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Jun 04, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: KLU?TZ, Annemarie
KLU?TZ, Annemarie
Artikel von: Karin Wittneben
Erschienen in Band 4, Seite(n) .
 

Biographie

Die Diakonieschwester Annemarie Klütz hat einen weiten Berufsweg von einer einfachen Schwesternhelferin im Zweiten Weltkrieg zu einer einflussreichen Schwesternschaftsfunktionärin in der Position einer Vorstandsoberin der Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins zurückgelegt.

Sie wurde am 23. Juli 1925 als Tochter eines Arztes in Stettin geboren. Ihre Kindheit und Jugend verlebte sie in Celle. Hier erhielt sie 1944 in der 12. Klasse einer Oberschule das so genannte „Notabitur“, das heißt einen Reifevermerk beziehungsweise die Zuerkennung der Hochschulreife ohne Ablegung einer Prüfung. Nach einer Zentralisierungsmaßnahme im Dritten Reich gab es seit 1938 nur noch die achtklassige uniforme Oberschule, die nach insgesamt zwölf Schuljahren zum Abitur führte. Warum Annemarie Klütz die Oberschule vor Erlangung des regulären Abiturs verließ, konnte noch nicht geklärt werden. Nach dem Schulabgang absolvierte sie zunächst einen Pflichteinsatz beim Reichsarbeitsdienst (RAD). Durch das Gesetz zur Arbeitsdienstpflicht vom 26. Juni 1935 wurden männliche und weibliche Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren zur Ableistung eines Arbeitsdienstes verpflichtet. Die Dienstzeit betrug sechs Monate. Der weibliche Arbeitsdienst konnte aus finanziellen und organisatorischen Gründen bis 1939 nur auf freiwilliger Basis durchgeführt werden. Annemarie Klütz wurde in Ottbergen bei Hildesheim eingesetzt und hier mit Aufgaben in der Landwirtschaft beschäftigt.

Als ihr Arbeitsdienstlager in Ottbergen Ende März 1945 aufgelöst wurde, um einem Lazarett Platz zu machen, ging sie nach Celle zurück, wo sie beim Deutschen Roten Kreuz an einem Schwesternhelferinnen-Lehrgang teilnahm. Anschließend wurde sie im Celler Stadtkrankenhaus auf einer Lazarettabteilung und der Infektionsstation eingesetzt. Zum Zeitpunkt der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 war Annemarie Klütz noch ohne berufliche Perspektive. Eigentlich hätte sie gern Pädagogik studiert, aber nach 1945 mussten diejenigen, die lediglich das Notabitur erhalten hatten, nachträglich eine Prüfung ablegen, um studieren zu können. Dieser Prüfung hat sie sich wohl nicht unterziehen wollen.

Angeregt durch ihre Schwester, die bereits eine Krankenpflegeausbildung an einem Diakonieseminar (Krankenpflegeschule) in Magdeburg begonnen hatte, folgte sie deren Beispiel und ging zusammen mit ihrer Schwester in die Krankenpflegeausbildung an das Diakonieseminar des Städtischen Krankenhauses Osnabrück. Der erste praktische Einsatz erfolgte auf der Inneren Abteilung, die damals in das Kloster Ohrbeck in Georgsmarienhütte, einem Dorf bei Osnabrück, ausgelagert worden war. Nach dem Krankenpflegeexamen, das sie 1947 ablegte, hat sie sich nur noch kurz in der leibnahen Krankenpflege aufgehalten. Sehr bald schon konnte sie ihrer pädagogischen Neigung folgen und sich aus der direkten Pflege zurückziehen. Noch 40 Jahre hat sie dann zwar im Handlungsrahmen der Pflege gearbeitet, jedoch patientenfern in der Lehre und Leitung der Pflege.

1949 wurde sie in Osnabrück zur Unterrichtsschwester (heute Lehrerin für Pflegeberufe) befördert. Dann berief sie  ihre Schwesternschaft nach Hamburg, wo sie die Tätigkeit einer Unterrichtsschwester von 1951-1954 am Diakonieseminar des von Elise Averdieck (1808-1907)  begründeten Evangelischen Krankenhauses „Bethesda“ fortsetzte. Erst jetzt nahm sie eine berufliche Weiterbildung zur lehrenden und leitenden Schwester an der so genannten Schwesternhochschule der Diakonie in Berlin auf. Dieser schwesternschaftliche Hochschultyp entsprach dem einer Fachschule im Berufsbildungssystem. Anschließend durfte sie bis 1959 eine Referententätigkeit im Berliner Heimathaus versehen, der Verwaltungszentrale und programmatischen Mitte ihrer Schwesternschaft, und rückte dann in die Position einer Oberin (Pflegedirektorin) am Städtischen Krankenhaus Wolfsburg auf. Bis auf eine Unterbrechung, in der sie von 1964 bis 1965 einen Sonderauftrag ihrer Schwesternschaft in Hannover erfüllte, hat sie ihre Oberinnentätigkeit in Wolfsburg bis 1967 ausgeübt. Auf dieser Stelle bekleidete sie gleichzeitig die Position einer Bezirksoberin.

Von 1967 bis zu ihrer Pensionierung im September 1989 gehörte sie der Funktionselite ihrer Schwesternschaft im Organisationsrahmen der evangelischen Kirche an. Über zwanzig Jahre arbeitete sie im Vorstand der Schwesternschaft. Sie wirkte jedoch nicht nur nach innen in die Schwesternschaft hinein, sondern im Laufe der Jahre immer stärker auch nach außen. Auf ihrer Verabschiedung am 4. Dezember 1989 wurde sie, nicht völlig unzweideutig, als „Außenministerin des Diakonievereins“ geehrt. In der Krankenpflegepolitik übte sie über die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schwesternverbände (ADS) ihren schwesternschaftlich orientierten Einfluss insbesondere auf die Fassung des Krankenpflegegesetzes von 1985 aus. In der ADS war sie stellvertretende Vorsitzende und zugleich Delegierte für das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie setzte sich in Männerrunden, wie der Diakonischen Konferenz, dem Diakonischen Rat und dem Evangelischen Krankenhausverband, als Vorsitzende durch und war außerdem auf Präsenz in der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland bedacht, in der sie ebenfalls einen Vorsitz errang.

In der Diakonieschwester, dem Verbandsblatt der Schwesternschaft, berichtete sie über pflegeberufspolitische Zeitfragen aus der Sicht einer Schwesternschaftsvertreterin. Gegen Ende ihrer 44-jährigen beruflichen Laufbahn gab sie in einem aufschlussreichen Beitrag Auskunft über „Zwei Jahrzehnte schwesternschaftliche Lebensgestaltung“.

Noch frei von berufspolitischen Verpflichtungen, veröffentlichte sie 1956 gemeinsam mit dem Kirchenrat Georg Daur eine Broschüre über das 100-jährige Bestehen des Evangelischen Krankenhauses Bethesda in Hamburg. Deutlich bringt sie darin ein Pflege- und Bildungsverständnis zum Ausdruck, das zumindest in seinem religiösen Aspekt unverändert geblieben ist. Krankenpflege beziehe ihre Herausforderungen zwar aus der Entwicklung von Medizin und Technik. Über eine notwendige Ausbildung in diese Richtungen dürfe aber das Menschliche nicht vergessen werden, das den Schülerinnen in den Bibelstunden, die in das Evangelium zur Diakonie einführen, vermittelt werde. Diese Lebens- und Berufsauffassung hat sie stets verfolgt und vertreten. Zwölf Jahre später, inzwischen von der Hauptversammlung zur Vorstandsoberin gewählt, formuliert sie in einem Beitrag über „Ausbildung und Fortbildung in der Schwesternschaft“ drei zentrale Ziele für die Krankenpflegeausbildung innerhalb der Schwesternschaft:

„1. Die Erziehung durch die Gemeinschaft der Schwestern im Diakonieseminar mit dem Ziel der Heranbildung von verantwortlichen Frauen für Beruf und Familie;

2. die fachliche Ausbildung in Theorie und Praxis nach den gesetzlichen Bestimmungen und

3. die biblische Unterweisung zur evangelischen und diakonischen Ausrichtung“ (Klütz 1969, S. 45).

Wie tief greifend und unverrückbar die Lebenswelt einer Diakonieschwester von dem christlichen Menschen- und Weltbild durchdrungen sein kann, teilt sich in dem von der Diakonieschwester Lotte Eisfeld verfassten Büchlein „Dein Tun ist lauter Segen – Ein Wort für Kranke und Gesunde“ mit. Aus ihrem eigenen Kranksein fragt sie: „Überhaupt – wer ist der Gesunde und wer der Kranke? Der gesunde Mensch ist der, der sich der Herrschaft Gottes ganz und gar ausliefert, krank aber der, der diese Herrschaft Gottes durch sein Verhalten in Frage stellt, mag er sonst auch kerngesund sein“ (S. 62).

Weniger apodiktisch vermittelt die Diakonieschwester Ursula Nicklaus das christliche Selbstverständnis der Schwesternschaft des Ev. Diakonievereins: „Das Wesen der Schwesternschaft des Ev. Diakonievereins ist durch einen Doppelauftrag bestimmt: Es bedeutet einmal, sich im Auftrag Gottes mit allen Gaben und Kräften für den Notleidenden und Hilfsbedürftigen einzusetzen; es heißt zum anderen, junge Mädchen durch diesen Einsatz und durch eine evangelische Lebensordnung zu Frauen heranzubilden, die als Christen Verantwortung zu übernehmen bereit sind“ (Nicklaus 1966, S. 54).

Der wegweisend von Theologen christlich geprägte, eigenwillige Bildungsbegriff wurde zu keiner Zeit durch das jeweils geltende Krankenpflegegesetz gestützt. Und die als Besonderheit betonte Frauenbildung in der Schwesterngemeinschaft steht seit 1894, dem Gründungsjahr des Ev. Diakonievereins, ununterbrochen unter der geistigen und geistlichen Führung von Pastoren der evangelischen Kirche. In dieser Bindung hat die Schwesternschaft des Ev. Diakonievereins auch unter Annemarie Klütz’ langjähriger starker Führung ebenso wenig eine eigene Rechtsform hervorgebracht wie einen eigenen Frauenbildungsbegriff formuliert. Diese Zurückhaltung wurde sogar in den Jahren durchgehalten, als die zweite Frauenbewegung sich energisch zu Wort meldete.

Nach ihrer Pensionierung siedelte sie nach Münster über und nahm nun selbst das Studium der Theologie und Geschichte an der Universität Münster auf, das sie nicht mehr zu einem Abschluss bringen konnte. Sie verstarb am 10. Februar 2004 in Münster und wurde eine Woche später am 17. Februar auf dem Waldfriedhof Lauheide in Münster bestattet.


Literatur

Dankworte für Oberin Klütz und Begrüßung für Oberin Heß. Eine Zusammenstellung der Dank- und Begrüßungsworte vom 4. Dezember 1989. Die Diakonieschwester 86 (1990) 2, Seite 36-38.

Daur, Georg, Annemarie Klütz: 100 Jahre Evangelisches Krankenhaus Bethesda. Paul Hartung. Hamburg 1956.

Diakonieverein und Schwesternschaft. http://www.ev-diakonieverein.de/diakonieverein/statistik.html vom 23.05.2004.

Die Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins: Unseren toten Mitschwestern aus zwei Weltkriegen. Hartmann. Berlin 1955.

Eisfeld, Lotte: Dein Tun ist lauter Segen. Ein Wort für Kranke und Gesunde. Christlicher Zeitschriftenverlag. Berlin 1960.

Erckel, Hanna (Hrsg.) im Auftrag der Schwesternschaft des Ev. Diakonievereins: Aus dem Leben der Diakonieschwester. Evangelischer Diakonieverein. Berlin 1937.

Gestorben: Oberin i. R. Annemarie Klütz. http://www.diakonie-portal.de/Members/Kotnik/presse/kluetz/view vom 31.07.2004.

Katscher, Liselotte: Krankenpflege und Zweiter Weltkrieg. Der Weg der Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins 1939-1944. Verlagswerk der Diakonie. Stuttgart 1992.

Klütz, Annemarie: Ausbildung und Fortbildung in der Schwesternschaft. In: Warns, Hartmut (Hrsg.): Evangelische Frauenbildung – Evangelischer Diakonieverein 1894-1969. Christlicher Zeitschriftenverlag. Berlin 1969, Seite 44-49.

Klütz, Annemarie: Sozial- und Gesundheitswesen. Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schwesternverbände (ADS). Wichtige Informationen. Die Diakonieschwester 85 (1989) 11, Seite 200.

Klütz, Annemarie: Zwei Jahrzehnte schwesternschaftliche Lebensgestaltung. In: Die Diakonieschwester 86 (1990) 1, Seite 5-9.

Klütz, Annemarie: Erinnerungen an 1945. In: Die Diakonieschwester 91 (1995) 12, Seite 264-265.

Klütz, Annemarie: Zum 100. Geburtstag von Oberin Hanna Schomerus am 26. Juli 1997. http://www.ev-diakonieverein.de/diakonieverein/personen05.html vom 15.05.2004.

Klütz, Annemarie: Münster, den 11. Juni 2001 – Liebe Schwesternschaft. In: Die Diakonieschwester 100 (2004) 3, Seite 53.

Klütz, Annemarie: Christine Bourbeck (1894-1974). Vereinsgeistliche im Evangelischen Diakonieverein von 1939-1946. Ein Lebensbild. http://www.ev.-diakonieverein.de vom 18.06.2004.

Kracker von Schwartzenfeldt, Ingrid: Kleine Chronik des Evangelischen Diakonievereins und seiner Schwesternschaft. In: Warns, Hartmut (Hrsg.): Evangelische Frauenbildung – Evangelischer Diakonieverein 1894-1969. Christlicher Zeitschriftenverlag. Berlin 1969, Seite 65-72.

Mieth, Fritz, Walter Schian (Hrsg.): Krankendienst im Zeichen des Kreuzes. Christlicher Zeitschriftenverlag. Berlin 1956.

Nachruf auf Frau Oberin Annemarie Klütz. In: Die Diakonieschwester 100 (2004) 3, Seite 59.

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Neue Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schwesternverbände (ADS). In: Caritasschwester 1989, Heft 2, Seite 22.

Nicklaus, Ursula: Die Schwesternschaft des Ev. Diakonievereins. In: Bellardi, Werner (Hrsg.): 1916/1966 – Fünfzig Jahre Zehlendorfer Verband für evangelische Diakonie. Christlicher Zeitschriftenverlag. Berlin 1966, Seite 54-57.

Oberin Helga Heß als Vorstandsoberin gewählt. In: Die Diakonieschwester 85 (1989) 11, Seite 202-205.

Pilgram, Paul: Lebenshilfe für das Schwesternleben. Verlag des Ev. Diakonievereins. Berlin 1928.

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Schian, Walter: Dank und Verantwortung. Ein Beitrag zu einem halben Jahrhundert evangelischer Krankenhausarbeit. Buchdruckerei Bartos. Berlin 1972.

Schwarz, Walter: 60 Jahre Ev. Diakonieverein. In: Mieth, Fritz (Hrsg.): Frauen in Dienst und Verantwortung. Christlicher Zeitschriftenverlag. Berlin 1954, Seite 9-27.

Urteil des OVG Berlin vom 28.5.1998 – 6 B 20.95. Zu dem Rechtsverhältnis eines evangelischen Diakonievereins zu seinen Mitgliedsschwestern. http://tools.search.eur.yahoo.net/search/cache vom 19.06.2004.

Wittneben, Karin: Zur Situation der Weiterbildung von Pflegekräften zu Pflegelehrkräften in Deutschland von 1903 bis 1993. In: Mischo-Kelling, Maria, Karin Wittneben (Hrsg.): Pflegebildung und Pflegetheorien. Urban & Schwarzenberg. München, Wien, Baltimore 1995, Seite 252-291.

Bildquelle: Die Diakonieschwester 100. Jg., 2004, 3, Seite 53.

KLU?TZ, Annemarie

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Karin Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Karin Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S.

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