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Jun 01, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: MARIA von Oignies
MARIA von Oignies
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) 187-189.
 

Biographie

Im Mittelalter wurde die Krankenpflege außer den geistlichen Orden und den Ritterorden auch von einer großen Zahl weltlicher Pflegegemeinschaften ausgeübt, von denen die sogenannten Beginen (auch Beghinen, Beguinen) hervorgehoben werden können. Bei ihnen handelte es sich um Vereinigungen von Mädchen und Frauen, die erstmalig im 12. Jahrhundert in den Niederlanden auftraten. Ihre Gründung durch Lambert de Bégue (?-1187), den Bischof von Lüttich, ist nicht sicher verbürgt. Ohne ein Klostergelübde abzulegen, vereinigten sich die Beginen unter einer frei gewählten Vorsteherin zu Übungen der Andacht und Wohltätigkeit, wobei sie gemeinsam in Beginenhöfen wohnten. Diese waren anfangs außerhalb der Städte, dann innerhalb derselben angelegt und bestanden aus einzelnen Wohnhäusern mit Kirche, Krankenhaus und Herberge. In Entsprechung zu dieser besonderen Lebensform für Frauen gab es auch einen männlichen Zweig, die Begarden. Ihre Blütezeit hatten die Beginen, die von Adam Wienand zurecht als „der mittelalterliche Typ der Barmherzigen Schwester“ bezeichnet wurden, im 13. Jahrhundert, in dem sie sich in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland weit verbreiteten; um das Jahr 1300 wird ihre Gesamtzahl auf etwa 200.000 geschätzt. Frankfurt am Main etwa soll 57 solcher Beginenhöfe mit insgesamt 200, Straßburg 60 mit 600 und Köln 141 mit 2.000 Beginen gehabt haben. Am längsten erhielten sie sich in Deutschland, wo sie neben der Betreuung von Hospitaliten vor allem auch die Hauskrankenpflege in den Städten ausübten.

Eine der markantesten Gestalten aus den Anfängen der Beginenbewegung, die zuweilen auch als deren Gründerin gilt, begegnet uns in der Mystikerin Maria von Oignies, die im Jahre 1177 in Nivelles (im Norden Frankreichs) geboren wurde. Aus wohlhabendem Haus stammend und vierzehnjährig verheiratet, bestimmte sie ihren Gatten Johannes zur Enthaltsamkeit (sogenannte Josefsehe) und einem ihrer Meinung nach gottgefälligen Leben. Ihr Haus in Willambroux (Willembroke) wandelte sie in ein Hospital (Leprosenhaus) um, wo sie sich zusammen mit ihrem Ehemann der Pflege der Aussätzigen widmete. Maria, Verehrerin der Passion Christi und der Eucharistie, soll strengste Askese geübt haben und charismatisch begnadet gewesen sein. Im Jahre 1207 zog sie sich nach Oignies (unweit von Lüttich in Belgien, nahe der luxemburgischen Grenze) zurück, wo sie einen Kreis gleichgesinnter Frauen um sich sammelte, der auf das gesamte Bistum Lüttich ausstrahlte.

Die letzten Jahren ihres Lebens verbrachte Maria in einer Eremitenzelle nahe des Augustinerklosters in Oignies, wo sie am 23. Juni 1213, im Alter von 36 Jahren, verstarb. In dem besagten Kloster war damals der spätere Kardinal und Erzbischof Jacques de Vitry (um 1170-1240) seelsorgerisch tätig, der Marias Biographie – eines der wenigen literarischen Zeugnisse über das Leben von Beginen, die überhaupt entstanden sind – bereits zwei Jahre nach ihrem Tod verfasste. Ohne je kanonisiert zu werden, genoss Maria, die als Patronin der Gebärenden gilt, stets große Verehrung; ihr katholischer Gedenktag ist der 23. Juni.

Maria von Oignies war mit ihrem karitativen Wirken sicher kein Einzelfall. Unter ihren Zeitgenossinnen und Zeitgenossen lassen sich viele andere finden, die ihr weltliches Gut hingaben und ihre Familien verließen, um sich der praktischen Nächstenliebe beziehungsweise Krankenpflege zu widmen. Neben den Beginen Mechthild von Magdeburg (1207-1282)  und Christina von Stommeln (1242-1212)  mögen Personen wie Franz von Assisi (1182-1228) , Elisabeth von Thüringen (1207-1231) , Agnes von Böhmen (1211-1282) , Gertrud von Thüringen (1227-1297)  und Elisabeth von Portugal (1269-1336)  als Beispiele dienen.

In ihrer Freiburger Dissertation „Dem Weiblichen ist das Verstehen des Göttlichen ‚auf den Leib’ geschrieben. Die Begine Maria von Oignies in der hagiographischen Darstellung Jakobs von Vitry“, die 2000 veröffentlicht wurde, präsentiert Maria Grazia Calz? Maria von Oignies als aktive Trägerin jenes im Hochmittelalter neu erwachten Zeitgeistes, der in der „evangelica regula“ die wesentliche Inspirationsquelle für die Erneuerung der christlichen Gesellschaft findet und zugleich das wahrhaft „Leibliche“ im Menschsein Christi (sein Lebens-, Leidens- und Erlösungsweg) hervorhebt. Die Autorin zeigt zugleich, dass die von Vitry vorgelegte Biographie nicht nur Ausdruck der Frömmigkeitssensibilität und des speziellen Sinnes für das Heilige oder Göttliche einer religiösen Frau ist, sondern dass Maria von Oignies auch – und darin liegt ihre große Bedeutung – eine neuartige, „moderne“ frauenspezifische Spiritualität bezeugt, welche Maria Grazia Calz? aufgrund der entscheidenden Rolle, die der Körper mit seiner komplexen Sphäre von Sinnen und Affekten hier spielt, mit einem Neologismus „samatophon“ definiert. Das heißt konkret: Die für das Weibliche ideengeschichtlich charakteristische Beziehung zur Materie, zur Abgründigkeit des Körpers mit seiner Trieb- und Leidenschaftsnatur (Elemente, die mit dem Bösen und Sündhaften gleichgesetzt wurden und eine lange misogyne Tradition grundlegten) lehnt die Begine aus Oignies – im Gegensatz zu einer am Geistigen orientierten Frömmigkeit – in der ihr eigenen Form von Religiosität gerade nicht ab; für sie ist Heil ohne Körper eigentlich nicht denkbar. Der Körper ist „locus“ schlechthin, in dem Christus als fleischgewordener Gott erkannt wird und aus dem heraus die Begine „spricht“ – ein somatisches Wort sozusagen, das vom körperlich erfahrenen Göttlichen erzählt.


Literatur

Baier, Ronny: Maria von Oignies. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band XXI. Begründet und herausgegeben von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Traugott Bautz. Herzberg 2003, Spalte 1080-1083.

Calzà, Maria Grazia: Dem Weiblichen ist das Verstehen des Göttlichen „auf den Leib“ geschrieben. Die Begine Maria von Oignies in der hagiographischen Darstellung Jakobs von Vitry (Bibliotheca academica; Band 3 [Reihe Philosophie, Band 1]). Ergon. Würzburg 2000.

Eltz-Hoffmann, Liselotte von: Maria von Oignies. In: Eltz-Hoffmann, Liselotte von: Kirchenfrauen im Mittelalter. Quell. Stuttgart 1993, Seite 39-47.

Geyer, Iris: Maria von Oignies. Eine hochmittelalterliche Mystikerin zwischen Ketzerei und Rechtgläubigkeit (Europäische Hochschulschriften: Reihe 23, Theologie, Band 454). Peter Lang. Frankfurt am Main, Bern, New York, Paris. 1992.

Greven, Joseph: Die Anfänge der Beginen. Ein Beitrag zur Geschichte der Volksfrömmigkeit und des Ordenswesens im Hochmittelalter. Aschendorff. Münster 1912.

Grundmann, Herbert: Religiöse Bewegung im Mittelalter. Untersuchungen der geschichtlichen Zusammenhänge zwischen der Ketzerei, den Bettelorden und der religiösen Frauenbewegung im 12. und 12. Jahrhundert und über die geschichtlichen Grundlagen der Mystik. Reprographischer Nachdruck der 1. Auflage, Berlin 1935. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 1970.

Kolling, Hubert: „Die Sorge für die Kranken steht vor und über allen anderen Pflichten“ – die mittelalterlichen Wurzeln der Krankenpflege. In: Gerhard Aumüller, Kornelia Grundmann, Christina Vanja (Hrsg.): Der Dienst am Kranken. Die Krankenversorgung zwischen Caritas, Medizin und Ökonomie vom Mittelalter bis zur Neuzeit (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen). Marburg 2007 (im Druck).

Lampen, Willibald / Müller, Catherine: Maria von Oignies. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Sechster Band. Begründet von Michael Buchberger. Herausgegeben von Walter Kasper. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Herder. Freiburg, Basel, Rom, Wien 1997, Spalte 1345-1346.

Stadler, Johann Evangelist (Hrsg.): Vollständiges Heiligen-Lexikon oder Lebensgeschichten aller Heiligen, Seligen etc. aller Orte und aller Jahrhunderte, deren Andenken in der katholischen Kirche gefeiert oder sonst geehrt wird, unter Bezugnahme auf das damit in Verbindung stehende Kritische, Alterthümliche, Liturgische und Symbolische, in alphabetischer Ordnung, mit zwei Beilagen, die Attribute und den Kalender der Heiligen enthaltend, Band 4, M-P. B. Schmid´sche Verlagsbuchhandlung (A. Manz). Augsburg 1875. (Nachdruck der Ausgabe Augsburg 1875. Georg Olms. Hildesheim, New York 1975); 2. Reprint, Hildesheim 1996; [Elektronische Ressource]. Neusatz und Faksimile der Ausgabe Augsburg, 1858-1882. [CD-Rom]. (Digitale Bibliothek, 106). Directmedia. Berlin 2005.

Vitriaco, Jacobus de: Two lives of Marie d´Oignies (Peregrina translations series; 3/4). Peregrina Publikation & Co. Toronto 1998.

Wienand, Adam (Hrsg.): Das Wirken der Orden und Klöster in Deutschland. Zweiter Band. Die weiblichen Orden, Kongregationen und Klöster. Wienand-Verlag. Köln 1964, Seite 132.

Wolters, Max: Einfach da sein. 150 Jahre Genossenschaft der Cellitinnen nach der Regel des heiligen Augustinus Köln / Severinstraße. Parzeller. Fulda 1988, Seite 20-29.

www.de.wikipedia.org/wiki/Maria_von_Oignies [21.05.2007].

www.eckhart.de/frauen.htm [21.05.2007].

www.ergon-verlag.de/en/d_978_3_9333563_49_1_8314.htm [21.05.2007].

www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Maria_von_Oignies.html [21.05.2007].

www.heiligenlexikon.de/Stadler/Maria_von_Oignies.html [21.05.2007].

MARIA von Oignies

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 187-189

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