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Who was who in nursing history: HELD, Helmine
HELD, Helmine
Artikel von: Karin Wittneben
Erschienen in Band 4, Seite(n) 135-141.
 

Biographie

Die ehemalige Generaloberin der „Schwesternschaft München vom Bayerischen Roten Kreuz“, Helmine Held, hat für ihre beruflichen Leistungen eine Reihe von Ehrungen erfahren. Als sie 1982 in den Ruhestand trat, hielt Dr. jur. Anton Schlögel (1911-1999), Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes (1958-1976) und Vizepräsident des „Verbandes der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz“ (1979-1987), eine Laudatio. Anlässlich ihres 80. Geburtstags legte ihre Nachfolgerin, Lieselotte Krammer, 1996 eine Würdigung vor, und als die Schwesternschaft München vom BRK 1997 mit einer kleinen Festschrift ihr 125-jähriges Jubiläum feierte, wurde auch Helmine Held darin ausdrücklich gewürdigt. Im „Ruf der Stunde“ (1963) ist von ihr selbst ein kurzer Bericht über ihren Einsatz im Zweiten Weltkrieg bei einer Luftwaffensanitätseinheit überliefert. Bisher unveröffentlichte Lebens- und Berufsdaten hat dankenswerterweise das Öffentlichkeitsreferat der Schwesternschaft München vom BRK auf Anfrage ergänzt. Die in den Quellen verstreut vorhandenen Daten werden in einer Lebensskizze zusammengetragen und interpretiert.

Helmine Johanna Charlotte Held wurde am 23. 06. 1916 in Schifferstadt / Rheinpfalz als Tochter des Bürodieners Gottlob Held und seiner Ehefrau Katherine, geborene Bingel, geboren und evangelisch getauft. Sie besuchte von 1923 bis 1931 die achtklassige Volksschule in Schifferstadt, von 1931-1933 eine zweijährige allgemeine Fortbildungsschule, ebenfalls in Schifferstadt, und anschließend zwei Jahre eine Handarbeitsschule. Die allgemeine Fortbildungsschule war eine Pflichtschule bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres für die schulentlassene Jugend mit etwa zwei Unterrichtsstunden pro Woche; sie hatte die Sonntagsschule abgelöst. Zwischen der Schulentlassung und dem Eintritt in die Schwesternschaft absolvierte Helmine Held noch ein dreimonatiges Praktikum in der Versuchsanstalt der BASF (Badische Anilin- und Sodafabrik) in Ludwigshafen. Damit hatte sie in der damaligen Zeit eine für die unteren Stände typische Mädchenbildung erhalten.

In die Schwesternschaft München trat sie 1935 in Neustadt a. d. Haardt / Weinstraße ein, wo die Schwesternschaft München ein eigenes Krankenhaus führte (Sauter-Stiftung). Dieser Teil der Rheinpfalz gehörte von 1816 bis 1940 zu Bayern. So erklärt sich, dass Helmine Held im September 1937 ihre staatliche Krankenpflegeprüfung in München ablegte. Die Angaben über ihre berufliche Tätigkeit nach der Krankenpflegeprüfung sind noch lückenhaft. Vom Februar bis zum September 1938 war sie als Rotkreuzschwester in der Orthopädischen Universitäts- und Poliklinik Friedrichsheim in Frankfurt am Main eingesetzt. Vor ihrem Kriegseinsatz erfolgten noch Einsätze auf einer Frauen- und Kinderstation sowie im Röntgen- und OP-Bereich.

Im Zweiten Weltkrieg gehörte sie zu den ca. 600 Schwestern der Schwesternschaft München vom BRK, die sich an verschiedenen Fronten im Kriegseinsatz befanden. Helmine Held wurde 1940 einer Luftwaffensanitätseinheit zugeteilt. Ein so genannter „Chirurgenzug“ mit 50 Sanitätsdienstgraden und Technikern, sechs Ärzten und sechs Rotkreuzschwestern führte sie zunächst nach Charleville a. d. Maas am Rande der Ardennen. Nach gut einem Monat wurde die Einheit in den Norden Frankreichs abkommandiert, wo sie sich in Asnelles in der Nähe der eleganten Seebäder Trouville-sur-Mer und Deauville vorübergehend einrichtete und schließlich in die Hafenstadt Cherbourg am Ärmelkanal in der Normandie verlegt wurde.

Helmine Held hat die verheerenden Kriegsfolgen an Ort und Stelle gesehen und in einem Rückblick nach über zwanzig Jahren einen damaligen Eindruck wiedergeben: „Nie hätten wir damals geglaubt, dass sich schon in kurzer Zeit in unserem Vaterland das Gleiche abspielen würde, ja noch in größerem Ausmaß! Diese grausamen Bilder des Krieges belasteten und bedrückten uns sehr“ (J.H.H. 1963, S. 106). Ihren Kriegseinsatz musste sie wegen einer Erkrankung, die nicht benannt wird, abbrechen. Damit war ihre Tätigkeit in der militärischen und auch der zivilen Pflegepraxis beendet.

Von ihrem Mutterhaus unter der damaligen Leitung von Hanna Weller (1891-1968) wurde sie 1941 in der Schwesternschule (Krankenpflegeschule) des Rotkreuzkrankenhauses in München als Unterrichtsschwester eingesetzt und 1942, nunmehr als Oberschwester, in die Leitung der Schule berufen, die sie bis 1945 ausgeübt hat. Eine formale Lehrbefähigung für diese Tätigkeit hatte sie nicht erworben. Vor ihrem Kriegseinsatz hatte sie sich an der Schulung von Sanitätssoldaten beteiligt, die für den Fronteinsatz in der Instrumentenlehre, in Erster Hilfe und der Verabreichung von Narkosen (!) unterwiesen worden waren. Einen einwöchigen Kurzlehrgang für Unterrichtsschwestern absolvierte sie vom 30. November bis zum 5. Dezember 1942 an der Wernerschule in Berlin, die zu der Zeit von Erna Wittich (1879-1962)  geleitet wurde. Im Sommer 1944 wurde die Münchener Schwesternschule durch Brandbomben beschädigt und im Februar 1945 in ein Reservelazarett in Grafenaschau bei Murnau / Oberbayern evakuiert. Nach fünf Monaten, also nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes, konnte die Schwesternschule, noch unter der Leitung von Helmine Held, nach München in ein Ausweichquartier zurückgeführt werden und 1948 schließlich wieder in ihre ehemaligen Schulräume an der Nymphenburger Straße 148 zurückkehren. Die Oberschwester aus der Schwesternschulleitung war inzwischen zur Generaloberin im Bayerischen Roten Kreuz ernannt, die Schulleitung bereits 1945 an die damalige Oberschwester und spätere Oberin Benigna Niggl übergeben worden. Niggl ist eine der Pflegeautorinnen des 1958 in erster Auflage erschienenen Krankenpflegelehrbuchs „Die Pflege des kranken Menschen“. 1961 wurde sie mit der Florence-Nightingale-Medaille ausgezeichnet. Während ihrer Schulleitung wurden unter dem Dach der Schwesternschaft München vom BRK 1956 auch Männer in die Krankenpflegeausbildung aufgenommen. In der Mutterhausleitung war Greta Kluth als kommissarische Oberin am 18. Oktober 1945 der Oberin Radolfe Kirchner gefolgt, die wegen ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP am 15. Oktober 1945 auf Grund einer von der amerikanischen Militärregierung erlassenen Bestimmung den Posten hatte räumen müssen.

Helmine Helds Stunde hatte am 1. November 1945 geschlagen, als sie, gerade 29 Jahre alt, auf Empfehlung von Dr. Josef Stürmann, dem amtierenden Geschäftsführenden Präsidenten des Bayerischen Roten Kreuzes, als kommissarische Generaloberin in das Präsidium des Bayerischen Roten Kreuzes berufen wurde. Stürmann war auf sie aufmerksam geworden, als sie noch Schwesternschulleiterin war. Er wurde bereits am 24. April 1946 auf Druck der amerikanischen Militärregierung aus seinem Amt entlassen, weil, so kann einer tabellarischen Chronik des Bayerischen Roten Kreuzes aus dem bayerischen Rotkreuzmuseum entnommen werden, die Geschäftsführung einer „demokratischen Grundlage entbehrte“ (zit. n. www.brk-museum.de). Helmine Held hingegen sollte insgesamt 37 Jahre als Generaloberin amtieren.

Seit ihrer Erstberufung 1945 blieb sie bis in den Ruhestand eine konstante Größe in den Gremien der Rotkreuzschwesternschaften. 1949 gehörte sie als Schriftführerin dem Vorstand des Verbandes Deutscher Mutterhäuser vom Roten Kreuz e. V. an. Auch im Jahr ihrer Pensionierung, 1982, war sie Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz e. V. Schon vierzehn Tage nach ihrem Amtsantritt als bayerische Generaloberin hatte sie, quasi in der Funktion einer „Dezernentin“, am 15. November 1945 Verhaltensregeln (heute „code of conduct“ genannt) verfügt, aus denen die Schwesternschaft München vom BRK e. V nach über fünfzig Jahren Auszüge veröffentlicht hat:

„Jede Schwester ist für die Rotkreuzschwesternehre mitverantwortlich und hat durch ihre Führung, tadelloses Tragen der Tracht, durch ihre Arbeitsleistung und durch ihre Treue zum Mutterhaus zu zeigen, dass sie sich dieser Verantwortung auch bewusst ist. […] Wir wollen uns ein Beispiel nehmen an unseren älteren Schwestern, die uns wahres Schwesterntum auf christlicher Grundlage vorgelebt haben. Für Schwestern, die diesen Anforderungen nicht gerecht werden wollen, kann und darf in unserer Schwesternschaft kein Platz sein […]“ (Held 1945, zit. n. Schwesternschaft München 1997, S. 50).

Das waren fordernde Worte in einem normativen Text. Von Anfang an ließ Helmine Held Machtbewusstsein erkennen und zeigte, dass sie Macht, möglicherweise sogar Herrschaft ausüben konnte und wollte, denn sie engte den Denk- und Bewegungsrahmen der Schwestern ausdrücklich ein. Kein Platz für Andersdenkende, lassen sich ihre Verhaltensvorschriften zuspitzen. Nur, wo hatte die 29-Jährige diesen autoritären, nichtkommunikativen Befehlston erworben? Im Elternhaus? In der Schule? In der Schwesternschaft? Im Krieg bei der Luftwaffensanitätseinheit? Unter den Männern im Bayerischen Roten Kreuz? Diese Fragen sind bisher nicht aufgeworfen, geschweige denn beantwortet worden und können auch hier noch nicht gelöst werden. Die Schwesternschaft München attestiert ihrer ehemaligen Generaloberin rückblickend hohe Intelligenz und Tatkraft, Charme und Charisma und feiert sie routiniert als „große Rotkreuzpersönlichkeit“ oder „große Schwesternpersönlichkeit“. Einschätzungen von Schwestern, die sie unmittelbar als Vorgesetzte erlebt haben, sind noch nicht greifbar.

Zwei Jahre nach ihrer Ersternennung konnte Helmine Held die Basis ihrer Blitzkarriere weiter konsolidieren. Inzwischen, im Frühjahr 1946, hatten sich die bayerischen Rotkreuzmutterhäuser in einem Dachverband, dem „Verband der Bayerischen Mutterhäuser vom Roten Kreuz“, zusammengeschlossen. Mit einem Schreiben vom 6. Juli 1947 wurde die kommissarische Generaloberin Held zur Generaloberin dieses Verbandes und zugleich des Mutterhauses München (heute Schwesternschaft München) ernannt. Helmine Held gelangte nicht durch Wahl in ihre Ämter. Wie es scheint, setzte sie sich auf dem Ernennungsweg gegen Greta Kluth durch. Diese verließ nach ihrer Genesung von einer Erkrankung München, wurde Oberin am Speyererhof in Heidelberg und kehrte erst 1957 als Oberin des Städtischen Krankenhauses Oberföhring nach München zurück.

Der Jurist Schlögel hat 1982 in seiner Laudatio auf Helmine Held die von ihr im Laufe von fast vier Jahrzehnten bewältigten Leitungsaufgaben nach Aufgabenkomplexen aufgefächert. Schlögel kam wie Helmine Held aus der Rheinpfalz. Zunächst beschränkte sich Helds Aufgabenbereich auf eine Mitwirkung im Präsidium des im Mai 1945 wieder begründeten Bayerischen Roten Kreuzes. Als Präsident fungierte anfangs Adalbert Prinz von Bayern (1886-1970), der am 2. Juli 1949 von Dr. jur. Otto Gessler (1875-1955), Reichswehrminister (1920-1928), abgelöst wurde. 1919 war Gessner Gründungsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Im Präsidium des Bayerischen Roten Kreuzes folgte auf Dr. Josef Stürmann (1906-1959) am 1. Juni 1946 Dr. h. c. Karl Scharnagl (1891-1963) als Geschäftsführender Präsident. Scharnagl, Mitbegründer der CSU im April 1945, war im selben Jahr von der US-Militärregierung als Oberbürgermeister von München eingesetzt worden. Stürmann war Mitglied der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag 1946-1950. In einem beruflichen Milieu, das von hoch qualifizierten und politisch erfahrenen, konservativen älteren Männern geprägt wurde, unternahm Helmine Held ihre ersten Schritte als Generaloberin. Schlögel übermittelt, dass er selbst und die genannten Männer die Initiativen von Helmine Held rückhaltlos anerkannt und unterstützt haben. Sie begann ihre berufspolitische Karriere also mit einem beträchtlichen politischen Rückenwind und somit auch einer Reihe von männlichen Einflussgebern. Die politische Dimension ihrer Tätigkeit wird in den schwesternschaftseigenen Texten ausgeblendet und so auch ein Blick auf das Geschlechterarrangement.

Ein zweiter Aufgabenbereich bezog sich im engeren Sinne auf die Gemeinschaft der bayerischen Rotkreuzmutterhäuser und im weiteren Sinne auf einen Ansturm und die Versorgung von „Flüchtlingsschwestern“ aus den östlichen Gebieten. In Bayern gab es zunächst drei Rotkreuzmutterhäuser, und zwar in München seit 1872, in Coburg seit 1902 und in Nürnberg seit 1940. Letzteres war unter der Bezeichnung „Deutsches Rotes Kreuz Schwesternschaft der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg“ gegründet worden. Für Rotkreuzschwestern aus dem Osten (Karlsbad, Prag und Breslau) entstand ein Mutterhaus, das heute in Amberg ansässig ist. Ein 1949 in Würzburg gegründetes Mutterhaus hatte nur bis 1974 Bestand. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Wahrnehmung des Vorsitzes im „Verband Deutscher Mutterhäuser vom Roten Kreuz in Bayern e. V.“, mit dem Helmine Held 1947 betraut worden war, für die junge Generaloberin keine einfache Aufgabe war. Die Mutterhäuser in München und Nürnberg waren ausgebombt, geblieben aber waren die Oberinnen von Nürnberg (Elisabeth Wicke, genannt Lisy) und Coburg (Mila Gottfriedsen), die älter und länger im Amt waren als sie selbst, Mila Gottfriedsen immerhin schon seit 1907. An eine bayerische Generaloberin mussten sie sich erst gewöhnen. Bis 1945 hatte es nur eine reichsweite Generaloberin gegeben. Warum das Bayerische Rote Kreuz 1945 eine landeseigene Generaloberin schuf, ist eine bis heute ungeklärte Frage.

Der dritte Aufgabenbereich, die Übernahme des Vorsitzes in der Schwesternschaft München (damals noch Mutterhaus genannt), war wohl am umfangreichsten und schwierigsten zu bewältigen. Mit Engagement und im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zunehmender Sachkenntnis hat Helmine Held den Wiederaufbau und Neubau von Krankenhäusern, Krankenpflegeschulen und Schwesternwohnheimen für junge und pensionierte Rotkreuzschwestern vorangetrieben. Wie andere im Nachkriegswiederaufbau Tätige hatte sie im Rahmen ihrer Schwesternschaft zunächst dafür zu sorgen, dass in den beschädigten Gebäuden das Wasser wieder lief, dass es Strom gab, der Schutt der zerstörten Gebäude weggeräumt und Baumaterial herbeigeschafft wurde. Zudem waren die Lebensmittelrationen äußerst karg bemessen, die nicht mehr als die Qualität von „Hungerrationen“ hatten. Helmine Held war anfangs eine Managerin der Not. Angesichts des Umfangs der bewältigten Bauvorhaben muss dieser Tätigkeitssektor ihr aber sehr gelegen haben. Von Münchener Rotkreuzschwestern wird sie heute zwar wohlwollend, aber den Ernst der damaligen Lage verkennend, als „Architektin“ bezeichnet. Lieselotte Krammer (1996) hat die beachtliche Anzahl der Neu- und Umbauten einzeln aufgelistet.

Innerhalb dieses dritten Aufgabenbereichs oblag der Generaloberin wie jeder Schwesternschaftsleiterin die Personalführung, und nicht zuletzt sollte sie auch Ideengeberin für eine gute Krankenpflege sein. Hervorzuheben ist die bereits 1948 erfolgte Wiedereinsetzung des Schwesternrats, der 1935 außer Kraft gesetzt worden war. Ein Gedankengebäude für die Ausübung einer „ganzheitlichen Pflege“, die als ihre Programmatik ausgegeben wird, hat sie offenbar nicht hinterlassen. Eine systematische Sichtung der von ihr im Archiv der Schwesternschaft auffindbaren Dokumente könnte im Spiegel der von Josef Stürmann (1948), ihrem Entdecker, vorgelegten philosophisch-anthropologischen Geschichtsbetrachtung eventuell Aufschluss darüber geben, welcher geistigen Strömung sie gefolgt ist.

Stürmann, seit 1947 apl. Professor für Philosophie an der Universität München, war Schüler und Assistent des Philosophen Alexander Pfänder (1870-1941), der in der Denktradition der „Münchener Phänomenologie“ stand. Nach Pfänder ist der Mensch „eine leiblich-seelisch-geistige Dreieinheit. Das Leben ist ein fortwährendes Sich-ins-Dasein-Setzen. Der menschliche Geist ist die in sich zurückgekehrte Seele. Alle Wesen und Ideen blicken nach dem menschlichen Geist empor und richten an ihn die Aufforderung […], ihnen zu helfen“ (zit. n. Streller 1951, S. 442). Auch Stürmann folgt in seiner Geschichtsbetrachtung einem Menschenbild, das in metaphysischer Sehnsucht nach geistiger Gestaltung und Bildung strebt. In seinem Vorwort zu „Der Mensch in der Geschichte“ (1948) schreibt er: „Die folgenden Betrachtungen sind ein Versuch, menschliches Dasein vom Geist und vom Wesenssinn her neu zu begründen, die beide unsere heutige Welt verlassen zu haben scheinen. Sie wollen zur philosophischen Frage nach dem Menschlichen in der eindrucksvollen Wirklichkeit vom Sein, die wir Geschichte nennen, anregen“ (o. S.). Vor Ausbruch des NS-Regimes studierte er an verschiedenen Universitäten Philosophie, Psychologie, Literatur und Geschichte. Als Mitglied eines konservativ-katholischen Widerstandskreises war er nach 1933 „politisch untragbar“ (Verlag Kurt Desch 1948) und konnte seinen wissenschaftlichen Beruf nicht mehr ausüben. Er wich auf eine Tätigkeit als Bankangestellter aus und entging wie viele seiner Gesinnungsgenossen nicht dem Konzentrationslager. Später, an der Universität München, las er morgens um 8.00 Uhr über „Angst und Methoden ihrer Überwindung“ (Frühwald / Femmer 2005). Seinen Studenten zeigte er seine eintätowierte KZ-Nummer.

Dass Helmine Held von einem christlichen Menschenbild ausging, hatte sie bereits 1945 in ihrer ersten Verfügung zu erkennen gegeben. Die Schwesternschaft München vom BRK e. V. erwähnt Prof. Dr. Stürmann ohne Erläuterung seines biographischen und geistigen Hintergrunds (1997, S. 50). Sie legt aber mit der Erwähnung seines Namens und seiner Fürsprache für Helmine Held eine Spur zu ihm, der hier ein kleines Stück nachgegangen wurde. Ein in hermeneutischer Absicht auf dem Fundament vorhandener Dokumente konsequentes Ausgraben der angedeuteten Spur sollte zu einem tieferen Verstehen des jahrzehntelangen Wirkens Helmine Helds und der sie leitenden Werte und Normen führen. Noch kann ja nicht ausgeschlossen werden, dass sie als Volksschülerin ohne nennenswerte Weiterbildung eine zielstrebige Pragmatikerin, vielleicht sogar, wie es heute heißt, ein „political animal“ war. Dafür spricht ein in Entscheidungssituationen gezeigtes zupackendes Handeln.

An den Versammlungen, auf denen der Wiederaufbau des Deutschen Roten Kreuzes verhandelt wurde, nahm Helmine Held teil. Auf der 3. Tagung vom 9. bis 12. Dezember 1948 wurde die Einrichtung eines Organisationsausschusses beschlossen. Helmine Held, politisch und strategisch wach, brachte den Antrag ein, in diesem Gremium auch die Verbände der Mutterhäuser zu berücksichtigen. Dem Antrag wurde stattgegeben und so gelangte die junge bayerische Generaloberin Helmine Held als eine Verbandsvertreterin neben der ehemaligen, noch nicht wieder gewählten Generaloberin aus der NS-Zeit, Luise von Oertzen (1897-1965) , in diesen Ausschuss, der 1950 bei der Neugründung des Deutschen Roten Kreuzes maßgeblich für die Zusammensetzung des neuen Präsidiums wurde. Satzungsgemäß wurde die Präsidentin des bundesweiten „Verbandes Deutscher Mutterhäuser vom Roten Kreuz“ als Mitglied in das Präsidium aufgenommen. Als Landesverbandsvorsitzende gehörte Helmine Held wie alle Landesverbandspräsidenten dem Präsidialrat als ordentliches Mitglied an.

Ein politisches Eingebundensein muss berücksichtigt werden, wenn das Lebenswerk von Helmine Held angemessen beurteilt werden soll. Die charismatische, unangefochtene Einzelkämpferin, als die ihre Schwesternschaft sie vereinfachend darstellt, kann sie in ihrer Position gar nicht gewesen sein. Tatsächlich war sie eine in hochkomplexen Strukturen agierende Verbandsfunktionärin, die, wie dargelegt, Förderer hatte, aber ohne Zweifel im Laufe ihres langen Berufslebens auch auf Gegner/innen und deren gegenläufige Strategien gestoßen ist. Ob und wie Helmine Held Konflikte gelöst hat, ist wissenswert bei einer Frau, die zu einem zeitgeschichtlich so frühen Zeitpunkt und in so jungen Jahren in männliche Handlungsdomänen vorzudringen vermochte. In Anerkennung ihrer Leistungen ist Helmine Held mehrfach geehrt worden. Sie erhielt das DRK-Ehrenzeichen und wurde mit der Florence-Nightingale-Medaille (1969), dem Großen Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden (1962) ausgezeichnet.

Nach einem intensiven Berufsleben trat Helmine Held 1982 in den Ruhestand. Als Vorsitzende der Oberinnen-Vereinigung im Deutschen Roten Kreuz schrieb sie 1989 das Geleitwort zu der von Sigrid Schmidt-Meinecke über Cläre Port (1889-1987)  verfassten Biographie. Als die fast 80-jährige Cläre Port ihren eigenen Hausstand in Göttingen nicht mehr aufrechterhalten konnte, bot Helmine Held ihr 1968 an, in das Schwesternwohnheim für pensionierte Schwestern der Schwesternschaft München in Grünwald bei München überzusiedeln, jenes Anwesen, das mit Unterstützung der amerikanischen Besatzungsmacht schon 1947 erworben und umgebaut worden war. Fünfzehn Jahre nach Cläre Port, am 31. Dezember 2002, verstarb sie selbst an diesem Ort, wo sie knapp zehn Jahre gewohnt hatte.


Literatur

Ehemaliger Generalsekretär Dr. Schlögel verstorben. http://www.drk.de/latest_news/messages/239.html [17.10.2006].

Frühwald, Prof. Dr. Wolfgang, Literaturwissenschaftler, im Gespräch mit Dr. Walter Femmer. Bayerischer Rundfunk, alpha Forum. Sendetag: 03.08.2005, 20.15. www.br-online.de [12.10.2006].

Held, Helmine: Zum Geleit. In: Schmidt-Meinecke, Sigrid: Cläre Port. Eine bedeutende Oberin - Eine große Frau. Bruckmann. München 1989, Seite 6-7.

H[eld], J[ohanna] H[elmine]: Bei einer Luftwaffen-Sanitätseinheit. In: Oberinnenvereinigung im Deutschen Roten Kreuz (Hrsg.): Der Ruf der Stunde. Schwestern unter dem Roten Kreuz. Kohlhammer. Stuttgart 1963, Seite 105-107.

Krammer, Lieselotte: 100 Jahre Rotkreuzkrankenhaus in München. In: Die Schwester. Das Magazin der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz, 1992/93, Heft 6 (Dezember / Januar), Seite 9-10.

Krammer, Lieselotte: Tatkraft und Charisma. Frau Generaloberin Helmine Held wird 80 Jahre alt – ein Grund, über Leben und Werk dieser großen Rotkreuz-Persönlichkeit zu resümieren. In: Die Schwester. Das Magazin der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz, 1996, Heft 3 (Juni bis August), Seite 6.

Kulturreferat der Landeshauptstadt München (1998): Bayerische Konservative, Monarchisten und Föderalisten. http://www.widerstand.musin.de/w4-7.html [05.10.2006].

Ministerialabteilung für Fachschulen (Hrsg.): Die Gewerbeschulen, Handelsschulen und Frauenarbeitsschulen in Württemberg. Klett. Stuttgart 1924.

Riesenberger, Dieter: Das Deutsche Rote Kreuz. Eine Geschichte 1864-1990. Schöningh. Paderborn, München, Wien, Zürich 2002.

Schlögel, Anton: Neuaufbau des Deutschen Roten Kreuzes nach dem II. Weltkrieg. Geschichte des DRK 1945-1950. Hachenburg. Hachenburg 1982.

Schlögel, Anton: Helmine Held. Vortrag am 5. Juli 1982 bei der Schwesternschaft München. In: Deutsches Rotes Kreuz e. V. – Präsidium (Hrsg.): Geist und Gestalt des Roten Kreuzes. Eine Auswahl von Reden und Aufsätzen von Anton Schlögel. Hachenburg. Hachenburg 1987, Seite 282-287.

Schmidt-Meinecke, Sigrid: Hundert Jahre Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz 1882-1982. Bonn 1982.

Schriftliche Anfrage der Verfasserin nach Lebensdaten von Helmine Held beim Standesbeamten der Stadt Schifferstadt vom 5. Oktober 2006 aus datenschutzrechtlichen Gründen am 19. Oktober 2006 abschlägig beschieden.

Schriftliche Mitteilung des Öffentlichkeitsreferats der Schwesternschaft München vom Bayerischen Roten Kreuz e. V. vom 13. November 2006 an die Verfasserin über Lebens- und Berufsdaten von Helmine Held.

Schwesternschaft München vom Bayerischen Roten Kreuz e. V. (Hrsg.): Festschrift zum 125. Jubiläum der Rotkreuzschwestern in München. München, Rotkreuzplatz 8, am 28. Februar 1997. Lindner, München 1997.

Streller, Justus: Pfänder, Alexander. In: Philosophisches Wörterbuch. Begründet von Heinrich Schmidt. Elfte, völlig neu bearbeitete Auflage. Kröner. Stuttgart 1951, Seite 442.

Stürmann, Josef: Der Mensch in der Geschichte. Versuch einer philosophisch-anthropologischen Geschichtsbetrachtung. Desch. München 1948. (Military Government Information Control Licence No. US-E-101).

Tabellarische Chronik des Bayerischen Roten Kreuzes. http://www.brk-museum.de/Chronik/body_chronik.html [05.10.2006].

Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz e.V. (Hrsg.): Rotkreuzschwestern. Die Pflegeprofis. Menschlichkeit – die Idee lebt. Olms. Hildesheim, Zürich, New York 2007.

Wilke-Budde, Brigitte: 125 Jahre Schwesternschaft München. In: Die Schwester. Das Magazin der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz, 1997, Heft 3 (Juni / Juli / August), Seite 16-17.

Wir trauern. Generaloberin Helmine Johanna Charlotte Held. In: Die Schwester. Das Magazin der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz, 2003, Heft 2 (März bis Mai), Seite 37.

Bildnachweis: Die Schwester. Das Magazin der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz, 2003, Heft 2 (März bis Mai), Seite 37.

HELD, Helmine

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Karin Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Karin Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 135-141

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