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Who was who in nursing history: FLORSCHU?TZ, Margarete
FLORSCHU?TZ, Margarete
Artikel von: Karin Wittneben
Erschienen in Band 4, Seite(n) .
 

Biographie

Am 13. August 1940 schrieb Margarete Florschütz mit der Schreibmaschine an Pastor Dr. M. Leinert in Bad Liebenstein, Aschenbergstraße 1, eine Ansichtskarte mit folgendem Text: „Sehr verehrter Herr Pastor! Für Ihre freundlichen Grüße aus Bad Liebenstein danke ich Ihnen sehr herzlich. Möchte die Kur, die Sie dort gebrauchen, Ihnen gut tun, und Sie dann erfrischt in Ihre Arbeit zurückkehren können. Bitte grüßen sie doch auch Ihre liebe Frau u. Ihr Töchterlein recht herzlich. Mit herzlichem Gruß für Sie bin ich Ihre Schw. Marg. Florschütz“.

Die Schwester, die sich so formell und doch entgegenkommend auszudrücken versuchte, war die vierte Oberin des 1860 in Hannover gegründeten „Henriettenstifts“, eines evangelisch-lutherischen  Diakonissenmutterhauses. Ihr etwas angestrengt wirkender Sprachcode war wohl ein Ergebnis ihrer familiären und schulischen Sozialisation. Margarete Florschütz wurde am 4. September 1894 als Tochter des Konsistorialassessors Georg Florschütz und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Florschütz, in Kiel geboren. Am 1. Mai 1906 siedelte die Familie nach Hannover über, als der Vater dorthin an das Konsistorium (landeskirchliche oberste Verwaltungsbehörde) versetzt wurde. Hier stieg er zum Konsistorialpräsidenten auf. Margarete Florschütz besuchte die im vornehmen Zooviertel von Hannover gelegene Sophienschule, lange Zeit das altsprachliche Mädchengymnasium in Hannover und inzwischen ein koedukativ geführtes Gymnasium. Sie schloss ihre Lyzeumsbildung an der Sophienschule Ostern 1911 ab, also im Alter von 16 ? Jahren. Ein Jahr zuvor war sie in der Schlosskirche in Hannover konfirmiert worden.

Nach der Schule absolvierte sie während eines Jahres Kurse im Kochen, Nähen und Schneidern in einem Schweizer Mädchenpensionat im angesehenen Vevey am Genfer See, damals ein Hort für die Aus- und Fortbildung so genannter höherer Töchter. Obwohl in komfortable familiäre Verhältnisse hineingeboren, die auch einen anspruchsvolleren Bildungsweg ermöglicht hätten, hatten ihre Eltern wohl nichts anderes mit ihrer Tochter vor, als sie auf eine standesgemäße Ehe vorzubereiten. Dieser Vorsatz wollte so recht jedoch nicht gelingen. Der weitere Bildungs- und Berufsweg Margarete Florschütz’ gleicht eher einer großen Suchbewegung. Während des Ersten Weltkrieges betätigte sie sich in der zum Lazarett umfunktionierten Stadthalle Hannover. Sie legte dann eine Prüfung als Turn- und Schwimmlehrerin ab und erwarb eine Anerkennung als Röntgenassistentin (eine staatliche Anerkennung der medizinisch-technischen Röntgenassistentin erfolgte erst 1971). In ihrer Heimatstadt Kiel absolvierte sie am Orthopädischen Institut von Sanitätsrat Dr. Lubinus (heute Lubinus-Klinik – Klinik für Chirurgie und Orthopädie) eine dreijährige Lernzeit, die sie zur Lehrerin für Heilgymnastik befähigte. Von Mai 1922 bis Ostern 1926 war sie an dem Kieler Institut als Heilgymnastin und Lehrerin für Heilgymnastik tätig.

Die damalige Heilgymnastik (heute Krankengymnastik bzw. Physiotherapie) hatte sich u. a. aus der von Per Henrik Ling (1776-1839) am Zentralinstitut in Stockholm begründeten schwedischen Gymnastik entwickelt. Der Direktor der Wasserheilanstalt in Ilmenau (Thüringen), Sanitätsrat Dr. Preller, gibt in seinem Buch „Die Massage und verwandte Heilmethoden“ (1889) eine Übersicht über die Heilgymnastik und erinnert außerdem an das von Daniel Gottlob Moritz Schreber (Stichwort „Schrebergarten“) vorgelegte Werk „Ärztliche Zimmergymnastik oder System der ohne Gerät und Beistand überall ausführbaren heilgymnastischen Übungen als Mittel der Gesundheit und Lebenstüchtigkeit für beide Geschlechter und jedes Alter“, das bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts in Dutzenden von Auflagen erschien. Auch der Assistent des Universitätsinstituts für Orthopädie in Berlin, Hans Debrunner, der für Frauen Vorlesungen über Erscheinungen im gesunden und kranken Körper, Massage, Gymnastik, Verbandtechnik und den Operationsdienst anbot, erwähnt die Bahn brechende Arbeit des Schweden Per Henrik Ling. Debrunner bezeichnete in den erwähnten Arbeitsfeldern tätige Frauen noch 1919 ziemlich abwertend als „orthopädische Hilfsarbeiterinnen“. Der Beruf der Krankengymnastin wurde allerdings auch erst 1958 staatlich anerkannt. Zu Margarete Florschütz soll in diesem Zusammenhang jenseits von formalen Berufsregelungen vor allem festgehalten werden, dass sie sich schon damals einem modernen, gesundheitsfördernden Frauenberuf zugewandt hatte, bevor sie sich in die seit hundert Jahren unveränderte Enge des Diakonissenlebens einspannen ließ.

Sich einem Wunsch der Eltern beugend, kehrte die erwachsene Tochter Margarete nach Hannover zurück, arbeitete ein Jahr lang als Heilgymnastin im heutigen Regionskrankenhaus Nordstadt, einem ehemaligen städtischen Krankenhaus, und wechselte 1927 in derselben Tätigkeit in das Annastift in Hannover (heute ein orthopädisches Rehabilitationszentrum). In Frauenberufen der heutigen Fachrichtung Gesundheit bereits umfassend erfahren, entschloss sie sich auch noch zu einer Ausbildung in der Krankenpflege. Ihre Krankenpflegeprüfung legte sie im Henriettenstift ab, dem Ort ihrer späteren jahrzehntelangen Tätigkeit als Oberin. In diese Lebensrichtung hatte sie das Miterleben einer Einsegnungsfeier von Diakonissen in der Kirche der Henriettenstiftung gelenkt und sie veranlasst, am 10. März 1930 in die Schwesternschaft des Diakonissenmutterhauses einzutreten. Schon am 29. November 1931 wurde die Turn-, Schwimm- und Heilgymnastiklehrerin, Röntgenassistentin und staatlich geprüfte Krankenpflegerin als Diakonisse eingesegnet. Danach arbeitete sie im stiftseigenen Diakonissenkrankenhaus in Hannover und anschließend gemeinsam mit einer weiteren Schwester in dem Jungen- und Mädchenerziehungsheim „Gotteshütte“, einer Einrichtung der Inneren Mission, in dem Dorf Kleinenbremen bei Bückeburg. Dieses Arbeitsgebiet hatte das Henriettenstift erst 1933 übernommen. Margarete Florschütz, die, bis auf Eingriffe ihrer Eltern, fast zwanzig Jahre ihre Arbeitsplätze frei gewählt hatte, musste sich nun den ihr vom Mutterhaus vorgegebenen Aussendungen unterwerfen.

Als die dritte Oberin der Henriettenstiftung, Marie Fromme (1862-1942) , eine Pfarrerstochter aus Hohenbostel am Deister, nach ihrem goldenen Diakonissenjubiläum im Juni 1937 von ihrem Oberinnenamt zurücktrat, folgte ihr am 1. Juli 1937 Margarete Florschütz in das Amt der Oberin. Marie Fromme hatte dieses Amt seit 1898 versehen, nur ein paar Jahre weniger als die Spanne an Lebenszeit, die ihre Nachfolgerin bis dahin zurückgelegt hatte. Margarete Florschütz war mit Zustimmung des Hausvorstandes und der Schwesternvertretung vom Komitee des Stiftes berufen worden. Das Charisma, das ihrer beliebten und bewunderten Vorgängerin im Laufe von Jahrzehnten zugewachsen war, vermochte Margarete Florschütz nicht anzusammeln. Ihr Naturell war das einer zurückhaltenden Norddeutschen aus dem Holsteinischen. Schlicht und beinahe schüchtern in ihrem Auftreten war sie, merkt ein ehemaliger Vorsteher der Stiftung aus einem Blickwinkel von 1985 an und fasst bei aller Würdigung doch etwas dürr zusammen: „Sie war mehr, als sie sagte. Sie tat mehr, als sie plante“ (S. 209). Dass ihr nicht eine so tiefe Bewunderung wie ihrer Vorgängerin zuteil wurde, hatte seine Ursachen außerdem in den schwierigen Zeitumständen, in denen sie das Amt der Oberin auszufüllen hatte. Ihre Amtsperiode fiel in die NS-Zeit, die Jahre des Zweiten Weltkrieges, in denen das Henriettenstift durch Bombeneinwirkungen schwer beschädigt wurde, und die Nachkriegszeit mit der großen Last des materiellen Mangels auf allen Gebieten des täglichen Lebens. Nicht nur, aber auch unter dem Einfluss der NS-Ideologie zeichnete sich die Krise des Diakonissenwesens bereits ab. War die Diakonissenschaft in den ersten 75 Jahren ihres Bestehens stetig gewachsen, so ging die Anzahl der Schwestern während ihrer Amtszeit erheblich zurück. Dieser Rückgang, der ihr, wenn auch nicht ausdrücklich, aber insgeheim zugeschrieben wurde, erklärt sich jedoch aus der Tatsache, dass sich immer weniger Frauen zur Übernahme einer Diakonissentätigkeit mit all ihren Einschränkungen bereit fanden, und zudem aus dem Umstand, dass das Henriettenstift einen Abfluss von Schwestern in die NS-Schwesternschaft, die sich unter Erna Mach (1897-?) zu Beginn der Nazi-Diktatur gerade in Hannover schwerpunktmäßig etablierte, hinzunehmen hatte. Die genaue Anzahl der Übertritte muss noch ermittelt werden. Wie Margarete Florschütz persönlich zum Nationalsozialismus stand, lässt sich aus den hier als Quellen herangezogenen Chroniken des Stiftes nicht eindeutig erschließen. Sie soll, wie übermittelt wird, versucht haben, in Bibelstunden ihre Mitschwestern im Glauben zu stärken, um sie so vor einem nationalsozialistischen Fremdeinfluss zu schützen. Dieses Bemühen galt auch dem Schutz der Institution vor stets zu befürchtender nationalsozialistischer Vereinnahmung. Das Henriettenstift als Institution nahm dagegen 1935 in seiner Festschrift zum 75-jährigen Bestehen eine ganz und gar zustimmende Haltung zum Nationalsozialismus ein. In einem Abschnitt über „Die nationale Erhebung“ (S. 312) heißt es: „Als dann am 19. August 1934, nach dem Hinscheiden des Reichspräsidenten v. Hindenburg, das Volk befragt wurde, ob nunmehr auch das Amt des Reichspräsidenten in die Hand des Führers gelegt werden solle, ist in unserem Haus, das, mit dem Krankenhaus vereinigt, einen eigenen Stimmbezirk bildete, auch nicht eine einzige Neinstimme abgegeben worden, ein Vorgang, der zum mindesten in der Stadt Hannover einzig dasteht“.

Es folgen weitere, dem Nationalsozialismus und dem Führerkult beipflichtende Passagen. Margarete Florschütz hat ihr Oberinnenamt über die NS-Zeit hinaus noch gut zwanzig Jahre bis 1966 ausgeübt. Ihren Diakonissenfeierabend verbrachte sie im stiftseigenen „Haus Bethel“ in Hannover-Kirchrode. Sie verstarb am 25. Januar 1969.


Literatur

Ansichtskarte des neuen Krankenhausflügels des Henriettenstifts. Poststempel Hannover, 13.8.1940.

Breiding, Birgit; Die Braunen Schwestern. Ideologie – Struktur – Funktion einer nationalistischen Elite. Steiner. Stuttgart 1998.

Debrunner, Hans: Lehrbuch für orthopädische Hilfsarbeiterinnen. 23 Vorlesungen über Erscheinungen im gesunden und kranken Körper, über Massage, Gymnastik, Verbandtechnik und Operationsdienst. Vogel. Leipzig 1919.

Helbig, Wolfgang: Neue Wege – alte Ziele. Von den Anstößen, die ein Jubiläum gibt. In: Helbig, Wolfgang (Hrsg.): … neue Wege, alte Ziele. 125 Jahre Henriettenstiftung Hannover. Lutherhaus. Hannover 1985, Seite 197-251.

Henriettenstift (Hrsg.): Das Henriettenstift. Evangelisch-lutherisches Diakonissenmutterhaus Hannover. Sein Werden und Wirken 1860-1935. Hannover 1935.

Ludin, Andreas: Die Entwicklung der Pflege in Hannover und ihre Persönlichkeiten. Hausarbeit im Fach Geschichte des Studiengangs Medizin- / Pflegepädagogik, Humboldt-Universität zu Berlin 1995 (Ms).

Ludin, Andreas: Marie Fromme. In: Wolff, Horst-Peter (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Ullstein Mosby. Berlin, Wiesbaden 1997, S. 57-58.

Preller, […]: Die Massage und verwandte Heilmethoden. Weber. Leipzig 1889.

Voigt, […], Karl Friedrich Weber: Mutterhaus-Diakonie im Umbruch der Zeit. Zur Hundertjahrfeier der Henriettenstiftung Hannover MCMLX. Hannover 1960.

Weber-Reich, Traudel: „Wir sind die Pionierinnen …“. Krankenschwestern und ihre Pflegestätten im 19. Jahrhundert am Beispiel Göttingen. Huber. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle 2003.

Bildquelle: Helbig, Wolfgang: Neue Wege – alte Ziele. Von den Anstößen, die ein Jubiläum gibt. In: Ders. (Hrsg.): … neue Wege, alte Ziele. 125 Jahre Henriettenstiftung Hannover. Lutherhaus. Hannover 1985, Seite 209.

FLORSCHU?TZ, Margarete

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Karin Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Karin Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S.

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=161

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