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Jun 01, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: HENSCHEL, Sophie
HENSCHEL, Sophie
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) .
 

Biographie

Eine Frau als Unternehmerin, das war im 19. Jahrhundert noch etwa Ungewöhnliches. Und unter den wenigen Frauen, die selbst Verantwortung für einen großen Betrieb übernahmen, begegnet uns mit Sophie Henschel eine ganz besondere Frau. Nach dem Tod ihres Mannes war sie „Chefin“ der Maschinenbau- und Lokomotivenfabrik Henschel & Sohn. Ihr Wissen darüber hatte sie sich schon während ihrer Ehe mit Karl Anton Oskar Henschel (1837-1894) angeeignet, denn von Anfang an galt ihr Interesse nicht nur der Familie und dem Haushalt. So leitete sie als Witwe in den Jahren von 1894 bis 1912 das Unternehmen, eine der größten Lokomotivfabriken Europas, und baute es weiter aus. Doch Sophie Henschel war nicht nur eine äußerst erfolgreiche Unternehmerin der Kaiserzeit. Sie empfand es wohl als innere Verpflichtung, auch Not zu lindern und sozial tätig zu sein. So verbesserte sie die soziale Situation ihrer bis zu 6.000 Arbeiter und Angestellten durch die Gründung von Pensions-, Witwen- und Waisenkassen und führte sogar schon einen Betriebskindergarten ein. Im Hinblick auf die Krankenpflege ist besonders bedeutsam, dass sie unter anderem das Rot-Kreuz-Krankenhaus in Kassel und ein damit verbundenes „Krankenpflege-Institut“, eine Entbindungsanstalt und eine Frauenklinik stiftete.

Sophie Henschel – ihr Mädchenname war Caroline Elisabeth Francisca Sophie Caesar – wurde am 11. November 1841 auf der Domäne Rothenhof bei Minden als Tochter des Landwirts und Rittergutbesitzers Clemens Theodor Caesar (1796-1851) und dessen Ehefrau Auguste Johanne Fredericke Crescentia Charlotte Wigandina Schindler (1800-1867) geboren. Sophie Caesar wurde wie alle ihre elf Geschwister im jüngeren Alter von Hauslehrern und Erzieherinnen unterrichtet. Im Alter von 13 ? Jahren wurde sie für 18 Monate in den Haushalt des Kurators der Sachsen-Ernestinischen Gesamtuniversität Jena, Moritz Seebeck (1805-1884) und dessen Ehefrau Ida geborene von Krauseneck, in Pension gegeben. Wenngleich sie über Englisch- und Französischkenntnisse verfügte, bedauerte es Sophie Henschel später, dass sie keine gründliche und systematische Schulausbildung genossen hatte. Ein Jahr, nachdem ihr Vater gestorben war, zog Sophie (1852) mit ihrer Mutter nach Kassel. Dort heiratete sie am 22. Juni 1862 den Unternehmer Carl Anton Oskar Henschel, mit dem sie vier Kinder hatte: Erna Auguste Henschel (1863-1932), Auguste Bertha Henriette Luise Henschel (1865-1951), Alma Auguste Marie Elisabeth Henschel (1869-1916) und Karl Anton Theodor Ferdinand Henschel (1873-1924).

Im Mai 1866 wurde Sophie Henschel mit elf weiteren Frauen in das „Comité“ zur Gründung eines „Frauen-Bazars“ gewählt, einer Initiative von Frauen, die sich für Erwerbsarbeit und Verdienstmöglichkeiten für Frauen einsetzte. Anlässlich des Krieges zwischen Preußen und Österreich (1866) war es in Kassel zur Gründung eines weiteren „Damen-Comités“ gekommen, in das auch Sophie Henschel eintrat. Dieses übernahm drei Aufgaben: die Pflege der Verwundeten und Kranken, die Einrichtung und Verwaltung eines Depots für die Lazarettbedürfnisse und die Leitung der Küche des Lazaretts.

Im Jahre 1869 wurde in Kassel ein Vaterländischer Frauenverein unter dem Roten Kreuz gegründet, der zwei Aufgaben hatte: Im Krieg für Verwundete und Erkrankte sorgen und im Frieden außerordentliche Notstände lindern helfen. In den Vorstand, dessen Leitung Gräfin Helene von Monts (1827-1890) übernahm, war auch Sophie Henschel gewählt worden. Bei dem Kasseler Verein, dem binnen eines Jahres mehr als 200 Mitglieder beigetreten waren, handelte es sich um einen Zweigverein des preußischen Vaterländischen Frauenvereins unter dem Roten Kreuz, der von der Königin Augusta (1811-1890)  am 11. November 1866, am Tag der Siegesfeier, in Berlin gegründet worden war.

Im Jahre 1869 beschlossen die Vaterländischen Frauenvereine unter dem Roten Kreuz, in Zukunft insbesondere die „zivile“ Krankenpflege zu fördern und Krankenschwestern auszubilden, weil die originäre Aufgabe der Kriegskrankenpflege zur Unterstützung des militärischen Hilfsdienstes nur mit qualifiziertem Pflegepersonal denkbar war. Mit diesem Beschluss entwickelten die Vaterländischen Frauenvereine nicht nur eine neue Charakteristik, sondern griffen wesentlich in die Verbesserung des öffentlichen Gesundheitswesens ein. Sie verstanden sich nun nicht mehr als rein karitative Hilfsorganisationen im traditionellen Sinne, sondern traten in Zukunft als Trägerverein für soziale Einrichtungen, Krankenhäuser und „Krankenpflegeinstitute“ auf und engagierten sich für die hygienische Erziehung.

Während des deutsch-französischen Krieges (1870/71) schlossen sich in Kassel der Rot-Kreuz-Verein der Männer, der den Namen „Verein zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger“ trug, und der Vaterländische Frauenverein zu gemeinsamer Tätigkeit zusammen und bildeten ein gemeinsames Leitungsgremium, dem auch Sophie Henschel angehörte. Für ihren dortigen Einsatz erhielt sie mit 1.450 anderen Frauen in Preußen am 18. Juni 1871 das „Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen“ verliehen. Ein Jahr später, am 18. Oktober 1872, wurde Sophie Henschel die „Kriegsgedenkmünze für Nichtcombattanten“ für die im Rahmen des Vaterländischen Frauenvereins während des deutsch-französischen Krieges geleistete Pflege Verwundeter und Kranker zugesprochen.

Im Jahre 1875 beschloss der Vaterländische Frauenverein Kassel in Zukunft drei Aufgaben wahrzunehmen: 1. die Pflege armer Wöchnerinnen, 2. die Unterhaltung geübter Krankenpflegerinnen, 3. die Ausbildung von Krankenpflegerinnen. Ein Jahr später (1876) wurde die Krankenpflege erneut zur Schwerpunktaufgabe erklärt. Nachdem Sophie Henschel 1879 den Vereinsvorsitz übernommen hatte, den sie bis zu ihrem Tod 1915 inne hatte, begann man unverzüglich mit der Planung für ein eigenes Hospital („Augusta-Hospital“). Bis dahin gab es in Kassel für die Allgemeinheit nur das Landkrankenhaus in Bettenhausen, das vorzugsweise arme mittellose Kranke aufzunehmen hatte. Das daraufhin nach den neuesten technischen Errungenschaften erbaute Krankenhaus wurde am 21. Oktober 1881 eröffnet. Es besaß 34 Zimmer und Säle und konnte regulär 38, maximal 48 Kranke aufnehmen. Zu Beginn waren fünf Schwestern und drei Pflegeschülerinnen im „Krankenhaus vom Roten Kreuz“ tätig. 1899 stiftete Sophie Henschel, die etwa zehn Prozent der Gesamtkosten übernommen hatte, ein weiteres Kapital von 12.000 Mark für ein „Freibett für Familienangehörige der Arbeiter von Hentschel & Sohn“, wodurch in jedem Jahr zwischen zehn bis zwölf Kranke kostenlos aufgenommen werden konnten.

1887 wurde in Kassel zur Unterbringung des Pflegepersonals ein Schwesternhaus gebaut, zu dem Sophie Henschel, die am 25. März 1882 in Berlin in den Vorstand des Hauptvereins gewählt worden war, wiederum die größte Einzelspende beisteuerte. In einer Zeit, in der es wenige Frauenberufe gab und eine berufliche Interessenvertretung so gut wie gar nicht vorhanden war, war es ein zentrales Anliegen von Sophie Henschel, nicht nur den Beruf der Krankenschwester mit etablieren zu helfen, sondern auch möglichst gute Arbeits- und Berufsbedingungen für die Rotkreuzschwestern zu schaffen. So sorgte sie, noch vor der Existenz jeglicher staatlicher Sozialversicherung, für die Einrichtung, den kontinuierlichen Ausbau und später die Sicherung einer Schwestern-Pensionskasse.

Im Jahre 1900 stiftete sie im Andenken an ihren gestorbenen Mann Oskar, der 57-jährig an einer Lungenentzündung gestorben war, 70 Prozent der Gesamtkosten für die neu gebaute Lungenheilstätte in Oberkaufungen, das heutige Medizinisch Geriatrische Krankenhaus mit Tagesklinik und Altenpflegeheim des Deutschen Roten Kreuzes. Hierbei erfuhr sie neben Paul Chuchul (1847-1921)  auch familiäre Unterstützung durch Erna von Kieckebusch (1863-1932)  und Ernst von Kieckebusch (1845-1913) .

Am 2. November 1908 konnte der Vaterländische Frauenverein die „Krankenpflegeanstalt Rotes Kreuz nebst Schwesternhaus und staatlich anerkannter Krankenpflegeschule“ einweihen. Sophie Henschel hatte nicht nur der Baukommission angehört, sondern – ebenso wie Erna und Ernst von Kieckebusch – wiederum ein erheblicher Teil der Baukosten gestiftet. Im November 1911 ließ der Vaterländische Frauenverein Kassel anlässlich ihres 70. Geburtstages im Foyer des Rot-Kreuz-Krankenhauses eine Bronzetafel aufhängen, die an Sophie Henschels Verdienste um das Haus erinnert. Zu den zahlreichen Ehrungen, die Sophie Henschel erfuhr, gehörten unter anderem bereits im Herbst 1882 der von Kaiser Wilhelm I. verliehene Luisen-Orden erster Klasse der zweiten Abteilung sowie am 22. Oktober 1898 die Rothe Kreuz-Medaille zweiter Klasse. 1896 erhielt sie von Kaiser Wilhelm II. den Wilhelms-Orden, die höchste preußische Auszeichnung, die an Frauen verliehen werden konnte. Einen anderen Titel hatte sie dagegen mehrfach ausgeschlagen: den Adelstitel und damit die Erhebung in den Adelsstand. Im Oktober 1924 wurde zu ihrer Erinnerung eine Brunnenanlage auf dem Sophie-Henschel-Platz vor dem Rotkreuz-Krankenhaus eingeweiht.

Sophie Henschel starb am 5. Februar 1915 im Alter von 73 Jahren in Kassel. Die Familie sprach in ihrer Todesanzeige von einem „langen, mit größter Geduld ertragenen Leiden“. Oberbürgermeister Erich Koch würdigte sie in der Traueranzeige der Stadt als Philantropin und Mäzenin, die umsichtig und ausdauernd Fürsorge und Verantwortung für ihre Mitbürger empfunden und Not und Leid durch zahlreiche gute Werke gelindert hatte, mit den Worten: „Für alle Aufgaben auf dem Gebiete der städtischen Entwicklung, der Volksfürsorge und der Kunst hatte sie einen klaren Blick, ein warmes Herz und eine offene Hand. Was sie an Werken barmherziger Hilfe vielen unserer Mitbürger geleistet, ist weit mehr als jemals öffentlich bekannt werden wird.“

Sophie Henschel – Deutschlands und der Welt erste und wohl einzigsten Lokomotivfabrikantin – war zweifelsohne eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten ihrer Zeit, in Kassel und darüber hinaus in ganz Deutschland. Im Januar 2004 ließ eine Kasseler Tageszeitung ihre Leserschaft die bedeutendste Persönlichkeit in der Stadtgeschichte wählen. Der Sieger des Wettbewerbs waren dabei weder die Brüder Grimm, der documenta-Gründer Arnold Bode, noch Landgraf Karl von Hessen, sondern Sophie Henschel. Gleichzeitig wählte 2004 der Fachbereich Maschinenbau der Universität Kassel Sophie Henschel zur Namenspatronin eines Forschungsgebäudes, das „Sophie-Henschel-Haus“, um damit ihr unternehmerisches Geschick, ihren hervorragenden Umgang mit Wissenschaftlern sowie ihre persönliche Führungsqualität ihren Mitarbeitern und Ingenieuren gegenüber mit einem hohen sozialen Engagement in und für die Stadt Kassel zu würdigen.


Literatur

Chuchul, P[aul]: Über die Thätigkeit der Frauen insbesondere der vaterländischen Frauen-Vereine in der öffentlichen Armenpflege. Referat zu dem Kongreß des Deutschen Vereins für Armenpflege und Wohlthätigkeit, Mitte September, 1885 in Bremen. Sittenfeld. Berlin 1885.

Ecker-Ertle, Heidemarie: Sophie Henschel – Unternehmerin der Kaiserzeit. Logisch-Verlag. Magdeburg 1998.

Hock, - (Hrsg.): Die neue Krankenpflegeanstalt „Rotes Kreuz“ nebst Schwesternhaus und staatlich anerkannter Krankenpflegeschule. Festschrift zur Einweihungsfeier am 2. November 1908 im Auftrage des Vorstandes bearbeitet von Hock. Tromner. Kassel 1908 (33 Seiten).

Hock, -: Das Krankenpflege-Institut „Rotes Kreuz“, Mutterhaus des Vaterländischen Frauenvereins zu Cassel. In: Kimmle, Ludwig (Hrsg.): Das Deutsche Rote Kreuz. Entstehung, Entwicklung und Leistungen der Vereinsorganisation seit Abschluss der Genfer Konvention i. J. 1864, Band III, Kranken- und Mutterhäuser vom Roten Kreuz. Boll & Pickardt. Berlin 1919, Seite 146-164.

Hubenthal, Heidrun / Haas-Kirchner, Ulrike: Die Wohnsiedlung der Sophie-Henschel-Stiftung. Untersuchung über die Entwicklung und aktuelle Nutzung der Freiräume und ihre Zuordnung zur Baustruktur (Studienarbeit). Verlag der Gesamthochschule Kassel, OE 6 Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung. Kassel 1979.

[Ohne Verfasserangabe]: Zur Erinnerung an Sophie Henschel. Sophie Heschel, geb. 11.11.1841, gest. 5.2.1915. [Kassel]. 1915 (35 Seiten).

Osius, Rudolf / Chuchul, Paul: Die Heranziehung von Frauen zur öffentlichen Armenpflege. Zwei Berichte erstattet im Auftrage des Vereins (Schriften des deutschen Vereins für Armenpflege und Wohlthätigkeit, 25. Heft). Dunker & Humblot. Leipzig 1896.

Treue, Wilhelm / Henschel, Reinhard: Sophie Henschel. Eine große deutsche Unternehmerin. In: Stadtsparkasse Kassel (Hrsg.): Carl Anton Henschel. Erfolgreicher Eisenbahnpionier und Fabrikant. Mit Beiträgen von Ludolf von Mackensen, Jutta Schuchard, Karl-Hermann Wegner [u.a.]. [Selbstverlag]. Kassel 1984, Seite 73-94.

Wörner-Heil, Ortrud: „Anstifterinnen“. Frauenengagement in Kassel im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, Heft 42, Seite 34-43.

Wörner-Heil, Ortrud: Sophie Henschel (1841-1915). Lokomotivfabrikantin und Stifterin. Euregio-Verlag. Kassel 2004.

www.digam.net/data/dokumente/h5/img/dok40.jpg [26.11.2004].

Bildquelle: Wörner-Heil, Ortrud: Sophie Henschel (1841-1915). Euregio-Verlag. Kassel 2004, Titelseite.

HENSCHEL, Sophie

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S.

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