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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: HADELN, Charlotte von
HADELN, Charlotte von
Artikel von: Karin Wittneben
Erschienen in Band 4, Seite(n) .
 

Biographie

Charlotte Freifrau von Hadeln geborene von Natzmer ist weder Krankenschwester noch Hilfsschwester oder Schwesternhelferin. Als eine gut situierte Tochter aus dem Adel hat sie überhaupt keinen Beruf erlernt. Erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges (1914-1918) und der damit verbundenen totalen Veränderung der Lebenssituation des deutschen Adels entwarf sie sich als Propagandistin für nationales, nationalsozialistisches und völkisches Gedankengut. Mit ihrem 1935 herausgegebenen Buch „Deutsche Frauen - Deutsche Treue 1914-1933“ wollte sie offensichtlich auch in Schwesternkreisen einen geistigen Nährboden für nationalsozialistisches Denken und eine Bereitschaft zum Einsatz in Kriegszeiten schaffen. Diese geistige Hinterlassenschaft ist pflegegeschichtlich noch unaufgearbeitet. Panke-Kochinke und Schaidhammer-Placke zitieren lediglich ein paar Zeilen aus dem Vorwort des Buches, um Wertungen, Ansprüche und Tugenden im Umkreis und Kreis von Kriegsschwestern des Ersten Weltkrieges aufzunehmen, gelangen dabei über das Niveau von Andeutungen zur Herausgeberin und zum Inhalt des Buches jedoch nicht hinaus. Diese Forschungslücke wird nachfolgend weiter gefüllt (hierzu neuerdings Streubel 2007).

Die Herausgeberin des erwähnten politisch motivierten, tendenziösen Sammelbandes wurde am 18. Oktober 1884 in Trebendorf, Kreis  Cottbus, als Tochter des Rittergutsbesitzers Gneomar Dubislav von Natzmer und seiner Ehefrau Therese, geborene von Ohlendorff, aus Hamm bei Hamburg (heute eingemeindet) geboren. Wie sie in ihrer 1935 vorgelegten Autobiographie „In Sonne und Sturm“ erwähnt, war ihr Vater in dem „glorreichen Krieg“, dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, Fähnrich im Gardejäger-Bataillon gewesen. Obwohl seit 1882 Landwirt in der Niederlausitz, war seine innere Einstellung zeitlebens, so ihre Beobachtung, soldatisch geblieben. Stets fühlte er sich eingespannt in „ernsten verantwortlichen Dienst für Volk und Vaterland“. Unter diesen Bedingungen ist Charlotte von Natzmer, ein Mädchen vom Lande, väterlicherseits von Kind auf in eine bäuerliche, vaterländische, der Scholle verbundene völkische Einstellung hineinsozialisiert worden. Die Mutter entstammte einer Hamburger Großkaufmannsfamilie. Aus der weltoffenen, am Überseehandel orientierten Großstadt zog sie mit 16 Jahren zu ihrem noch beim Militär stehenden Ehemann nach Potsdam, wo das Soldaten- und das Hofleben den Alltag bestimmten. Aus dem Großstadtkind wurde schließlich eine Landfrau. Dieser grundlegende Wechsel in den Lebensgewohnheiten ist der Mutter nicht leicht gefallen. Die urbane Herkunft der Mutter ist in der Erziehung der Tochter aber offenbar von der bäuerlichen Lebenshaltung des Vaters überdeckt worden.

Charlotte von Natzmer wuchs auf dem Lande zwar behütet und sorglos, aber dadurch auch in einem engen Horizont auf. Sie hatte ein Kindermädchen und wurde hauptsächlich von Hauslehrerinnen und zwischendurch auch einmal von einem Hauslehrer unterrichtet. Während ihr Bruder später nach Niesky in die Herrnhuter Anstalt, einer pietistisch orientierten Einrichtung, und später ins Kadettenkorps gegeben wurde, blieb die Tochter zu Hause. Da sich beim Zeichnen ein gewisses Talent zeigte, engagierten die Eltern, dem gesuchten Rat Adolph von Menzels (1815-1905) folgend, eines Wegbereiters des deutschen Impressionismus, künstlerisch befähigte Privatlehrerinnen. Am 12. April 1900 wurde sie gemeinsam mit ihrer Freundin Eva in der Kirche von Komptendorf konfirmiert. Das Dorf liegt etwas südlich zwischen Cottbus und Forst. Und wie damals bei Töchtern ihrer Herkunft üblich, wurde sie nach der Konfirmation in ein Mädchenpensionat gegeben, und zwar in das kulturell anregende Weimar. In dem dort von dem Ehepaar von Scheffler geführten Pensionat sollte sie sich zusammen mit zwanzig Mädchen aus dem In- und Ausland in Sprachen, Literatur- und Kunstgeschichte vervollkommnen. Wieder zu Hause, war sie inzwischen alt genug, um an den winterlichen Gesellschaften teilnehmen zu können. Sie reiste mit ihrer Großmutter nach Antwerpen und Brüssel und mit den Eltern nach Südtirol und durch das Riesengebirge. Noch ohne familiäre Pflichten und ohne berufliche Inanspruchnahme sowieso, konnte sie ganz und gar ihren eigenen Neigungen nachgehen. Zu ihren Lieblingsbeschäftigungen in Trebendorf gehörte das Ausreiten auf der „schwarzen Mieze“.

Auf einem Ball der Lausitzer Landgesellschaft lernte sie ihren Mann, Wilhelm von Hadeln (1876-1930), kennen. Nach einer Verlobungszeit heirateten sie am 25. Juni 1907 in der Kirche von Komptendorf. Die standesamtliche Trauung hatte auf dem Standesamt von Gahry stattgefunden. Das Hochzeitshaus war das elterliche Gut in Trebendorf. Nach einer Hochzeitsreise in die Schweiz zog das frisch vermählte Paar am 22. Juli in eine eigene Wohnung nach Berlin. Wilhelm von Hadeln war Offizier im 3. Garderegiment zu Fuß.

Seine älteste Schwester, Sophie von Hadeln (?-1945), war zu der Zeit Diakonisse im Paulinenstift in Wiesbaden, dann Oberschwester in der 1861 in Wiesbaden von Pagenstecher (1828-1879) gemeinsam mit seinem Bruder eröffneten Augenheilanstalt und von 1918 bis 1945 Oberin der 1867 gegründeten Evangelischen Diakonissenanstalt Bremen.

Für Charlotte von Hadeln folgte dem Landleben von Trebendorf nun das Stadt- und Hofleben von Berlin. Schon im ersten Winter nahmen sie an einem Hofball teil. Charlotte von Hadeln bewegte sich von nun an in einer Gesellschaft von Hofbeamten, hohen Offizieren, Ministern und Vertretern der Kunst und Wissenschaft. Die Tochter Ingeborg kam am 24. August 1908 zur Welt; am 6. März 1910 wurde der älteste Sohn geboren und auf den Namen Heinrich-Hajo Wilhelm getauft. Der jüngste Sohn erhielt den Namen Wilhelm Hubertus. Im Frühjahr 1911 erfolgte eine Versetzung W. von Hadelns zu den Gardejägern nach Potsdam. Wie in Berlin führte das Ehepaar auch hier ein anspruchsvolles geselliges Leben und vergnügte sich in seiner Freizeit im Sommer mit Reiten und Segeln und im Winter mit Schlittenfahrten. Die Familie führte ein Leben. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 fand dieses abgehobene sorgenfreie Leben ein jähes Ende und konnte in dieser Leichtigkeit und Oberflächlichkeit auch nach dem Ende des Krieges nicht wieder hergestellt werden.

Wilhelm von Hadeln zog mit dem Bataillon der Gardejäger unter dem Kommando von von Krosigk in den Krieg. Er überlebte den Krieg, erholte sich aber nie wieder von den in der Gefangenschaft erlittenen seelischen Qualen und den schweren körperlichen Verwundungen.

Die Abdankung des Kaisers wurde am 9. November 1918 in Cottbus bekannt gegeben. Charlotte von Hadelns Bruder Gneomar von Natzmer gründete in dieser aufgebrachten Umbruchsituation innerhalb weniger Tag den „Bauernrat des Landkreises Cottbus“ und wurde dessen Führer. Der totale Zusammenbruch der privilegierten Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten ließ in Charlotte von Hadeln den Entschluss zu einem rechtsextremen politischen Aktionismus reifen. Sie verstand ihre Aktivitäten als Aufklärung. Ihrem Bruder erläuterte sie, dass das nach ihrer Auffassung politisch verrannte deutsche Volk zur Besinnung gebracht werden müsste. Das war ihr Credo, das sie von nun an auf Versammlungen in Dutzenden von Vorträgen verbreitete. Gemeinsam mit ihrem Bruder Gneomar fasste sie schnell Fuß im rechten Parteienspektrum. Am 12. Dezember 1918 konstituierte sich in Cottbus ein Kreisverband der im November gegründeten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Charlotte von Hadeln nahm als einzige Frau an der Versammlung teil und wurde in den Vorstand gewählt. Ihr Bruder übernahm den Vorsitz. Die DNVP wurde die stärkste Rechtspartei in der Weimarer Republik. Unterdessen setzte Charlotte von Hadeln ihre politische Agitation fort. Die Logik ihrer politischen „Argumentation“ war allerdings schon damals von vielen ihrer Zuhörer nicht nachvollziehbar und löste deshalb häufig tumultartige Diskussionen aus, die wiederum gut nachvollziehbar sind, wenn man auch nur einer ihrer radikalen Thesen Gehör schenkt: „Ich erklärte, das demokratische Wesen sei volksfremd und ließe sich nicht vereinbaren mit der Würde eines Volkes, das nach solch einem titanischen Ringen, auch wenn dieses unglücklich endete, stolzes und völkisches Selbstbewusstsein behalten müsse, man könne sich sonst nicht wundern, dass unsere Feinde uns ohne Achtung behandelten“.

Wilhelm von Hadeln reichte im Oktober 1919 sein Abschiedsgesuch ein. Das Ehepaar gab die Potsdamer Wohnung in der Wollnerstraße 1a auf und bezog eine Hälfte des Trebendorfer Hauses. Der Vater war inzwischen verstorben. Charlotte von Hadeln kämpfte verbissen weiter um die Rückgewinnung ihrer verlorenen Privilegien. Ihre Teilnahme am ersten Parteitag der DNVP am 12. Juli 1919 in Berlin hatte für sie „etwas Berauschendes“, das sich aus dem Gefühl speiste, mit Menschen zusammen zu sein, deren Wollen und Selbsteinschätzung in dieselbe Richtung gingen. Immer mehr organisierten sich auch national gesinnte Frauen. Innerhalb der DNVP gründete Charlotte von Hadeln die „Deutschnationale Frauengruppe Cottbus Stadt und Land“. Im Frühjahr 1921 übernahm sie von Baronin von Wackerbarth den Kreisvorsitz der „Evangelischen Frauenhilfe“ vom Landkreis Cottbus. Von hier aus betreute sie 56 Ortsgruppen mit rund 3.700 Mitgliedern. Die Evangelische Frauenhilfe war von Kaiserin Auguste Viktoria (1858-1921) eingerichtet worden. Im Landkreis Cottbus stellte dieser Frauenzusammenschluss zur Bekämpfung der damals noch grassierenden Tuberkulose Krankenschwestern zur Verfügung, die die Erkrankten zu Hause betreuen sollten.

Die folgenden Jahre waren für sie durch wiederholte Krankenhausaufenthalte ihres Mannes hochgradig belastet. Wilhelm von Handeln verstarb am 11. Oktober 1930 im Krankenhaus Berlin-Weissensse. Seine letzten, an seinen Sohn gerichteten Worte sollen „Heil Hitler!“ gewesen sein. Der Sohn gehörte der SA (Sturmabteilung) an. W. von Hadeln ist auf dem Friedhof in Cottbus begraben.

In der Trauerphase schrieb Charlotte von Hadeln die Broschüre „Grundlagen für den systematischen Aufbau der Jugendarbeit im Bund Königin Luise“, setzte aber auch ihren Weg als Aktivistin in der völkischen Bewegung fort. Die Jugendarbeit im BKL stellte sie unter den Gedanken der Auslese, der den Jugendlichen den Gedanken der „rassischen Verpflichtung“ nahe bringen sollte. Der Lehrstuhlinhaber für Rassenkunde von der Universität Jena, Hans Friedrich Karl Günther (1891-1968), der Internist Dr. Heinz Kürten (1891-1966) aus Halle, von 1934-1945 Ordinarius für Innere Medizin, Erblehre und Rassenhygiene in München, und Dr. Dürre aus Berlin hielten Vorträge über „Rasse und Rassenhygiene“.

Schon vor 1933 war sie zur NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) gestoßen. Noch mehr als zuvor lebte sie als Majorswitwe in beengten Verhältnissen. 1930 war sie in Halle / Saale wohnhaft. Hier wurde sie am 14. Oktober 1931 zur Bundesführerin des „Bundes Königin Luise“ (BKL) gewählt. In der Landwehrstr. 6 bezog sie eine Wohnung. Der BLK war mit Unterstützung männlicher Wehrverbände 1923 in Halle entstanden, ein Zusammenschluss deutschnational, christlich und völkisch gesinnter Frauen. Das Bundesmotto lautete „Ich dien“. Den Vorsitz im Gau Lausitz des BLK mit Sitz in Cottbus hatte sie schon 1925 übernommen. Der Bund, gegründet zur „Erziehung des weiblichen Geschlechtes zur Mithilfe an den Vorbereitungen des großen Befreiungswerkes Deutschlands von seinen Feinden“, statuierte in § 2 seiner Satzung: „Jüdinnen und Fremdrassige sind von der Aufnahme ausgeschlossen“ (zit. n. Malinowski). In vorauseilendem Gehorsam nahm der BKL vorausgreifend einen „Arierparagraphen“ in seine Statuten auf. Die Schirmherrschaft dieses Frauenbundes hatte die abgesetzte Kronprinzessin Cecilie (1886-1954) übernommen. 1933 hatte der Bund angeblich 200.000 Mitglieder, davon 90.000 „Jungkameradinnen“. 1934 löste sich der Bund auf, weil die „weibliche Erziehungsarbeit“ nun ausschließlich von der NS-Frauenschaft übernommen wurde. In seiner Gesinnung hatte der BKL der DNVP und der Evangelischen Frauenhilfe nahe gestanden. In diese Richtung passte auch Charlotte von Hadelns Vorstandsmitarbeit in der „Nationalen Nothilfe“, deren Vorsitz Wilhelm von Oppen aus Tornow hatte.

F. von Gärtner, eine Mitverfasserin des 1935 von Charlotte von Hadeln herausgegebenen Sammelbandes „Deutsche Frauen – deutsche Treue 1914-1933“, nannte die Gründung des Bundes eine „volkliche Notwendigkeit“, denn, so in der Einleitung ihres Beitrags: „Der Vertrag von Versailles lag schwer über dem deutschen Volk, die marxistische Lehre zerstörte jegliche Volksgemeinschaft, unsittliche, weil aus slawischem Geist geborene Verträge zersetzten das Gefühl für Volksehre und nationalen Stolz“.

Der ersten Führerin der mit acht Frauen gegründeten Ortsgruppe Halle, Else Reichenbach, später verh. Sennewald, folgte noch im Gründungsjahr die international erfahrene Lehrerin Marie Netz, geborene Frantz (1861-?) als so genannte Bundesführerin mit der Mitgliedsnummer 37. Unter ihrer Führung breitete sich der Bund von Halle, das nach Auffassung von Gärtners damals als marxistisch verseucht galt, zunächst über die „Gaue“ Elbe-Elster, Saale, Magdeburg und Halberstadt bis auf schließlich bundesweit 42 Gaue aus, so dass von Hadeln 1932 eine durchorganisierte antisemitisch, antislawisch und antirepublikanisch orientierte Frauenvereinigung übernehmen konnte. Die Gründung erfolgte, wie von Gärtner übermittelt, aus der fragwürdigen Erkenntnis, „dass nur die rein deutschstämmige Frau diesen Kampf um ihres Volkes Fortbestehen führen dürfte, und aus rein instinktiven rassischen Empfindungen heraus nahm der Bund „Königin Luise“ Jüdinnen und Fremdstämmige niemals in seine Reihen auf“.

Der BKL war eine Schwesterorganisation des so genannten Stahlhelm, des 1918 von Franz Seldte (1882-1947) begründeten „Stahlhelm-Bundes der Frontsoldaten“, das heißt einer Vereinigung von Teilnehmern des Ersten Weltkrieges und seit 1924 auch von Nichtkriegsteilnehmern. Auch Wilhelm von Hadeln hatte sich in die Formation der Stahlhelmer eingereiht, und Stahlhelmer hatten seinen Sarg zu Grabe getragen. Ein „Stahlhelmer“, der radikal in die Strukturen und Funktionen des Berufsfeldes Pflege eingegriffen hat, war der Leiter des NSDAP-Hauptamtes für Volkswohlfahrt (NSV), Erich Hilgenfeldt (1897-1945) . Die BKL-Vorsitzende erhielt eine Einladung zum „Großen Stahlhelmtag“ im September 1932 nach Berlin.

1930 leitete Charlotte von Hadeln eine Fahrt des Bundes in das faschistische Italien. 1933 schloss sich der Bund der von Lydia Gottschewski, verheiratete Ganzer-Gottschewski, geführten nationalsozialistischen Frauenfront an. Sie war vor Gertrud Scholtz-Klink (1902-1999) Leiterin der NS-Frauenschaft. Der Ehemann Gottschewskis, der Historiker Karl-Richard Ganzer (1909-1944), verfasste „Das deutsche Führergesicht“, erschienen 1935 bei Julius Friedrich Lehmann (1864-1935) .

In diesem sozialen, politisch rechts stehenden Milieu zu Hause, konnte Charlotte von Hadeln Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts unter Krankenschwestern, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten, ein breites Spektrum namentlich genannter und anonymer Autorinnen für das Kapitel „Die deutsche Frau im Felde“ gewinnen, die mit der politischen Einstellung der Herausgeberin offenkundig übereinstimmten. Anonym kommen zum Beispiel eine Augustinerin, eine Johanniterin, eine Rotkreuzschwester, zwei Gruppen Franziskanerinnen und noch andere, angeblich nicht identifizierbare Schwestern zu Wort. Erinnerungen aus dem Ersten Weltkrieg unter eigenem Namen stammen, soweit sich nachvollziehen lässt, von den Krankenschwestern Anna-Maria von Bertrab, A. von Buch, Else Herbrecht, Friederike von Krosigk, Charlotte von Mansberg und Elfriede Scherhans. Beiträge, die auf den ersten Blick den Eindruck sentimentaler Erinnerungen vermitteln, enthalten bei genauer Betrachtung tendenziöse Anspielungen, die die nationalsozialistische Ideologie gezielt unterfütterten. So hatte Anna-Maria von Bertrab in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in offensichtlich rassistischer Einstellung „das grinsende, fletschende Negergesicht“ eines schwarzen Bewachers beobachtet. Im selben Jahr berichtet Charlotte von Hadeln in ihrer Autobiographie, dass sie 1926 wie erstarrt war, als sie bei Wiesbaden, einer besetzten Zone, Neger auf Posten sah. „Neger – wahrhaftig Neger waren als Wache über uns bestimmt“.

Aus Briefen und Tagebuchblättern von A. von Buch, die in Wilna (Vilnius) ein Soldatenheim leitete, wird im Sammelband auch eine antisozialdemokratische Haltung subtil herausgefiltert. „Schwester,“ soll ein Soldat gesagt haben, „ich war nämlich bis jetzt Sozialdemokrat. [...]. Ich kann es jetzt nicht mehr sein.“ In anderen Beiträgen werden die Deutschen und das Deutsche, das Deutschtum eben, glorifiziert, andere Europäer dagegen, speziell aus dem östlichen Teil, herabgesetzt. Die Operationsschwester Elfriede Scherhans, Mitglied der „Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands“, übermittelt, dass sie im Ersten Weltkrieg als Regimentsschwester beim [Ermländischen] Infanterieregiment Nr. 150 in Ostpreußen diente. Für ihren unerschrockenen Einsatz auf den Verbandsplätzen unmittelbar hinter der Front wurde sie mit dem Eisernen Kreuz (EK) geehrt. Später war sie als Sekretärin ihres Berufsverbandes in Österreich tätig. Als sie 1935 ihren Bericht veröffentlichte, lebte sie bereits als Oberin i. R. in Dortmund. Und Schwester Friederike von Krosigk, die mit drei Mitschwestern den Soldatenfriedhof in Brügge besuchte, erinnert sich 17 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges: „Wir wünschten uns ja alle nichts Besseres als eine Ruhestatt bei den toten Kameraden und ein Holzkreuzchen: ‘Gefallen für Deutschland!’“. Das waren Mitteilungen und Äußerungen mit propagandistischem Vorbildcharakter, die Charlotte von Hadeln 1935 in ihrem Sammelband „Deutsche Frauen – deutsche Treue 1914-1933“ zusammentrug und die nicht nur deutschnational eingestellte Schwestern auf einen nationalsozialistischen Kampf- und Opferkult einstimmen und einschwören sollten.

Charlotte von Hadeln wurde die zweite Führerin der „Deutschen Frauenfront“ und gehörte außerdem im Reichsinnenministerium (RMI) dem “Sachverständigenbeirat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik“ an. Der Vorsitzende des Sachverständigenbeirates war der Arzt Arthur Gütt (1891-1949), der so genannte „Vater des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Er war 1934 Ministerialdirektor im RMI.

Die Personalfrage in der nationalsozialistischen Frauenführung wurde 1934 mit der Ernennung von Gertrud Scholtz-Klink (1902-1999) zur Reichsfrauenführerin gelöst. Soweit ermittelt werden konnte, ist Charlotte von Hadeln der große politische Durchbruch im Nazi-Regime nicht gelungen, obwohl sie noch 1933 in einer von Wilhelm von Müffling, einem Bekannten der Familie von Hadeln, herausgegebenen Broschüre „Wegbereiter und Vorkämpfer für das neue Deutschland“ als eine von sechs Frauen unter lauter Männern Erwähnung findet. Wie die Schlussworte ihrer Autobiographie (1935) vermuten lassen, hatte sie der NS-Diktatur mit großen Erwartungen entgegen gesehen: „Über Potsdam klangen die Glocken und läuteten weit über die Lande: ‚Frühling – Jugend – Auferstehen!’ Marschmusik setzte ein – die Straßen dröhnten vom Paradeschritt kampferprobter Truppen. – D a s  D r i t t e  R e i c h  w a r  d a“. Charlotte von Hadeln erlebte den Zusammenbruch der NS-Herrschaft, das heißt zum zweiten Mal das Einstürzen einer Welt, für die sie dieses Mal auch Krankenschwestern zu indoktrinieren versucht hatte. Sie verstarb am 3. Juni 1959 in Essen.

Spuren einer reaktionären Einflussnahme wie der hier umrissenen auf die Krankenpflege und Verbindungen von Krankenschwestern zu Frauenbünden wie dem Bund Königin Luise müssen noch tiefer gehend offen gelegt und in ihren Auswirkungen verfolgt werden, zumal auch Birgit Breiding in ihrer grundlegenden Untersuchung „Die Braunen Schwestern“ solche Konnexionen erst im Ansatz aufgesucht hat.


Literatur

Bertrab, Anna-Maria von: Aus meiner Kriegsgefangenschaft. In: Hadeln, Charlotte von (Hrsg.): Deutsche Frauen - Deutsche Treue 1914-1933. Kolk & Co. Berlin 1935, Seite 51-55.

Breiding, Birgit: Die Braunen Schwestern. Ideologie, Struktur und Funktionen einer nationalsozialistischen Elite. Steiner. Stuttgart 1998.

Gärtner, F. von: Die Gründung des Bundes „Königin Luise“ im Jahr 1923 eine volkliche Notwendigkeit. In: Hadeln, Charlotte von (Hrsg.): Deutsche Frauen - Deutsche Treue 1914-1933. Kolk & Co. Berlin 1935, Seite 316-322.

Gottschewski, Lydia: Von nordischem Frauentum. In: NS-Frauenbuch. Herausgegeben im Auftrag der obersten Leitung der Parteiorganisation NS-Frauenschaft. Lehmanns. München 1934, Seite 42-48.

Gütt, Arthur: Frau und Volksgesundheit. In: NS-Frauenbuch. Herausgegeben im Auftrag der obersten Leitung der Parteiorganisation NS-Frauenschaft. Lehmanns. München 1934, Seite 129-133.

Hadeln, Charlotte von (Hrsg.): Deutsche Frauen - Deutsche Treue 1914-1933. Kolk & Co. Berlin 1935.

Hadeln, Charlotte von: In Sonne und Sturm. Fürstlich-private Hofdruckerei (F. Mitzlaff). Rudolstadt 1935.

Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer. Frankfurt am Main 2003.

Krosigk, Friederike von: Tod in Flandern. In: Hadeln, Charlotte von (Hrsg.): Deutsche Frauen - Deutsche Treue 1914-1933. Kolk & Co. Berlin 1935, Seite 31-35.

Malinowski, Stephan: Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat. Akademie Verlag. Berlin 2003.

Müffling, Wilhelm Freiherr von: Wegbereiter und Vorkämpfer für das neue Deutschland. J. F. Lehmanns. München 1933.

Netz, Marie: Gott schütze Deutschland! In: Jahrbuch 1932, Bund Königin Luise, 2. Jg., Seite 7.

Panke-Kochinke, Birgit, Schaidhammer-Placke, Monika: Frontschwestern und Friedensengel. Mabuse. Frankfurt am Main 2002.

Scherhans, Elfriede: Als Schwester mit I. R. 150 ins Feld. In: Hadeln, Charlotte von (Hrsg.): Deutsche Frauen - Deutsche Treue 1914-1933. Kolk & Co. Berlin 1935, Seite 23-26.

Scherhans, Elfriede: Bei der fechtenden Truppe als Regimentsschwester. In: Pflugk-Harttung, Elfriede von (Hrsg.): Frontschwestern - Ein deutsches Ehrenbuch. Bernard & Graefe. 2., unveränderte Auflage. Berlin 1936, Seite 152-157.

Sennewald, Else: Unsere Bundesführerin 70 Jahre. In: Jahrbuch 1932, Bund Königin Luise, 2. Jg., Seite 4-6.

Soldatenheim Wilna. Aus Briefen und Tagebuchblättern von A. von Buch. In: Hadeln, Charlotte von (Hrsg.): Deutsche Frauen - Deutsche Treue 1914-1933. Kolk & Co. Berlin 1935, Seite 58-65.

Streubel, Christiane: Frauen der politischen Rechten in Kaiserreich und Republik. Ein Überblick und Forschungsbericht (www.hsozkult.geschichte.fu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=1697 [23.12.2007]).

Wille, Manfred: Franz Seldte. In: Heinrich, Guido, Schandera, Gunter (Hrsg.): Magdeburger Biographisches Lexikon. Scriptum Verlag Magdeburg. Magdeburg 2002, Seite 678.

Bildquelle: Müffling, Wilhelm Freiherr von: Wegbereiter und Vorkämpfer für das neue Deutschland. J. F. Lehmanns. München 1933, Seite 48.

HADELN, Charlotte von

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Karin Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Karin Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S.

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