fbpx
Jan 29, 2020 Last Updated 9:39 AM, Jan 14, 2020

Forschungswelten 2019

Save-the-date: Forschungswelten 2019! Vom 4.-5. April 2019 findet an der Hochsc...

Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: FLESCH, Max
FLESCH, Max
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 7, Seite(n) 89-92.
 

Biographie

Bekannt wurde er vor allem als Ana­tom, Kriminalanth­ropologe, Gynäko­loge sowie Sexual- und Sozialreformer. Darüber hinaus ist Prof. Dr. med. Max Flesch, der mit voll­ständigem Namen Maximilian Heinrich Johann Flesch hieß, aber auch für die Pflege­geschichte von Bedeutung.

Max Flesch, der am 1. Januar 1852 in Frank­furt am Main geboren wurde, war das zweit­älteste Kind des jüdischen Kinderarztes Jacob Flesch, der 1859 mit seiner Familie konver­tierte. Nachdem er das Frankfurter Gymna­sium besucht hatte, studierte er ab 1869 Me­dizin in Bonn, Würzburg und in Berlin bei Rudolf Virchow (1821-1902) . Nach seiner Promotion 1872 in Würzburg, wo er von 1874 bis 1882 Assistent am anatomischen Institut bei Albert von Kölliker (1817-1905) war, folgte dort auch 1879 die Habilitation für Anatomie. 1882 wurde Max Flesch zum Pro­fessor für Anatomie, Histologie und Embry­ologie an der Tierarzneischule in Bern (Schweiz) berufen. 1887 kehrte er nach Deutschland zurück und heiratete die Sozial­arbeiterin Hella Flesch, geborene Wolf (1866-1942) 1888 eröffnete er eine zunächst allgemeinärztliche, dann chirurgische und frauenärztliche Praxis in Frankfurt am Main, die er – nach 40-jähriger Tätigkeit – im Jahre 1928 aufgab.

Max Flesch veröffentlichte unzählige fach- und populärwissenschaftliche Arbeiten, da­runter auch zu kriminologischen Themen. Dabei sah er als Arzt den Kriminellen als ei­nen „Kranken“, dessen abnorme Beschaffen­heit einerseits oft angeboren beziehungsweise vererbt, andererseits etwa durch Krankheits­zustände, mangelhafte Ernährung, Alkohol- und Tabakkonsum oder Geschlechtskrank­heiten krankhaft erworben sei. In seinen sexu­alreformerischen Schriften mischte er liberale und repressive Ansätze. So kritisierte er bei­spielsweise die Stigmatisierung von Prostitu­ierten, setzte sich aber auch für eine ärztliche Meldepflicht von „gemeingefährlichen“ Ge­schlechtskrankheiten ein.

Neben seiner publizistischen Tätigkeit enga­gierte Max Flesch sich auch im sozialpoliti­schen Bereich. Gemeinsam mit seinem Bru­der Karl Flesch, einem Stadtrat für den links­liberalen Demokratischen Verein und Vorste­her des Frankfurter Waisen- und Armenamts, gründete er 1890 federführend den Frankfur­ter Bund für Volksbildung und 1892 mit sei­ner Frau Hella und Anna Edinger (1863-1929) den „Frankfurter Hauspflege-Verein“ (Geschäftsstelle: Bleichstraße 43), in dem beispielsweise Bertha Pappenheim (1859-1936)  mit arbeitete. Der Verein war die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland und wurde von der Stadt Frankfurt unterstützt.

Er wirkte außerdem maßgeblich in der Deut­schen Gesellschaft zur Bekämpfung der Ge­schlechtskrankheiten (DGBG) mit und war lange Jahre Vorsitzender der Frankfurter Ortsgruppe, die er 1903 mit Henriette Fürth (1861-1938) ins Leben gerufen hatte. In die­ser Funktion besorgte er 1903 als Herausge­ber die deutsche Ausgabe des umstrittenen Anti-Syphilis Dramas „Die Schiffbrüchigen“ (französisch „Les Avariés“, 1901) von Euge Brieux (1858-1932). Darüber hinaus engagierte er sich im Ärztlichen Verein, in der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, im Physikalischen Verein, in der Anthropologischen Gesellschaft, im Gesamt­verband zur Bekämpfung von Alkoholismus und im Friedensverein.

Nach der nationalsozialistischen Machtüber­nahme (1933) zog sich Flesch mit seiner Frau Hella in sein Sommerhaus nach Hochwald­hausen im hessischen Vogelsberg zurück. Am 30. November 1938 wurde er als „Nichtarier“ aus der Liste der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gestrichen, in der er seit 1882 Mitglied gewesen war. Am 13. September 1942 wurde das hochbetagte Ehe­paar Flesch – sie waren 87 und 91 Jahre alt – von der Gestapo abgeholt und per Lastwagen in ein Gemeinschaftslager in Gießen und ei­nen Tag später nach Darmstadt verbracht. Von dort wurden sie am 27. September 1942 ins Konzentrationslager (KZ) Theresienstadt (Tschechoslowakei, heute: Tschechien) de­portiert. Hier starb Max Flesch am 6. Mai 1943.

Hella und Max Flesch hatten drei Kinder, die Tochter Dora starb elfjährig, Tochter Ilse konnte 1938 in die USA emigrierten, Sohn Heinz wurde nach der Pogromnacht 1938 ins KZ Buchenwald (auf den Ettersberg bei Weimar) gebracht; er kam dort frei, weil er ein Visum für England hatte.

Am 17. Februar 2009 wurde vor der Rüster­straße 20 in Frankfurt, wo die Familie Flesch lange gelebt hatte, für Max und Hella Flesch ein „Stolperstein“ gelegt.

Während Max Flesch am Deutsch-Französi­schen Krieg 1870/71 als Krankenpfleger der „Frankfurter freiwilligen Sanitätskolonne“ teilgenommen hatte, leitete er im Ersten Weltkrieg (1914-1918) ein Kriegslazarett im Front- und Etappendienst, zuerst als Chefarzt in einer Kriegslazarettabteilung, später als Kriegslazarettdirektor. Seine dabei gemachten Erfahrungen veröffentlichte er 1930 in dem 296 Seiten starken Buch „1870-1871 und 1914-1918. Von der Verwundeten- und Kran­kenpflege in zwei Kriegen. Aus eigenen Erin­nerungen“. Im Vorwort weist Flesch zur In­tention seiner Veröffentlichung darauf hin, dass der Inhalt keine wissenschaftlichen Be­obachtungen und Ausführungen bilden. Viel­mehr wäre es „einmal an der Zeit, unserer Gehilfen im Pflegedienst zu gedenken.“ Ihre Arbeit habe sich im Laufe der Zeit nicht we­niger gewandelt als die der Ärzte. Und die Zahl derer, die diese Wandlung in den beiden Kriegen 1870/71 und 1914/18 „aus eigener Beobachtung kennen – und schätzen – gelernt haben, dürfte heute [1930] nicht mehr allzu groß sein.“ Wörtlich fügte er hinzu: „Mögen die aus persönlichem Erleben entsprungenen Schilderungen und die daran angeschlossenen kritischen Ausführungen die Erkenntnis för­dern, daß eine Linderung der aus dem Krieg hervorgehenden Nöte unmöglich ist und daß es nur einen Weg gibt: Nie wieder Krieg

Über seinen ersten Einsatz berichtet Max Flesch, „daß das Sanitätswesen im Felde 1870/71 vor nicht vorhergesehener Ausdeh­nung gestellt, das menschenmögliche geleistet hat; nicht am wenigsten durch die Mitarbeit der freiwilligen Krankenpflege im Feld und in der Heimat. Bei ihr hat humanes und von pat­riotischer Wallung getragenes Streben vieles von dem ersetzt, was bei der Jugend der Ro­tekreuzorganisation nicht genügend vorberei­tet war. [...] Umso mehr Anerkennung verdie­nen die Träger der Fürsorge im Feld und in der Heimat, die, oft den von oben kommen­den Anordnungen vorauseilend, in zäher Ar­beit trotz Not und Entbehrungen nie versagt haben.“

In seinem Bericht zum Ersten Weltkrieg weist Max Flesch zunächst auf die sich zwischen­zeitlich vollzogenen Änderungen in der frei­willigen Kriegs-Krankenpflege hin. Seines Erachtens bildeten hierbei die „Krankenpfle­gerinnen“ die wichtigste Gruppe, seien es nun Ordensschwestern, Diakonissen, Schwestern vom Roten Kreuz oder nach einer verhältnis­mäßig kurzen Ausbildungszeit eingestellte „Kriegsschwestern“ gewesen. „Ueber die Qualifikation dieser verschiedenen Gruppen ist vielfach gestritten worden. Ich darf aus meiner sehr ausgiebigen Erfahrung aus dieser Frage erklären, daß im Großen und Ganzen durchweg gut und mit Hingebung gearbeitet wurde. Ich habe in einer zeitweise über hun­dertfünfzig Schwestern umfassenden Organi­sation in nahezu 4 ? Jahren nur zweimal stö­rende Beanstandungen zu behandeln gehabt. Auch in der Zusammenarbeit von verschieden Organisationen und Konfessionen angehören­den Schwesterntrupps hat sich in meinem Bereich nie auch nur die kleinste Schwierig­keit gezeigt. Die Schwestern arbeiteten gut zusammen, halfen sich gerne bei jeder Gele­genheit, neidlos nur der Sache dienend. Auch mit den Sanitätsmannschaften kamen sie gut zurecht.“

Über seine Erfahrungen mit den ihm 1914 in Würzburg unterstellten katholischen Schwes­tern hält Max Flesch fest: „Deren Wirken in der kurzen Zeit unserer gemeinsamen Arbeit war über jedes Lob erhaben. Gerade in dieser ersten Periode des Bewegungskrieges, in der die neue Organisation sich erst einleben mußte, war es ein großes Glück, daß ich hier mit einem Pflegepersonal zu arbeiten hatte, dem es nicht darauf ankam, wie lange und womit sie beschäftigt wurden, wenn es nur im Dient der Verwundetenpflege geschah. Wenn morgens etwa um 7 Uhr mit der operativen Versorgung der Verwundeten begonnen wurde, nachdem man am Abend bis zum Ein­bruch der Dunkelheit gearbeitet hatte, waren die Schwestern schon vom ersten Morgen­grauen an am Waschfaß gestanden, hatten gekocht, desinfiziert und, was irgend sonst zu tun war, geschafft. Von alle dem, was man mir vorher erzählt hatte, daß der Frühgottes­dienst Stunden absorbiere, daß sich die Schwestern nicht zu Putzerei und waschen anstellen ließen, war nichts wahr, höchstens, daß sie sich nicht anstellen ließen, weil sie alles von selbst taten.“

Im Hinblick auf die Geschichte der Kranken­pflege verdient Max Flesch auch Beachtung für seine 1901 veröffentlichte Schrift „Die Hauspflege. Ihre Begründung und Organisa­tion in Hauspflege-Vereinen“. In dem Heft mit einem Umfang von 43 Seiten präsentiert er detailliertes statistisches Material zum Haushaltseinkommen und zur Einkommens­verwendung in Arbeiterhaushalten, von denen ausgehend Flesch dann einen Vorschlag zur Organisation der Hauspflege (gegenüber al­leinstehenden Müttern) für den Hauspflege­verein Frankfurt am Main entwirft. Im Vor­wort schreibt er: „Als vor 9 Jahren [1892] der Frankfurter Hauspflege-Verein gegründet wurde, war die Sache neu; ein Wort zu deren Bezeichnung mußte erst erfunden werden. Heute [1901] ist bereits in einer Anzahl von Städten die Hauspflege organisiert; in anderen zeigt sich das Streben, dieselbe zu schaffen. Es unterliegt danach keinem Zweifel, daß es sich um Ausfüllung einer Lücke in den öf­fentlichen Institutionen handelt.“

Nach seinen „Satzungen“ hatte der „Haus­pflege-Verein“ den Zweck, „unbemittelten Familien Hilfe zur Aufrechterhaltung des Hausstandes während solcher Zeiträume zu gewähren, in welchen die Ehefrau, insbeson­dere durch Wochenbett oder Krankheit oder deren Folgen, vorübergehend außer Stand ist, ihrem Hauswesen selbst vorzustehen.“ Dem­entsprechend erstreckte sich die Aufgabe der Pflegerinnen insbesondere auf das Kochen der Mahlzeiten, das Reinigen der Zimmer, das Besorgen der Patientin und der Kinder und die sonstigen Arbeiten des Haushalts. Hinzu kam die „Sorge für Kranke, soweit diese keine Sachkunde erfordert.“

Zur Bedeutung des Hauspflege-Vereins hält Flesch fest: „Nicht Wohlthätigkeit gegenüber hilfesuchender Armut ist unsere Aufgabe; wir wollen ein berechtigtes Bedürfnis befriedigen; wir wollen einen sozialen Schaden ausglei­chen, indem wir durch die Aufrechterhaltung der Hauspflege auch der Frau des Arbeiters die Möglichkeit geben, gesund und stark zu eigenem Nutzen und zum Nutzen ihrer her­anwachsenden Kinder aus dem Wochenbett und aus Krankheiten hervorzugehen.“

Der „wichtigste Punkt“ des Vereins war sei­nes Erachtens dabei „die Beschaffung des Pflegepersonals.“ Die „Hauspflegerin“ – ge­dacht war an ältere Frauen von unbescholte­nem Rufe mit Erfahrung in der Haushaltsfüh­rung, aber keine ausgebildeten Kranken­schwestern – sollte unterdessen in der Kran­kenpflege nur soweit unterrichtet sein, wie es „jede Hausfrau sein sollte. In diesem Sinne hat es der Frankfurter Verein dankbar emp­funden und angenommen, als seinen Pflege­rinnen die Teilnahme an einem derartigen Kursus von dem Frankfurter Ausschuß für Volksvorlesungen zur Verfügung gestellt wurde; aber darüber hinaus soll unter keinen Umständen gegangen werden.“


Literatur

Arnsberg, Paul: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution, Band 3, Biogra­phisches Lexikon der Juden in den Bereichen: Wis­senschaft, Kultur, Bildung, Öffentlichkeitsarbeit in Frankfurt am Main. Darmstadt 1983, Seite 119-121.

Flesch, Max: Zur Bekämpfung der ansteckenden Krankheiten in den Städten. Gemeinverständliche hygienische Betrachtungen, mit besonderer Rück­sicht auf Diphtheritis und Scharlach. Alt Verlag. Frankfurt am Main 1890 (38 Seiten).

Flesch, Max: Die Hauspflege. Ihre Begründung und Organisation in Hauspflege-Vereinen. Gustav Fi­scher Verlag. Jena 1901 (43 Seiten).

Flesch, Max: 1870-1871 und 1914-1918. Von der Verwundeten- und Krankenpflege in zwei Kriegen. Aus eigenen Erinnerungen. Druck und Verlag von Kern & Birner. Frankfurt am Main 1930 (296 Sei­ten).

Flesch-Thebesius, Max: Ansprache von [Max] Flesch-Thebesius anläßlich des 75-jährigen Jubiläums des Hauspflege-Vereins am 10. 11. 1967 im Wilhelm-Polligkeit-Institut (Frankfurt am Main). Maschinen­schrift. [Frankfurt am Main] 1967.

Flesch-Thebesius, Marlies: Hauptsache Schweigen. Ein Leben unterm Hakenkreuz. Radius Verlag. Stuttgart 1988.

Flesch-Thebesius, Marlies: „Wir saßen zwischen allen Stühlen“. Als Mischling zweiten Grades in Frank­furt am Main. In: Kingreen, Monica (Hrsg.): Nach der Kristallnacht: jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945. Campus Verlag. Frankfurt am Main 1999, Seite 415-434.

Gotzmann, Andreas / Liedtke, Rainer / Rahden, Till van (Hrsg.): Juden, Bürger, Deutsche. Zur Ge­schichte von Vielfalt und Differenz 1800-1933 (Schriftenreihe wissenschaftliche Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, Band 63). Mohr Siebek Verlag. Tübingen 2001, Seite 351.

Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main: 7. Doku­mentation 2009. Frankfurt am Main 2009, Seite 29-32 (online unter: www.stolpersteine-frankfurt.de/ downloads/doku2009.pdf [10.12.2014]).

Klausmann, Christina: Politik und Kultur der Frauen­bewegung im Kaiserreich. Das Beispiel Frankfurt am Main (Reihe Geschichte und Geschlechter, Band 19). Campus Verlag. Frankfurt am Main 1997, Seite 328.

Schröder, Iris: Arbeiten für eine bessere Welt. Frauen­bewegung und Sozialreform 1890-1914. Campus Verlag. Frankfurt am Main 2001, Seite 152-154.

Sigusch, Volkmar / Grau, Günter (Hrsg.): Personenle­xikon der Sexualforschung. Campus Verlag. Frank­furt am Main, New York 2009, Seite 166-167.

Stölzle, Astrid: Kriegskrankenpflege im Ersten Welt­krieg. Das Pflegepersonal der freiwilligen Kran­kenpflege in den Etappen des Deutschen Kaiser­reichs (Medizin, Gesellschaft und Geschichte, Bei­heft 49). Franz Steiner Verlag. Stuttgart 2013, Seite 41.

www.de.wikipedia.org/wiki/Max_Flesch [10.12.2014].

www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=1907322&_ffmpar[_id_inhalt]=6908692 [10.12.2014].

Bildquelle: www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id= 6651363&template=bildanzeige [10.12.2014].

FLESCH, Max

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 89-92

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=410

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge

datenbankbanner 2