fbpx
Jan 28, 2020 Last Updated 9:39 AM, Jan 14, 2020

Forschungswelten 2019

Save-the-date: Forschungswelten 2019! Vom 4.-5. April 2019 findet an der Hochsc...

Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: FINCKH, Gertrud Emilie
FINCKH, Gertrud Emilie
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) 87-90.
 

Biographie

Im Jahre 2001 feierte die Deutsche Vereinigung für den Sozialdienst im Krankenhaus (DVSK) – seit 2003 DVSG (Deutsche Vereinigung für Sozialarbeit im Gesundheitswesen – ihr 75-jähriges Bestehen. Die Geschichte der Sozialen Arbeit im Krankenhaus ist freilich schon über 100 Jahre alt. Bereits um die Jahrhundertwende sind in einzelnen Städten des Deutschen Reiches Aktivitäten erkennbar, die zur Entwicklung und Ausbreitung der Sozialen Krankenhausfürsorge führten. Die ersten Bemühungen für Menschen in Krankenhäusern, neben der Hilfe durch Mediziner und Pflegekräfte, auch Hilfe durch Sozialarbeiter zu leisten, erbrachten seit 1896 die Mitglieder der Berliner „Mädchen- und Frauengruppe für soziale Hilfsarbeit“ unter der Leitung von Lina Basch (1851-1920) , die somit wohl als die erste Krankenhaussozialarbeiterin in Deutschland bezeichnet werden kann. Die Initiative ging häufig von einzelnen Persönlichkeiten aus, wobei hierbei in Deutschland insbesondere Paula Ollendorf (1860-1938) , Alice Salomon (1872-1948) , Anna Tüllmann (1875-1958) , Hedwig Landsberg (1879-1967)  und Hans Carls (1886-1952)  sowie Richard Clarke Cabot (1868-1939)  in Amerika zu nennen sind. Bedeutend für die „Soziale Krankenhausfürsorge“ in Deutschland waren aber auch das Wirken von Bertha Pappenheim (1859-1936) , Paula Ollendorf (1860-1938) , Hermann Weber (1867-1944) , Alfred Goldscheider (1858-1935) , Clara Schlossmann (1870-1926) , Elsa Strauss (1875-1945) , Kurt von Hugo (1877-1947) , Ilse Güsselfeld (1887-1967) , Franz Klose (1887-1978) , Irmgard Linde (1903-1993) , Margret Mehs (1929-1999)  und Gertrud Emilie Finckh.

Hedwig Landsberg und Anna Tüllmann hatten schon frühzeitig versucht, die Sozialarbeiterinnen der „Sozialdienste“ im Krankenhaus innerhalb Deutschlands organisatorisch zusammenzufassen. So gelang es ihnen 1922, gemeinsam mit dem Arzt Bruno Harms, eine Arbeitsgemeinschaft aller „Groß-Berliner Krankenhausfürsorgerinnen“ zu bilden. Vier Jahre später (1926) wurde dann auf der „Gesolei“ (Ausstellung Gesundheit, Soziales, Leibesübungen) in Düsseldorf die „Deutsche Vereinigung für den Fürsorgedienst im Krankenhaus“, die spätere DVSK beziehungsweise heutige DVSG, gegründet. Hierzu war am 25. Oktober 1926 folgender Presseaufruf erschienen: „In Würdigung der großen Bedeutung, die dem Fürsorgedienst im Krankenhaus (Soziale Krankenhausfürsorge) für die Volksgesundheit und Volkswirtschaft zukommt, beabsichtigen die Unterzeichneten die Begründung einer Vereinigung für den Fürsorgedienst im Krankenhaus. Die Vereinigung soll in erster Linie als Studiengesellschaft arbeiten und Erfahrungen aus dem In- und Ausland sammeln, bearbeiten und vermitteln. [...] Wir bitten alle Behörden, Körperschaften und Personen, die sich für den Aufgabenbereich des Fürsorgedienstes im Krankenhaus interessieren, unserer Vereinigung beizutreten.“ Unterzeichnet wurde der Aufruf unter anderem auch von Pastor Otto Ohl (1886-1973)  und der städtischen Fürsorgerin Gertrud Finckh aus Stuttgart.

Gertrud Emilie Finckh, wie sie mit vollständigem Namen hieß, erblickte am 18. Januar 1887 in Heilbronn als Tochter von Julius Volkar Finckh – Sekondeleutnant im 4. Württembergischen Infanterie Regiment No. 122 – und dessen Ehefrau Elise Mathilde Finckh, geborene Diehlmann, das Licht der Welt. Über ihre Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Seit 1924 lebte sie in der Königstraße 18 in Stuttgart, wo sie als „Rotkreuzschwester“ und Sozialarbeiterin im Bürgerhospital arbeitete. Nach den von Gertrud Finckh 1930 und 1940 veröffentlichten Zahlen wurde etwa ein Drittel der in ihrer Stuttgarter Klinik aufgenommenen Patienten fürsorgerisch betreut, wobei der Anteil bis auf zeitweise (1936) über 60 Prozent wuchs.

Während der NS-Zeit (1933-1945) veränderten und erweiterten sich die Aufgaben des „Sozialdienstes“ wesentlich, insbesondere nachdem das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das Gesetz zum Schutz der Erbgesundheit des Deutschen Volkes und das Ehegesetz, es regelte unter anderem Heiratsverbote, Eheaufhebungen und erleichterte Ehescheidungen, erlassen worden waren. Ähnlich wie Anni Tüllmann in Berlin gewährte auch Gertrud Finckh in entsprechenden Veröffentlichungen Einblicke in die Betreuungsinhalte sowie die Ängste und Nöte der betroffenen Patienten und ihrer Angehörigen zur damaligen Zeit. Die Sozialarbeiterin stelle keine Diagnose, die Entscheidung über das Krankheitsbild treffe der Arzt. Aufgabe der Sozialarbeiterin sei es hingegen, „den Einzelfall mit klaren und guten Augen zu beobachten, die Zusammenhänge zu erfassen und ihre Beobachtungen vorurteilsfrei, umfassend und durchsichtig klar darzustellen, mit allen Widersprüchen, die uns auffallen.“ Sie trage die Verantwortung für ihre Berichte. Kranke, deren Erbgesundheitsgerichtsverfahren noch nicht abgeschlossen waren, sollten beobachtet werden. Die Zeit, schreibt sie, sei „voller Spannung, voller Unruhe und Angst für den Kranken. Man muß in dieser Zeit mit höchst unerwünschten Reaktionen rechnen.“ Ihr Vorschlag war, das galt auch für kranke „Mädchen“, die schwanger werden konnten, dass der Kranke während dieser Zeit in einer „geschlossenen Anstalt interniert“ wurde.

Gleichzeitig zeigte Gertrud Finckh Konflikte für die Sozialarbeiterin auf, die aus ihrer Sicht immer zwei Seiten würdigen musste. „Der Wille und das Lebensgefühl des Einzelnen widersetzt sich häufig dem Gesetz, und die Fürsorgerin wird hineingerissen in den Konflikt. Man kann dem Kranken sagen, daß er seinem Volk auf seine Weise zu dienen hat, daß er seinem Kind Leid erspart.“ Ihren Kolleginnen schlug sie zur Konfliktlösung vor, ihre eigene Haltung zu prüfen, ob sie die beschriebenen Schritte selbst gehen würden. Gertrud Finckh ging dabei von einer zustimmenden Entscheidung aus, denn sie formulierte: „Dann sehen wir wieder klar und haben den Mut, das Opfer auch von anderen zu fordern.“

Ihre Erfahrungen und Aufgaben als Sozialarbeiterin bei der Umsetzung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses veröffentlichte Gertrud Finckh 1935 und 1940 in Beiträgen für die „Soziale Berufsarbeit“ und die „Zeitschrift für psychiatrische Hygiene“. Dabei gab sie auch Hinweise auf veränderte Reaktionen der Bevölkerung gegenüber Arzt und Sozialarbeiterin, bezogen auf die Zeit vor 1933: „Wir beobachten, daß die Angehörigen unserer Kranken im Gegensatz zu unseren früher gemachten Erfahrungen, in ihren Angaben, soweit sie erbgesundheitlich belastend sind, allmählich sehr zurückhaltend werden. Wir machen diese Beobachtung besonders auch bei der Erhebung der Anamnese von Hilfsschulkindern.“

Wie Anni Tüllmann und Hedwig Landsberg betonte auch Gertrud Finckh die „wirtschaftliche Wirksamkeit“ ihrer Arbeit. So wies sie 1940 in einem Beitrag der „Zeitschrift für psychiatrische Hygiene“ darauf, dass durch ihr Tätigwerden einzelne Patienten früher entlassen werden konnten. Und im Falle regelmäßig in fürsorgerischer Betreuung stehender psychisch Kranker würde unter Umständen eine Wiederaufnahme vermieden. Ihre Aussagen belegte sie dabei mit Zahlen: „Bei 17 Kranken, die im Jahr 1939 im Bürgerhospital aufgenommen waren, können wir mit Sicherheit sagen, daß der Klinikaufenthalt durch rasche und geeignete Arbeitsvermittlung, oder durch Rückverlegung in die Heimat abgekürzt wurde. Bei 20 Kranken, die im Jahr 1939 in unserer Überwachung standen, wurde die Wiederaufnahme vermieden.“ Das Krankenhaus habe dadurch rund 16.000,- Mark eingespart.

Gertrud Finckh, die 1926 Gründungsmitglied der DVSK war, wirkte nebenberuflich auch als Dozentin an der Gesundheitsfürsorgeschule und als Kursleiterin in Programmen der Volkshochschule (VHS) Stuttgart im Bereich „Gesundheitspflege“. Im Hinblick auf die Krankenpflege verdient Beachtung, dass sie – wohl 1934 oder 1935 – im Stuttgarter Verlag Silberburg eine 32 Seiten starke Broschüre „Häusliche Krankenpflege“ veröffentlichte, die 1936 in dritter, 1937 in vierter und fünfter (nun im Stuttgarter „Verlag der NS-Presse Württemberg“) und 1938 in sechster, verbesserter Auflage (nun im „Stuttgarter NS-Kurier-Verlag“) erschien. Über die Bedeutung der Krankenpflege heißt es darin (1937) einleitend: „Wenn wir zur Hilfeleistung an ein Krankenbett gerufen werden, so treten wir, wie der Arzt, in einen Kampf gegen die Krankheit ein. Es ist unsere pflegerische Aufgabe, dem Kranken möglichst gute Bedingungen zur Gesundung zu schaffen und alle ärztlichen Verordnungen gewissenhaft und sachlich gut auszuführen.“

Bezüglich der Entstehung der Broschüre schreibt „Schwester Gertruf Finckh“ an der selben Stelle weiter: „Herausgewachsen aus Kursen an der Volkshochschule Stuttgart, die nunmehr aufgegangen sind in den Kursen des Reichsmütterdienstes im Deutschen Frauenwerk, möchte dieser Leitfaden für die häusliche Krankenpflege, der in erster Linie das in den Stunden Besprochene festigen soll, ein Ratgeber sein für jede Frau, die, im Kreis ihrer Familie oder gerufen von einem Hilfsbedürftigen, an Krankenbetten steht.“

Inhaltlich gliedert sich das Heft in die folgenden sechs Kapitel: 1. Die äußeren Bedingungen der häuslichen Krankenpflege, 2. Die täglichen Beobachtungen und Maßnahmen der Behandlung, 3. Besondere Fälle (Infektionskrankheiten, Wundbehandlung und Verbandsregeln, Pflege der Wöchnerin, Erste Hilfeleistung), 4. Ernährung des Kranken, 5. Hausapotheke und 6. Krankenbeschäftigung. Abgesehen von dem letzten Punkt, wo auf das Buch von Ruth Zechlin „Beschäftigung für das kranke Kind“ (Ravensburg 1931) verwiesen wird, gibt die Autorin keinerlei Quellen- oder Literaturhinweise.

Nach 1945 verlieren sich die Spuren von Gertrud Finckh. In den damaligen Stuttgarter Adressbüchern findet sich ihr Name nicht mehr. Inwieweit eine Ursache hierfür in ihrem Wirken während der NS-Zeit liegt, ist nicht bekannt. Über ihren weiteren Lebenswerg lies sich lediglich noch in Erfahrung bringen, dass sie am 10. Februar 1956 in Schorndorf (Postleitzahl 73614) verstarb. Zum Zeitpunkt ihres Todes wohnte Gertrud Finckh, die scheinbar ledig und kinderlos blieb, in Oberaichen, Kreis Böblingen (heute: Leinfelden-Echterdingen).


Literatur

Deutsche Vereinigung für den Sozialdienst im Krankenhaus e.V. (Hrsg.): Dokumentation „Tradition hat Zukunft“. Stationen zur Entwicklung der Sozialarbeit im Krankenhaus und der „Deutschen Vereinigung für den Sozialdienst im Krankenhaus e.V.“. Selbstverlag. Mainz 2001, Seite 8.

Finckh, Gertrud: Krankenhausfürsorge für Geisteskranke. In: Fortschritte der Gesundheitsfürsorge, 2. Jg., Heft 6/1928, Seite 222-227.

Finckh, Gertrud: Krankenhausfürsorge für Geisteskranke. In: Zeitschrift für das gesamte Krankenhauswesen, 26. Jg., Heft 12/1930, Seite 347-348.

Finckh, Gertrud: Wie kann die Krankenhausfürsorgerin bei der Durchführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses mitwirken? In: Zeitschrift für das gesamte Krankenhauswesen, 31. Jg., Heft 5/1935, Seite 107-108.

Finckh, Gertrud: Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und seine Aufgabe für die Fürsorgerin. In: Soziale Berufsarbeit, 15. Jg., Heft 4/1935, Seite 60-62.

Finckh, Gertrud: Die sozial-psychiatrische Fürsorge des Bürgerhospitals in Stuttgart im Jahre 1939 unter besonderer Berücksichtigung der wirtschaftlichen Ergebnisse. In: Zeitschrift für psychiatrische Hygiene, 13. Band, Heft 3-4/1940, Seite 43-52.

Landratsamt Rems-Murr-Kreis – Kreissozialamt, Waiblingen: Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 19. August 2005.

Recknagel, Anne-Christel: 70 Jahre Volkshochschule Stuttgart 1919-1989 Ein Beitrag zur Geschichte der Volksbildung (Neue Folge der Flugschriften, Band 5).  Herausgegeben von der Volkshochschule Verlag. [Selbstverlag der ] Volkshochschule Stuttgart. Stuttgart 1989.

Reinicke, Peter: Pioniere der Sozialarbeit im Krankenhaus. In: Reinicke, Peter (Hrsg.): Soziale Arbeit im Krankenhaus – Vergangenheit und Zukunft. Herausgegeben im Auftrag der Deutschen Vereinigung für den Sozialdienst im Krankenhaus. Lambertus. Freiburg im Breisgau 2001, Seite 215-228, hier Seite 218.

Reinicke, Peter: Soziale Krankenhausfürsorge in Deutschland. Von den Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs (Focus Soziale Arbeit, Grundwissen Band 2). Leske und Budrich. Opladen 1998, Seite 131 und Seite 206-211.

Stadt Heilbronn, Standesamt - Bürgeramt: Schriftliche Mitteilungen an den Verfasser vom 22. und 25. April 2005.

Stadtarchiv Stuttgart: Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 18. April 2005.

Volkshochschule Stuttgart: Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 11. Mai 2005.

FINCKH, Gertrud Emilie

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 87-90

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=160

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge

datenbankbanner 2