fbpx
Jan 20, 2020 Last Updated 9:39 AM, Jan 14, 2020

Forschungswelten 2019

Save-the-date: Forschungswelten 2019! Vom 4.-5. April 2019 findet an der Hochsc...

Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: HEINRICI, Vera Alexandrine Ida Ilse
HEINRICI, Vera Alexandrine Ida Ilse
Artikel von: Karin Wittneben
Erschienen in Band 4, Seite(n) 132-135.
 

Biographie

Der ehemalige Vorsteher des Diakonissenhauses in Königsberg (heute russ. Kaliningrad), Pfarrer i. R. August Borrmann, hat 1936 eine Dokumentation über die „Diakonissen des Kaiserswerther Verbandes im Weltkriege“ vorgelegt, die in der Anlage E „Lebensläufe der durch Krieg oder infolge des Krieges verstorbenen Schwestern“ enthält. In dieser Sammlung wird auch die Johanniterschwester Vera Heinrici aufgeführt. Hier soll Vera Heinrici exemplarisch für die große, bisher unbekannte Anzahl von Krankenpflegerinnen vorgestellt werden, die vor allem im Ersten und Zweiten Weltkrieg durch direkte oder indirekte Wirkungen des in der Regel als selbstverständlich hingenommenen Krieges verstorben sind. Vera Heinrici verkörpert zudem den Typus einer so genannten höheren Tochter, der eine höhere Mädchenbildung ermöglicht wurde und der sich im beginnenden 20. Jahrhundert der Beruf der Krankenpflegerin als ein bürgerlicher, standesgemäßer Frauenberuf anzubieten schien. Die zu ihrer Person wiedergegebenen Lebensdaten stützen sich auf Borrmanns Dokumentation. Sie werden eingebunden in die gesellschaftlichen Kontexte „Frau und Bildung“, „Frau und Beruf“ sowie „Frau und Krieg“.

Vera Alexandrine Ida Ilse Heinrici wurde am 7. August 1888 als Tochter des Stabs- und Bataillonsarztes im dritten Niederschlesischen Infanterieregiment Nr. 50, Alexander Heinrici, und seiner Ehefrau Hedwig, geborene de la Chevallerie, in Krummhübel (heute poln. Karpacz) im Riesengebirge geboren. Die Tochter eines Militärarztes besuchte zehn Jahre eine höhere Mädchenschule in Rawitsch bei Cosel (heute poln. Kozle) und zuletzt in Breslau (heute poln. Wroclaw). Ihre Konfirmation im April 1905 erfolgte ebenfalls in militärischen Strukturen unter der Obhut des Divisionspfarrers Richter. Als Vera zehn Jahre alt war, verstarb ihr Vater, der zuletzt Oberstabs- und Regimentsarzt im dritten Oberschlesischen Infanterieregiment Nr. 62 war. Um ihren Kindern den Besuch guter Schulen und damit eine bessere Berufsvorbereitung zu ermöglichen, übersiedelte die Mutter mit ihren fünf Kindern nach Breslau.

Die von Vera Heinrici besuchten höheren Mädchenschulen gehörten zu ihrer Schulzeit streng genommen noch zum mittleren Schulwesen. Diese Schulen boten zwar zwei Fremdsprachen an (Englisch und Französisch), führten aber noch nicht zum Abitur. Erst mit der Mädchenschulreform von 1908, als die herkömmliche höhere Mädchenschule in ein Lyzeum umgewandelt wurde und den Aufbau des Oberlyzeums erhielt, konnten auch Mädchen an einer Regelschule eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben. Eine Zugangsmöglichkeit zu einer Hochschule blieb Vera Heinrici trotz ihres protestantisch-bildungsbürgerlichen Hintergrunds also noch versperrt.

Stattdessen wandte sie sich angeblich aus großer Neigung dem aufstrebenden bürgerlichen Krankenpflegeberuf zu. „Da ich große Neigung, viel Lust und Liebe zur Krankenpflege habe, so erwählte ich diesen Beruf“ (zit. n. Borrmann 1936, S. 410), bekannte sie offenbar in einer Bewerbung. Sie widmete sich aber nicht der entsagungsvollen Tätigkeit einer Diakonisse, sondern qualifizierte sich von November 1908 bis Ende März 1909 im Krankenhaus Bethanien des Diakonissenmutterhauses in Frankenstein (heute poln. Zabkowice Slaskie) als Johanniterschwester. Die durch das Diakonissenmutterhaus Frankenstein (heute in Wertheim / Main ansässig) christlich geprägte Johanniterschwester stellte sich im Ersten Weltkrieg von 1914 bis Dezember 1917 der Kriegskrankenpflege zur Verfügung. Ende Dezember 1917 kam Vera Heinrici mit drei anderen Schwestern infolge einer Kohlenoxydgasvergiftung ums Leben. Unter der Einwirkung des Krieges endete ihr Leben mit 29 Jahren.

Durch den Beruf ihres Vaters dürfte Vera Heinrici in eine militärische Richtung der Krankenpflege, wie die der damaligen Johanniterkrankenpflege, gelenkt worden sein. Der männlich geprägte evangelische Johanniterorden richtete eine eigene Schwesternschaft erst 1885 ein. Die Ausbildung der Johanniterschwestern erfolgte meistens an Diakonissenmutterhäusern des Kaiserswerther Verbandes, weil dem Orden an der Förderung einer christlichen Krankenpflege sehr gelegen war. Evangelische „Jungfrauen“ und Witwen im Alter von 18 bis 35 Jahren wurden in die Ausbildung aufgenommen. Neben einer christlichen Fundierung sah der Orden es als seine besondere Aufgabe an, die Pflege in Kriegen zu betreiben. Die Johanniterschwestern wurden auf Kosten des Ordens unter der Bedingung ausgebildet, die Krankenpflege nicht als Erwerbsquelle zu nutzen. Um ihre Anwartschaft auf eine nicht erwerbsmäßig ausgeübte Krankenpflege zu erhalten, mussten sie in Friedenszeiten jährlich mindestens einen mehrwöchigen Übungseinsatz ableisten, vorzugsweise in einem Johanniterkrankenhaus, deren Anzahl sich 1935 auf 60 Anstalten mit etwa 4.000 Betten belief.

Das älteste Johanniter-Krankenhaus wurde 1854 in Jüterbog / Kreis Teltow-Fläming in Brandenburg gegründet. Da der Johanniterorden am stärksten in den ehemals deutschen Ostgebieten und in Ostdeutschland verbreitet war, verlor er hier nach 1945 besonders große Anteile seines Besitzes. Von 1945 bis 1989/1990 betätigte er sich infolgedessen in westdeutschen Gebieten, in denen er traditionell schwach vertreten war. Erst 1958 wurde in Westdeutschland wieder eine Johanniterschwesternschaft gegründet und in gewohnter Tradition eine Frau aus dem Adel, Gerda Gräfin Schack von Wittenau, zur Ordensoberin berufen. Die Schwesternschaft umfasst heute um die 600 Mitglieder. Im Zweiten Weltkrieg haben noch 370 Johanniterschwestern in der Pflege gestanden. Der Wandel der Schwesternschaft bis in die Gegenwart kann hier nicht verfolgt werden.

Ernst Julius Gurlt (1825-1899) , Professor der Chirurgie an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, erwähnt in seiner nach eigener Aussage kulturhistorisch angelegten Untersuchung „Zur Geschichte der internationalen und freiwilligen Krankenpflege im Kriege“ (1873), dass im siebenjährigen Krieg (1756-1763) weder einzelne noch verbundene Frauen für die Kranken und Verwundeten gesorgt zu haben scheinen. Erst im Krieg gegen Napoleon im Jahr 1806 setzten Frauen ihren Wunsch zu helfen in die Tat um. Mehrere Frauen wurden dabei „ein Opfer ihrer Milde“ (S. 167). Eine der in den schlecht ausgestatteten und unzureichend versorgten Lazaretten heftig um sich greifenden Seuchen bzw. Infektionskrankheiten war der Typhus. Das „Heer“ der in der anfangs noch ungeregelten und später durchorganisierten Kriegskrankenpflege umgekommenen Krankenpflegerinnen unterschiedlicher Qualifikationen und Zugehörigkeiten ist bisher bei ungünstiger Quellenlage systematisch unerforscht. Für einen Anfang können die von Borrmann vorgelegte Dokumentation und ein Gedenkbuch „Unseren toten Mitschwestern aus zwei Weltkriegen“ (1955) der Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins herangezogen werden. Eine Durchsicht dieser Quellen zeigt bereits auf den ersten Blick, dass pflegende Frauen in Kriegen anders sterben als kämpfende Männer. In die hier gewählte Betrachtungsweise werden nicht, wie etwa bei Herrad Schenk, bewaffnete Frauen einbezogen.

Vera Heinrici, Maria Sonnenthal-Scherer (1884-1916) , Katharina von der Schulenburg (1867-1914)  oder Nora von Zumbusch-Exner (1879-1915)  starben nicht einen Aufsehen erregenden sogenannten Heldentod. Sie verschieden still nach einer Gasvergiftung, einer Cholerainfektion oder aus Überanstrengung und vor Erschöpfung. Wie Disselhoff (1935) berichtet, wurde die Kaiserswerther Diakonisse Elise Hepp im deutsch-dänischen Krieg am 17. Mai 1864 in Hadersleben (Haderslev / Dänemark) als erste von mehreren Diakonissen ebenfalls vom Lazaretttyphus hingerafft. In späteren Kriegen wurden Krankenpflegerinnen bei der Pflegearbeit von einer einschlagenden Bombe tödlich getroffen, oder sie starben unter Tieffliegerbeschuss oder erstickten qualvoll unter den Trümmern eines zerbombten Krankenhauses, das ganz oder teilweise als Lazarett diente. Wieder andere gerieten in Gefangenschaft, der sie nicht mehr entkamen oder starben an Hunger und Kälte auch außerhalb von Gefängnismauern. Einige wurden allerdings auch, wie Marie Schlieps (1881-1919)  oder Edith Cavell (1865-1915) , in dramatisch zugespitzten Kriegssituationen von der gegnerischen Seite hingerichtet. Einzelne wählten aus Angst vor dem Kommenden oder aus Verzweiflung in einer sehr bedrohlichen Situation den Freitod. Die Diakonieschwester Dora Windeck (1892-1945) suchte in Goldberg / Schlesien (heute Zlotoryja / Polen) den Tod, nachdem sie „fünfmal den Russen in die Hand gefallen war“ (Die Schwesternschaft 1955, unpaginiert), was wohl heißen soll, dass sie vergewaltigt wurde. Das ist vorerst nur eine zufällige Auswahl von Kriegseinwirkungen, denen pflegende Frauen oft schon in sehr jungen Jahren zum Opfer fielen. In den Jahren, als Vera Heinrici und ihre Leidensgenossinnen im Ersten Weltkrieg ums Leben kamen, wurden jüngere Krankenpflegerinnen, die im Zweiten Weltkrieg den Tod fanden, gerade geboren. Zugespitzt lässt sich sagen: Sie wurden in einem Krieg für den nächsten Krieg geboren.

Vera Heinrici selbst hat ihren Tod vermutlich in einer in ihrem Milieu üblichen deutschnationalen, konservativen Einstellung als ein selbstverständliches Opfer für das Vaterland antizipiert. Bürgerliche Frauen dieser Familien und dieser Generation sind wie ihre Väter und Brüder in voller Absicht und mit großer Bereitschaft in den Krieg gezogen. Eine Verweigerung der Kriegskrankenpflege lag noch außerhalb ihres eigenen Reflexions- und möglichen Handlungshorizonts. Sie wurden, eben auch von ihresgleichen, zu einer die eigene Persönlichkeit auslöschenden Mitarbeit an Krieg und Sieg erzogen und gezogen. Die Herausgeberin des Jahrbuchs des Bundes Deutscher Frauenvereine für 1916, Elisabeth Altmann-Gottheiner, lässt in Norm setzenden Worten daran keinen Zweifel aufkommen: „So sollen auch die  N a m e n  selbst  d e r  Frauen  u n g e n a n n t  bleiben, die im Aufbau und der Ausführung des Heimatdienstes Größtes geleistet haben. Was bedeutet uns der, der es ersann und ausführte gegenüber dem Werk der Mitarbeit an Krieg und Sieg?“ (S. V).

Im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) wurde die Selbstaufopferungsbereitschaft einer Rotkreuzschwester über einen (fingierten?) „Feldpostbrief der Schwester Barbara“ (1941/42, S. 195) geradezu rücksichtslos ideologisiert: „Es hat sich nun leider bestätigt, dass Schwester Hertha Tietz mit einem Schiff untergegangen ist. […]. Sie gab ihre Schwimmweste, obwohl sie nicht schwimmen konnte, einem Soldaten, dem dadurch das Leben gerettet wurde.“

Auch noch die äußerste Selbstverleugnung einer Rotkreuz- und Kriegsschwester wird von ihresgleichen angeblich freiwillig wie ein zustimmungsfähiger, selbstverständlicher Akt übermittelt. Eine höchst befremdliche Nichtwürdigung der in den Kriegen bis 1945 umgekommenen Kriegsschwestern korrespondiert auf eine nicht minder irritierende Art und Weise mit ihrer selbstlosen Bereitschaft zu Krieg und Sterben. Solche und andere in die Ideengeschichte der Pflege eingelagerten Traditionslasten sind noch zu wenig bekannt und bewusst, um sich von ihnen schon reflexiv entlasten zu können.


Literatur

Altmann-Gottheiner, Elisabeth (Bearb. und Hrsg.): Heimatdienst im ersten Kriegsjahr. Jahrbuch des Bundes Deutscher Frauenvereine 1916. Teubner. Leipzig, Berlin 1916.

Anonym: Der Johanniterorden. 2. Auflage. Bonn 1994.

Anonym: Johanniter-Schwesternschaft e. V., Bonn. Wechsel im Amt der Ordensoberin. Die Diakonieschwester 95 (1999) 6, Seite 152-153.

Aus einem Feldpostbrief der Schwester Barbara. NS-Frauenwarte 10 (1941/42) 13, Seite 195.

Both, Wolf von: Zur Geschichte der Krankenpflege im Johanniter-Orden. (Ohne Ort) 1970. (Überarbeitetes, gedrucktes Vortragsmanuskript).

Borrmann, August: Die Diakonissen des Kaiserswerther Verbandes im Weltkriege. Bertelsmann. Gütersloh 1936.

Die Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins (Hrsg.): Gedenkbuch. Unseren toten Mitschwestern aus zwei Weltkriegen. Berlin (ohne Jahr) [1955].

Disselhoff, Deodat: Bilder aus der Kriegskrankenpflege. In: Kaiserswerther Verband Deutscher Diakonissenmutterhäuser (Hrsg.): Diakonissenbuch. Buchhandlung der Diakonissenanstalt Düsseldorf-Kaiserswerth. Düsseldorf-Kaiserswerth 1935, Seite 270-276.

Evangelisches Diakonissenmutterhaus Frankenstein. http://www.diakonie.net/a-z/einrichtungen [25.01.2006].

Geschichte der Johanniter und der Schwesternschaft. http://www.johanniter-schwesternschaft.de [06.02.2005]

Gurlt, Ernst J.: Zur Geschichte der internationalen und freiwilligen Krankenpflege im Kriege. Vogel. Leipzig 1873.

Johanniterorden (Hrsg.): Der Johanniterorden. Der ritterliche Orden St. Johannis vom Spital zu Jerusalem. Bonn 1987.

Lundgreen, Peter: Institutionalisierung des höheren Schulwesens. In: Enzyklopädie Erziehungswissenschaft, Band V: Organisation, Recht und Ökonomie des Bildungswesens. Herausgegeben von Martin Baethge und Knut Nevermann. Klett. Stuttgart, Dresden 1995, Seite 98-113.

Molthan, Agnes: Das höhere Mädchenschulwesen. In: Nohl, Hermann und Ludwig Pallat: Handbuch der Pädagogik, Bd. IV: Die Theorie der Schule und der Schulaufbau. Beltz. Langensalza 1928. Faksimile-Druck der Originalausgabe. Beltz. Weinheim, Basel 1981, Seite 265-281.

Schenk, Herrad: Frauen kommen ohne Waffen. Beck. München 1983.

Schmidt, Gottfried: Der Johanniterorden. In: Kaiserswerther Verband Deutscher Diakonissenmutterhäuser (Hrsg): Diakonissenbuch. Buchhandlung der Diakonissenanstalt Düsseldorf-Kaiserswerth. Düsseldorf-Kaiserswerth 1935, Seite 448-450.

HEINRICI, Vera Alexandrine Ida Ilse

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Karin Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Karin Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 132-135

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=175

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge

datenbankbanner 2