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Lernwelten 2018

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Who was who in nursing history: LEHNER, Elise
LEHNER, Elise
Artikel von: Gerhard Fürstler
Erschienen in Band 4, Seite(n) 171-173.
 

Biographie

Die erste österreichische Diakonisse und zugleich auch erste Diakonissenoberin, Elise Lehner, erblickte am 2. April 1847 das Licht der Welt. Ihr Geburtsort Gumpolding bei Thening (Oberösterreich) war bis zu ihrem 26. Lebensjahr auch ihr Aufenthaltsort geblieben. Fünf ihrer Geschwister starben früh. Ihre Eltern, die ein kleines Häuschen mit einigen Grundstücken hatten, mussten durch Nebenverdienst die große Familie ernähren, wozu der Vater das Weberhandwerk betrieb. Sechs Jahre besuchte sie den Schulunterricht. Unter solchen Verhältnissen wurde sie früh schon mit Arbeit und zahlreichen Entbehrungen vertraut, dennoch hatte sie bis zu ihrem 13. Lebensjahr – gerade, als sie den Konfirmationsunterricht besuchen sollte – ruhige Kinderjahre. Denn zu dieser Zeit erkrankten ihre Eltern, Geschwister und Verwandten, so dass sie nur wenige Tage dem Konfirmationsunterricht beiwohnen konnte und die übrige Zeit dazu verwenden musste, größtenteils allein die Erkrankten zu Hause zu pflegen. Acht Tage vor ihrer Konfirmation starb ihr Vater, die Mutter erholte sich, und Elise blieb noch zwei Jahre zu ihrer Hilfe daheim. Dann verheiratete sich ihr jüngster Bruder, übernahm das väterliche Anwesen, und sie wurde daheim, wie sie sagte, „überflüssig.“

Daraufhin trat sie in einem benachbarten Bauernhause in den Dienst. 1872 unternahm Elise Lehner – sie war 25 Jahre alt – ihre erste Reise: Sie fuhr in den nur wenige Kilometer entfernten Ort Gallneukirchen. Begründung: Im März 1872 hatte der erste evangelische Pfarrer in Gallneukirchen und Gründer der Diakonissenanstalt Gallneukirchen, Ludwig Schwarz (1822-1910), in Gallneukirchen einen Gottesdienst gehalten. Elise Lehner war zutiefst beeindruckt: „Mächtig zog mich die Verkündigung dieses Mannes an. ‚Das ist`s, was ich brauche’, war mein erster Eindruck und der folgende: ‚Hier möchte ich sein’.“ Viermal noch kam sie im Laufe desselben Jahres wieder nach Gallneukirchen.

Das vierte Mal jedoch, es war der 26. Dezember 1872, musste sie infolge des kurzen Wintertages in Gallneukirchen übernachten und am nächsten Tag brachte sie Pfarrer Schwarz zu Fuß (!) nach Linz. Wie wichtig gerade dieser Weg für ihr weiteres Leben noch werden sollte, ahnte sie in diesem Augenblick aber noch nicht, denn unterwegs blieb er stehen und sagte zu ihr: „Ich sehe, dass der Herr viel an Ihnen getan hat, möchten Sie nicht Diakonisse werden?“ Jetzt erst sprudelte es aus ihr hervor, was fünf Jahre zurückgehalten worden war. Pfarrer Schwarz erzählte ihr von den in seiner früheren Pfarrstelle in Görz gemachten schlechten Erfahrungen hinsichtlich der Krankenpflege und so fassten sie damals schon gemeinsam den Plan zu einem evangelischen Krankenhaus in Wels. Doch vorher müsse sie zur Ausbildung in das Mutterhaus nach Kaiserswerth [Theodor Fliedner (1800-1864) ], so sein Vorschlag, der aber ihren Wünschen nicht ganz entgegen kam, da sie sich mehr dem Stuttgarter Mutterhaus verbunden fühlte, was wohl daher rührte, weil sie von diesem Hause schon vorher gehört hatte.

Zu Hause angekommen, teilte sie ihrer Mutter ihren Entschluss mit, Diakonisse zu werden: „Ach, wie entsetzt war sie da zunächst über mein Vorhaben. Erst nach und nach gelang es mir, ihre Einwilligung zu erreichen. Zum Glück wohnte damals ein Neffe, ein junger Lehrer, in unserem Hause, der es verstand, die Sache der Diakonie noch viel mundgerechter darzulegen, als ich selbst es vermochte. So erklärte sie sich schließlich einverstanden.“

1874 wurde Elise Lehner zur Krankenpflegeausbildung in das Mutterhaus Stuttgart gesandt. 1877 kehrte sie als Krankenschwester nach Gallneukirchen zurück und wurde zum Amt der Diakonisse eingesegnet. Doch wie bescheiden war der Anfang: Nur mit zwei Krankenzimmern, die im Pfarrhaus bereitstanden, begann 1874 die „neuzeitliche“ Diakonissenarbeit in Österreich und mit ihr das Werk in der Anstalt Gallneukirchen, in der später etwa auch Charlotte von François (1898-1966) , Margit Frankau (1889-1944) , Margit Grivalsky (1915-2002) , Nany Kremeir (1862-1933) , Martha Lucke (1882-1965) , Marie Meier (1888-1955) , Freda Freiin von Schacky (1883-1960) , Elsa von Tiesenhausen (1890-1979) , Anna Köhnen (1889-1983)  und Aenne Wiedling (1905-1978)  wirkten. Tröstlich wirkte der Ausbau des Schüttbodens am Pflegerhaus (am Bet- und Pfarrhause), das 1880 als erstes evangelisches Krankenasyl eingeweiht wurde. Drei Zimmer im ersten Stock bildeten das erste Diakonissenmutterhaus und blieben es 30 Jahre lang, trotz zunehmender Schwesternzahl.

1884 wurde das junge und kleine, nur 15 Schwestern umfassende Diakonissenhaus in Gallneukirchen an die schon 1861 gegründete Kaiserswerther Generalkonferenz, aus der sich 1916 der Kaiserswerther Verband entwickelte, angeschlossen. Elise Lehner übernahm die Leitung der Schwesternschaft, seither war Elise Lehner Oberin des Gallneukirchner Diakonissenmutterhauses (sie ließ sich aber zeitlebens nur „Oberschwester“ nennen). Allmählich mehrten sich die Eintritte von Schwestern und bald vergrößerte sich das Werk

Wiederholte Versuche, in oder wenigstens außerhalb von Gallneukirchen ein eigenes Diakonissenhaus zu bauen, womöglich verbunden mit einem größeren Krankenhaus als Schule für die Schwestern, scheiterten immer wieder. Da kam ganz unverhofft der Auftrag, die Arbeit am großen Aussiger Krankenhaus in Böhmen mit damals 200 Betten zu übernehmen. Ende Juni 1898 zog die Oberschwester mit einer Schar von 12 Schwestern nach Aussig und kehrte erst, nachdem sich die Schwestern eingelebt hatten, ein Jahr später ins Mutterhaus zurück. Erst 1929 wurden die letzten Gallneukirchner Diakonissen von Aussig abgezogen. Zur Arbeit im Krankenhaus Aussig kam im selben Jahr noch die Mitarbeit im städtischen Krankenhaus in Asch, ebenfalls in Böhmen gelegen, hinzu. 1906 wurde das „Diakonissenmutterhaus Bethanien“ eingeweiht, das im Laufe seines Bestehens mehr als 800 Diakonissen zur Heimat wurde.

Auch sonst wurden in den Gallneukirchner Anstalten – vor allem im Bereich der Behindertenarbeit – noch manche Erweiterungen möglich. Eine überaus bedeutende Einrichtung, die die Oberschwester verantwortlich mitbestimmte, war aber die Errichtung des Evangelischen Diakonissenkrankenhauses in Linz. Ungemein bewegt und mit sehr viel Arbeit ausgefüllt waren daher die letzten Jahre der Oberschwester. In der bitterschweren Zeit des Ersten Weltkrieges (1914-1918) mussten 23 Schwestern 1914 auf Grund der Verpflichtung beim Roten Kreuz zu Kriegseinsatz und Lazarettpflege einrücken. Ein langwieriges Leiden stellte sich ein und zwangen Elise Lehner 1916 endgültig ihr Oberinnenamt niederzulegen und sich in die Stille des Feierabends (Ruhestandes) zu begeben.

Es fiel ihr schwer, der überaus tüchtigen, im Diakonissenkrankenhaus in Wien tätigen Gallneukirchner Diakonisse Nany Kremeir, die man als die künftige Oberin bereits ins Auge gefasst hatte, die, noch unter ihrer Verantwortung stark angewachsene Schwesternschaft von etwa 150 Schwestern zu übergeben. Doch es kam anders. Schwester Nany Kremeir kam nur vorübergehend nach Gallneukirchen, folgte dem Ruf, dort Oberin zu werden nicht und ging 1917 wieder zurück nach Wien, zu sehr war sie in die dort eben begonnene Diakonissenarbeit verwurzelt gewesen. Erst zu diesem Zeitpunkt erhielt die nun schon seit eineinhalb Jahren im Ruhestand befindliche, inzwischen schwerst erkrankte Oberschwester mit der aus Deutschland kommenden neuen Oberin, Elisabeth Freiin von Dincklage (1876-1956) , eine mindestens so tatbereite, mit ähnlichen Begabungen und Fähigkeiten ausgestattete und ebenbürtige Nachfolgerin.

Die letzte Zeit verbrachte die nun „Alte Oberschwester“, wie Schwester Elise Lehner zuletzt genannt wurde, gelähmt im Rollstuhl. Der einst so viel geschäftigen, tüchtigen und tatkräftigen Diakonisse versagte in den letzten Monaten sogar noch die Zunge den Dienst, so dass sie nicht einmal mehr sprechen konnte; aber ihr Geist blieb klar. Sie war sich der Verdienste um das Werk und die Diakonissensache in Österreich wohl bewusst. Aus sehr einfachen Verhältnissen stammend – lange Zeit verrichtete sie nur Magddienste auf einem Bauernhof – gelangte sie zu einem bedeutungsvollen und einflussreichen Amt, das sie mit voller Hingabe ausübte. Am 23. April 1921 verstarb sie im 75. Lebensjahr. Den Schwestern war sie ein Vorbild und den zahlreichen Pfleglingen ein Segen gewesen, wie nicht nur aus den vielen Kondolenzschreiben anlässlich des Todes dieser „ersten und langjährigen Oberin“ an die Leitung der Diakonissenanstalt hervorgeht, sondern auch aus den früher an die „geehrte Oberschwester“ zahlreich gerichteten Briefen. Es traf sich merkwürdig, dass Schwester Elisabeth Obermeir, mit der sie zusammen in den Diakonissenberuf eingetreten war und die Diakonissenarbeit in Gallneukirchen begonnen hatte, 1914 aus Preßburg, wo sie das dortige  Mutterhaus aufbaute, am Abend ihres Lebens nach Gallneukirchen zurückkehrte, so dass die beiden das letzte Stück ihres Erdenlebens wieder beisammen sein konnten. Am 9. September 1921 ist ihr diese erste Weggefährtin in die Ewigkeit gefolgt. Beide wurden sie auf dem Evangelischen Friedhof in Gallneukirchen beigesetzt; das Grab der Oberschwester besteht heute noch.


Literatur

Fürstler, Gerhard: „Zur Ehre des Diakonissenberufs!“. Oberschwester Diakonisse Elise Lehner. In: Fürstler, Gerhard: Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Die Lebensgeschichten von 19 Schwestern aus dem Diakonissen-Mutterhaus in Gallneukirchen. Medieninhaber und Herausgeber: Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen. Eigenverlag. Gallneukirchen 2006, Seite 48-69.

Bildquelle: Fürstler, Gerhard: Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Die Lebensgeschichten von 19 Schwestern aus dem Diakonissen-Mutterhaus in Gallneukirchen. Medieninhaber und Herausgeber: Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen. Eigenverlag. Gallneukirchen 2006, Seite 48.

LEHNER, Elise

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Gerhard Fürstler. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Gerhard Fürstler, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 171-173

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=190

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