fbpx
May 28, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: ENGEL, Stefan
ENGEL, Stefan
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 7, Seite(n) 71-74.
 

Biographie

Im Jahre 1912 veröf­fentlichten Prof. Dr. med. Stefan Engel (1878-1968)  und Dr. rer. nat. Ma­rie Baum (1874-1964)  ihr Buch „Grundriß der Säug­lingskunde. Ein Leit­faden für Schwes­tern, Pflegerinnen und andere Organe der Säuglingsfürsorge. Nebst einem Grundriss der Säuglingsfürsorge“, das bis 1927 insge­samt dreizehn, erweiterte Auflagen erlebte. Zur Bedeutung ihrer Veröffentlichung schrei­ben die Autoren einleitend: „Die Kenntnis vom Säugling und von der Säuglingsfürsorge ist die Grundlage, auf der allein sich eine er­folgreiche Tätigkeit im Dienste des Säug­lingsschutzes aufbauen kann. Ein ersprieß­liches Wirken kann aber nur stattfinden, wenn man die Tatsache nicht aus dem Auge ver­liert, dass der Schutz des Säuglings nur einen kleinen Teil derjenigen Bestrebungen dar­stellt, welche der Erhaltung und Förderung der Volkskraft gewidmet werden. Gewiss steht alles, was dem Säugling nützt und ihn fördert, in der vordersten Reihe – ist doch das Säuglingsalter bei weitem das gefährdetste und schutzbedürftigste. Nur so ist es auch zu verstehen, dass wir über dem ‚Säuglings­schutz‘ lange Jahre versäumt haben, wichtige Maßregeln des Kinderschutzes auszubauen, welche alle dem gleichen Endziele dienen, der Erhaltung und Vermehrung der Volkskraft.“

Die Fachzeitschrift „Der Kinderarzt“ stellte die fünfte und sechste Auflage des Buches 1917 seiner Leserschaft wie folgt vor: „Ein ganz hervorragend gut geschriebenes Buch, das populär im besten Sinne des Wortes zu nennen ist. Auch der Arzt wird in dem Buche manche Anregung finden, vor allen Dingen hat er guten Grund, es in seiner Klientel warm zu empfehlen.“

Das „Korrespondenzblatt für Schweizer Ärzte“ urteilte im selben Jahr: „Unter den einschlägigen Büchern scheint es uns das Beste zu sein, was gegenwärtig existiert; es empfiehlt sich besonders für Frauen, die sich berufsmäßig mit Säuglingspflege befassen, auch für gebildete Mütter, die sich für die Pflege ihrer eigenen Kinder sorgfältig unter­richten wollen. Wir haben darum diesen Leit­faden schon seit Jahren als obligatorisch für die Schülerinnen des Kinderspitals Zürich eingeführt. Die Darstellung ist gewandt und übersichtlich; sie zeigt, dass der Verfasser – ein erfahrener Kinderarzt – sich schon lange mit dem Unterricht von Pflegerinnen befasst hat. Eine Reihe gut gewählter Abbildungen macht den Text anschaulich und leichter ver­ständlich. Der zweite kleinere Teil von Marie Baum wird besonders für solche willkommen sein, die sich den privaten oder staatlichen Aufgaben der Säuglingsfürsorge widmen.“

Die „Berliner Klinische Wochenschrift“ schrieb 1917 ihrerseits: „Wer die ungeheure Literatur älterer und neuerer Art auf diesem Gebiete kennt, wird ohne weiteres ermessen können, welches Lob des Gelingens in der großen Nachfrage nach dem Buche liegt. Und in der Tat gehört es zu den besten Büchern dieser Art. Ja, man kann sagen, dass es auch vor den besten noch den Vorteil seiner zahl­reichen, mit vorzüglichem Geschick ausge­wählten, charakteristischen und technisch ausgezeichneten Abbildungen voraus hat. Dieses Lob trifft besonders die Säuglings­kunde Engels. Die Treffsicherheit, mit der von Engel das für das präsumptive [vermut­liche] Lesepublikum Passende ausgewählt, das Ungeeignete aber ohne Schaden für den Lehrzweck weggelassen wurde, ist ebenso hervorzuheben, wie das Geschick der Dar­stellung. Der Grundriss der Säuglingsfürsorge von Marie Baum, der den zweiten kleineren Teil des Buches darstellt, ist eine gleichfalls durchaus geglückte Einführung und Orientie­rung über den Stoff.“

„Die Schwester. Illustrierte Monatsschrift für die Berufsfortbildung auf dem gesamten Ge­biete der Krankenpflege“, die von der Oberin Elsa Hilliger (ab 1921 Elsa Fleischmann-Hil­liger) (1888-1976) gemeinsam mit Dr. med. Paul Mollenhauer (1884-1960)  herausgegeben wurde, urteilte 1922 wie folgt: „Das verdienstvolle Buch, das bereits in 9. und 10. Auflage [1920] erscheint, bedarf wohl kaum mehr einer Empfehlung. Es behandelt das Ganze in Frage kommende Gebiet in er­schöpfender und noch nicht übertroffener Weise. Besonders wertvoll sind auch die An­gaben über Säuglingsfürsorge, die in alle ein­schlägigen gesetzlichen Bestimmungen ein­führen. Das Buch befindet sich wohl schon in den Händen der meisten Säuglingspflegerin­nen und Fürsorgerinnen. Die größte Verbrei­tung ist ihm auch weiterhin zu wünschen.“

Die von Michael Fischer (1887-1948) , später dann von Hubert Reinartz (1899-1953)  beziehungsweise Bernhard Rüther (1913-1980)  redigierte Fachzeitschrift „Krankendienst. Zeitschrift für katholische Krankenhäuser und Pflegekräfte“ schreibt 1929 über die 14., umgearbeitete Auflage des Buches: „Die Fachliteratur über Säuglings- und Kleinkinderkunde steigt seit den letzten Jahren gewaltig, so daß man Mühe hat, sich zurechtzufinden. Zu den Werken, die aus der reichen Fülle herausragen, gehört ohne Zwei­fel der von Engel und Baum gebotene Grund­riß, der mehr bietet, als der Titel ahnen läßt. Das Buch, auf den neuesten Stand der wissen­schaftlichen Forschung gebracht, enthält nicht nur eine lückenlose Darstellung alles dessen, was Säuglings- und Kleinkinderpflegerinnen für die Berufsarbeit erforderlich ist, sondern ermöglicht auch infolge seiner übersichtlichen Anordnung eine rasche Orientierung. Die Darstellung ist knapp, aber klar, die reiche Bilderbeilage wertvoll, die äußere Ausstat­tung mustergültig. Die hohe Auflageziffer bürgt für inneren Gehalt und Wert.“

Stefan Engel war am 7. November 1878 als Sohn des Kaufmanns Louis Engel und seiner Ehefrau Née Monasch in Reichenbach unter der Eule (Schlesien) geboren worden. Nach­dem er 1897 am Reichenbacher Gymnasium sein Abitur abgelegt hatte, studierte er ab 1898 Medizin an den Universitäten Breslau, Würzburg und München und legte 1902 das Staatsexamen ab. Nach einer Assistenztätig­keit am Pathologisch-Anatomischen Institut der Universität Breslau promovierte er dort 1904 zum Doktor der Medizin. Im Folgejahr erhielt er eine Oberarztstelle bei Prof. Dr. med. Arthur Schloßmann (1867-1932)  am Säuglingsheim in Dresden, wechselte 1906 aber in derselben Funktion zum neu gegründeten Kinder- und Säuglingskranken­haus der Medizinischen Akademie in Düssel­dorf. 1910 habilitierte er sich dort als Privat­dozent für Kinderheilkunde und wurde 1912 zum außerordentlichen Professor ernannt.

Nachdem Stefan Engel im Ersten Weltkrieg (1914-1918) als Oberstabsarzt in Russland, Polen und Frankreich, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse und anderen Orden, gedient hatte, wurde ihm im März 1918 die Leitung der Kinderklinik der Städtischen Krankenanstalten in Dortmund sowie des Säuglingsheims der Stadt Dortmund übertra­gen. Auf seine Initiative und nach seinen Plä­nen entstand von 1927 bis 1931 eine der da­mals fortschrittlichsten Kinderkliniken Deutschlands, die sogenannte „Engelsburg“ mit 250 Betten, mit Bibliothek, Laboratorien, Mütterberatung, Planung und Durchführung ärztlicher Fortbildungskurse, Ausbildung von Fürsorgerinnen und Kinderkrankenschwestern sowie Aufbau von Tageskrippen für Klein­kinder. Mit Hilfe von Wandplakaten der Kin­derärztin Ella Runge (Jahrgang 1889) wurden Mütter zu praktischen Fragen über die Ver­sorgung von Kindern beziehungsweise die Grundsätze der Kinderpflege aufgeklärt. Im Jahre 1926 erschienen die „Mütterspiegel“, zu denen Stefan Engel eine Einführung schrieb, im Druck, 1929 in der zweiten, vermehrten Auflage. Eine ähnliche Funktion erfüllte die von Stefan Engel und Ella Runge 1923 veröf­fentlichte Schrift „Die körperliche und geis­tige Entwicklung des Kindes im 1. und 2. Lebensjahre. Für Mütter und Pflegerinnen in Wort und Bild kurz dargestellt“.

Stefan Engel, der seit 1918 mit Marga Litten verheiratet war, mit der er später drei Kinder hatte, wurde 1933 nach der „Machtergrei­fung“ der Nationalsozialisten, er hatte im sel­ben Jahr einen Nachruf auf den Kinderarzt Prof. Dr. med. Leopold Langstein (1876-1933) ?o veröffentlicht, aufgrund seiner „rassischen Zugehörigkeit“ als Jude aus dem Amt gedrängt und zum Ende des Jahres in den Ruhestand versetzt. In der Folgezeit ar­beitete er zunächst als unbesoldeter Chefarzt an der Jüdischen Poliklinik in Berlin, bevor er im Januar 1936 mit seinem Sohn (die Familie folgte im März 1936) nach Großbritannien emigrierte, wo er am angesehenen North West Metropolitan Regional Hospital und im be­rühmten Hospital for Sick Children (Great Ormond Street) eine Anstellung fand. Stefan Engel starb am 22. Februar 1968 im Alter von fast 90 Jahren in London.

Stefan Engel, der als Mitglied in die Royal Society of Medicine in London aufgenommen worden war, erwarb sich internationale Aner­kennung durch zahlreiche Publikationen und als Herausgeber beziehungsweise Mitheraus­geber bedeutender Periodika. Einige seiner Veröffentlichungen – darunter „Die Ernäh­rung des Säuglings. Eine kurze Darstellung zum praktischen Gebrauche für Studierende und Ärzte“ (München 1917) – galten Jahr­zehnte als Standardwerke der Kinderheil­kunde. Seine unermüdliche Tätigkeit wurde durch zahlreiche hohe Auszeichnungen ge­würdigt, darunter 1963 durch die Verleihun­gen der Ehrendoktorwürde der Universität Köln, der Ehrenbürgerschaft der Stadt Düs­seldorf, der Ehrenmitgliedschaften der Deut­schen Tuberkulose-Gesellschaft, der Rhei­nisch-Westfälischen Tuberkulose-Gesell­schaft sowie der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde.

Im Gedenken an Prof. Dr. Stefan Engel vergibt die Deutsche Gesellschaft für Sozial­pädiatrie und Jugendmedizin e. V. (DGSPJ) alle zwei Jahre anlässlich ihrer Jahrestagung den mit 5.000 Euro – gestiftet vom Kircheim-Verlag Mainz – dotierten „Stefan-Engel-Preis“ ins Leben. Ebenso heist zur Erinnerung an Stefan Engel die Fläche vor der Städti­schen Kinderchirurgie in Dortmund seit 1. September 1999 „Stefan-Engel-Platz“.


Literatur

Börner, Paul: Reichs-Medizinal-Kalender für Deutschland, 1919. Begründet von Paul Börner. Thieme Verlag. Leipzig 1919, Seite 39.

Degener, Hermann A.L.: Wer ist`s? Unsere Zeitgenos­sen, 10. Ausgabe. Verlag Degener. Berlin, Leipzig 1935, Seite 345.

Engel, Stefan / Baum, Marie: Grundriß der Säuglings­kunde. Ein Leitfaden für Schwestern, Pflegerinnen und andere Organe der Säuglingsfürsorge Nebst ei­nem Grundriss der Säuglingsfürsorge. J. F. Berg­mann Verlag. München 1912 (208 Seiten).

Engel, Stefan / Baum, Marie: Grundriß der Säuglings­kunde. Ein Leitfaden für Schwestern, Pflegerinnen und andere Organe der Säuglingsfürsorge Nebst ei­nem Grundriss der Säuglingsfürsorge. Dreizehnte, umgearbeitete Auflage. J. F. Bergmann Verlag. München 1927 (239 Seiten).

Engel, Stefan: Die Ernährung des Säuglings. Eine kurze Darstellung zum praktischen Gebrauche für Studierende und Ärzte. Mit einem Geleitwort von Professor Dr. Schlossmann. J. F. Bergmann Verlag. München 1917 (123 Seiten).

Engel, Stefan / Runge, Ella: Die körperliche und geis­tige Entwicklung des Kindes im 1. und 2. Lebens­jahre. Für Mütter und Pflegerinnen in Wort und Bild kurz dargestellt. J. F. Bergmann Verlag. Mün­chen 1923 (7 Seiten).

Engel, Stefan: „... leuchtet's lange noch zurück“. Erin­nerungen und Betrachtungen des Mediziners Stefan Engel (1878-1968). Herausgegeben von Jutta Arnold. Kirchheim Verlag. Mainz 2008.

Engelhardt, Dietrich von (Hrsg.): Biographische En­zyklopädie deutschsprachiger Mediziner, Band 1. K. G. Saur Verlag. München 2002, Seite 154.

[Fischer, Michael]: Rezension des Buches von Stefan Engel und Marie Baum: Grudriß der Säuglings- und Kleinkinderkunde. 14., umgearbeitete Auflage. München 1929. In: Krankendienst. Zeitschrift für katholische Krankenhäuser und Pflegekräfte, 10. Jg., Heft 7, 1929, Seite 196.

Fischer, Isidor (Hrsg.): Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre, Band 1. Zugleich Fortsetzung des Biographischen Lexikons der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. Urban & Schwarzenberg Verlag. Berlin, Wien 1932, Seite 518.

Killy, Walther / Vierhaus, Rudolf (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie, Band 3. K. G. Saur Verlag. München 1996, Seite 116.

Morgenstern, Hans: Jüdisches biographisches Lexikon. Eine Sammlung von bedeutenden Persönlichkeiten jüdischer Herkunft ab 1800. LIT Verlag. Wien 2009, Seite 203.

[Ohne Verfasser:] Rezension des Buches: Grundriß der Säuglingskunde von Stefan Engel und Marie Braun. München [1920]. In: Die Schwester. Illustrierte Monatsschrift für die Berufsfortbildung auf dem gesamten Gebiete der Krankenpflege, 5. Jg., Heft 7, Juli 1922, Seite 112.

Röder, Werner: Biographisches Handbuch der deutsch­sprachigen Emigration nach 1933. Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte, München. Unter der Gesamtleitung von Werner Röder. K. G. Saur Verlag. München 1983, Seite 565.

Runge, Ella: Mütterspiegel. Einiges über richtige und falsche Säuglingspflege. Mit einer Einführung von Stefan Engel. J. F. Bergmann Verlag. München 1926 (59 Seiten).

Runge, Ella: Mütterspiegel. Einiges über richtige und falsche Säuglingspflege. Mit einer Einführung von Stefan Engel. 2., vermehrte Auflage. J. F. Berg­mann Verlag. München 1929 (63 Seiten).

Seidler, Eduard: Jüdische Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet, geflohen, ermordet. Erweiterte Neuauf­lage. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. S. Karger Verlag für Medizin und Naturwissenschaften. Ba­sel, Freiburg, Paris, London, New York 2007, Seite 229-231.

www.aerzteblatt.de/foerderpreise/verleihung?id=909 (Stefan-Engel-Preis) [24.11.2014].

www.de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Engel_(Mediziner) [24.11.2014].

www.dgkj.de/ueber_uns/mitgliedschaft/ehrenmitglieder/dgkj_ehrenmitglieder/ (Ehrenmitglieder der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugend-medizin) [24.11.2014].

www.dgspj.de/wp-content/uploads/forschung-stefan engelspreis-leben-2014.pdf (Stefan-Engel-Wissen-schaftspreis) [24.11.2014].

www.klinikumdo.de/unternehmen/wir-ueber-uns/ge schichte-des-klinikums.html (Geschichte des Klini-kums Dortmund) [24.11.2014].

Bildquelle: www.dgspj.de/wp-content/uploads/for schung-stefanengelspreis-leben-2014.pdf.

ENGEL, Stefan

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 71-74

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=405

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge