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Who was who in nursing history: KO?HNEN, Anna
KO?HNEN, Anna
Artikel von: Gerhard Fürstler
Erschienen in Band 4, Seite(n) .
 

Biographie

„Soeben höre ich durch Bischof Dr. Hans Eder, dass Schwester Anna Köhnen aus Wien zunächst das Amt übernimmt.“ Mit dieser Mitteilung trat 1941 Diakonisse Elisabeth Freiin von Dincklage als langjährige Oberin der österreichischen Diakonissenanstalt Gallneukirchen zurück. Mit den Worten: „Wir grüßen die neue Oberin auch an dieser Stelle sehr herzlich“, hielt auch Oberin Auguste Mohrmann, die Leiterin der in das NS-System integrierten Diakoniegemeinschaft in Berlin, dieses so wichtige Ereignis in der Zeitschrift „Die Deutsche Schwester“ fest, deren Schriftleitung in Händen von Karin Huppertz (1894-1978)  lag.

Als Gallneukirchner Oberin war sie imstande gewesen, die Schwesternschaft sicher durch die schweren Zeiten des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) zu führen. Bei näherer Durchsicht ihrer damaligen Berichte und Schwesternrundbriefe geht aber hervor, warum ihr das offenbar möglich war: Auch sie hatte sich bedauerlicherweise früh dazu entschieden, sich regimekonform zu verhalten und – was ihre eigenen Handlungsweisen als Oberin betrifft – sich mit dem NS-Regime zu arrangieren. Sie wurde daher dem „dringend erteilten Auftrag, alles zu vermeiden, was bei der Partei [NSDAP, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei] Aufsehen macht und sich strikt an deren Forderungen zu halten“, völlig gerecht. Dies hatte aber nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf die im Dienst stehenden Diakonissen, die so zusätzlich unter Druck gerieten und wiederholt von der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) vorgeladen wurden, sondern dies betraf auch ihr (vermutlich ohnehin gutes) Verhältnis zu der der NSDAP schon 1933 beigetretenen Oberin der Diakoniegemeinschaft, Auguste Mohrmann, mit der sie regelmäßig zu tun hatte, und die von 1938-1945 in die Führung und Leitung des Gallneukirchner Diakonissenmutterhauses weit mehr eingriff, als dies heute allgemein bekannt ist.

Vielleicht liegen darin die Ursachen begründet, warum sich Oberin Anna Köhnen in dieser Zeit als Berichterstatterin der Diakoniegemeinschaft derart regimekonform in die Pflegezeitschrift „Die Deutsche Schwester“ einbrachte. Dort veröffentlichte sie, längst schon als Oberschwester tätig, unter anderem 1940 folgenden Bericht: „Der Redner (Pfarrer Dr. Wilhelm Herbst, Berlin) ging auf die Gegenwart ein und hob stark hervor, wie im Dritten Reich auch die ärztliche Wissenschaft und Kunst durch bewusste und strenge Bindung an das Deutsche Volk eine völkische Grundlage und Ausrichtung erhalten hat.“ Was das konkret bedeutete, erfuhr sie dann hautnah als Oberin Anfang 1941 in Gallneukirchen, wo die Nationalsozialisten kurz vor ihrem Eintreffen 64 Anstaltspfleglinge „Auf Nimmerwiedersehen“ aus den Heimen herausholten und umbrachten. Dennoch empfahl sie ohne Scheu mehr als ein Jahr später in ihrem Schwesternrundbrief vom 27. August 1942, „besonders den, der so große Verantwortung trägt, unseren Führer“, wieder „besonders der Fürbitte Gottes“. Nicht nur aus heutiger, sondern auch aus damaliger Sicht gesehen, ist es schmerzlich und bedauerlich zugleich, wozu sie die Schwestern da eigentlich aufforderte und was sie da von ihnen praktisch auch erwartete.

Ihre schriftlichen Äußerungen nach 1945 lassen jedoch vermuten, dass sie sich offenbar bis zu ihrem Tode diesbezüglich keinerlei Verantwortung bewusst war: In ihrem kurz nach Kriegsende geschriebenen Lebenslauf schrieb sie daher: „Ich habe niemals irgendeiner Gliederung der N.S.D.A.P. angehört noch irgendwie und wo mitgearbeitet.“ Dabei vermied sie es allerdings, sich damals einzugestehen, dass sie sehr wohl im Dienste des NS-Staates stand, denn an verantwortlicher Stelle hatte sie mehrere Jahre mit der NSV zusammengearbeitet. Ohne es dabei auf Konflikte ankommen zu lassen, führte sie anpassungsbereit bis zum Ende des NS-Regimes die verhängnisvolle „Kooperation“ mit der NSV fort und stellte außerdem noch eine ganze Reihe weiterer Diakonissen in den Dienst dieses NS-Wohlfahrtsverbandes. Dass ihre Schwestern dabei durchaus auch unter Druck gesetzt wurden, geht bedauerlicherweise auch aus ihren damaligen Anordnungen selbst hervor: „Wagen Sie es nicht ein einziges Mal, Ihren Bericht an die Gauamtsleitung nicht pünktlich abzuschicken.“ Vermutlich auch deshalb funktionierte die Zusammenarbeit zwischen NSV und Diakonissen weitgehend.

Am 10. Februar 1889 in Lentholt (Nordrhein-Westfalen) als Tochter der Eheleute Johann und Anna Maria Köhnen geboren, entließ sie die Schule in Schwanenberg am 1. April 1903 mit einem guten Zeugnis, versehen mit „besten Segenswünschen für die Zukunft“, aus der achtklassigen Volksschule. Danach wurde sie konfirmiert und absolvierte eine zweijährige Ausbildung für die berufliche Haushaltsarbeit. Schon 1914 verspürte sie den inneren Ruf, sich der Arbeit an und mit Menschen widmen zu wollen. Als freie Schwester schloss sie sich daher dem Mutterhaus in Soest (Nordrhein-Westfalen) an. Vier Jahre Fürsorgedienst an gefährdeten und „gefallenen Mädchen“ und deren Kindern folgten. Im Alter von 29 Jahren entschloss sie sich endgültig Diakonisse zu werden. Am 14. November 1918 trat sie schließlich in das Diakonissenmutterhaus in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) ein. Nach einem kurzen Dienst in der dortigen Fürsorgearbeit kam sie 1920 in das dem Duisburger Mutterhaus gehörende Diakonissenkrankenhaus in Königsteele, von wo aus sie in Gelsenkirchen einen mehrwöchigen Röntgenkurs absolvierte. Dann folgten einige Jahre der praktischen Tätigkeit (Röntgen, Laboratorium, Küche und Dienst auf der Krankenabteilung). 1924 erhielt sie nach „Sehr gut“ bestandener Prüfung auch den „Ausweis (Diplom) für staatlich anerkannte Krankenpflegepersonen.“

Im selben Jahr wurde sie in der Diakonissenanstalt Duisburg eingesegnet. 1927 kam sie an die städtische Frauen- und Kinderklinik in Duisburg, wo sie zunächst im Einkauf und als Hausschwester tätig war und bald darauf die Vertretung der Leitenden Schwester übernahm. 1930 wurde ihr die Leitung des der Diakonissenanstalt Duisburg gehörenden Erholungsheimes in Herchen an der Sieg anvertraut, aber schon kurze Zeit später erhielt sie den Auftrag, als Stationsschwester zurück an das Diakonissenkrankenhaus in Königsteele zu gehen, das in der Zwischenzeit beträchtlich erweitert wurde und wo sie eine Station mit 54 Betten aufbaute. 1930 erreichte die Diakonissenanstalt Duisburg ein Hilferuf des Diakonissenkrankenhauses in Wien, wo dringend eine Leitende Schwester gebraucht wurde. Anfang 1931 ließ sie sich vom Mutterhaus nach Wien senden und übernahm die Leitung des Diakonissenkrankenhauses und die Führung der kleinen dort angesiedelten Schwesternschaft.

Eineinhalb Jahre später rief sie die Duisburger Oberin zurück und sandte sie in die Leitung des in Dortmund-Mengede gelegenen Diakonissenkrankenhauses. Doch schon nach eineinhalb Jahren führte sie ihr Weg wieder zurück nach Wien, wo sie am 9. April 1935 ihre Arbeit aufnahm. Erneut trat sie in die Leitung des Wiener Diakonissenkrankenhauses ein. Gleichzeitig mit diesem Schritt löste sie sich ganz von der Diakonissenanstalt Duisburg und trat in das Privatkrankenhaus des Diakonissenhauses Wien ein, dessen Oberschwester sie nun wurde. Die Betreuung und Führung der kleinen Wiener Diakonissenschwesternschaft rundeten ihre Arbeit ab. Im Mai 1939 erfolgte in Zusammenarbeit der beiden Leitenden Diakonissen, Oberin Elisabeth von Dincklage (1876-1956)  (Diakonissenmutterhaus Gallneukirchen) und Oberschwester Anna Köhnen (Diakonissenmutterhaus Wien), die Eingliederung der Wiener Diakonissen in die Gallneukirchner Schwesternschaft, womit die Wiener Schwestern automatisch Gallneukirchner Diakonissen waren.

Schon 1943 wurden die ersten Evakuierten aus Krefeld und Düsseldorf in der Anstalt Gallneukirchen untergebracht. Ihnen folgten nach Ende des Krieges die vielen Vertriebenen aus Osten und Südosten, Tausende heimatlose Flüchtlinge und Soldaten, die auf den Wiesen und Feldern rund um die Anstalten lagerten. Hier stellte Oberin Köhnen ihr Organisationstalent unter Beweis: Diese vom Krieg verwundeten und geschundenen Menschen wurden von den Schwestern mit Tee gelabt und versorgt, ehe sie meist zu Fuß weiterziehen mussten, zum Teil auch in die russische Gefangenschaft. Viele der Flüchtlinge, die oft nur mehr in Massenquartieren, die die Anstalt zur Verfügung stellte, untergebracht werden konnten, blieben gleich mehrere Tage, viele auch mehrere Monate in Gallneukirchen. Oberin Anna Köhnen hielt hierzu im September 1945 fest: „Es geht ja in die Hunderte hinein, was wir zu versorgen hatten, an Flüchtlingen und kranken Soldaten.“ Hier leisteten die Schwestern von Gallneukirchen – zu denen etwa auch Charlotte von François (1898-1966) , Margit Frankau (1889-1944) , Margit Grivalsky (1915-2002) , Nany Kremeir (1862-1933) , Martha Lucke (1882-1965) , Marie Meier (1888-1955) , Freda Freiin von Schacky (1883-1960) , Elsa von Tiesenhausen (1890-1979) , Elise Lehner (1847-1921)  und Aenne Wiedling (1905-1978)  gehörten – tatsächlich Großartiges. Unter Oberin Anna Köhnen wurden in den 1940er und 1950er Jahren noch zahlreiche Schwestern zum Amt der Diakonisse eingesegnet. 1958 begab sie sich in den Feierabend (Ruhestand). 1968 konnte sie ihr 50-jähriges Schwesternjubiläum begehen und 1978 ihr 60-jähriges. 1979 feierte sie ihren 90. Geburtstag.

Ihre letzten Jahre waren jedoch von großer körperlicher Schwäche gekennzeichnet. Zunehmende Hilfsbedürftigkeit zwang sie in das Mutterhaus zu übersiedeln, wo sie Tag und Nacht von den Schwestern betreut wurde. Am 24. Februar 1983, im 94. Lebensjahr, verstarb Oberin Anna Köhnen und wurde auf dem Evangelischen Friedhof in Gallneukirchen beigesetzt. Sie hatte das Diakonissenmutterhaus und die Schwesternschaft in schwerster Zeit zu führen.


Literatur

Fürstler, Gerhard: „Es geht ja in die Hunderte hinein, was wir zu versorgen hatten, an Flüchtlingen und kranken Soldaten.“ Oberin Diakonisse Anna Köhnen. In: Fürstler, Gerhard: Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Die Lebensgeschichten von 19 Schwestern aus dem Diakonissen-Mutterhaus in Gallneukirchen. Medieninhaber und Herausgeber: Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen. Eigenverlag. Gallneukirchen 2006, Seite 102-119.

Bildquelle: Fürstler, Gerhard: Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Die Lebensgeschichten von 19 Schwestern aus dem Diakonissen-Mutterhaus in Gallneukirchen. Medieninhaber und Herausgeber: Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen. Eigenverlag. Gallneukirchen 2006, Seite 102.

KO?HNEN, Anna

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Gerhard Fürstler. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Gerhard Fürstler, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S.

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=186

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