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Jun 07, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: LINGNER, Lina
LINGNER, Lina
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) 120.
 

Biographie

Bereits 1997 hatte Horst-Peter Wolff im ersten Band des von ihm herausgegebenen Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte „Who was who in nursing history“ eine Kurzbiographie über Lina Lingner, Diakonieschwester im 1894 von Friedrich Zimmer (1855-1919)  gegründeten Evangelischen Diakonieverein, veröffentlicht Aufgrund neu erschlossener Quellen wird nachfolgend eine stark erweiterte und durch eine Abbildung ergänzte Fassung vorgelegt.

Lina Lingner wurde 1884 als Tochter eines Bahnbeamten geboren. Nachdem sie – erst im Alter von dreißig Jahren – im März 1914 eine Ausbildung unter Oberin Anna Margarete van Delden (1858-1938)  im Diakonieseminar in Elberfeld begonnen hatte, arbeitete sie von Herbst 1915 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1914-1918) in verschiedenen Feldlazaretten, wobei sie sich zur OP-Schwester qualifizierte. Danach wurde sie Stationsschwester in Suhl, Kassel und Halle und erweiterte ihre Kenntnisse in der Säuglings- und Kinderkrankenpflege. Im Jahre 1924 wurde sie Oberschwester in dem vom Evangelischen Diakonieverein neu übernommenen Kreiskrankenhaus in Salzwedel. 1925 kam Lina Lingner dann als leitende Schwester in die Privatklinik von Professor Ehrich nach Rostock.

Von 1928 bis 1929 absolvierte Lina Lingner den Oberinnen-Kursus an der Werner-Schule [Otto Werner (1847-1923) ] vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Berlin-Langwitz, wie die Diakonieschwestern Martha Börns (1899-1936) 1933, Magdalene Buchheister (1903-1952) 1942/43, Asta von Lindeiner-Wildau (1902-1987)  1940, Hanna Schomerus (1897-1998)  1928, Emy Sprenger (1906-1973)  1938/39, Lisa Weise (1896-1983)  1934 oder Lisbeth Wüllenweber (1888-1980)  1940. Während dieser Zeit gab der Vorstand des Evangelischen Diakonievereins Berlin die Zusage, das neu erbaute evangelische Martin-Luther-Krakenhaus (MLK) in Berlin-Schmargendorf – nach damaligen Vorstellungen mit 400 Betten ein Großkrankenhaus – mit Diakonieschwestern zu besetzen und die Verwaltung in eigener Regie zu übernehmen. Für die Leitung des Hauses und der Schwestern wurde Oberin Lingner bestimmt. Gleichzeitig hatte sie die seltene Gelegenheit, während des letzten Bauabschnittes Pfarrer Siegert, der als Vorsitzender des Vereins zur Errichtung evangelischer Krankenhäuser Bauherr war, bei der Beschaffung des Inventars zu beraten. Im Februar 1931 konnte sie mit den ersten sechs Schwestern in notdürftig eingerichtete Räume im MLK einziehen, dessen Einweihung am 15. März stattfand. Am 1. April wurden die ersten Patienten aufgenommen; gleichzeitig hielten dort auch die ersten Krankenpflegeschülerinnen ihren Einzug im neuen und zugleich ersten Berliner Diakonieseminar für Krankenpflege. Eine der hier wirkenden Stationsschwester war Asta von Lindeiner-Wildau (1902-1987) , die 1940 an der „Werner-Schule“ vom DRK in Berlin-Langwitz einen einjährigen beruflichen Weiterbildungslehrgang für leitende Schwestern besuchte.

Das Martin-Luther-Krankenhaus sollte „als Ausdruck unserer armen Zeit mit den einfachsten Mitteln jeden erreichbaren technischen Fortschritt in möglichst wirtschaftlicher Form aufweisen“, so der aus Bad Saarow stammende Architekt Ernst Kopp (1910-1955). Es wurden Stationen mit 30 Betten und Stationen mit 10 und 12 Betten für „Private“ und Schwerkranke eingerichtet. Alle Patientenzimmer wurden so angelegt, dass sie der Sonne zugewandt sind, die Funktions- und Behandlungsräume hingegen an der Nordseite. Als Fachabteilungen wurden untergebracht: Innere Krankheiten (Männer), Innere Krankheiten (Frauen), Gynäkologie mit umfangreicher Entbindungsstation, Chirurgische Abteilung (Frauen) und Chirurgische Abteilung (Männer). Daneben wurden durch Konsiliarärzte die weitere Versorgung garantiert (Zahnarzt, Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Augenarzt). Bis 1957 leitete Lina Lingner alleinverantwortlich die Geschicke des Krankenhauses, ihr zur Seite stand der ärztliche Leiter. Erst von da an wurde die Krankenhausleitung in der heute bekannten dreigeteilten Form (Verwaltungs-, Ärztlicher-, Pflegeleiter) institutionalisiert.

Lediglich im Jahre 1933 hatte Lina Lingner die Leitung des Martin-Luther-Krankenhauses für ein Jahr ihrer Vertretung, Hanna Erckel (1900-1972) , übergeben, weil sie Ende August mit Schwester Lisa Weise (1896-1983)  nach Ägypten reiste, um bei der von deutschen Firmen vorgenommenen Einrichtung des Krankenhauses „Al Moassat“ in Alexandrien zu helfen. Da sich durch politische und finanzielle Schwierigkeiten die Fertigstellung des Hauses aber immer wieder hinauszögerte, kehrten die beiden Schwestern 1934 nach Deutschland zurück.

Lina Lingner war nicht nur eine tiefgläubige Christin, sondern auch eine überzeugte Nationalsozialistin. Ob sie – wie wohl alle Oberinnen und leitenden Schwestern des Evangelischen Diakonievereins – auf Anraten ihres Vorstandes um 1938 in die Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) eingetreten war, ist nicht bekannt. In jedem Fall veröffentlichte sie aber 1939 in dem von Wilhelm Siegert herausgegebenen Sammelband „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht“ den Aufsatz „Arbeiten – unsere Pflicht, Dienen – unser Auftrag“, in dem sie sich selbst als eine glühende Anhängerin des Nationalsozialismus ausweist. So standen nach ihrer Auffassung 1939 Diakonieschwestern in etwa 265 Arbeitsfeldern im „Ehrendienst der Nation“, beispielsweise am Hirn- und Rassenforschungsinstitut, das an erster Stelle genannt wird, an Universitätskliniken, in der Krankenpflege, in Frauenkliniken, an Hebammenlehranstalten, in Erziehungs-, Krüppel- und Altersheimen, der Wohlfahrtspflege und Tuberkulosefürsorge, in Kindergärten, Säuglingsheimen, Kinderkrankenhäusern und in der Gemeindepflege. Das Wort, der Ruf des Führers Adolf Hitler“, so Lina Lingner beschwörend weiter, „wird niemals ungehört verklingen“. Ferner war sie der festen Überzeugung, dass die 1939 eingeschriebenen 800 Diakonieschülerinnen sich ihrer ureigensten Aufgabe bewusst seien und sich freudigen Herzens mitverantwortlich in den „Ehrendienst an der Nation“ einordnen lassen würden.

Vor diesem Hintergrund ist es kaum zu glauben, dass Lina Lingner, angesichts der NS-Rassegesetze, weiterhin in freundschaftlicher Verbundenheit mit dem christlichen Bildhauer Wilhelm Gross – der von väterlicher Seite her Jude war – und seiner Familie gestanden haben soll. Gross, dessen Werke von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ eingestuft wurde, hatte 1931 zum ersten Weihnachtsfest im Martin-Luther-Krankenhaus durch Vermittlung des damaligen Generalsuperintendenten Otto Dibelius (1880-1967) eine Krippe für den Betsaal des Krankenhauses geschaffen. Eine 1934 geschaffene Gruppe „Jesus in Gethsemane“ konnte der Künstler angeblich mit Hilfe von Oberin Lingner im Keller des MLK verstecken.

In ihrer Funktion als Bezirksoberin, ein Amt das sie 26 Jahre lang ausübte, besuchte Lina Lingner während der NS-Zeit auch zweimal die psychiatrische Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde (Pommern), in der im Rahmen der „Euthanasie“ psychisch Kranke und behinderte Menschen ermordet wurden, worüber sie jeweils einen Bericht verfasste. Derjenige vom 24. / 25. Juli 1943 lässt annehmen, dass sie bei ihrem ersten Besuch scheinbar nichts von den in der Anstalt stattfindenden Tötungen erfuhr. Sie schreibt: „Auf dem Wege zur Anstalt, die ja etwa ? Stunde entfernt von Meseritz liegt, kamen wir an den 2.000 Morgen großen Feldern und Wiesen vorbei, auf denen die Leichtkranken die Ernte einbrachten. Zur Heilanstalt Obrawalde gehören 25 Einzelhäuser; das Ganze macht einen sehr geschlossenen, sehr gepflegten Eindruck. Der neue Verwaltungsdirektor, [Walter] Grabowski, der besonders geschäftstüchtig ist, hat in die Anstalt die verschiedensten Industriezweige legen lassen, z. B. füllen die Leichtkranken die Braunschen Farben nach Gewicht in kleine Tütchen und machen sie vollständig versandfertig; das Gleiche mit Zahnpulver, mit Gewürzkräutern. Eine eigene Angora-Kaninchenzucht liefert Berge von echter weißer Wolle, die auch von den Leichtkranken auf das Sorgfältigste sortiert und gezupft wird. Ferner hat er eine Pony- und Eselszucht eingerichtet. Die Wäsche vom RAD [Reichsarbeitsdienst] und der HJ [Hitler Jugend] wird in der Anstalt gewaschen und geflickt. Der Direktor hat den Ehrgeiz, aus dieser Anstalt in fünf Jahren einen Musterbetrieb zu machen. Die Schwerkranken sind alle verlegt. Es dürfen in Zukunft nur noch Geheilte entlassen werden, Gebesserte bleiben als Arbeitskräfte in der Anstalt. Mehrere Häuser sind für 800 Tbc-Kranke vorbereitet. [...] Der Gauleiter von Pommern, [Franz] Schwede-Coburg [(1888-1960)], hat ausschlaggebendes Bestimmungsrecht. Darunter fällt auch, daß kein Tischgebet mehr gesprochen werden darf, dass die Kirche, die immer von Protestanten und Katholiken sehr besucht wurde, jetzt mit 80 Männerbetten belegt ist. Das Haus für schwerkranke Männer ist mit Zuchthäuslern besetzt, die immer unter strengster Bewachung zur Arbeit gebracht und geholt werden. [...] Zur Versorgung der Tbc-Kranken sind die NS- und Reichsbundschwestern bereits auf dem Gelände. Es ist anzunehmen, daß die Station, die Schwester Gertrud [Gastler (1899-1980) ] und Schwester Helene [Klinner (1901-?)] gemeinsam führen, mit Tbc-Kranken belegt wird und unsere Schwestern dann nicht dort bleiben möchten. [...]“

In ihrem zweiten Bericht über die Bezirksreise nach Obrawalde vom 2. bis 3. September 1944 schrieb sie: „Mir fiel ganz besonders auf, daß Schwester Helene sehr nervös geworden ist, ich möchte sagen, bitter, kritisch und oft hart in ihrer Beurteilung. Ihre Bitterkeit hängt zusammen mit Maßnahmen, die dort getroffen sind und sich keineswegs mit ihrer evangelischen Glaubenshaltung vereinbaren lassen.“

Bei den von Herbst 1943 an pausenlos einsetzenden Bombenangriffen wurde das Martin-Luther-Krakenhaus mehrmals getroffen. Als Joseph Goebbels (1897-1945), seit 1930 Reichspropagandaleiter der NSDAP und seit 1933 Minister für Volksaufklärung und Propaganda, am 1. August 1943 alle nicht berufstätigen Berliner zum Verlassen der Hauptstadt aufrief, musste auch ein großer Teil der Patienten des MLK in den Warthegau und nach Böhmen evakuiert werden, so dass die Zahl der Kranken vorübergehend auf 73 sank. Einige Monate später erfolgte auf Anordnung der Gesundheitsbehörde die Verlegung einer Anzahl von Patienten samt Schwestern und Inventar in leerstehende Häuser der Provinzial-, Heil- und Pflegeanstalt Neurupin, die auch anderen Berliner Krankenhäusern als Zufluchtsstätte diente. Gegen Ende des Krieges zog eine Abteilung des Hauptgesundheitsamtes in die oberen Räume des MLK ein. Die immer heftiger werdenden Angriffe machten es notwendig, die bettlägerigen Patienten auf Dauer im Keller unterzubringen.

Als sich ab Januar 1945 der Flüchtlingsstrom aus dem Osten durch Berlin ergoss, suchten im Martin-Luther-Krakenhaus viele als Kranke oder Verletzte Heilung, Linderung oder auch nur einen ruhigen Ort zum Sterben. Vom 23. April 1945 an lag das MLK im unmittelbaren Frontgebiet. Tagelang tobte der Kampf um die Brückenköpfe Hohenzollerndamm, Paulsborner Brücke und Bahnhof Halensee. Jeder Abschuss und Einschlag von Granaten ließ das Krankenhaus in seinen Grundfesten wanken. Die Belegschaft überstand diese Zeit – bis zur Kapitulation am 2. Mai 1945 – in den Kellerräumen.

Über das Kriegsende veröffentlichte Oberin Lina Lingner 1956 in dem von Kirchenrat Fritz Mieth (1897-1963) und Walter Schian herausgegebenen Buch „Krankendienst im Zeichen des Kreuzes“ den Beitrag „Aus der Chronik des Martin-Luther-Krankenhauses in Berlin“. Darin schreibt sie: „Wir sind im Luftschutzkeller zusammen 340 Personen: Verwundete, Kranke, Sterbende, Pflege- und sonstiges Personal, außerdem 68 Personen im Splittergraben, die aus unmittelbarer Nachbarschaft bei uns vor den anrückenden Russen Schutz suchen. [...] Die Toten müssen bestattet werden. Es sind zunächst 53 Gefallene, darunter unbekannte Soldaten, unbekannte Zivilpersonen; leider auch ein Arzt unseres Hauses. Wohin mit den Toten? Wir wählen ein Stück unseres Gartens und betten sie während einer Feuerpause, so gut es eben möglich ist. [...] 30. April 1945 – es ist gegen 22 Uhr, da erscheinen eine Anzahl betrunkener Russen und verlangen in ihrer ganzen Brutalität Schwestern. [...] Wir hofften, eine Granate würde uns zerschlagen, aber Gott ließ es nicht zu, wir blieben am Leben, aber leider mußten drei Schwestern viel Leid erfahren. [...] Wir hatten den feind in seiner brutalen Gewalt kennen gelernt und mußten nun auf der Hut sein. Die jungen Schwestern versteckten sich z.T in den Betten unserer Kranken, auch unter den Betten, auf Schränken usw. mussten sie sich verbergen; doch leider sehr oft vergeblich.“

Zu den Vorgängen hält die Diakonisse vom Evangelischen Diakonieverein Liselotte Katscher, von 1961 bis zu ihrer Pensionierung im Frühjahr 1983 Leiterin der Schwesternhochschule der Diakonie in Berlin-Grunewald, in ihrem 1993 veröffentlichten Buch „Krankenpflege und das Jahr 1945. Der Zusammenbruch und seine Folgen am Beispiel der Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins“ fest: „So sehr auch Oberin Lingner unter Gefahr ihres eigenen Lebens sich mühte und die Patienten mithalfen, die Schwestern zu verstecken, für eine Reihe von ihnen begann neben vielen anderen Schrecken der Gang durch die Hölle der Vergewaltigung“. Über das Geschehen hatte bereits 1968 anlässlich ihrer Beerdigung sich Pastor Dr. Werner Bellardi geäußert: „Ohne Furcht und mit rücksichtslosem Einsatz ihres Lebens hat Oberin Lingner sich allezeit vor ihre Schwestern und Patienten gestellt. Sie konnte freilich nicht alles Schlimme verhüten, aber sie hat viel getan, was nur wenige wissen, hat Menschen gerettet und hat getröstet, wie eine Mutter tröstet.“

Bereits einen Monat später wurde mit der Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des Martin-Luther-Krakenhaus begonnen. Auch hierzu verfasste Oberin Lina Lingner einen zeitgenössischen Bericht: „11. Mai [1945]. Wir wagen uns mehr und mehr ans Tageslicht und stellen beim Rundgang fest, daß das Haus von 16 Granaten getroffen ist. Wohin man sieht: Rauchschwaden, geborstene Wände, durchlöcherte Stahltüren, zertrümmerte Möbel, entwurzelte Bäume und Sträucher, gesprengte Panzer, umgestürzte Autos, weggeworfene Maschinengewehre, Handgranaten, Panzerfäuste, Munition, Uniformstücke, gefallene Soldaten und Zivilisten. Ringsherum Schlachtfeld! [...], aber das Krankenhaus steht in seinen Grundmauern, jede einzelne von uns lernt den Segen der Arbeit und des Arbeitsplatzes neu schätzen. [...] Die erste Aufgabe für uns war: Schutt und Scherben zu beseitigen. Vor dem Haus türmten sich Berge von Glas, Mauerreste, Steine, Matratzen, verbogene Balkongitter, Gartenzäune, Luftschutztüren. Wir alle schleppten, schleppten, um einigermaßen Ordnung zu bekommen. Dann suchten wir Firmen auf, stellten Anträge auf Materialbewilligung; alle Wege zu den Behörden mussten zu Fuß zurückgelegt werden; denn es ging ja keine Straßenbahn, keine Stadt- und U-Bahn. Selbst bis in die Mitte der Stadt, zur Hauptkohlenzentralstelle, mussten wir zu Fuß gehen.“

Wenngleich es auch in den darauffolgenden Wochen und Monaten noch große Schwierigkeiten und Augenblicke des Schreckens gab, konnte Lina Lingner 1946 festhalten, dass Ende September das Krankenhaus „wieder die volle Belegungsfähigkeit erreicht hatte.“ 1948 notiert sie: „Unser Haus ist wieder so gut instandgesetzt, daß die Besucher und Neuaufgenommene immer wieder sagen: ‚Wie ist es nur möglich, daß dieses Krankenhaus so vom Kriege verschont geblieben ist? Ringsherum sieht man doch nur Trümmer und hier kaum eine Spur?’“

Nach über 25-jähriger Tätigkeit im Martin-Luther-Krankenhaus ging Oberin Lina Lingner 1957 in den Ruhestand, wobei sie ihrer Nachfolgerin – Helene Weber (1912-1982) – ein „wohlgeordnetes und festgefügtes Haus“ übergab. Seither lebte sie in Kassel-Wilhelmhöhe, zuerst mit ihrer Schwester zusammen, nach deren Tod im „Margaretenhaus“ des Evangelischen Diakonievereins. Während dieser Zeit besorgte sie die sogenannte „Altenstube“ ihrer Gemeinde. Nach einer Operation 1967 erholte sie sich wieder gut. Während eines Kuraufenthaltes im Allgäu erkrankte sie plötzlich so schwer, daß sie sofort in das Kreiskrankenhaus nach Pfronten gebracht werden musste, wo sie nach wenigen Tagen, am 19. März 1968, in ihrem 84. Lebensjahr verstarb.

Nachdem bereits am 20. März eine Gedenkstunde für sie im Margaretenhaus gehalten worden war, versammelte sich am 25. März 1868 „eine große Trauergemeinde“ auf dem Wahlershäuser Friedhof in Kassel-Wilhelmhöhe zur Beisetzung. Die Trauerfeier hielt Pastor Dr. Werner Bellardi über den 23. Psalm („Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“), den sich Lina Lingner einst als Weisung für ihren Lebensweg gewählt hatte. Als Vertreter der Ärzteschaft des Martin-Luther-Krankenhauses sprach Prof. Dr. Hans Witzgall am Grabe „bewegende Worte des Dankes für Rat und Wegweisung, die er und seine Ärzte in vielen Jahren von seiner Oberin empfangen hatte.“

In einem Nachruf, der 1968 in der Fachzeitschrift „Die Diakonieschwester“ erschien, heißt es über Lina Lingner: „In den Zeiten der Anfechtung im Dritten Reich wie in den Kriegs- und Nachkriegsjahren war sie zuversichtlich und unverzagt und hat sich auch in den schwersten Tagen mit Einsatz ihrer Person vor ihre Schwestern, Ärzte und Mitarbeiter gestellt.“


Literatur

Bellardi, Werner: Oberin i. R. Lina Lingner. Ansprache bei der Trauerfeier in der Kapelle des Wahlershäuser Friedhofs in Kassel-Wilhelmshöhe am 25.3. [1968]. In: Die Diakonieschwester. Neue Folge der Blätter aus dem Evangelischen Diakonieverein und dem Zehlendorfer Verband für evangelische Diakonie, 64. Jg., Nr. 5, Mai 1968, Seite 97.

50 Jahre Martin-Luther-Krankenhaus. Festschrift, herausgegeben durch den Verein zur Errichtung ev. Krankenhäuser e.V. und dem Ev. Diakonieverein e.V., Berlin. Evangelischer Diakonieverein. Berlin (ohne Jahresangabe) [1981].

Katscher, Liselotte: Krankenpflege und „Drittes Reich“. Der Weg der Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins 1933-1939. Diakonie. Reutlingen 1990 (Zweite Auflage 1994), Seite 219 und Seite 267.

Katscher, Liselotte: Krankenpflege und Zweiter Weltkrieg. Der Weg der Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins 1939-1944. Verlagswerk der Diakonie. Stuttgart 1992, Seite 229.

Katscher, Liselotte: Krankenpflege und das Jahr 1945. Der Zusammenbruch und seine Folgen am Beispiel der Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins. Diakonie. Reutlingen 1993, Seite 256.

Kracker, Ingrid von: Was wir ihnen danken – Oberin Lina Lingner. In: Die Diakonieschwester. Neue Folge der Blätter aus dem Evangelischen Diakonieverein und dem Zehlendorfer Verband für evangelische Diakonie, 67. Jg., Nr. 10, Oktober 1971, Seite 206.

Lingner, Lina: Arbeiten – unsere Pflicht, Dienen – unser Auftrag. In: Siegert, Wilhelm (Hrsg.): Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht. Erdmenger. Berlin 1939, Seite 46-47.

Lingner, Lina: Aus der Chronik des Martin-Luther-Krankenhauses in Berlin. In: Mieth, Fritz / Schian, Walter (Hrsg.): Krankendienst im Zeichen des Kreuzes. Christlicher Zeitschriftenverlag. Berlin 1956, Seite 21-140.

[Nachruf] Oberin i.R. Lina Lingner. In: Die Diakonieschwester. Neue Folge der Blätter aus dem Evangelischen Diakonieverein und dem Zehlendorfer Verband für evangelische Diakonie, 64. Jg., Nr. 4, April 1968, Seite 76.

[Nachruf] Lina Lingner. In: Die Diakonieschwester. Neue Folge der Blätter aus dem Evangelischen Diakonieverein und dem Zehlendorfer Verband für evangelische Diakonie, 64. Jg., Nr. 5, Mai 1968, Seite 102.

[Ohne Verfasser] Oberin Lina Lingner fünfjähriger Todestag am 19. März 1973. In: Die Diakonieschwester. Neue Folge der Blätter aus dem Evangelischen Diakonieverein und dem Zehlendorfer Verband für evangelische Diakonie, 69. Jg., Nr. 3, März 1973, Seite 65.

Schian, Walter: Dank und Verantwortung. Ein Beitrag zu einem halben Jahrhundert evangelischer Krankenhausarbeit. Herausgegeben vom Verein zur Errichtung evangelischer Krankenhäuser e.V., Berlin. [Selbstverlag]. Berlin 1972, Seite 56 und Seite 92.

Steppe, Hilde / Ulmer, Eva-Maria (Hrsg.): “Ich war von jeher mit Leib und Seele gerne Pflegerin.” Über die Beteiligung von Krankenschwestern an den „Euthanasie“-Aktionen in Meseritz-Obrawalde. Mabuse. Frankfurt am Main 1999 (Zweite Auflage 2001).

Wolf, Horst-Peter: Lina Lingner. In: Wolff, Horst-Peter (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. „Who was who in nursing history“. Ullstein Mosby. Berlin, Wiesbaden 1997, Seite 120.

www.mlk-berlin.de/profil/geschichte.php.

www.ev-diakonieverein.de/diakonieverein/personen.html.

Bildquelle: www.mlk-berlin.de/profil/geschichte.php.

LINGNER, Lina

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 120

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