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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: GERSTENBERG, Felicitas
GERSTENBERG, Felicitas
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) 105-108.
 

Biographie

Die erste deutsche Niederlassung der Vinzentinerinnen [Paul von Vinzenz (1581-1660) ], die direkt von Paris ausging, entstand 1852 in Köln, dem Zentrum des Katholizismus in der Rheinprovinz. Die Schwestern, die unter anderem von Königin Augusta von Preußen (1811-1890)  finanziell unterstützt wurden, errichteten ein Waisenhaus, einen Kindergarten sowie die erste kostenlose Volksschule in Köln. Daneben widmeten sie sich der ambulanten Kranken- und Armenpflege in ihrer Pfarrei. Von 1859 bis 1869 pflegten die Vinzentinerinnen die Kranken im Seuchenhospital Stollgasse, das von der Armenverwaltung als Lazarett für Cholera- und Pockenkranke eingerichtet worden war. 1871 zogen sie in das neu erbaute Mutterhaus in Köln-Nippes ein. Damals gehörte es primär noch nicht zu ihren Aufgaben, Kranke zu versorgen, doch weil es in Köln-Nippes kein Krankenhaus gab, fanden sich immer mehr kranke Menschen im Garten des Mutterhauses ein, um dort in einem Zelt versorgt zu werden. 1874 erhielten die Ordensschwestern offiziell die Erlaubnis, eine Privat-Krankenanstalt zu führen. Das St. Vinzenz-Hospital in Köln kann somit auf eine gut 130-jährige Geschichte zurückblicken. Bereits 1890 verfügte das Krankenhaus über 140 Betten, in denen rund 600 Kranke pro Jahr versorgt wurden. Die durchschnittliche Verweildauer betrug damals 50 Tage bei einem Pflegesatz von 1,16 DM (Deutsche Mark).

Seit 1885 entwickelten die Kölner Vinzentinerinnen ein Konzept der praktischen und theoretischen Krankenpflegeausbildung während eines halbjährigen Krankenpflegekurses durch erfahrene Pflegerinnen und Ärzte, das – für katholische Pflegeorden recht frühzeitig (aber sehr viel später als bei den Diakonissen von Theodor Fliedner [1800-1864 ], die schon seit 1836 planmäßigen Pflegeunterricht organisierten) – die staatliche Forderung nach Ausbildung von Krankenschwestern aufgriff. 1925 gründete man eine staatliche Krankenpflegeschule mit 29 Ausbildungsplätzen. Im Jahre 1995 gaben die Vinzentinerinnen aus Schwesternmangel ihr Krankenhaus in die Hände des katholischen Krankenpflegeordens der Cellitinnen. Zurzeit leben noch zirka 30 Ordensschwestern (Vinzentinerinnen) im dortigen Mutterhaus.

Eine interessante Persönlichkeit aus den Reihen der Kölner Vinzentinerinnen begegnet uns in der promovierten Medizinerin Felicitas Gerstenberg, die am 8. Mai 1908 in Glatz (Schlesien) als Tochter des Regierungsbauoberinspektors Arthur Gerstenberg und dessen Ehefrau Gertrud, geborene Schierse, das Licht der Welt erblickte. Nach dem Besuch des Lyzeum und Realgymnasium studierte sie in Halle und Köln Humanmedizin. Am 20. Dezember 1935 promovierte sie in Köln mit einer 42-seitigen Dissertation über „Gefäßspasmen als Aequivalente bei Angina pectoris“ zum Doktor der Medizin. Anschließend arbeitete sie im Kinderkrankenhaus Köln-Weidenpesch. Dort wurde sie am 23. Juni 1944 inhaftiert, weil sie eine Auszeichnung durch die Nazi-Regierung abgelehnt hatte. Was war geschehen?

Dr. Jöpchen, der Chefarzt des Kinderkrankenhauses, wollte nach einem Großbrand durch feindliche Fliegerbomben, der das Haus bis ins Erdgeschoss zerstörte, seine zwei Kinderärztinnen „für ihren unermüdlichen Einsatz für ihre Kinder“ mit einem Orden auszeichnen lassen. Dr. Felicitas Gerstenberg lehnte dies ab mit der Begründung, „sie hätte nur ihre Pflicht getan, außerdem wolle sie sich von diesem Staat nicht dekorieren lassen.“ Auf Betreiben ihrer Kollegin wurde ihre Aussage der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) mitgeteilt. Daraufhin nahm sich die Gestapo (Geheime Staatspolizei) des Vorgangs an. Sie nahm Felicitas Gerstenberg wegen „Volksverhetzung“ aus dem Kinderkrankenhaus zunächst in die elterliche Wohnung (Mayenerstraße) und anschließend ins sogenannte Gestapo-Haus mit, wo sie in eine Gefängniszelle im Keller zu anderen Frauen eingesperrt wurde. Nach kurzer Zeit wurde sie in den „Klingelpütz“, das Stadtgefängnis von Köln, verlegt. In einem Bericht über ihre Haftzeit heißt es hierzu: „Im Klingelpütz war ich in Einzelhaft, beschäftigt wurde ich damit, Druckknöpfe in die passenden Vorlagen zu knöpfen. Eine Nacht mußte ich bei einer Frau, die am anderen Tag hingerichtet wurde, Nachtwache halten. Ihre Hände waren gefesselt, mehr konnte ich bei der spärlichen Beleuchtung nicht erkennen. Sie lag ganz ruhig, fast teilnahmslos, gesprochen haben wir nichts, ich habe nur still für sie gebetet.“

Als die Fliegerangriffe der Alliierten die Anstalt in Gefahr brachte, wurden die Insassen, so auch Felicitas Gerstenberg, in die Haftanstalt Brauweiler verlegt, wo sie mit den anderen Gefangenen in großen Sälen an Munitionsmaterial arbeiten musste. Nach einem Gerichtstermin in Königswinter, ihr Vater hatte die Angelegenheit scheinbar nach Zuziehung eines Rechtsanwaltes dem Gericht übergeben und so der Willkür der Gestapo entzogen, wurde Felicitas Gerstenberg am 15. Januar 1945 wieder aus der Haft entlassen.

Am 21. Juni 1945 trat Felicitas Gerstenberg – laut Angabe von älteren Schwestern wohl auf Grund ihrer Erlebnisse während der NS-Zeit (1933-1945) – der Gemeinschaft der Töchter der christlichen Liebe (Vinzentinerinnen) in der Merheimer Straße 217 in Köln (Nippes) bei, die sie aus ihrer früheren Tätigkeit als Ärztin im Kinderkrankenhaus Köln-Weidenpesch her kannte. Seither arbeitete Felicitas Gerstenberg – die sich fortan Schwester Beatrix nannte – nicht mehr als Ärztin, sondern unterrichtete im Antonius Kinderkrankenhaus Pallenbergstift Merheim (linksrheinisch, heute Köln-Weidenpesch) von 1946 bis 1958 angehende Kinderkrankenschwestern. Danach war sie in der Apotheke im St. Vinzenz-Hospital Merheimer Straße 217 (heute 221-223) in Köln-Nippes tätig. Diese Aufgabe nahm sie auch noch nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst – ehrenamtlich bis in die 1990er Jahre war; 1994 wurde sie pflegebedürftig.

Spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen von ganz unterschiedlicher Seite eine Reihe von Schriften zur häuslichen Krankenpflege. So veröffentlichte beispielsweise 1904 der Theologe Johannes Christian Allihn (1842-1907)  „Die Anfangsgründe der häuslichen Krankenpflege. Eine Anleitung für hilfsbereite Frauen und Jungfrauen“, 1934/35 legte die „Fürsorgerin“ Gertrud Emilie Finckh (1887-1956)  ihre „Häusliche Krankenpflege“ vor, 1949 sowie 1951 publizierte die „Gewerbeoberlehrerin“ Ilse Lilly Meyer (1912-1995)  ihre „Kleine häusliche Krankenpflege“ sowie „Kleine Säuglingspflege“ und 1951 legte der Arzt Eugen Koch (1899-1981)  sein Buch „Die häusliche Krankenpflege“ vor. In dieser Reihe kann auch das Buch „Barmherziger Helferdienst. Ratschläge für die häusliche Krankenpflege“ von Felicitas Gerstenberg (Schwester Beatrix) und Maria Koch, Schwester Clothilde (1897-1973), genannt werden. Die Anfang der 1950er Jahre erschienene 87 Seiten starke Veröffentlichung erlebte binnen kurzer Zeit mehrere Auflagen; für die fünfte erweiterte und verbesserte Auflage, die 1962 unter dem Titel „Barmherziger Helferdienst. Ratschläge für die häusliche Kranken- und Säuglingspflege und Erste Hilfe bei Unglücksfällen“ erschien, zeichnete Schwester Beatrix die Verantwortung allein.

Im Vorwort zur zweiten Auflage 1955 weisen die Autorinnen ausdrücklich darauf hin, dass in ihrem Buch „die Erziehung zum barmherzigen Menschen im Vordergrund steht, die Heranbildung des Menschen, der aus der Gottesliebe heraus dem Nächsten einen Rat erteilt, einen Wunsch erfüllt, eine Hilfe gibt, einen Trost spendet. Rat geben, in der Not helfen, diese Absicht liegt vorliegendem Buch zugrunde, weniger viel Kenntnisse vermitteln, sonst müsste die Stoffdarbietung reicher und die Kursus-Stundenzal [vorgesehen waren 18 Doppelstunden] höher sein. Da der Kursus ja stets von Fachkräften erteilt wird, die ihr Wissen haben, ist das Buch mehr für die Hand der Kursteilnehmer gedacht.“

Bevor die Leserschaft in einzelnen Kapiteln darüber informiert wird, wie man seinen Körper gesund erhält, den Kranken in der Familie und das kranke Kind pflegt, was an Erster Hilfe bei Unglücksfällen zu tun ist, was in der Hausapotheke sein soll, wie man sich bei ansteckenden Kranken verhält und wie die geist-seelische Betreuung des Kranken erfolgen soll, findet sie zunächst eine grundlegende Sicht christlich motivierter Krankenpflege. Dazu heißt es: „Krankenpflege ist ein Werk christlicher Barmherzigkeit. Kranke zu pflegen ist ein Werk christlicher Barmherzigkeit, das nicht nur denen vorbehalten ist, die berufsmäßig als Ordens- oder Laienschwester Krankenpflegedienst tun. Auch du bist dazu aufgerufen, wenn in deiner Familie oder in der Nachbarschaft jemand erkrankt ist und der Arzt eine Einweisung ins Krankenhaus nicht für erforderlich hält. Sei hilfsbereit und übe Nächstenliebe der Tat durch deine pflegende Hand, durch einen guten Rat. Kannst du die Pflege nicht ganz übernehmen, so kannst du doch beten oder bei der Bereitung der Krankenkost helfen. Um jeden Kranken und Gebrechlichen muß sich ein Kreis hilfreichender Hände legen. Krankendienst ist Gottesdienst, er bringt Segen.“

Über die Person der Krankenpflegerin heißt es: „Der Kranke weiß, dass seine Krankheit eine Mehrbelastung für dich bedeutet und leidet oft darunter. Zeige dich deshalb niemals abgehetzt und unzufrieden. Deine gleichbleibende Freundlichkeit trägt sehr zum Wohlbefinden und zur Besserung des Kranken bei. Sei selbst sauber und zweckmäßig gekleidet. Für die Pflege ist es am praktischsten, eine helle oder weiße, auf jeden Fall waschbare Kleiderschürze. Trage keine Nadeln an deinem Kleid, der Kranke könnte sich verletzen. Schmuck an den Händen ist für die Pflege unangebracht, er verhindert die gründliche Reinigung. Schuhe mit niedrigen Absätzen erleichtern dir die Arbeit, weil sie dich nicht so schnell ermüden. Merke wohl! Erschüttere nie das Vertrauen zum Arzt. Du verbaust sonst die Heilungsmöglichkeit.“

In ihren Ausführungen weisen die Autorinnen ausdrücklich darauf hin, dass mit der Betreuung des Körpers auch „die Pflege des Geistes und der Seele“ verbunden sein muss; „denn Unordnung im Körper gefährdet die Ordnung des Geistes und die verwahrloste Seele die Gesundheit des Körpers.“ Da eine gute Gemütsstimmung gesundheitsfördernd ist, solle die Pflegeperson daher für Abwechslung in den Krankheitstagen sorgen. Hierzu empfehlen sie das Lied, eine Bildkarte und leichte, aufmunternde Lektüre, insbesondere den – von Michael Fischer (1887-1948) , Hubert Reinartz (1889-1953) , Bernhard Rüther (1913-1980)  redigierten – „Sonntaggruß ans Krankenbett“.

Für die Autorinnen steht außer Frage, dass „Krankenpflege und Krankendienst“ vor der „Sonntagsheiligung“ kommt. In diesem Zusammenhang betonen sie auch, dass arme, schwierige, sieche Kranke besonders viel Verständnis und Liebe brauchen: Barmherziger Helferdienst dürfe sich nicht mit heroischen Anläufen begnügen, sondern müsse auf steter Treue begründet werden: „Barmherzige Güte und frohes Schaffen, beides aus göttlichem Brunnquell geschöpft, ist für den Kranken Lebenselexier.“

Im Vorwort zur fünften Auflage (1962) schreibt Felicitas Gerstenberg (Schwester Beatrix): „Der Barmherzige Helferdienst erscheint in neuem Gewand. Der Text wurde überarbeitet. Sein Ziel: Die Erziehung zum barmherzigen Menschen durch Ausübung der Werke leiblicher und geistiger Barmherzigkeit, ist unverändert geblieben. Möge das Heft in vielen Familien Eingang finden und die Jugend auf das Apostolat am kranken und notleidende Menschen begeistern.“

Felicitas Gerstenberg, Schwester Beatrix, starb am 29. Oktober 2001 im Alter von 93 Jahren und im 56. Jahre ihres Berufes in Köln-Nippes. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Nordfriedhof in Köln.


Literatur

Frings, Hermann Josef: Die Vincentinerinnen als Wegbereiter der neuzeitlichen Krankenpflege (1832-1900). Medizinische Dissertation. Köln 1984, Seite 96.

Gatz, Erwin: Kirche und Krankenpflege im 19. Jahrhundert. Katholische Bewegung und caritativer Aufbruch in den preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen. Schöningh. München / Paderborn / Wien 1971, Seite 350.

Gerstenberg, Felicitas: Gefäßspasmen als Aequivalente bei Angina pectoris. Medizinische Dissertation, Köln 1935. Orthen. Köln 1936.

Gerstenberg, [Felicitas] / Koch, M[arianne]: Barmherziger Helferdienst. Ratschläge für die häusliche Krankenpflege. H. Sutorius. Köln-Nippes. 2. Auflage 1955 (5. erweiterte, verbesserte Auflage 1962 unter dem Titel: Ratschläge für die häusliche Kranken- und Säuglingspflege und Erste Hilfe bei Unglücksfällen).

Habeth-Allhorn, Stephanie: [Festschrift] 175 Jahre Cellitinnen zur hl. Maria in der Kupfergasse. Eine sozial-caritative Ordensgemeinschaft im Herzen von Kön. J. P. Bachem. Köln 2003.

Lercher, Theo: [Festschrift] 125 Jahre St.-Vinzenz-Hospital Köln-Nippes. [Selbstverlag]. Köln-Nippes [1997].

Vinzentinerinnen Köln, Provinzialat, Merheimer Straße 250, 50733 Köln (Nippes): Schriftliche Mitteilungen an den Verfasser vom 21., 22. und 23. April 2005.

www.hospitalvereinigung.de [16.04.2007].

www.st-marien-hospital.de/68/index/html [16.04.2007].

www.vinzenz-hospital.de/borders/geschichte.htm [16.04.2007].

Bildquelle: Vinzentinerinnen Köln, Provinzialat, Merheimer Straße 250, 50733 Köln (Nippes).

GERSTENBERG, Felicitas

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 105-108

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Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=165

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