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Jun 07, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: HAESER, Heinrich
HAESER, Heinrich
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) 129-131.
 

Biographie

Die Krankenpflege in all ihren Ausprägungen stellt heute eine tragende Säule unseres Gesundheitswesens dar. Die Erforschung ihrer Geschichte kann einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der heutigen Strukturen der Gesundheitsversorgung leisten, die Besonderheiten des Krankenpflegestandes in Deutschland beleuchten sowie Konfliktfelder innerhalb und zwischen verschiedenen Berufsgruppen im Gesundheitswesen deutlich machen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befassten sich erstmals Ärzte mit der Geschichte der Krankenpflege. So nahm Carl Emil Gedicke (1797-1867) , ab 1832 für Jahrzehnte Lehrer an der neu gegründeten Krankenpflegeschule an der Berliner Charité, 1854 erstmals eine „Geschichte der Krankenpflege“ in die dritte Auflage seines „Handbuchs der Krankenwartung“ auf. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang auch die entsprechenden Veröffentlichungen des liberalen Arztes und Politikers Rudolf Virchow (1821-1902)  sowie die Arbeiten von Ernst von Leyden (1832-1910) , dem Leiter der I. Medizinischen Klinik in Berlin, und dessen Schüler Martin Mendelsohn (1860-1930) . Der preußische Medizinalbeamte Eduard Dietrich (1860-1947)  veröffentlichte seine „Geschichte der Krankenpflege“ im „Handbuch der Krankenversorgung und Krankenpflege“, das von Georg Liebe (1865-1924) , Paul Jacobsohn (1868-1931)  und George Meyer (1860-1923)  herausgegeben wurde. Im Jahre 1857 publizierte der Arzt und Medizinhistoriker Heinrich Haeser seinen anlässlich des vierhundertjährigen Jubiläums der Universität Greifswald auf Lateinisch verfassten Beitrag zur „Geschichte christlicher Krankenpflege“ überarbeitet, erweitert und in deutscher Sprache.

Heinrich Haeser wurde am 15. Oktober 1811 in Rom geboren, wo sich zu jener Zeit sein Vater, Musikdirektor in Weimar, August Ferdinand Haeser und seine Mutter, Dorothea, geborene Schwabedissen, aufhielten. Zunächst in Lemgo, seit 1817 in Weimar aufgewachsen studierte er nach dem Abitur – vielseitig interessiert – von 1830 an der Universität Jena Naturwissenschaften, insbesondere Medizin, und erlangte 1834 mit der Dissertation „De influentia epidemica“ die medizinische Doktorwürde. Nach einer längeren wissenschaftlichen Reise, auf denen er die wichtigsten deutschen und österreichischen Universitäten besuchte, ließ er sich 1835 in dem Städtchen Auma (Thüringen) mit einer ärztlichen Praxis nieder, habilitierte jedoch bereits 1836 für Medizin in Jena als Privatdozent und bekleidete mehrere Jahre hindurch die Stelle eines sogenannten Sekundararztes der Poliklinik. Er veröffentlichte in zwei Bänden seine „Historisch-pathologischen Untersuchungen. Als Beiträge zur Geschichte der Volkskrankheiten“ (Dresden und Leipzig 1839 und 1841), stellte eine „Bibliotheca epidemiographica, sive catalogus librorum [...] conscriptorum“ (Jena 1843; 2. Auflage Greifswald 1862) zusammen, nachdem er 1839 zum außerordentlichen Professor befördert worden war und von 1840 an die Herausgabe des „Archivs für die gesammte Medizin“ (10 Bände) begonnen hatte. Zu dem Journal, das bis 1849 erschien, fügte er noch von 1840 bis 1844 ein „Repertorium für die gesammte Medicin“ (7 Bände) bei.

Heinrich Haeser wirkte als Lehrer der allgemeinen und speziellen Pathologie und Therapie, der Arzneimittellehre sowie der Encyclopädie, entfaltete jedoch seine reifsten Leistungen als Medizinhistoriker. So veröffentlichte er neben seiner Lehrtätigkeit nach umfangreichsten Quellenstudien sein wissenschaftliches Hauptwerk, das „Lehrbuch der Geschichte der Medicin und der Volkskrankheiten“ (Jena 1845), das drei Auflagen erfuhr (2. Auflage, 2 Bände 1853; 2. Abdruck 1867; 3. Auflage, 3 Bände 1875) und als die „historisch-medizinische Bibel“ beziehungsweise als medizinhistorisches Standardwerk in die Geschichte einging.

Nachdem Heinrich Haeser in Jena, wo er auch eine „Kinderheilanstalt“ gegründet hatte, 1846 zum ordentlichen Professor ernannt worden war, zog er 1849 kurzzeitig nach Leipzig, bevor er noch im selben Jahr einem Ruf an die Universität Greifswald folgte, wo er unter anderem die sehr vermehrte zweite Auflage seiner Geschichte der Medizin bearbeitete und die Bücher „Ueber die medicinische Schule zu Salerno und ihr Verhältnis zu den Mönchsschulen des Mittelalters“ (Gotha 1851) und „Geschichte christlicher Krankenpflege und Pflegerschaften“ (Berlin 1857) veröffentlichte.

Letzteres Werk basierte auf einer lateinischen Rede über Hospitalgeschichte, die Heinrich Haeser als Professor „der theoretischen Medizin“ und Dekan der medizinischen Fakultät gehalten hatte und zuerst in der Einladung zu den Ehrenpromotionen der Fakultät anlässlich ihres damaligen Jubiläums gedruckt wurde: „Viros doctrina arte scribendo docendo claros quibus summos in medicina honores inter sacra saecularia universitatis Gryphiswaldensis quartum celebranda conferendos decrevit medicorum Gryphiswaldensium ordo solenniter die XIX mensis Octobris anni MDCCCLVI hora XI in aede sancti Nicilai renuntiandos indicunt Decanus et Professores irdinis medici. Inest Henrici Haeseri, ord. H. a. decani, dissertatio de cura aegrotorum publica a Christanis oriunda”.

Die im darauffolgenden Jahr (1857) veröffentlichte deutsche Version war wesentlich erweitert (von 34 auf 126 Seiten) und mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat (im Umfang von 35 Seiten) versehen. Nach einer Einleitung über das Altertum gliedert sich die Arbeit in die beiden großen Kapitel „Das Christenthum“ und „Die Krankenpflegerschaften“. Im ersten stellt Heinrich Haeser die Diakonie, die Xenodochien, die Krankenhäuser und allgemeine Einrichtungen der Xenodochien und Krankenhäuser vor, im zweiten die ritterlichen Krankenpflege-Orden (die Johanniter, die Johanniterinnen, der deutsche Orden, die Lazaristen), die Beginen und Begharden, die Kalands-Brüderschaften sowie die Hospitaliter und Hospitaliterinnen. Dank dem 1966 im Antiquariat Rudolf Kleinert (Bad Reichenhall) erschienenen unveränderter Nachdruck ist das für die Geschichte der Krankenpflege nach wie vor sehr interessante und wichtige Buch leicht zugänglich.

Nachdem Heinrich Haeser 1860 das Buch „Über das Sittliche in dem Berufe des Arztes“ publiziert hatte, wechselte er als Geheimer Medizinalrat an die Universität Breslau, wo er unter anderem in den Jahren von 1875 bis 1882 die dritte, noch wesentlich erweiterte Bearbeitung seiner Geschichte der Medizin herausgab, ebenso wie 1865 eine „Historische Entwicklung der Geschichte der Chirurgie und des chirurgischen Standes“, 1879 „Zur Geschichte der medicinischen Fakultät Greifswald“ und 1884 einen „Grundriss der Geschichte der Medicin“.

Heinrich Haeser, der als ein außerordentlich gelehrter, philosophisch gebildeter, vielseitiger Arzt galt, starb am 13. September 1884 in Breslau im Alter von 74 Jahren.


Literatur

Buchheim, Liselotte: Heinrich Haeser. In: Neue Deutsche Biographie. Herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Siebenter Band. Duncker & Humblot. Berlin 1966, Seite 453.

Günther, Johannes: Lebensskizzen der Professoren der Universität Jena seit 1558 bis 1858. Eine Festgabe zur dreihundertjährigen Säcularfeier der Universität am 15., 16. und 17. August 1858. Friedrich Mauke. Jena 1858, Seite 151-152.

Hertz, Martin Julius / Baier, Alwill Hermann: Bericht über die vierte Säcularfeier der Universität Greifswald vom 16. bis 20. October 1856 in amtlichem Auftrage verfasst. Reimer. Berlin 1857.

Haeser, Heinrich: De radii lucis violacei vi magnetica. Bran. Jenae 1932.

Haeser, Heinrich: De influentia epidemica. Dissertatio Inauguralis Medica. Schreiber. Jenae 1834.

Haeser, Heinrich: Die menschliche Stimme. Ihre Organe, ihre Ausbildung, Pflege und Erhaltung. Für Sänger, Lehrer und Freunde des Gesangs. August Hirschwald. Berlin 1839.

Haeser, Heinrich: Historisch-pathologischen Untersuchungen. Als Beiträge zur Geschichte der Volkskrankheiten. Fleischer. Dresden und Leipzig 1839-1841.

Haeser, Heinrich: Bibliotheca epidemiographica, sive catalogus librorum de historia morborum epidemicorum tam generali quam speciali conscriptorum. Friedrich Mauke. Jena 1843 (2. Auflage, Greifswald 1862).

Haeser, Heinrich: Lehrbuch der Geschichte der Medicin und der Volkskrankheiten. Friedrich Mauke. Jena 1845 (2. Auflage, 2 Bände 1853 [Band 1: Geschichte der Medicin im Alterthum und Mittelalter; Band 2: Geschichte der Medicin in der neueren Zeit]; 2. Abdruck 1867; 3. Auflage, 3 Bände 1875 [Band 3: Geschichte der epidemischen Krankheiten]); Reprografischer Nachdruck der 3., völlig umgearbeiteten Auflage Jena 1875-82. Olms. Hildesheim 1971.

Haeser, Heinrich: Ueber die medicinische Schule zu Salerno und ihr Verhältnis zu den Mönchsschulen des Mittelalters. Engelhard-Reyherschen Hofdruckerei. Gotha 1851.

Haeser, Heinrich: Die Vaccination und ihre neuesten Gegner [...]. Hertz. Berlin 1854.

Haeser, Heinrich: Geschichte christlicher Kranken-Pflege und Pflegerschaften. Hertz. Berlin 1857 (Unveränderter Nachdruck: Antiquariat Rudolf Kleinert. Bad Reichenhall 1966).

Haeser, Heinrich: Über das Sittliche in dem Berufe des Arztes. Universitäts-Schriften. Greifswald 1860.

Haeser, Heinrich: Historische Entwicklung der Chirurgie und des chirurgischen Standes. Enke. Erlangen 1865.

Haeser, Heinrich: Zur Geschichte der medicinischen Fakultät Greifswald. Schletter. Breslau 1879.

Haeser, Heinrich: Übersicht der Geschichte der Chirurgie. Enke. Stuttgart 1879.

Haeser, Heinrich: Grundriss der Geschichte der Medicin. Gustav Fischer. Jena 1884.

Hirsch, August (Hrsg.) Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. Dritter Band. Dritt, unveränderte Auflage. Urban & Schwarzenberg. München, Berlin 1962, Seite 9-11.

Killy, Walther / Vierhaus, Rudolf (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE). Band 4. K. G. Saur. München, New Providence, London, Paris 1996, Seite 313.

Olpp, G[ottlieb]: Hervorragende Tropenärzte in Wort und Bild. Verlag der Ärztlichen Rundschau, Otto Gmelin. München 1932, Seite 167.

Pagel, J[ulius Leopold]: Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts. Mit einer historischen Einleitung. Urban & Schwarzenberg. Berlin 1901 (Reprint der Originalausgabe: Zentralantiquariat der DDR, Leipzig 1989), Seite 675.

Pagel, [Julius Leopold]: Heinrich Haeser. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Fünfzigster Band. Nachträhe bis 1899. Auf Veranlassung Seiner Majestät des Königs von Bayern herausgegeben durch die historische Commission bei der Königl. Akademie der Wissenschaften. Duncker & Humblot. Leipzig 1905, Seite 53-54.

Bildquelle: Pagel, J[ulius Leopold]: Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts. Mit einer historischen Einleitung. Urban & Schwarzenberg. Berlin 1901 (Reprint der Originalausgabe: Zentralantiquariat der DDR, Leipzig 1989), Seite 675.

HAESER, Heinrich

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 129-131

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