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Lernwelten 2018

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Who was who in nursing history: LU?DER, Heinz von
LU?DER, Heinz von
Artikel von: Gerhard Aumüller
Erschienen in Band 4, Seite(n) .
 

Biographie

Die zwischen 1533 und 1542 von Landgraf Philipp dem Großmütigen (1504-1567)  von Hessen gestifteten vier Hospitäler Haina (bei Marburg) und Merxhausen (bei Kassel, beide gestiftet 1533), Hofheim bei Darmstadt, das heutige Philippshospital (gestiftet 1535) und Gronau bei St. Goar (gestiftet 1542), waren zuvor Klöster beziehungsweise eine Pfarrei (Hofheim) gewesen. Die vier Standorte waren den vier Landesteilen der Landgrafschaft (Ober- und Niederhessen; Ober- und Niedergrafschaft Katzenellenbogen) zugeordnet, die den Einzugsbereich für die Versorgung von Kranken, Armen, Behinderten und Alten der ländlichen Bevölkerung darstellten. Je zwei Hospitäler wurden für Frauen (Merxhausen und Hofheim), zwei für Männer (Haina und Gronau) bestimmt. Wesentlicher Hintergrund der Hospitalgründung war die Aufhebung der Klöster im Zuge der Einführung des Protestantismus in Hessen ab 1526 durch Landgraf Philipp, der sich bereits 1524 zum Luthertum bekannt hatte und zu einem der führenden politischen Köpfe des reformatorischen Lagers der Reichsfürsten geworden war. Mit der Aufhebung der Klosterkonvente wurde deren Eigentum unter anderem zur Finanzierung der 1527 gegründeten Universität in Marburg, des dort ebenfalls eingerichteten Pädagogiums, der Gründung der adeligen Stifter in Wetter und Oberkaufungen (zur Versorgung der unverheirateten Töchter der hessischen Ritterschaft) und eben der vier hessischen Hohen (=Hoheitlichen) Hospitäler verwendet. Damit konnte zum einen den Regress- und Restitutionsansprüchen der enteigneten (und vertriebenen) Klosterinsassen begegnet werden und zum anderen wurde durch die Einrichtung des „gemeinen Kastens“ nach sächsischem Vorbild die Grundlage für die Versorgung von Kirchendienern und Armen gelegt. Bereits einige Jahre zuvor hatte Philipp die Visitation und Reformation der Spitäler in den Städten der Landgrafschaft durch seinen Burghauptmann in Ziegenhain, Heinz von Lüder (auch von Lütter, von Leutter usw.), und den Theologen Adam Krafft (1493-1558) angeordnet. Dabei wurde deutlich, dass die Armenkassen und Spitäler in den Städten wesentlich besser gestellt waren als die der ländlichen Bereiche und dass der Dorfbevölkerung mit der Aufhebung der Klöster mit ihren Armenspenden und Infirmarien jegliche institutionelle Hilfe fehlte.

Als der eigentliche Organisator des von Landgraf Philipp veranlassten Hospitalkonzepts muss Heinz von Lüder angesehenen werden, den Philipp dann folgerichtig auch zum ersten Obervorsteher der Hohen Hospitäler ernannte. Als Festungskommandant, Militär, Diplomat, Organisator großen Formats und vor allem als genialer Sozialreformer hatte der tiefgläubige, kinderlos verstorbene Mann seine ganze Tatkraft in den Dienst Landgraf Philipps von Hessen, zeitweise auch Herzog Ulrichs von Württemberg gestellt. Die im Wesentlichen von ihm konzipierte Hospitalordnung stellte über Jahrhunderte das organisatorische Fundament zur finanziellen und administrativen Sicherung der Hohen Hospitäler dar. In ihrer Präzision und Elastizität und dem sozial-karitativen Impetus ist sie in vielen Bereichen den entsprechenden Abschnitten der zisterziensischen Charta caritatis des Stephen Harding kongenial. Sie führt in gewisser Weise in laisierter Form die zisterziensischen Ideale des ‚opus dei’ mit der ‚lectio divina’ und dem ‚labor manuum’ weiter und integriert sie in die Aufgaben des multifunktionalen frühneuzeitlichen Hospitals.

Die Grundelemente dieser Hospitalordnung sind der regelmäßige Gottesdienst (als „Seelen-Arzeney“) und die auf den sechs christlichen Werken der Barmherzigkeit beruhende materielle Versorgung der „Hospitaliten“. Dem Obervorsteher als dem Koordinator der Tätigkeit aller vier Hospitäler kamen dabei die folgenden wesentlichen Aufgaben zu: 1. die Aufsicht zur materiellen und ideellen Besitzstandswahrung der Hospitäler, 2. die Dienstaufsicht über sämtliches Personal, 3. die Leitung der Wirtschaftsführung, die Vorbereitung und Durchführung der jährlichen Rechnungsabhörung durch die landgräfliche Visitationskommission und die Konsultations- und Berichtspflicht an den Landgrafen bei größeren Problemen.

Heinz von Lüder, der von 1533 bis 1559 Obervorsteher der hessischen Hohen Hospitäler war, wurde um 1490 als Sohn des fuldischen Zentgrafen Wigand von Ludder, eines illegitimen Sprosses der Familie von Lüder, und seiner Frau Margarete geboren. Einzelheiten der Schul- und Berufsausbildung sind nicht bekannt. 1514 erscheint er erstmals als Diener der Adelsfamilie von Riedesel zu Eisenbach, die als hessische Erbmarschälle in ständiger Auseinandersetzung mit dem benachbarten Stift Fulda lebten. Nach einem Totschlag im Affekt wurde von Lüder von den von Riedesel entlassen und erscheint 1515 in fuldischen Diensten. Ab 1520 wurde er als Hauptmann Landgraf Philipps in verschiedenen politischen Missionen eingesetzt und führte von 1525 bis 1531 gemeinsam mit dem Theologen Adam Kraft die Visitation der hessischen Klöster, Spitäler und Kirchenkasten durch. Auf ihn geht die 1533 von Landgraf Philipp befohlene Abfassung der Ordnung der hessischen Hohen Hospitäler zurück. 1537 war von Lüder Hauptmann der Festung Ziegenhain, in der das hessische Archiv und ein Teil des Staatsschatzes verwahrt wurden; zeitweise arbeitete er als Bausachverständiger und Militär auf Befehl Philipps bei Herzog Christoph von Württemberg in Stuttgart und auf dem Hohenasperg. 1542 wurde er zum Vorsteher des Hospitals Haina, 1543 zum Obervorsteher über die vier hessischen Hohen Hospitäler ernannt. Die 1551 mit der wohlhabenden Marburger Witwe und Patriziertochter Kunigunde Meintz, geborene Orth (ca. 1500-1562) geschlossene Ehe blieb kinderlos. Heinz von Lüder starb 1559 und wurde in der Klosterkirche Haina beigesetzt. Sein Epitaph ist erhalten und zeigt ein Lilienwappen. Ein weiteres Wappen weist die Jacobsmuschel mit zwei gekreuzten Pilgerstäben auf.

Nach dem Tode Landgraf Philipps (1567) wurden die Hospitäler von seinen Nachkommen als hessische „Samteinrichtung“ gemeinsam verwaltet; ab dem 17. Jahrhundert wurden daher die leitenden Beamten, so auch der Obervorsteher, abwechselnd von der Kasseler und der Darmstädter Linie der hessischen Landgrafen berufen.

Die Bestimmungen der Gründungsurkunde sahen eine vollständige Autarkie der Hospitäler vor, die auf der Basis der Landwirtschaft, von Grundbesitz, ausgedehnten Waldbesitzungen mit Holzkohleverkauf und Pottasche-Herstellung, durch Bergwerke und ein angeschlossenes Hüttenwerk, gewerbliche Betriebe (Bäckerei, Metzgerei, Brauhaus, Weinbrennerei, Schreinerei, Schneiderei und Schuhmacherei für den Eigenbedarf) sowie externen Besitz (Vogteien beziehungsweise Höfe in Frankenberg, Wetter, Fritzlar, Marburg und Frankfurt) gesichert werden sollten. Die Belegung der multifunktionalen Hospitäler sah eine gewisse Binnengliederung durch getrennte Unterbringung von „Rasenden“ (abgekettet in Blockhäusern), Epileptikern, Blinden, Stummen, Tauben, Lahmen usw. vor. Ärztliche Pflege war durch die Verpflichtung der Leibärzte, die zumeist zugleich Medizinprofessoren in Marburg waren, in geringem Umfang von vorne herein gegeben. Ab dem 17. Jahrhundert sorgten regelmäßig Wundärzte für äußere, innere und chirurgische Behandlung. Ab dem frühen 18. Jahrhundert war sogar ein Wundarzt im Haupthospital Haina ansässig.

Zwar waren der Obervorsteher und die nachgeordneten Beamten, wie etwa der Amtsvogt und der Küchenmeister, nicht direkt in die Krankenversorgung einbezogen, sie waren aber verpflichtet, durch regelmäßige Besuche und Kontrollen die Pflege und Versorgung der Hospitaliten zu überwachen, notfalls zu verbessern und den Kranken Trost und Mut zuzusprechen.

Die Hospitalordnung sah einen geregelten Tagesablauf mit Gottesdienst und Betstunden, Verpflegung und der Verrichtung von angemessener Arbeit durch diejenigen vor, die dazu in der Lage waren. Großer Wert wurde auch auf einen christlichen Lebenswandel gelegt, und Übertretungen wurden mit Strafen wie Nahrungsminderung, schlimmstenfalls auch Verweis aus dem Hospital geahndet. Körperliche Züchtigung war hingegen strengstens untersagt und konnte nur vom Obervorsteher bei schweren Vergehen angeordnet werden.

Nach der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) änderte sich sowohl die Belegungsstruktur und -dichte als auch die Konkurrenzsituation zwischen den beiden regierenden Häusern Hessens, die eine Präzisierung der inzwischen mehrfach überarbeiteten Hospitalordnung erforderte. Sie wurde im Wesentlichen 1728 durch den Obervorsteher Wilhelm von Urff (1673-1762)  ausgearbeitet.


Literatur

Aumüller, Gerhard: Ärztliche Versorgung und Leitung der hessischen Hohen Hospitäler im 16. und 17. Jahrhundert. In: Friedrich, Arnd / Heinrich, Fritz / Vanja, Christina (Hrsg.): Das Hospital am Beginn der Neuzeit. Soziale Reform in Hessen im Spiegel europäischer Kulturgeschichte. Michael Imhof. Petersberg 2004, Seite 79-92.

Aumüller, Gerhard: Ärztliche Versorgung in der Gründungsphase der Hessischen Hohen Hospitäler – Die Rolle der Leibärzte. In: Meyer, Andreas / Schulz-Grobert, Jürgen (Hrsg.): Gesund und krank im Mittelalter. Marburger Beiträge zur Kulturgeschichte der Medizin. Eudora-Verlag. Leipzig 2007, Seite 299-318.

Brockhusen, Hans Joachim von: Von Lüder zu Luther, aus Hessen nach Thüringen. In: Zeitschrift für Hessische Geschichte und Landeskunde, Band 89 (1982/83), Seite 21-26.

Knetsch, Carl: Heinz von Lüder. In: Hessenkunst, 16. Jg. (1922), Seite 52-58.

Knetsch, Carl: Neues von Heinz von Lüder. In: Hessenkunst, 20. Jg. (1926), Seite 43-46.

Vanja, Christina: Die Stiftung der Hohen Hospitäler in Hessen zwischen Mittelalter und Neuzeit. In: Friedrich, Arnd / Heinrich, Fritz / Vanja, Christina (Hrsg.): Das Hospital am Beginn der Neuzeit. Soziale Reform in Hessen im Spiegel europäischer Kulturgeschichte. Michael Imhof. Petersberg 2004, Seite 17-23.

Bildquelle: Gerhard Aumüller, Marburg

LU?DER, Heinz von

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Gerhard Aumüller. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Gerhard Aumüller, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S.

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=194

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