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Lernwelten 2018

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Who was who in nursing history: MEIER, Marie
MEIER, Marie
Artikel von: Gerhard Fürstler
Erschienen in Band 4, Seite(n) 194-196.
 

Biographie

„Es ist ein bewegtes Leben, das hinter mir liegt, aber auch ein wunderbar geführtes. Aus Dank will ich ihm in seinen Armen und Kranken dienen, der mich so überreich gesegnet. Er gebe mir dazu seine Gnade. Amen. Roman?wka, am 25. Mai 1920. Schwester Maria Mayer.“ Mit diesen Worten schloss die österreichische Diakonisse Marie Meier 1920 ihren bisherigen Lebenslauf ab, der nicht nur, wie sie schrieb, ein bewegtes Leben widerspiegelt, sondern zum Teil auch erschütternde Einzelheiten zutage fördert. Es lohnt sich daher einen Blick auf dieses Leben zu werfen, das Beispiel dafür ist, was Berufung und Nachfolge sein kann, das aber auch belegt, was es damals (1917) im mehrheitlich katholischen Österreich konkret bedeutete, für den Übertritt in die Evangelische Kirche noch verleumdet, beschimpft, verschmäht und auch verstoßen zu werden. Das weitere Leben dieser – wie ihr weiterer Lebenslauf belegt – hoch intelligenten Frau ist das einer verdienten, treu und still im Dienst stehenden Diakonisse: Als 15-jähriges Mädchen früh ins berufliche Leben getreten, war sie jahrelang gezwungen, in einer Fabrik zu arbeiten. Später gelang es ihr, sich zur Lehrerin und Krankenschwester ausbilden zu lassen, um dann in den schweren Zeiten des Ersten Weltkrieges (1914-1918), allein auf sich gestellt in der Schule und später im Krankenhaus und schließlich auch noch in der Gemeinde, tätig zu sein. 1945, unmittelbar vor Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945), musste sie krank und erschöpft aus der Arbeit genommen werden.

Marie Meier (eigentlich Maria) wurde am 30. September 1888 in Kumberg bei Graz (Steiermark) als älteste Tochter des Schmiedemeisters Franz Meier und seiner Frau Maria Meier geboren. Später erhielt sie noch drei Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester. Gemeinsam mit ihnen besuchte sie vom sechsten bis zum zwölften Lebensjahr die dreiklassige Volksschule in Kumberg. Mit zehn Jahren empfing sie die Erstkommunion und wurde zugleich auch gefirmt. Verbunden mit der vergleichsweise guten Schulbildung war die Überlegung, sie später in das Lehrerinnenseminar zu schicken; dies änderte sich jedoch schlagartig, als der Vater eine eigene Wirtschaft mit einer Schmiede kaufte: Die Schulzeit der ältesten Tochter war somit beendet. Zwar konnte sie während der Wintermonate die zweiklassige Volksschule in ihrer neuen Heimat Prebuch besuchen, die übrige Zeit aber musste sie in der Wirtschaft des Vaters mithelfen, so dass zum Lernen nicht viel Zeit übrig blieb. Mit 15 Jahren kam sie zu ihrer Taufpatin nach Weiz, um in der Landwirtschaft die Haushaltsführung zu lernen. Als diese aber nach ein paar Monaten überraschend starb, musste sie wieder zurück ins Elternhaus, wo der Vater inzwischen schwer erkrankt war. Nun hieß es die nächsten beiden Jahre wieder im elterlichen Haushalt und der Wirtschaft mitzuhelfen.

Anschließend wurde sie als Arbeiterin in der bekannten k. k. Tabakfabrik in Fürstenfeld angestellt und wohnte zunächst bei ihrem Onkel. Mit 19 Jahren verlobte sie sich mit einem etwa drei Jahre älteren Tischler, einem entfernten Verwandten. Gemeinsam beschlossen sie zu heiraten und „fleißig zu sparen.“ Dafür ging sie, wie man sagte, nebenbei noch „auf die Kost“, das bedeutete, dass sie nach der Arbeit in der Fabrik und in der Wirtschaft half und dafür freie Wohnung und Essen erhielt. In dieser Zeit ging es ihr gut, sie hatte „kräftige Kost“ und konnte sich manches leisten. Das fiel auch ihrer Schwester auf, die daraufhin ebenfalls als Arbeiterin in die Fabrik eintrat. Gemeinsam gründeten die beiden einen Haushalt und lebten fünf Jahre zusammen.

1914 wollten Marie Meier und ihr Verlobter heiraten. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Ihr Verlobter erhielt unmittelbar bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges den Einberufungsbefehl. Schweren Herzens ließ sie ihn ziehen, zumal auch ihre Brüder einrücken mussten. In schwerer körperlicher Arbeit suchte sie Trost und Vergessen. Da trat etwas in ihrem Leben ein, mit dem sie in keiner Weise gerechnet hatte und das dieses nun von Grund auf verändern sollte: Schon beim Eintritt in die Fabrik kam sie mit den evangelischen Fabrikarbeitern in Berührung. Bis dahin hatte sie ja keine gekannt, denn in ihrem Heimatort gab es keine. Sie bemitleidete diese, denn nach der Lehre ihrer Kirche, so dachte sie wenigstens, waren sie ja auf ewig verloren. Nachdem sie ein paar Jahre an den Maschinen gearbeitet hatte, schloss sie mit einer Arbeiterin Freundschaft, die eine entschiedene evangelische Christin war. Durch diese erstmals mit der Bibel konfrontiert, konnte sie sich mit der katholischen Religion nicht mehr identifizieren und beschloss, nach schweren inneren Kämpfen, in die Evangelische Kirche überzutreten, „denn mit der Vergebung der Sünden, hatte ich die Perle gefunden.“ 1917 meldete sie ihren Übertritt der politischen Behörde, legte das evangelische Glaubensbekenntnis in der Kirche ab und empfing das Abendmahl in beiden Gestalten. Was sie aber am folgenden Tag erlebte, ist heute kaum mehr zu fassen und ging wohl an die Grenze der Belastbarkeit: „Am folgenden Tag wurde mir die Wohnung gekündigt, mein Verlobter sandte mir den Ring zurück, meine Eltern, Geschwister, Verwandten sagten sich von mir los, man schmähte, verleumdete, beschimpfte mich, aber ich fühlte mich glücklich, für meinen Erlöser leiden zu können. Ich wurde durch die vielen Verleumdungen gezwungen, ein Schreiben an meine Tanten zu richten, worin ich meinen Schritt rechtfertigte, und zum ersten Mal von meinem Heiland zeugen durfte. Mir wurde es ziemlich leicht, die Vorwürfe zu widerlegen, da ich in der katholischen Religion sehr gut unterrichtet war. Ich nahm mir eine Wohnung allein, wo ich still lebte. Ich war Kassierin bei dem katholischen Arbeiterverein, wo man mich absetzte, mit der Begründung, man könne mir kein Geld mehr anvertrauen. Das schmerzte mich tief und ich trug schwer daran, umso mehr erfreut war ich, als der deutsch-nationale Arbeiterverband mich bat, die gerade freigewordene Kassierstelle zu übernehmen. Nur allmählich beruhigten sich die Gemüter, meine Eltern söhnten sich als erste mit mir aus, doch die anderen Verwandten und meine Schwester verkehren noch nicht mit mir.“ (Zeitpunkt: 1920, drei Jahre nach Übertritt in die Evangelische Kirche!).

1917 lernte sie in Wien bei der großen Reformationsfeier Oberin Elisabeth Nietzsche aus Berlin kennen, die für die von Pfarrer Theodor Zöckler zu Stanislau in Galizien (damals österreichisches Kronland, 1919 zu Polen gekommen) ins Leben gerufene „Schulschwesternschaft“ Schwestern suchte. Die Aufgabe der Schulschwestern war es, die eingezogenen, geflüchteten oder kriegsgefangenen Lehrer in den im Kriegsgebiet liegenden evangelischen Gemeinden zu vertreten, und zwar in der Weise, dass sie den Unterricht der schulpflichtigen Kinder einschließlich des Religions- und Konfirmandenunterrichtes fortführen, Jugendarbeit betreiben, Lesegottesdienste halten, und wo während der Kriegszeit die Herbeirufung eines Pfarrers unmöglich war, auch Nottaufen und Begräbnisse vornehmen konnten. Sie wurden in der Diakonissenanstalt Stanislau in Vierteljahreskursen ausgebildet. Marie Meier, von der Persönlichkeit der Oberin und der Tätigkeit dieser Schulschwestern angezogen, schied daraufhin aus der k. k. Tabakfabrik aus. Schon ein paar Wochen später fuhr sie „mit Freuden“ mit einem Flüchtlingszug nach Stanislau, um sich zur „Schulschwester“ ausbilden zu lassen.

Von 1917 bis 1918 absolvierte sie mit sehr gutem Erfolg diese Ausbildung, erkrankte und arbeitete danach für kurze Zeit in der Mädchenabteilung der Evangelischen Anstalten in Stanislau mit. 1918 bis 1920 jedoch war sie bereits als Lehrerin und Schulleiterin, allein auf sich gestellt, an der Evangelischen Privatvolksschule in Roman?wka Bezirk Radziech?w tätig.

Nach Kriegsende erkrankte sie schwer an spanischer Grippe, konnte sich aber erholen, schloss mit Genehmigung der Behörde vorübergehend die Schule und kehrte nach Stanislau zurück. Dort fasste sie aber den Entschluss, nach Österreich zurückzugehen und Diakonisse zu werden. Die Arbeit in ihrer Schulgemeinde in Galizien behielt sie als eine schöne, aber schwere und verantwortungsvolle Aufgabe in Erinnerung, in der es hieß „alles in allem sein“. 1920 trat sie im Alter von 32 Jahren in das Diakonissenmutterhaus Gallneukirchen ein und wurde 1928 eingesegnet. Einige Jahre arbeitete sie im Mutterhaus – weitere Diakonissinnen, die dort wirkten, waren etwa Charlotte von François (1898-1966) , Margit Frankau (1889-1944) , Margit Grivalsky (1915-2002) , Nany Kremeir (1862-1933) , Martha Lucke (1882-1965) , Freda Freiin von Schacky (1883-1960) , Elsa von Tiesenhausen (1890-1979) , Elise Lehner (1847-1921) , Anna Köhnen (1889-1983)  und Aenne Wiedling (1905-1978)  – mit und war in der pflegerischen Betreuung bei (behinderten) Kindern und Jugendlichen tätig. Danach war sie in der praktischen Krankenpflege in den evangelischen Krankenhäusern Aussig (Böhmen) und Wien sowie in der Privatpflege eingesetzt.

1928 trat sie ihren nächsten mehrjährigen Dienst an: Das Mutterhaus versetzte sie in das Evangelische Pfarramt nach Wien-Hietzing. Dort stand sie 17 Jahre im Dienst einer Gemeindeschwester. Nebenbei absolvierte sie in Berlin (1939) die Ausbildung zur Krankenpflege, die sie mit dem „Ausweis über die Erlaubnis zur berufsmäßigen Ausübung in der Krankenpflege“ abschloss. 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, musste sie „bombengeschädigt“, krank und erschöpft, ihren Dienst beenden und ins Mutterhaus zurückkehren, wo sie im Pfortendienst und zwischendurch im Unterricht bei den Schwestern bis 1950 weiter arbeitete. Am 18. Februar 1950 musste sie sich „endgültig in die Stille des Feierabends begeben“, den sie im Mutterhaus verbrachte. In ihren letzten Lebensjahren erkrankte sie unheilbar an Parkinson, wodurch sie sehr hilfsbedürftig wurde. Am 6. Dezember 1955 verstarb sie still und leise und wurde auf dem Evangelischen Friedhof in Gallneukirchen beigesetzt. Das im Nachlass gefundene Testament bestand aus einem Satz: „All mein Eigentum gehört dem Mutterhaus.“


Literatur

Fürstler, Gerhard: „Ich hatte die Perle gefunden.“ Marie Meier, Diakonisse (1988-1955). In: Fürstler, Gerhard: Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Die Lebensgeschichten von 19 Schwestern aus dem Diakonissen-Mutterhaus in Gallneukirchen. Medieninhaber und Herausgeber: Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen. Eigenverlag. Gallneukirchen 2006, Seite 218-227.

Bildquelle: Fürstler, Gerhard: Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Die Lebensgeschichten von 19 Schwestern aus dem Diakonissen-Mutterhaus in Gallneukirchen. Medieninhaber und Herausgeber: Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen. Eigenverlag. Gallneukirchen 2006, Seite 218.

MEIER, Marie

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Gerhard Fürstler. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Gerhard Fürstler, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 194-196

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Permalink:
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