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Forschungswelten 2019

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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: CATEL, Werner
CATEL, Werner
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) 75-82.
 

Biographie

Behinderte Kinder, die zu Hause bei ihren Eltern und in medizinischen Versorgungsanstalten lebten, wurden 1940/41 wie die Erwachsenen im Rahmen der sogenannten „Aktion T 4“ – benannt nach dem Sitz der zentralen Dienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4 – in etwa 30 „Kinderfachabteilungen“ durch Verabreichung von Tabletten oder Injektionen ermordet. Insgesamt dürften hierbei wesentlich mehr als 5.000 Kinder umgebracht worden sein. Unter den daran beteiligten Medizinern nahm der Pädiater Werner Catel, der als Leiter der staatlichen Schwesternschule Leipzig 1939 Herausgeber des meistverlegten Unterrichtswerkes zur Ausbildung von Säuglingspflegerinnen und Kinderkrankenschwestern in deutscher Sprache war, eine zentrale Rolle ein.

Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) – rückdatiert auf den Tag des Kriegsbeginns, den 1. September 1939 – hatte Adolf Hitler (1889-1945) die sogenannte „Euthanasie-Aktion“ mit einem aus einem einzigen Satz bestehenden Brief ausgelöst: „Reichsleiter [Philipp] Bouhler [(1899-1945] und Dr. med. [Karl] Brandt [(1904-1947)] sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ In den hierzu gegründeten „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ waren mehrere Experten berufen worden, von denen wegen der Tatsache, dass es sich um eine „Geheime Reichssache“ handelte, bekannt sein musste, dass sie zur Frage der „Euthanasie“ positiv eingestellt waren. Dem Gremium gehörten als Gutachter Hermann Görings (1893-1946) Berliner Kinderarzt Ernst Wentzler (1891-1973), der Kinder- und Jugendpsychiater Hans Heinze (1895-1983), Leiter der Anstalt Brandenburg-Görden, sowie der Leipziger Ordinarius für Kinderheilkunde Werner Catel an.

Zielgruppe der „Kinder-Euthanasie“ waren zunächst Säuglinge und Kleinkinder, die nicht in Anstaltspflege waren und an „Idiotie, Mongoloismus, Microcephalie, Hydrocephalus, Missbildungen jeder Art (besonders Fehlen von Gliedmaßen, schwere Spaltbildungen des Kopfes und der Wirbelsäule), Lähmungen einschließlich Littlescher Erkrankung“ litten. Nach einem Runderlass des Reichsinnenministerium von 1939 mussten die Hebammen, Geburtshelfer und niedergelassenen Ärzte mittels eines Meldebogens, auf dem die genannten Krankheiten explizit aufgeführt waren, alle Kinder bis zum Alter von drei Jahren (später dann auch über diese Altersgrenze hinaus), die an einer dieser Erkrankungen litten, melden. Die Meldebögen wurden dem der „Kanzlei des Führers“ („KdF“) angegliederten, dreiköpfigen Gutachtergremium zugeleitet, die über die Tötungen von mehreren Tausend Kindern während des Nationalsozialismus entschieden. Das Kriterium zur Ermordung war dabei die soziale, das heißt produktive Brauchbarkeit. Die Standartformulierung für den Mordauftrag hieß: „Das Kind kann behandelt werden.“ Den Eltern betreffender Kinder – über die wahren Vorgänge im Unklaren gelassen – wurde mitgeteilt, die Einweisung erfolge deswegen, weil in der Kinderfachabteilung „die beste Pflege und im Rahmen des Möglichen neuzeitliche Therapie“ durchgeführt werden könne.

Werner Catel wurde als zweites Kind eines Ingenieurs am 27. Juni 1894 in Mannheim geboren. Nach dem Studium der Medizin in Halle und Freiburg legte er 1920 das Staatsexamen ab, promovierte im selben Jahr mit der Dissertation „Ein Fall von einseitiger Stauungspapille infolge von Orbitaltumor, die durch die Krönleinsche Operation geheilt wurde“ zum Dr. med., wurde 1922 unter Georg Bessau (1884-1944) Assistensarzt an der Universitäts-Kinderklinik in Leipzig, habilitierte sich 1926 „Über den Einfluß verschiedener Ernährungsweisen auf Motilität und Reizbarkeit des Dünndarms von Ratten“, wurde 1932 außerordentlicher Professor an der Berliner Charité und 1933 – nachdem ein jüdischer Kollege den Lehrstuhl hatte räumen müssen – Ordinarius für Pädiatrie und Leiter der Universitätskinderklinik in Leipzig. 1937 trat er in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ein, um „den Aufbau der Universitäts-Kinderklinik zu fördern“, und weil er, wie er später behauptete, in Leipzig „sich andernfalls in einer Stellung als Direktor der Universitäts-Kinderklinik nicht länger hätte halten können“.

Wissenschaftliche Begabung und Publikationen, wie die dreibändige, mehrfach aufgelegte „Differentialdiagnostische Symptomatologie von Krankheiten des Kindesalters“ (Leipzig 1944), änderten nichts an der Tatsache, dass unter Werner Catel – damals unter anderem auch Mitherausgeber der „Kinderärztlichen Praxis. Eine Zeitschrift für den praktischen Arzt, den Facharzt und den Sozialarzt“ – die lebensverachtende Ideologie des Faschismus auch an der Leipziger Uniklinik nicht vorüberging. Als er 1939 den Eltern eines behinderten Kindes aus der Nähe von Leipzig („Fall Knauer“) riet, bei Hitler ein Gesuch bezüglich der Tötung des Kindes einzureichen, gab er die Initialzündung für die „Kinder-Euthanasie“. Spätestens ab 1941 richtete er auch in seiner eigenen Klinik eine sogenannte „Kinderfachabteilung“ ein, in der sowohl durch ihn selbst als auch durch sein medizinisches und pflegerisches Personal behinderte Kinder getötet wurden. Als Leiter dieser „Kinderfachabteilung“ schlug er in den Jahren 1943 und 1944 vor, dem dortigen Personal Sonderzuwendungen für ihre mörderische Arbeit zu gewähren. Eine der beteiligten Oberschwestern war dabei Isolde Heinzel, die 1947 seine zweite Ehefrau wurde.

Werner Catel hatte eigenen Aussagen zufolge mit 28 Jahren als „Lebensaufgabe“ das Problem der Idiotie und der „Euthanasie“ entdeckt. Von daher erscheint es nur konsequent, dass er als einer von drei Obergutachtern bei der „Kinder-Euthanasie“ mitmachte. Die Gesamtzahl der durch ihn erfolgten Begutachtungen schätzte er 1962 „auf etwa 1.000 pro Jahr“. Der „Euthanasie-Funktionär“ Hans Hefelmann (1906-1986) sagte am 31. August 1960 vor dem Bayerischen Landeskriminalamt aus, „daß Prof. Heinze und Dr. Wentzler [...] mit Begeisterung und Prof. Catel aus Überzeugung die Euthanasie bejahten und sich deshalb ohne jeden Zwang als Gutachter zur Verfügung stellten.“

Neben der Wissenschaft widmete sich Werner Catel der Kunst. An der Leipziger Universität gehörte er sowohl der „Kunstkommission“ an als auch der „Kommission für Aufstellung von Büsten“. Als Schriftsteller – mit Hans Carossa (1878-1956) und Hermann Hesse (1877-1962) korrespondierend – veröffentlichte er neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen (etwa 200) auch mehrere Gedichtbände und zwei Theaterstücke.

Nach Kriegsende konnte Catel seine medizinische Karriere nahezu ununterbrochen fortsetzen. Nachdem er auf Veranlassung der Abteilung Volksbildung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) bei der dritten Säuberung der Leipziger Universität am 24. Oktober 1945 fristlos entlassen worden war, floh er aus der sowjetisch besetzten Zone nach Westdeutschland und bewarb sich Anfang 1946 um den vakanten Lehrstuhl für Pädiatrie an der Universität Marburg. Da sich dieses Ansinnen zerschlug, wurde er im April 1947 Direktor der Landeskinderheilstätte Mammolshöhe bei Kronberg im Taunus und – im Rahmen der Entnazifizierung vor der Spruchkammer Wiesbaden am 26. Juni 1947 – als „entlastet“ eingestuft. Er sei, wie er später in seinem Buch „Leidminderung richtig verstanden“ (Nürnberg 1966) schreibt, ein „überzeugter Antifaschist und Vertreter der Humanität im Dritten Reich gewesen.“

Wie gegenüber zahlreichen anderen „Euthanasie-Ärzten“ wurde auch gegenüber Werner Catel die Eröffnung des Hauptverfahrens wegen Mordes im April 1949 abgelehnt, weil den Ärzten das subjektive „Bewusstsein der Rechtswidrigkeit“ nicht nachzuweisen sei. Bei der Aussetzung der Strafverfolgung argumentierte das Landgericht Hamburg – zwei der drei dabei zuständigen Richter waren selbst aktive Nationalsozialisten gewesen – ferner, dass „die Verkürzung lebensunwerten Lebens“ keinesfalls „dem allgemeinen Sittengesetz widerstreitet“ und man über Fragen der „Euthanasie“ „verschiedener Meinung“ sein könne. In diesem Zusammenhang hatte Catel am 30. September 1948 vor dem Landgericht Hamburg erklärt, dass er das Vorgehen des nationalsozialistischen Staates gegenüber Erwachsenen durchaus verabscheue, die „Euthanasie“ „bei untermenschlich vegetierenden Kindern“ lasse sich aber mit „dem ethischen Arzttum durchaus vereinbaren“. Es stelle keinen Verstoß gegen die Menschlichkeit dar, „sondern deren höchste Erfüllung“.

Trotz des Wissens über Catels Rolle im Nationalsozialismus, bemühte sich die Universität Kiel 1954 erfolgreich darum, ihn zum Ordinarius für Kinderheilkunde beziehungsweise Leiter der Universitätskinderklinik zu ernennen. Sein Vorleben als einer der Hauptverantwortlichen der „Kinder-Euthanasie“ wurde von der Kieler Fakultät und der Landesregierung Schleswig-Holsteins toleriert. Als 1960 starke Kritik an dieser Berufung laut wurde, verteidigte ihn der damalige Kultusminister von Schleswig-Holstein, (Oberkirchenrat) Udo Osterloh: Catel habe „in moralischem Sinne nichts Unrechtes getan.“ Er habe „sein Votum nur abgegeben bei Wesen, die nie menschliches Bewusstsein erlangen würden.“ Eine durchaus kühne Behauptung, wie Ernst Klee zurecht feststellte, da die Gutachter (über Leben und Tod) in fast allen Fällen gutachteten, ohne die Kinder gesehen zu haben.

Nachdem er sich 1960 auf öffentlichen Druck wegen seiner Vergangenheit aus dem Universitätsleben zurückziehen musste, trat er weiter offensiv in der Öffentlichkeit für die „Euthanasie“ ein. 1962 veröffentlichte er das Buch „Grenzsituationen des Lebens“, in dem er die Anstaltsmorde während der NS-Zeit zu rechtfertigen suchte. 1964 nutzte er – anlässlich eines Spiegel-Gesprächs – ebenfalls die Gelegenheit, mit einem Gruselkabinett von kindlichen „Monstren“ und „Idioten mit einem riesigen Wasserkopf“ für die „Euthanasie“ zu werben. Auch mit seiner Autobiographie „Leben im Widerstreit. Bekenntnisse eines Arztes“ (Nürnberg 1974) und dem Buch „Medizin und Intuition. Versuch einer Analyse“ (Stuttgart 1979), trat er offensiv für die „Euthanasie“ ein, behauptete aber im Hinblick auf die NS-Zeit immer zugleich, „unwissend in diese Verbrecherorganisation verstrickt“ gewesen zu sein: „Schon [!] gegen Kriegsende schöpfte ich Verdacht, einem verbrecherischen Unternehmen ins Garn gegangen zu sein, aber erst im Jahre 1962 [während einer Vernehmung] wurde die Vermutung zur furchtbaren Gewißheit.“ Er sei seiner „Leichtgläubigkeit zum Opfer gefallen“ und habe nicht gemerkt, dass „die Kinderfachabteilungen getarnte Tötungsorte waren“.

In seiner abschließenden Vernehmung am 28. April 1964 vor dem Landgericht Hannover – danach wurde endgültig die Strafverfolgung gegen ihn eingestellt – vertrat Catel die Meinung, bei der „Kinder-Euthanasie“ werde nicht gegen das 5. Gebot („Du sollst nicht töten“) verstoßen, denn töten setze „etwas Lebendes voraus“: „Vollidiotische Menschen sind aber biologisch gar keine Menschen, sondern eine stumpf hinvegetierende Masse ohne funktionsfähiges Großhirn. Sie stellen ein ‚überlebendes Präparat’ dar. [...] Beim vollidiotischen Wesen wird also niemals die Stufe eines beseelten Tieres oder eines Menschen erreicht.“ Seines Erachtens waren „vollidiotische Wesen“ auch religiös betrachtet „keine Menschen, da sie eben über keine Personalität verfügen. Die Auslöschung dieser Wesen bedeutet also weder Mord noch Tötung, sondern etwas Drittes, das bisher in der Rechtsprechung nicht berücksichtigt wurde. Ich gebrauche vorläufig dafür den Ausdruck ‚Auslöschung’.“

Der Einwand der Untersuchungsrichter, dass in der religiös bestimmten Krankenpflege, etwa bei der Inneren Mission, doch wohl eine andere Auffassung vertreten werde, beeindruckte Catel offenbar wenig, denn er antwortete: „Man muß unterscheiden zwischen Schwachsinn und Idiotie. Schwachsinnige haben eine – wenn auch verminderte – Personalität. Ich spreche nur von vollidiotischen Wesen. Diese haben eine starke Verminderung der Lebenserwartung, etwa 90 % sterben in den ersten Wochen oder Monaten. Vom religiösen Aspekt aus gesehen löscht Gott diese zentralnervösen Missbildungen wieder aus. Das bedeutet, daß der Mensch, dem aus theologischer Sicht die Gabe der Freiheit gegeben ist, in Demut vor der Theodizee den Weg Gottes nachvollziehen kann.“

Der Zynismus, der aus solchen Sätzen spricht, zeigt sich in seinem ganzen Ausmaß, wenn man weiß, dass die sogenannte „Kinder-Euthanasie“ ja gerade primär dazu benutzt wurde, behinderte Kinder, die bei ihren Eltern lebten, umzubringen. Hierzu schreibt Ernst Klee treffend: „Gott hatte – um in der Sprache Catels zu bleiben – vergessen, diese Kinder auszulöschen, und weil sie lebten, zum Teil glücklich und voller Lebensfreude, wurden sie von den Gutachtern aussortiert und in den Kinderfachabteilungen getötet, da sie als unnütze Esser galten und später keine verwertbare Arbeit leisten konnten.“

Nach seiner Emeritierung wandte sich Catel von seinem früheren Wunsch, „ins Leben hineinzuwirken“, ab und widmete seine wissenschaftliche Neugier der wirklich toten Materie, den Steinen. Mit 77 Jahren promovierte er zum zweiten Mal am Mineralogischen Institut in Kiel zum Dr. rer. nat. Kurz vor seinem 87. Geburtstag starb Werner Catel am 30. April 1981 in Kiel an Altersschwäche. In der Todesanzeige der Universität Kiel heißt es, Catel habe „durch seine wissenschaftlichen und publizistischen Aktivitäten [...] über den engeren Wirkungskreis der Klinik hinaus in vielfältiger Weise zum Wohle kranker Kinder beigetragen“.

Im Februar 1984 machte der tote Catel erneut von sich reden und brachte die Universität Kiel noch einmal in die Schlagzeilen, als er ihr – zur Gründung einer „Werner-Catel-Stiftung“ – eine runde halbe Million Deutsche Mark (DM) vermachte. Aus den Zinsen sollte ein mit 20.000 DM dotierter Preis zur Förderung medizinischer und naturwissenschaftlicher Forschung – der sogenannte „Werner-Catel-Preis“ – alle ein bis zwei Jahre vergeben werden. Empörte Reaktionen in der Öffentlichkeit führten nach längerem Zögern zur Ablehnung des Vermächtnisses und schließlich – zeitlich stark verzögert – zu einer kritischen Würdigung seines Gedenkens durch die Kieler Kinderklinik; 1998 wurde eine Erinnerungstafel unter Catels Bild angebracht, auf der seine Teilnahme an der „Kinder-Euthanasie“ thematisiert wurde.

Werner Catel war freilich nicht nur über lange Jahre hinweg Direktor der Universitäts-Kinderklinik und -Poliklinik gewesen, sondern auch Leiter der staatlichen Schwesternschule Leipzig. In dieser Funktion legte er 1939 sein Lebenswerk vor: „Die Pflege des gesunden und kranken Kindes. Zugleich ein Lehrbuch der Ausbildung zur Säuglingspflegerin und Kinderkrankenschwester“, das im renommierten Georg Thieme Verlag in Leipzig erschien. Das 764 Seiten starke Buch, das fast ein halbes Jahrhundert lang das wesentliche Lehrbuch für angehende Säuglingspflegerinnen und Kinderkrankenschwestern war, erlebte zahlreiche Auflagen: 2. Auflage 1942 (781 Seiten), 3. Auflage 1945 (667 Seiten), 4. Auflage 1952 (650 Seiten), 5. verbesserte Auflage 1956 (655 Seiten), 6., unveränderte Auflage 1959 (655 Seiten), 7., neubearbeitete Auflage 1961 (690 Seiten), 8. neubearbeitete Auflage 1964 (702 Seiten), 9., neubearbeitete und erweiterte Auflage 1967 (628 Seiten). Die 10., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage 1972 (1051 Seiten) erschien – unter Mitarbeit von Fritz Beske und mit einem Geleitwort von Jürgen von Troschke versehen – unter dem Titel „Das gesunde und das kranke Kind. Ein Lehrbuch für die Kinderkrankenschwester“. Die 11., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage hatte einen Umfang von 1066 Seiten. 1983 gab Erich Gladtke unter Mitarbeit von Margarete Adelhardt schließlich die 12., neubearbeitete Auflage heraus (865 Seiten), wobei Werner Catel jetzt nur noch als Mitarbeiter fungierte.

Werner Catels Leipziger Oberärzte und (zumindest) Mitwisser Siegfried Liebe, Erich Häßler (1899-2005) und Hartmut Dost (1910-1985) prägten nach 1945 nachhaltig die Kinderheilkunde der DDR als Chefärzte in Leipzig, Jena und Berlin. Ihnen ist es wohl zu verdanken, dass sein Lehrbuch der Kinderkrankenpflege auch in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) 1956 und 1958 als Lizenzausgabe im Volkseigenen Betrieb (VEB) Georg Thieme Verlag Leipzig erschien.

In dem „Lehrbuch“, an dem unter anderem der Dresdener NSV-Gauamtsleiter Rudolf Büttner (1900-?), der Rassenhygieniker Ferdinand Claußen (1899-1971), Erich Häßler und der – zur Sterilisierung mit Strahlen ermächtigte – Gynäkologe Robert Schröder (1884-1959) mitwirkten, enthält wie selbstverständlich eine Huldigung an Adolf Hitler: „Das Bewusstsein der Gemeinschaft durch Blut und Rasse und der völkischen Zusammengehörigkeit wurde im deutschen Volk erst durch den Führer geweckt“.

Während nach Ansicht der Autoren „körperliche Schwächlichkeit, Kurzsichtigkeit, Gebissmängel, enges Becken, Stillschwierigkeiten“ Eigenschaften sind, die „die durchschnittliche Tüchtigkeit des Volkskörpers herabsetzen“, werden Juden kurzerhand zu Parasiten deklariert: „Die Gefahr der rassischen Überfremdung ist in der Neuzeit allgemein durch die weltwirtschaftlichen Verbindungen zwischen den Völkern gesteigert; für die europäischen Völker liegt sie aber vor allem in der Existenz des fremdrassisch bestimmten Volkes der Juden, deren Lebensform ein wurzelloses Parasitentum ist“.

Das Lehrbuch, mit dem Generationen von Säuglingspflegerinnen und Kinderkrankenschwestern ausgebildet wurden, zeichnet sich insgesamt durch eine technisch-kühle Sprache aus. So ist beispielsweise die Rede von „Stillgeschäften“ oder dem „Aufzuchtswert der Frauenmilch“, ebenso wie von „Stilltechnik“ und der „Technik des Fütterns“, als ob es um Probleme der Viehmast ginge. Diese Ausdrucksweise geht über die Anonymisierung und Neutralisierung der allgemeinen medizinischen Sprache deutlich hinaus und hat Gewaltcharakter, etwa wenn es heißt: „Bereitet die Fütterung Schwierigkeiten und nimmt sie mehr als 10 Minuten in Anspruch, so wird sie nach dieser Zeit abgebrochen. [...] Es muß bei ihm [dem Säugling beziehungsweise Kleinkind] der Eindruck entstehen, daß es für die Pflegeperson völlig uninteressant ist, ob es gut oder schlecht oder überhaupt nicht ißt. [...] Das Kind soll erkennen, daß jede Auflehnung gegen den ‚Stärkeren’ nutzlos ist.“

Werner Catel erhob laut seinem Vorwort den Anspruch, in seinem Lehrbuch „die gesamte Pflege des gesunden und des kranken Kindes [...], sowie die hierfür notwendigen anatomischen, physiologischen, erbbiologischen und klinischen Grundlagen erschöpfend darzustellen“. Das Vorwort wurde weitgehend identisch bis in die jüngeren Auflagen übernommen, seit 1945 fehlt lediglich der Begriff von den „erbbiologischen Grundlagen“. Im Text wurden nach 1945 die Kapitel „Erb- und Rassenlehre“, „Volkspflege“ und das „Gesundheitswesen im Dritten Reich“ entfernt, die bis dahin laut Catel „von großer theoretischer und praktischer Bedeutung“ waren. Gestrichen wurde auch der Passus „Alle Missbildungen sind meldepflichtig“.

Nun, wie sah die „erschöpfende“ Darstellung aus? Die Vermittlung psychologischer Grundkenntnisse war für Catel jedenfalls nicht so wichtig, wenn er schreibt: „Man lernt erst im Laufe der Zeit abschätzen, welche Kinder gütigem Zuspruch zugängig sind und bei welchen man damit nicht zum Ziele kommt. Am schwierigsten ist in der Regel das Kleinkind, bei welchem am besten durch rasches und sicheres Zufassen ohne viel Worte die ganze Prodzedur [gemeint sind ärztliche Untersuchungen und Eingriffe] abgekürzt und hinterher durch eine Liebkosung ohne Ablenkung mit einem Spielzeug usw. der ausgestandene Schrecken oder Schmerz zum Vergessen gebracht wird“.

Werner Catel, der den angehenden Krankenschwestern profundes Wissen vermitteln möchte, gab sich in den 1960er Jahren fortschrittlich. Seinen Ausführungen zufolge sollte die Kinderkrankenschwester „nicht nur die vielfältigen Aufgaben der Pflege eines gesunden und kranken Kindes vollständig beherrschen, sondern darüber hinaus ein tiefgreifendes anatomisches, physiologisches und klinisches Wissen besitzen. [...] Denn nur dann kann die Kinderkrankenschwester der Forderung, auch eine Helferin des Arztes zu sein genügen. Dieser Grundkonzeption der Notwendigkeit einer engen beruflichen Zusammenarbeit zwischen Arzt und Schwester, im Jahre 1939 noch vielfach umstritten, wird gegenwärtig [1967] allgemein zugestimmt. Dies geht auch daraus hervor, daß sich inzwischen Autoren von Büchern ähnlichen Inhalts vielfach unserer Anordnung des Stoffes, die Auswahl der Abbildungen, sowie die Einbeziehung bestimmter Grenzgebiete der Berufsausbildung zu eigen gemacht haben“.

Was sich hier fortschrittlich-liberal anhört, zeigt sich im Abschnitt „Grundregeln“, der das Kapitel über „Die Pflege des kranken Säuglings und des kranken älteren Kindes“ einleitet, freilich ganz anders. Danach gehörten zur Tätigkeit einer Kinderkrankenschwester:

1.      Die allgemeine pflegerische Betreuung des Kindes.

2.      Die Krankenbeobachtung.

3.      Die Durchführung ärztlicher Verordnungen.

4.      Die Hilfe bei ärztlichen Untersuchungen und Eingriffen.

Nach Ansicht von Werner Catel sollte eine gute Kinderkrankenschwester die folgenden Eigenschaften haben: „Äußerste Einsatzbereitschaft, Hingabe, Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, außerdem lebendiges Interesse an den physiologischen und pathologischen Vorgängen im kindlichen Organismus und das ständige Bemühen, in die Zusammenhänge, die zwischen ärztlicher Arbeit und pflegerischer Tätigkeit bestehen, einzudringen.“

Darüber hinaus sollte sich die Kinderkrankenschwester, so Catel, unter anderem folgende „Grundregeln für ihre Tätigkeit“ einprägen:

-          „Peinlichste Sauberkeit sowohl in bezug auf die Arbeit als auch auf ihre Kleidung und ihren Körper. [...].

-          Das Verhalten der Schwester dem Kinde gegenüber sei ein freundliches, liebevolles. Sie sei sich stets bewusst, daß sie an die Stelle der Mutter getreten ist. [...] Dabei sei ihr Auftreten doch von einer gewissen Bestimmtheit, so daß das Kind spürt, daß es unberechtigte Wünsche nicht durchzusetzen vermag. [...].

-          Anordnungen des Arztes ist mit peinlichster Genauigkeit nachzukommen. Zur Vermeidung von Missverständnissen ist bei Entgegennahme der Anordnung diese zu wiederholen und sofort zu notieren. [...] Eigenmächtige Anordnungen dürfen nicht getroffen werden. Ist ein Fehler bei der Durchführung der Anordnung unterlaufen, so ist dies unverzüglich zu melden.

-          Den Angehörigen des Kindes trete die Schwester mit menschlichem Verstehen für deren Angst und Sorge entgegen. Auskunft über die Krankheit und den Zustand des Kindes darf sie nur auf Anweisung des Arztes den Eltern oder dem gesetzlichen Vertreter des Kindes erteilen. [...].

-          Das Anstaltseigentum ist sorgsam und pfleglich zu behandeln. Sparsamer und sinnvoller Materialverbrauch schließt ein gewissenhaftes und hygienisches Arbeiten durchaus nicht aus. [...].“

Das den angehenden Säuglingspflegerinnen und Kinderkrankenschwestern von Catel vermittelte Frauenbild sowie seine Auffassung vom „Bau und Verrichtung der weiblichen Geschlechtsorgane“ sahen wie folgt aus: „Die Beobachtung lehrt, daß sich die weibliche Form des Menschenkörpers von der männlichen durch zahlreiche, ihr besonders eigentümliche Merkmale. [...] Mit Beginn des zweiten Lebensjahrzehnts bilden sich diese eigentümliche Merkmale mehr und mehr heraus. Das ‚junge Mädchen erblüht zur Frau’. In voller Ausprägung bleibt die Blüte bis in das 5. Lebensjahrzehnt hinein erhalten, um danach im Alter wieder ihren äußeren Glanz zu verlieren.“ Und weiter: „Jedes junge Mädchen muß sich darüber klar sein, daß es die Mutter des künftigen Geschlechts wird [also nicht nur die ihrer Kinder] und daß es deshalb das in ihm vereinigte Erbgut sorgsam hüten und nur würdig weitergeben darf. Es muß ihm jederzeit bewusst sein, daß die Vereinigung der Geschlechter zur Vereinigung der Geschlechtszellen führen kann und im Grunde genommen auch führen soll.“

Diese Passagen finden sich fast wortgetreu auch noch in der 9. Auflage von 1967. Wenngleich bis dahin viele allzu deutliche Textstellen und ganze Kapitel gestrichen wurden, die Catels erbbiologische Einstellung unverblümt zeigten, so finden sich immer noch genügend Stellen, die sein unverändertes Menschenbild wiedergeben. So schreibt er etwa über die Erziehung und deren Grenzen:

„Freilich sind der Erziehung Grenzen gesetzt, denn der Verstand und der Charakter sind bei jedem Menschen durch die Erbanlagen bestimmt. [...] Die Auffassung von [Gottfried Wilhelm] Leibnitz [1646-1716], ‚Gebt uns die Kinder, so geben wir euch ein anderes Jahrhundert’ ist von allen Einsichtigen als ein Irrtum erkannt worden. Am normalen Kinde ist Erziehung nur möglich, soweit die Anlagen desselben derartig sind, daß sie durch den Erzieher entwickelt werden können. [...] Seelische Verwahrlosung ist nach dem Gesagten nur zu beheben, soweit sie eine Folge schlechter Verhältnisse bei normaler Anlage des Kindes ist.“


Literatur

Catel, Werner: Ein Fall von einseitiger Stauungspapille infolge von Orbitaltumor, die durch die Krönleinsche Operation geheilt wurde. Dissertation. Halle a.S. 1920.

Catel, Werner: Über den Einfluß verschiedener Ernährungsweisen auf Motilität und Reizbarkeit des Dünndarms von Ratten. Habilitations-Schrift. Leipzig 1926/27.

Catel, Werner (Hrsg.): Die Pflege des gesunden und kranken Kindes. Zugleich ein Lehrbuch der Ausbildung zur Säuglingspflegerin und Kinderkrankenschwester. Georg Thieme. Leipzig 1939.

Catel, Werner: Differentialdiagnostische Symptomatologie von Krankheiten des Kindesalters – klinische Vorlesungen. Georg Thieme. Leipzig 1944 (2. Auflage, Thieme, Stuttgart 1951; 3., völlig neubearbeitete und erweiterte Auflage in 3 Bänden unter dem Titel: Differentialdiagnose von Krankheitssymptomen bei Kindern und Jugendlichen, Thieme, Stuttgart 1961).

Catel, Werner: Grundlagen und Grenzen des naturwissenschaftlichen Weltbildes. Enke. Stuttgart 1948.

Catel, Werner: Vorlesungen über die Tuberkulose des Kindes und Jugendlichen. Arbeitsgemeinschaft medizinischer Verlage. Leipzig 1950 (2., völlig neu bearbeitete Auflage unter dem Titel: Lehrbuch der Tuberkulose des Kindes und des Jugendlichen. Georg Thieme. Stuttgart 1954).

Catel, Werner: Stufen [Gedichte]. Glock & Lutz. Nürnberg 1956.

Catel, Werner (Hrsg.): Kongressbericht der Nordwestdeutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde, 4. bis 6. Mai 1956 in Kiel. Im Auftrag des Vorstandes herausgegeben von Prof. Dr. W[erner] Catel. Hansisches Verlagskontor. Lübeck 1957.

Catel, Werner: Grenzsituationen des Lebens. Beitrag zum Problem der begrenzten Euthanasie (Schriften aus dem Kreis der Besinnung). Glock & Lutz. Nürnberg 1962.

Catel, Werner: Leidminderung richtig verstanden. Mit einer Einleitung von Fabian von Schlabrendorff. Glock & Lutz. Nürnberg 1966.

Catel, Werner: Neue Gedichte. Glock & Lutz. Nürnberg 1968.

Catel, Werner: Leben im Widerstreit. Bekenntnisse eines Arztes. Glock & Lutz. Nürnberg 1974.

Catel, Werner: Medizin und Intuition. Versuch einer Analyse. Georg Thieme. Stuttgart 1979.

Castell, Rolf / Nedoschill, Jan / Rupps, Madeleine / Bussiek, Dagmar: Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland in den Jahren 1937 bis 1961. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2003.

Gerst, Thomas: Catel und die Kinder. Versuche am Menschen – ein Fallbeispiel 1947/48. In: 1999 Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 15 (2000), Seite 100-109.

Grundmann, Kornelia: „Vergangenheitsbewältigung“ nach dem 2. Weltkrieg – zur Berufungspraxis an der Marburger Medizinischen Fakultät. Werner Catel als Bewerber um den Marburger Lehrstuhl für Kinderheilkunde. In: Hafenegger, Benno / Schäfer, Wolfram (Hrsg.): Marburg in den Nachkriegsjahren 3, Entwicklungen in Politik, Kultur und Architektur (Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur, Band 83). Rathausverlag. Marburg 2006, Seite 47-68.

Kästner, Ingrid / Thom, Achim: 575 Jahre Medizinische Fakultät der Universität Leipzig. Barth. Leipzig 1990, Seite 190-191.

Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945? S. Fischer. Frankfurt am Main 2003, Seite 91.

Koch, Franz: Das Lehrbuch von Werner Catel, einem exponierten „Euthanasieprofessor“ aus dem Dritten Reich. In: Geschichte der Krankenpflege. Versuch einer kritischen Aufarbeitung. Herausgeber: Medizinisches Informations- und Kommunikationszentrum Gesundheitsladen e.V., Arbeitsgruppe Krankenpflegegeschichte. [Selbstverlag] Berlin 1984, Seite 11-21.

Kolling, Hubert: „Die Pflege des gesunden und kranken Kindes“. Der Euthanasie-Arzt Werner Catel (1894-1983) und sein Lehrbuch für Säuglingspflegerinnen und Kinderkrankenschwestern. In: Festschrift für Gerhard Aumüller (Schriftenreihe der Universitätsbibliothek Marburg). Marburg 2008 (in Vorbereitung).

Petersen, Hans Christian / Zankel, Sönke: Werner Catel – ein Protagonist der NS-„Kindereuthanasie“ und seine Nachkriegskarriere. In: Medizinhistorisches Journal 38 (2003), Seite 139-173.

Pauleikhoff, Bernhard: Ideologie und Mord. Euthanasie bei „lebensunwerten“ Menschen. Guido Pressler. Hürtgenwald 1986.

Schultz, Ulrich: Dichtung, Heilkunst, Forschung – Der Kinderarzt Werner Catel. In: Reform und Gewissen. „Euthanasie“ im Dienst des Fortschritts, hrsg. vom Verein zur Erforschung der nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik (Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Band 2). Rotbuch. Berlin 1985, Seite 107-124.

www.chgs.umn.edu.

Bildquelle: www.chgs.umn.edu.

CATEL, Werner

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 75-82

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Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=157

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