfüh­rung des Mutterhauses selbst hat tatsächlich eine Festigung der Schwesternschaft bewirkt, so dass die Hoffnung berechtigt ist, dass das Fortbestehen der Schwesternschaft gesichert werden kann. Die am 1. April [1921] einge­tretene Oberin des Hauses, Elisabeth Franke, hat der Durchführung ihre ganze Kraft ge­widmet.“

Elisabeth Franke sollte mehr als es bisher der Fall war, die leitende Führung der Schwes­ternschaft übernehmen und auch die geistige Verbindung zwischen dem Lehrkörper und den Schülerinnen herstellen. Darüber hinaus fiel nun die Einstellung der Schülerinnen nach neuen Gesichtspunkten in ihren Verantwor­tungsbereich. Zu diesem Zweck wurde ihr auch die Führung der gesamten Korrespon­denz übertragen.

Wie ihre Vorgängerinnen setzte sich Elisabeth Franke für Gehaltserhöhungen ihrer Schwes­tern ein. Sie bat um wärmere Kleidung ihrer Fürsorgeschwestern im Winter und um mehr Wohnräume für Schwestern und Schülerin­nen. Ihres Erachtens war es unangebracht, dass sechs Schülerinnen in einem Zimmer wohnten.

Um den geistigen Tiefstand und „die große Lauheit“ innerhalb der Schwesternschaft wirksam bekämpfen zu können, bat Elisabeth Franke um Genehmigung folgender Ausga­ben: Abhalten von Chorstunden, Liederbücher für den Chorgesang, 60 Gesangbücher, Haus­bibeln, Abhaltung wissenschaftlicher Kurse in spanisch und schwedisch sowie in Stenogra­phie, wobei sämtliche Anforderungen geneh­migt wurden.

Trotz ihres Engagements blieben auch Elisa­beth Franke Zurechtweisungen durch den Verwaltungsdirektor Georg Samel nicht er­spart. Dabei ging es unter anderem um ver­botenes Bügeln auf Station, das Putzen der Fensterscheiben mit Windeln sowie Fehler bei der Wäschezählung.

Am 31. Mai 1924, im Alter von 60 Jahren, schied Elisabeth Franke aus dem Amt als Oberin der KAVH-Schwesternschaft aus. Zunächst genoss sie ihren Ruhestand mit ei­gener Wohnung in der der Berliner Trauten­austraße 8, bevor sie dann – bis 1929 – als Schwester im Diakonissenmutterhaus Betha­nien arbeitete. Bis zu ihrem Tode im Jahre 1946 lebte sie in einem Feierabendhaus der Johanniterinnen.

Die weiteren Oberinnen der KAVH-Schwes­ternschaft waren (vom 1. Juni 1924 bis 31. Oktober 1938) Antonie Zerwer (1873-1956) , von der die Initiative zu dem von 1927 bis 1934 bestehenden „Reichsverband der Säuglings- und Kleinkinderschwestern“ aus­ging, (vom 19. September 1938 bis 30. Sep­tember 1941) Charlotte Reuter, (vom 15. Oktober 1941 bis 4. Juli 1945) Dora Tietz, Interregnum Margarete Schaeffer, (vom 12. November 1946 bis 30. September 1965) Charlotte Reuter, (vom 1. August 1965 bis 30. September 1968) Helga Martin, Interregnum mit Gertrud Schmidt und Hildegard Schmidt, (vom 21. März 1970 bis 30. September 1972) Gerti Siebernik, Kollegiales Interregnum mit Liselott Müller und (vom 1. Januar 1974 bis 31. Juli 1988) Erika Berger (Pflegedienstleite­rin).


Literatur

Behr-Pinnow, Karl Friedrich Ludwig von: Geburten­rückgang und Bekämpfung der Säuglingssterblich­keit. Julius Springer Verlag. Berlin 1913 (87 Sei­ten).

Das Kaiserin Auguste Victoria-Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reiche. Julius Springer Verlag. Berlin 1911 (62 Seiten).

Dietrich, Eduard: Das Kaiserin Auguste Victoria-Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich. Separat-Abdruck aus der Fest­schrift zum 14. Internationalen Kongreß für Hygi­ene und Demographie Berlin 1907. Gustav Fischer Verlag. Jena 1907 (26 Seiten).

Dietrich, Eduard: Festschrift zur Eröffnung des Kaise­rin Auguste Victoria-Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich. Verlag Stilke. Berlin 1909 (149 Seiten).

Feer, Emil: Lehrbuch der Kinderheilkunde. 4., verbes­serte Auflage. Gustav Fischer Verlag. Stuttgart 1917 (755 Seiten).

Heubner, Johann Otto Leonhard: Säuglingsernährung und Säuglingsspitäler. A. Hirschwald Verlag. Ber­lin 1897 (73 Seiten).

Kühl, Paul: Eine Weltschule für Mutter und Kind. Das Kaiserin Auguste Victoria-Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich (Groß-Berliner Heimatbücher, Band 20). L. Oeh­migke Verlag. Berlin 1925 (39 Seiten).

Langstein, Leo: Ein Rundgang durch das Kaiserin Auguste Victoria-Haus, Reichsanstalt zur Bekämp­fung der Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit. Schmidt Verlag. Berlin [ohne Jahresangabe] (16 Seiten).

Langstein, Leo: Pflege und Ernährung des Säuglings. Ein Leitfaden für Pflegerinnen und Mütter. Von M. Pescatore. 4., veränderte Auflage. Bearbeitet von Leo Langstein. Julius Springer Verlag. Berlin 1911 (87 Seiten).

Langstein, Leo: Wie ist die Bevölkerung über Säug­lingspflege und Säuglingsernährung zu belehren? Ein Wegweiser für Ärzte, Behörden und Fürsorge­organe; nach einem auf dem III. Internationalen Kongreß für Säuglingsschutz im September 1911 erstatteten Referate Wie ist die Bevölkerung über Säuglingspflege und Säuglingsernährung zu beleh­ren? Julius Springer Verlag. Berlin 1911 (53 Sei­ten).

Stöckel, Sigrid: Säuglingsfürsorge zwischen sozialer Hygiene und Eugenik. Das Beispiel Berlins im Kai­serreich und in der Weimarer Republik (Veröffent­lichungen der Historischen Kommission zu Berlin / Historische Kommission zu Berlin, Band 91.). Verlag de Gruyter. Berlin 1996 (Zugleich Disserta­tion, Freie Universität Berlin 1992).

Wegmann, H.: Die ersten Oberinnen der KAVH-Schwesternschaft. In: Ballowitz, Leonore (Hrsg.): Die ersten Oberinnen (Schriftenreihe zur Ge­schichte der Kinderheilkunde aus dem Archiv des Kaiserin Auguste Victoria Hauses (KAVH) – Ber­lin, Heft 6). Humana Milchwerke Westfalen. Herford 1989, Seite 5-41.

www.charite.de/charite/presse/pressemitteilungen/arti kel/detail/kaiserin_auguste_victoria_haus_wird_100_jahre_alt/ [05.11.2014].

www.de.wikipedia.org/wiki/Kaiserin-Auguste-Viktor ia-Säuglingsheim [06.11.2014].

www.luise-berlin.de/lexikon/chawi/k/kaiserin_augu ste_viktoria_haus.htm [06.11.2014].

www.zeitzeichen.paritaet.org/index.php?id=862 (Kai-serin-Auguste-Viktoria-Haus. Entstehung der Kin­derheilkunde in Berlin) [06.11.2014].

Bildquelle: Ballowitz, Leonore (Hrsg.): Die ersten Oberinnen der KAVH-Schwesternschaft. Herford 1989, Seite 36.

FRANKE, Elisabeth

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 92-95

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=411

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge