fbpx
Jun 07, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: LINDEN, Herbert
LINDEN, Herbert
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) 176-178.
 

Biographie

Am 20. August 1947 endete in Nürnberg der sogenannte Ärzteprozess. Angeklagt waren Mediziner, die in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen wie Laborratten behandelt hatten. Alle betroffenen Täter rechtfertigten den Verbrauch von „Menschenmaterial“ zu Versuchszwecken mit Nützlichkeitsargumenten der Gesundheit kommender Generationen. Im Gegensatz beispielsweise zu Karl Brandt oder Siegfried Handloser (1895-1954) , die in Nürnberg angeklagt und verurteilt wurden, entzog Herbert Linden, der Reichsbeauftragte der Heil- und Pflegeanstalten und einer der Hauptbetreiber von Krankenmorden, sich durch Suizid seiner Verantwortung.

Herbert Linden wurde am 14. September 1899 in Konstanz in einem evangelischen Elternhaus geboren. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Nachdem er 1917 das Abitur abgelegt hatte, studierte er Medizin; am 17. Dezember 1923 promovierte er zum „Dr. med.“ und erhielt am 17. Januar 1925 seine Approbation als Arzt. Am 23. November 1925 trat er in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ein (Mitglieds-Nummer 23.956). Nachdem er Assistent an verschiedenen Kliniken in Heidelberg war, unter anderem 1928 und 1929 am dortigen Hygieneinstitut, wurde er am 1. April 1931 wissenschaftlicher Angestellter im Reichsgesundheitsamt in Berlin und im Oktober 1933 Regierungsrat. Am 1. November 1933 wechselte ins Reichsministerium des Innern (RMdI), wo er ab 13. Juni 1934 als Obrregierungsrat und im „Sachverständigenbeirat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik“ und ab 20. April 1936 als Ministerialrat in der Gesundheitsabteilung IV (Gesundheitswesen und Volkspflege) tätig war.

Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das am 14. Juli 1933 beschlossen worden und am 1. Januar 1934 in Kraft getreten war, ging manchen „Rassisten“ nicht weit genug. Ihnen entgegnete Herbert Linden: „Auf alle Fälle läßt sich heute schon sagen, daß bis jetzt kein Sterilisierungsgesetz mit einer solchen Gründlichkeit durchgeführt wurde wie das deutsche.“ Das besagte Gesetz verpflichtete Amtsärzte und Direktoren geschlossener Anstalten, von Amts wegen Anträge auf Sterilisierung zu stellen. „Um Beunruhigung der Erbkranken nach Möglichkeit zu vermeiden, sollen die Amtsärzte bei der Vorladung von Erbkranken eine gewisse Vorsicht üben. Vielleicht dürfte es sich in einzelnen Fällen empfehlen, dem Erbkranken oder Alkoholiker den eigentlichen Anlaß der Vorladung nicht bekannt zu geben, sondern erst bei der mündlichen Verhandlung zu eröffnen“, meinte Herbert Linden am 26. Juni 1934 unwidersprochen in einer Sitzung des „Sachverständigenrates“.

Seit 1934 war Herbert Linden Mitglied beziehungsweise Vorsitzender der Reichsarbeitsgemeinschaft (RAG) zur Bekämpfung des Alkoholismus und der RAG für Volksernährung, seit 1936 im „Reichsausschuß zum Schutze des deutschen Blutes“ und ab 1939/40 Organisator der „Euthanasie“, dem Massenmord an Kranken und Behinderten im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ (benannt nach der Adresse der Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4), wobei er selbst als „T4-Gutachter“ beziehungsweise „T4-Obergutachter“ tätig war und sich für die von dem Arzt Robert Ritter (1901-1951) und der Krankenschwester Eva Justin (1909-1966)  betriebene „Zigeunerforschung“ einsetzte. Laut der Aussage von Obermedizinalrat Otto Mauthe (1892-1974) „begaffte“ er 1940 in der Vergasungsanstalt Grafeneck die Ermordung eines „Frauentransports“.

Ab 23. Oktober 1941 wurde Herbert Linden Reichsbeauftragter für die Heil- und Pflegeanstalten und in dieser Funktion auch an der sogenannten „Aktion Brandt“ beteiligt. Die seit 1937 aufgestellten Mobilmachungspläne sahen im Katastrophenfall die Einrichtung von Hilfs- und Ausweichkrankenhäusern vor. Bei der Umsetzung dieser Pläne kam es 1941/42 jedoch immer wieder zu Konflikten, die ihre Ursache in der unklaren Abgrenzung zwischen dem zivilen und dem militärischen Sektor hatten. Um den Katastrophenschutz energisch voranzutreiben und die zivilen und militärischen Interessen zu koordinieren, entstand seit dem August 1941 eine führerunmittelbare Sonderverwaltung unter Adolf Hitlers (1889-1945) „Begleitarzt“ und Reichskommissar für das Gesundheitswesen Prof. Karl Brandt (1904-1947). Nach den schweren Luftangriffen im Frühjahr und Sommer 1942 wurden Brandt und der Architekt Albert Speer (1905-1983), der unter anderem Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion war, beauftragt, weitere Ausweichkrankenhäuser – sogenannte „Krankenhaus-Sonderanlagen“ – für fast alle Städte des Deutschen Reiches zu errichten, ein Projekt, das unter der Bezeichnung „Aktion Brandt“ lief. Im Zuge dieser Aktion kam es zur Räumung von zahlreichen Heil- und Pflegeanstalten, wobei sich Brandt zumeist der Hilfe von Herbert Linden bediente, zwischen deren Dienststellen sich ein „symbiotische[s] Verhältnis“ einstellte.

Von Juli 1942 bis 1944/45 wirkte Herbert Linden ehrenamtlich als Richter am Volksgerichtshof, im November 1942 wurde er zum Ministerialdirigent im RMdI befördert. Drei Tage vor Adolf Hitler nahm sich Herbert Linden in Berlin am 27. April 1945 das Leben und entging damit, im Gegensatz beispielsweise zu Karl Brandt oder Siegfried Handloser (1895-1954) , einer Anklage im Nürnberger Ärzteprozess.


Literatur

Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945? S. Fischer. Frankfurt am Main 2003, Seite 373.

Klee, Ernst: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer. Frankfurt am Main 2001.

Klee, Ernst: Ausschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. Überarbeitete Neuausgabe. S. Fischer. Frankfurt am Main 2001, Seite 130.

Klee, Ernst: Was sie taten – Was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- und Judenmord. S. Fischer. Frankfurt am Main 1988.

Liere, Klaus Peter: Aus den Akten der Reichskanzlei. Über Krankenhäuser, Krankenanstalten und Bäderwesen im Deutschen Reich von 1921-1945 mit dem Versuch einer Darstellung der „Aktion Brandt“, d.h. der Einrichtung von Ausweichkrankenhäusern durch das Reich im letzten Kriege. Medizinische Dissertation. [Selbstverlag]. Bochum 1981.

Linden, Herbert: Deutsche Bevölkerungspolitik – die Grundlage unserer rassischen Zukunft (Volk und Wissen, Band 12). Stenger. Erfurt 1938.

Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Herausgegeben und kommentiert von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke. Mit einem neuen Vorwort zum Nachdruck 1977 von Alexander Mitscherlich. Durchgesehene und neugesetzte Ausgabe. Fischer. Frankfurt am Main 1995.

Müller-Hill, Benno: Tödliche Wissenschaft. Die Aussonderung von Juden, Zigeunern und Geisteskranken 1933-1945. Rowohlt. Reinbek bei Hamburg 1985

Gütt, Arthur / Linden, Herbert / Massfeller, Franz: Blutschutz- und Ehegesundheitsgesetz. Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre und zum Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes nebst Durchführungsverordnungen sowie einschlägigen Bestimmungen. Lehmann. München 1936 (2. unveränderte Auflage 1937).

Platen-Hallermund, Alice: Die Tötung Geisteskranker in Deutschland. Frankfurter Hefte. Frankfurt am Main 1948.

LINDEN, Herbert

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 176-178

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=192

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge