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Jun 01, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: KIECKEBUSCH, Ernst von
KIECKEBUSCH, Ernst von
Artikel von: Ortrud Wörner-Heil
Erschienen in Band 4, Seite(n) 148-151.
 

Biographie

Nach dem Tod seines Schwiegervaters im November 1894, des Kasseler Lokomotiv- und Maschinenbaufabrikanten Oskar Henschel, stand Ernst (von) Kieckebusch als ältester Schwiegersohn mehr denn je in der Verantwortung, seiner Schwiegermutter Sophie Henschel (1841-1915)  sowohl im Hinblick auf ihre repräsentativen gesellschaftlichen Verpflichtungen, als auch bei der Bewältigung ihrer umfangreichen sozialen und unternehmerischen Tätigkeit an die Seite zu treten. Durch den Tod ihres Mannes war Sophie Henschel Alleininhaberin der Firma Henschel geworden. Die jüngeren Schwestern seiner Ehefrau Erna Auguste von Kieckebusch (1863-1932) , Luise und Elisabeth, lebten mit ihren Familien in Berlin und Eschwege. Der Bruder Karl befand sich in seinem militärischen Pflichtdienst als Einjährig-Freiwilliger und sollte anschließend seine berufliche Ausbildung in Darmstadt fortsetzen. Sophie Henschel, die sich entschieden hatte, trotz der Übernahme der Fabrikleitung nicht ihre umfangreiche Vereinsarbeit aufzugeben, benötigte nicht zuletzt wegen der erwünschten Präsenz der Familie Henschel im öffentlichen Leben Unterstützung. Auch wenn Ernst (von) Kieckebusch seinen Antrag auf Entlassung aus dem Militär mit gesundheitlichen Problemen begründete, wird die in Kassel eingetretene familiäre Situation eine zentrale Rolle bei seiner Entscheidung gespielt haben. Mitte 1895 kehrte er mit seiner Familie nach Kassel zurück, nachdem er als Oberstleutnant und Kommandeur der 6. Dragoner in Diedenhofen seinen Abschied genommen hatte.

Sofort nach seiner Ankunft wurde Ernst (von) Kieckebusch als Schriftführer in den Hauptvorstand des Vaterländischen Frauenvereins gewählt. Für den Frauenverein unter dem Vorsitz Sophie Henschels begann mit der Dekade 1895 bis 1905 durch die Inangriffnahme zweier großer Projekte eine intensive Planungs- und Bautätigkeit. Ernst (von) Kieckebusch verstärkte ab 1895 als Schriftführer den Vorstand der Sektion II „Krankenpflege“ des Vereins und wurde 1896 Mitglied in der Baukommission der Sektion VII „Erbauung einer Lungenheilstätte für Leidende aus den unbemittelten Ständen“. Als im Sommer 1898 die Sektion VIII „Einrichtung von Haushaltungsschulen auf dem Lande“ gegründet wurde, wurde er auch in dessen Vorstand Mitglied, übernahm die Schriftführung der Sektion und insbesondere die Leitung der Haushaltungsschule in Kirchditmold. Von 1898 bis 1899 und von 1900 bis 1903 war er außerdem als Stadtverordneter in Kassel tätig. Noch ein drittes arbeitsreiches Ehrenamt füllte er zwischen den Jahren 1895 und 1901 aus: den Vorsitz im Flottenverein für Kurhessen.

Ernst Paul Peter Arthur (von) Kieckebusch, so sein vollständiger Name, war auf dem Gut Hohenselchow in Pommern am 12. Januar 1845 geboren worden, das sein Vater, Rittmeister a. D. Carl Adolph Gustav Kieckebusch (1798-1893) mit seiner Ehefrau Marie Juliane Schmidt (1820-1884), als Pächter bewirtschaftete. Mit neun Jahren begann für Ernst die schulische Ausbildung. Davor erhielt er zu Hause Privatunterricht. Er besuchte zuerst die Privaterziehungsanstalt Freyimfelde bei Halle, dann das Gymnasium in Prenzlau und anschließend die traditionsreiche Knabenschule in Schulpforta, wo er 1863 das Abitur ablegte. Bevor er sich für die militärische Laufbahn entschied, studierte er drei Semester Jura in Heidelberg. 1864 trat er in das Dragoner-Regiment 5 ein. Im Oktober 1883 wurde er Adjutant der 22. Division in Kassel. In dieser Stellung blieb er fünfeinhalb Jahre. Im Juli 1889 wurde er als etatmäßiger Stabsoffizier zum Dragoner-Regiment 9 nach Metz versetzt und erhielt nach seiner Ernennung zum Oberstleutnant im Mai 1893 als Kommandeur das Dragoner-Regiment 6 in Diedenhofen.

Die Sektion II des Vaterländischen Frauenvereins, die für das Tätigkeitsfeld „Krankenpflege“ zuständig war, hatte mit der Leitung und Unterhaltung der ersten Krankenpflegeanstalt des Vereins, der im Jahre 1882 gegründeten „Kaiserin-Augusta-Stiftung“, eine zentrale, umfangreiche Aufgabe zu bewältigen. Die Sektion hatte die Anstalt nicht nur ökonomisch erfolgreich zu führen, sondern musste insbesondere auch die Sicherstellung einer qualitativen Krankenpflege gewährleisten. Der Verein war mit seinen Aktivitäten selbst daran beteiligt gewesen, dass seit den 1880er Jahren der Umfang des sich allmählich professionalisierenden Krankenpflegewesen stetig zugenommen und die hygienischen Anforderungen ständig gestiegen waren. Die Sektion musste ihren Blick sowohl auf den weiteren Aufbau, als auch die sorgsame Betreuung der schon bestehenden Rotkreuz-Schwesternschaft richten. Während Ernst (von) Kieckebuschs Zeit als Vorstandsmitglied wurde in der Krankenpflegeanstalt im Jahr 1896 eine medico-mechanische Abteilung eröffnet und 1900 der Neubau für eine mechanisch-gymnastische Abteilung realisiert.

Im Jahre 1896 beschloss der Frauenverein, eine Lungenheilstätte zu bauen. Zunächst wurde eine weitere Sektion, die Sektion VII gegründet und eine Baukommission eingerichtet, deren Leitung Sophie Henschel übernahm. Ernst (von) Kieckebusch wurde, wie ein Jahr später auch sein Schwager Karl Henschel (1873-1924), in die arbeitsintensive Baukommission berufen. Der Bau einer Heilstätte wäre ohne die finanzielle Förderung Sophie Henschels nicht möglich gewesen: Zunächst stiftete sie 250.000 Mark, später wegen der unerwartet hohen Baukosten noch einmal 100.000 Mark. Ihrer Großzügigkeit lag die Absicht zu Grunde, eine größere gemeinnützige Anstalt zum Gedächtnis ihres verstorbenen Mannes errichten lassen zu wollen. Nach zahlreichen Schwierigkeiten, die zu längeren Bauverzögerungen führten, konnte am 11. April 1900 die Lungenheilstätte Oberkaufungen, eingerichtet für 76 Männer und 36 Frauen, eröffnet werden. Sie gehörte zu den ersten Privatheilanstalten für unbemittelte Lungenkranke in Deutschland, von denen es im Jahr 1904 erst 32 gab. Die Heilstätte geriet zum Vorbild in Deutschland und im Ausland.

Im Jahr 1900 schied Ernst (von) Kieckebusch zunächst aus dem Gesamtvorstand und auch aus dem Vorstand der Sektion II aus. Sein Amt in der Sektion VIII legte er schließlich 1902 nieder, nachdem er sich mit seiner Frau im Oktober 1901 entschlossen hatte, das im Kreis Kassel gelegene Rittergut Hoof mit dem Nebengut Ropperode zu kaufen und selbst zu bewirtschaften. Einige Jahre später erwarb er noch das Rittergut Elmshagen und stiftete aus den drei Gütern das Fideikommiß Hoof. Die Lücke, die er in der Vereinsarbeit hinterließ, versuchten seine Frau und seine Schwägerin Minnie (1878-1959), die erste Frau Karl Henschels, wieder zu füllen, in dem sie sich entschlossen, Aufgaben in verschiedenen Sektionen des Frauenvereins zu übernehmen.

Nach kurzer Krankheit starb Ernst von Kieckebusch am 20. Juni 1913 in Hoof. Seinen Kindern – Werner Gustav Oskar (1887-1975) und Hans-Joachim Bernhard Maximilian (1889-1951) – hinterließ er in Aufzeichnungen die Mahnung: „Jeder hat die Verpflichtung, sich dem Staate, seiner Familie und seinen Mitmenschen nützlich zu machen, so lange er arbeiten kann, auf diese oder jene Weise. Denn ebenso wie wir uns an Gottes Welt erfreuen sollen, haben wir auch in ihr unsere Pflichten zu erfüllen.“


Literatur

Das Rothe Kreuz. Central-Organ für die [ab 1900: alle] deutschen Wohlfahrts- und Wohlthätigkeitsbestrebungen, für öffentliche und häusliche Gesundheitspflege, mit besonderer Berücksichtigung des Heilstättenwesen [ab 1902: Das Rothe Kreuz. Offizielle Zeitschrift der Deutschen Vereine vom Rothen Kreuz] 1/1883-32/1914.

Deutscher Frauen-Verband. Zeitung der Vaterländischen Frauen- und Hilfsvereine 1/1875-27/1901.

Die neue Krankenpflegeanstalt „Rotes Kreuz“ nebst Schwesternhaus und staatlich anerkannter Krankenpflegeschule. Festschrift zur Einweihungsfeier am 2. November 1908 im Auftrage des Vorstandes bearbeitet von Hock, Oberstleutnant z. D., Schriftführer der Baukommission. Tromner. Kassel 1908.

Familienarchiv Werner Henschel: Abschrift der Henschel’schen Chronik für Frau Erna von Kieckebusch geb. Henschel; Sammelbuch August 1837 bis Dezember 1889; Sammelbuch Ergänzungen Februar 1890 bis November 1915.

Familienarchiv Ernst von Kieckebusch, Hoof: Familienbuch I: Aufzeichnungen von Ernst von Kieckebusch von 1886-1906.

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem (GstA PK): Hauptabteilung (HA) Rep. 76 (Kultusministerium), Rep. 77 (Ministerium des Innern), Rep. 89 (Geheimes Zivilkabinett), Rep. 151 (Finanzministerium).

Geschäftsberichte des Vaterländischen Bezirks-Frauen-Vereins zu Cassel 1881-1906.

Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStM): Bestand 165: Preußische Regierung Kassel, Abteilung I (Abteilung des Inneren, Präsidialabteilung).

Hock, Das Krankenpflege-Institut „Rotes Kreuz“, Mutterhaus des Vaterländischen Frauenvereins zu Cassel. In: Kimmle, Ludwig (Hrsg.): Das Deutsche Rote Kreuz. Entstehung, Entwicklung und Leistungen der Vereinsorganisation seit Abschluss der Genfer Konvention i. J. 1864, Bd. III., Kranken- und Mutterhäuser vom Roten Kreuz. Boll & Pickardt. Berlin 1910, Seite 146-164.

Kieckebusch, Werner von: Geschichte des kurhessischen Geschlechtes Henschel, im Auftrage von Oscar R. Henschel / Kassel aus Urkunden und Familiennachrichten bearbeitet. Hühn. Kassel 1931.

Lengemann, Jochen: Bürgerrepräsentation und Stadtregierung in Kassel 1835-1996. Ein Handbuch. Band 1: Einführung, Übersichten und Index der städtischen Mandats- und Amtsträger, hrsg. im Auftrag der Stadtverordneten-Versammlung Kassel. Elwert. Marburg 1996.

Nachrichten zur Geschichte der Familie Kieckebusch (v. Kieckebusch). Aus Urkunden und Familiennachrichten zusammengestellt von Werner von Kieckebusch, Altgaul. Als Manuskript gedruckt. Degener. Leipzig 1926.

Quataert, Jean H.: „Damen der besten und besseren Stände“. „Vaterländische Frauenarbeit“ in Krieg und Frieden 1864-1890. In: Hagemann, Karen / Pröve, Ralf (Hrsg.): Landsknechte, Soldatenfrauen und Nationalkrieger. Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel. Campus. Frankfurt am Main, New York 1998, Seite 247-275.

Quataert, Jean H.: Staging Philanthropy. Patriotic Women and the National Imagination in Dynastic Germany, 1813-1916. University of Michigan Press. Ann Arbor 2001.

Riesenberger, Dieter, Das Deutsche Rote Kreuz. Eine Geschichte 1864-1990. Schöningh. Paderborn, München, Wien, Zürich 2002.

Wörner-Heil, Ortrud: Sophie Henschel (1841-1915). Lokomotivfabrikantin und Stifterin. Euregio. Kassel 2004.

Bildquelle: Wörner-Heil, Ortrud: Sophie Henschel (1841-1915). Lokomotivfabrikantin und Stifterin, Kassel 2004, S. 104.

KIECKEBUSCH, Ernst von

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Ortrud Wörner-Heil. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Ortrud Wörner-Heil, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 148-151

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