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Jun 04, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: GUMBMANN, Katharina (Käthe)
GUMBMANN, Katharina (Käthe)
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) 152-153.
 

Biographie

Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (1933-1945) beteiligten sich nicht nur Mediziner, wie beispielsweise Werner Catel (1894-1981) , Ernst Grawitz (1899-1945) , Siegfried Handloser (1885-1954) , Eva Justin (1909-1966)  oder Herbert Linden (1899-1945) , direkt oder indirekt an der Tötung von geistig und körperlich behinderten, kranken und alten Menschen, sondern auch Krankenschwestern und Krankenpfleger. Angehörige des Pflegepersonals begleiteten Vernichtungstransporte, verabreichten im Auftrag von „Euthanasie“-Ärzten tödliche Injektionen und Medikamente oder ließen ihre Schutzbefohlenen langsam verhungern; schließlich töteten sie auch aktiv und ohne direkte Anweisung ihre Patientinnen und Patienten.

Obwohl mittlerweile einige Arbeiten vorliegen, so etwa von Angelika Ebbinghaus (1987), Ulrike Gaida (2006), Mathias Hamann (1987), Franz Koch (1985), Hilde Steppe (2001) und Antje Wettläufer (2003), die sich kritisch mit dem Pflegepersonal in der NS-Zeit auseinandersetzen, wissen wir noch immer viel zu wenig über diesen dunkelsten Teil pflegerischer Geschichte. Ungeklärt ist etwa, wie viele Krankenschwestern und -pfleger insgesamt beim Morden geholfen oder sogar selbst gemordet haben. Fest steht aber zweifelsfrei, worauf Hilde Steppe (1947-1999)  zurecht hinwies, dass die Pflege als ausführendes Organ an allen Umsetzungsphasen der systematischen Vernichtung beteiligt war.

Wenngleich es auch vorbildliche Beispiele des Widerstandes, der Menschlichkeit und der Fürsorge gab, wie beispielsweise Elsa Eberlein (1910-1979) , Helene Kafka (1894-1943) , Anna Bertha Königsegg (1883-1948) , Sara Nussbaum (1868-1957)  und Gertrud Seele (1916-1945) , stellt sich die Frage, wie es geschehen konnte, dass im Nationalsozialismus Pflegepersonal zum Mörder wurde? Warum haben sich damals Frauen und Männer konträr zu ihrem eigentlichen Berufsethos des Pflegens und Heilens verhalten? Zur Rechenschaft für ihr Handeln gezogene und des Mordes angeklagte Schwestern und Pfleger waren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) zum überwiegenden Teil fest davon überzeugt, „nur ihre Pflicht“ getan zu haben.

Von zahlreichen namentlich bekannten Täterinnen und Täter, wie beispielsweise Luise Erdmann (1901-?), Agnes Kappenberg (1907-?), Pauline Kneissler (1900-?), Edith Korsch (1914-?), Maria Müller (1907-?), Lydia Thomas (1910-?), Anna Wrona (1907-?), Christel Zielke (1913-?), die an den Mordaktionen im Rahmen der sogenannten „T4“ (benannt nach der Berliner Zentrale in der Tiergartenstraße 4) beteiligt waren, konnten die Sterbedaten aus Datenschutzgründen bislang nicht erforscht werden. Lediglich in einigen Fällen ist es gelungen, diese für die jeweilige Biographie wichtigen Daten in Erfahrung zu bringen. Neben Margarete Borkowski (1894-1948) , Irmgard Huber (1901-1974) , Paul Reuter (1907-1995) , Heinrich Ruoff (1887-1946)  und Helene Schürg (1904-1975) , Karl Willig (1894-1946)  und Minna Zachow (1893-1977)  gehört hierzu auch Katharina (Käthe) Gumbmann.

Die Krankenschwester Katharina (Käthe) Gumbmann wurde am 26. September 1898 in Nürnberg geboren. Am 17. Januar 1931 zog sie von Darmstadt wieder nach Nürnberg, von wo aus sie sich am 25. Juli 1932 nach Hadamar abmeldete. Dort arbeitete sie wie Margarete Borkowski als Stationsschwester beim Bezirksverband Nassau bei der Landesheilanstalt (LHA) Hadamar. Vom November 1940 bis Juli 1942 war sie dort im Rahmen der sogenannten Aktion „T4“ in der Küche, zwischenzeitlich – zirka Januar bis März 1942 am „T4“-„Osteinsatz“ – eingesetzt.

Bereits 1945 verhaftet wurde Käthe Gumbmann am 28. Januar 1948 im sogenannten Schwesternprozess vor dem Landgericht (Schwurgericht) Frankfurt am Main als sogenannte „T4-Schwester“ wegen Beihilfe zum Mord in 20 Fällen zu 3 Jahren und 1 Monat Zuchthaus verurteilt. Das Gericht hielt in seinem Urteil fest, dass die ausgesprochenen Strafen den Tatsachen gegenüber „vielleicht gering“ erschienen. Das Schwurgericht sei jedoch vom Maß der Schuld der Angeklagten ausgegangen. Diese hätten „lange Jahre, teilweise Jahrzehnte, ihres Lebens dem Dienst in der Krankenpflege gewidmet, insbesondere in der besonders undankbaren Irrenpflege. [...] Der Staat, dessen Propaganda sie jahrelang ausgesetzt gewesen waren, verlangte von ihnen Unrecht zu tun. Ihre ärztlichen Vorgesetzten [...] gingen ihnen auf dem Weg des Unrechts voran.“

Im Prozess hatte die Angeklagte zu ihrer Tätigkeit in der Küche ausgesagt: „Ich habe selbst fest mitgearbeitet und die Kranken nie ausgenutzt. Insbesondere habe ich immer dafür gesorgt, daß diese zusätzlich Essen bekamen. An den Samstagen gab es Eintopf, ich aß von meiner Portion nur die Hälfte und gab den Rest meinen Leuten.“ Über die in Hadamar wirkenden Ärzte sagte sie: „Der Eindruck der Ärzte war sehr gut.“ Wie Irmgard Huber vertrat Gumbmann die Auffassung, dass es nicht möglich gewesen sei, aus der „Aktion“ auszutreten.

Bei der Urteilsfindung hatte das Gericht den Einwand des fehlenden Unrechtsbewusstseins, des Rechtsirrtums, des tatsächlichen oder vermeintlichen Befehlsnotstands freilich nicht anerkannt. Die Angeklagte sei zwar zur strengen Verschwiegenheit verpflichtet gewesen und deshalb sogar vereidigt und mit schweren Strafen bedroht worden, wenn sie dagegen verstoßen hätte, von einem Befehlsnotstand könnte aber keine Rede sein. So seien etwa Anträge auf Arbeitsplatzwechsel, wenn nicht aus anderen Gründen Bruch der Verschwiegenheit zu befürchten war, nicht abgelehnt worden, wie mehrere Beispiele belegten. Allenfalls sei, wer ausscheiden wollte, auf die allgemein bestehende Arbeitspflicht hingewiesen, aber nicht bedroht worden. Nur wer durch aktives Handeln die Fortsetzung der Morde behindert hätte, habe mit Bestrafung rechnen müssen.

In einem Revisionsverfahren verurteilte der Strafsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main in seiner Sitzung vom 20. Oktober 1948 Käthe Gumbmann statt wegen Beihilfe zum Mord wegen Mordes, wobei er das Strafmaß beibehielt. Die seit Verkündigung der erstinstanzlichen Urteile erlittene Untersuchungshaft in Höhe von 6 Monaten wurden angerechnet.

Am 19. Mai 1949 wurde Katharina (Käthe) Gumbmann auf Bewährung entlassen. Ob sie danach nochmals beruflich in der Pflege arbeitete, ist nicht bekannt. Am 2. Juli 1961 meldete sich von Jugenheim (Rheinland) kommend wieder in ihrer Heimatstadt Nürnberg an, wo sie am 8. Juni 1985 im Alter von 86 Jahren starb.


Literatur

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Boberach, Heinz: Die strafrechtliche Verfolgung der Ermordung von Patienten in nassauischen Heil- und Pflegeanstalten nach 1945. In: Landeswohlfahrtsverband Hessen, Kassel (Hrsg.): Euthanasie in Hadamar. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in hessischen Anstalten. Begleitband. Eine Ausstellung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. Leitung, Konzeption und Texte der Ausstellung: Christina Vanja (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Kataloge Band 1). Kassel 1991, Seite 165-174.

Der Magistrat der Stadt Hadamar, Stadtbüro / Meldewesen: SchriftlicheMitteilungen an den Verfasser vom 5. März 2003 und 9. April 2003.

Ebbinghaus, Angelika (Hrsg.): Opfer und Täterinnen. Frauenbiographien des Nationalsozialismus (Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 2). Franz Greno. Nördlingen1987, Seite 218-247.

Gaida, Ulrike: Zwischen Pflegen und Töten. Krankenschwestern im Nationalsozialismus. Einführung und Quellen für Unterricht und Selbststudium. Mabuse. Frankfurt am Main 2006.

Greve, Michael: Die organisierte Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ im Rahmen der „Aktion T4“. Dargestellt am Beispiel des Wirkens und der strafrechtlichen Verfolgung ausgewählter NS-Tötungsärzte (Reihe Geschichtswissenschaft, Band 43). Centaurus. Herbolzheim 2006.

Kintner, Earl W. (Hrsg.): The Hadamar Trial (War Crimes Trials, Band 4). London, Edingburgh, Glasgow. Hodge 1949.

Klee, Ernst: Was sie taten – Was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- und Judenmord. Fischer. Frankfurt am Main 1988, Seite 196.

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Koch, Franz: Die Beteiligung von Krankenschwestern und Krankenpflegern an Massenverbrechen im Nationalsozialismus. In: Krankenpflege im Nationalsozialismus. Versuch einer kritischen Aufarbeitung. Herausgegeben von der AG Krankenpflegegeschichte. (1. Auflage 1984). Zweite, erweiterte Auflage. Mabuse. Frankfurt am Main 1985, Seite 25-67.

Landeswohlfahrtsverband (LWV) Hessen, Archiv, Ständeplatz 6-10, 34117 Kassel: Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 28. Januar 2003.

Mitscherlich, Alexander / Mielke, Fred (Hrsg.): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Fischer-Taschenbuch. Frankfurt am Main 1960 (16. Auflage 2004).

Roer, Dorothee / Henkel, Dieter (Hrsg.): Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945. Dritte, unveränderte Auflage. Mabuse. Frankfurt am Main 2003, Seite 387.

Rüter, Christian Frederick / Rüter-Erlemann, Adelheid L.: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1999. APA Holland Univ. Press Amsterdam und Saur. Amsterdam und München 1968-1999.

Sandner, Peter: Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Hochschulschriften Band 2). Psychosozial. Gießen 2003, Seite 729.

Stadt Nürnberg, Einwohnermeldeamt, Äußere Laufer Gasse 25, 90317 Nürnberg: Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 14. März 2003.

Steppe, Hilde: „Mit Tränen in den Augen haben wir dann diese Spritzen aufgezogen“. Die Beteiligung von Krankenschwestern und Krankenpflegern an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In: Steppe, Hilde (Hrsg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. 9. Auflage. Mabuse. Frankfurt am Main 2001, Seite 137-174.

Steppe, Hilde / Ulmer, Eva-Maria (Hrsg.): “Ich war von jeher mit Leib und Seele gerne Pflegerin.” Über die Beteiligung von Krankenschwestern an den „Euthanasie“-Aktionen in Meseritz-Obrawalde (Bericht der studentischen Projektgruppe im Nationalsozialismus an der Fachhochschule Frankfurt / Main 1998 / 1999). (1. Auflage 1999). Zweite Auflage. Mabuse. Frankfurt am Main 2001.

Wettlaufer, Antje: Die Beteiligung von Schwestern und Pflegern an den Morden in Hadamar. In: Roer, Dorothee / Henkel, Dieter (Hrsg.): Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945. Dritte, unveränderte Auflage. Mabuse. Frankfurt am Main 2003, Seite 283-330.

www1.jur.uva.nl/junsv/Excerpts/017b001.htm.

GUMBMANN, Katharina (Käthe)

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 152-153

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