fbpx
Jun 04, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

Who was who in nursing history: BRUNES, Hille
BRUNES, Hille
Artikel von: Karin Wittneben
Erschienen in Band 4, Seite(n) 58-60.
 

Biographie

Der 1907 von Erich Zechlin vorgelegten Studie „Lüneburgs Hospitäler im Mittelalter“ ist zu entnehmen, dass im Kopialbuch II der Stadt Lüneburg unter dem 4. Juni 1405 die „Gastmeistersche“ Hille Brunes namentlich erwähnt wird. Ihr oblag im Heiligengeist-Hospital der Stadt Lüneburg die Krankenpflege. Sie hatte nicht nur darauf zu achten, dass die Kranken mit Fleisch, Fisch und Gemüse, mit Mandeln, Rosinen und Honig gut verpflegt, sondern auch mit den Sakramenten versehen wurden. Bei der Krankenpflege wurde sie durch zwei Stiftsmägde (Stighmeghede) unterstützt. Außerdem konnte sie gesunde Hospitalinsassen zur Unterstützung heranziehen. Als gesund galten jene Insassen, die eine Pfründe (pfruonta), d. h. ein Recht auf Wohnung und Beköstigung im Hospital erworben hatten. Auf Mittelhochdeutsch lautet eine für deren Beschäftigung getroffene Anweisung aus dem Jahr 1491 wie folgt: „myt den kranken, de to bedde liggen, schollen de anderen brodere unde sustere, de de sundt syn,             medelidinge hebben unde den kranken trostlich wesen, unde offte de gastmestersche to der kranken behoff in redeliken dingen wene to hulpe esschede, dar schal malck willigh to syn“ (zit. n. Zechlin 1907, S. 42).

Zu einem ausgeprägten Pfründenhaus entwickelte sich das Heiligengeist-Hospital erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Als „brodere unde sustere“ (Brüder und Schwestern) galten alle Hospitalinsassen ohne Unterschied. Außer Kranken und Gesunden, den Pfründnern, aber auch den Pilgern und Reisenden, kam noch die Gruppe der Armen im Heiligengeist-Hospital unter. Bei ihnen, den Blinden, Tauben, Lahmen und Verkrümmten hatte die Gastmeisterin dafür Sorge zu tragen, dass diese im Hospital mit Kleidern, Hemden und Schuhen versehen wurden. Die Aussätzigen, die Leprakranken, wurden, wie auch andernorts, gesondert untergebracht, in Lüneburg im Nikolaihof. Obwohl unverkennbar noch von einem christlichen Geist erfüllt, war das Heiligengeist-Hospital in Lüneburg eine städtische Einrichtung, die sich unter der Administration des Rates und nicht mehr, wie Hospitäler in früherer Zeit, der Aufsicht des Klerus befand. Die Gastmeisterin war eine städtische Angestellte, bei Zechlin sogar als Beamtin eingestuft. In anderen Texten, etwa bei Wolff / Wolff oder Seidler, wird die Gastmeisterin als Spitalmeisterin oder Spitalpflegerin bezeichnet. Über ihre Entlohnung wird in der herangezogenen Studie nichts ausgesagt, es kann aber angenommen werden, dass das Entgelt zumindest in Teilen in Naturalien erfolgte, denn die beiden Stiftsmägde erhielten, wie ausdrücklich erwähnt wird, zu Ostern und zu Michaelis je acht Ellen Dresemsches graues Tuch und ein paar Schuhe. Für die innere Verwaltung des Heiligengeist-Hospitals, die „oikonomia“, war der Gastmeister (magister hospitum) zuständig. Die Ökonomie auch des bürgerlichen mittelalterlichen Hospitals schloss, wie Schipperges betont, stets die Fürsorge, die Pflegschaft, die Gastlichkeit gegenüber den Hospitalinsassen ein. Nach Zechlin lässt es sich für das Mittelalter nicht nachweisen, dass das Amt der Gastmeisterin, wie später üblich wurde, von der Ehefrau des Gastmeisters besorgt wurde. Der zu Hille Brunes’ Zeit am 26. März 1394 bestellte Gastmeister hieß Claus Niendorp und war verheiratet. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts beherbergte das Heiligengeist-Hospital 110 Insassen. Die Anzahl der Angestellten und des in der hospitaleigenen Landwirtschaft beschäftigten Gesindes belief sich auf über 50 Personen. Über Hille Brunes’ Ausbildung, ihr Geburts- und Sterbedatum können keine Angaben gemacht werden. Bei ihrer pflegerischen und haushälterischen Tätigkeit dürfte es sich um einen Prozess des „learning by doing“ gehandelt haben. Sie gehörte keiner Schwesternschaft an, und sie war auch keine Frau vom Typ der später in Verruf geratenen Lohnwärterinnen. Die Gastmeisterin bzw. die Spitalmeisterin war im späten Mittelalter eine Frau von angesehenem, bürgerlichem Stand, wie auch Wolff / Wolff anhand einer Frankfurter Hospitalszene aus dem Ölgemälde von Adam Elsheimer anschaulich vermitteln. Als Bürgerliche kann sie am ehesten mit den Frauen verglichen werden, die im 19. Jahrhundert den Pflegeberuf als bürgerlichen Frauenberuf begründeten

Das Lüneburger Heiligengeist-Hospital ist aus dem noch kirchlich gebundenen Lamberti-Siechenhaus hervorgegangen, das 1277 zum ersten Mal erwähnt wurde. Zwischen 1310 und 1320 entstand ein Neubau, der 1322 mit einer eigenen Kapelle versehen wurde. Von nun an hieß das neue Haus „Das Große Hospital zum Heiligengeist bei der Sülze“, das im Prozess der Säkularisierung gänzlich dem Rat der Stadt Lüneburg unterstellt wurde. „Sülze“ heißt eigentlich Salzwasser bzw. Sole. Dem aus der Sülze gewonnenen und weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus vertriebenen Salz verdankte die Stadt Lüneburg ihren damaligen ansehnlichen Wohlstand. Unter den gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen war die Gastmeistersche Hille Brunes eine der angesehenen Personen der Stadt Lüneburg, zumal ein Arzt offenbar noch nicht zum Alltag dieses mittelalterlichen Hospitals gehörte. Ob die Stadt Lüneburg zu Beginn des 15. Jahrhunderts bereits einen Stadtphysikus unter Vertrag hatte, lässt sich aus der Studie Zechlins nicht erschließen. In Begriffen von heute war die Gastmeisterin eine leitende Gesunden-, Kranken-, Behinderten-, Alten- und Kinderpflegerin, denn auch Waisen und Findelkinder konnten in einem mittelalterlichen Hospital wie dem beschriebenen Unterschlupf finden. Die Aufenthaltsdauer einzelner Hospitalinsassen war, wie Schipperges übermittelt, sehr unterschiedlich und konnte von mehreren Stunden bis zu mehreren Jahren betragen.


Literatur

Der große Duden. Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Bibliographisches Institut des Dudenverlags. Mannheim, Zürich 1963.

Jetter, Dieter: Grundzüge der Hospitalgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 1973.

Jetter, Dieter: Das europäische Hospital. Von der Spätantike bis 1800. DuMont. Köln 1986.

Leistikow, Dankwart: Hospitalbauten in Europa aus zehn Jahrhunderten. C. H. Boehringer Sohn. Ingelheim am Rhein 1967.

Lüneburgs Krankengeschichte. Krank sein und gesund werden in Lüneburgs Vergangenheit. Ausstellung im Deutschen Salzmuseum Lüneburg, 16. April 2004 bis März 2005 (Faltblatt).

Mündliche Mitteilungen des Oberstudiendirektors i. R. Wolfgang Senne vom 20. November 2004 an die Verfasserin.

Schipperges, Heinrich: Der Garten der Gesundheit. Medizin im Mittelalter. Artemis. München, Zürich 1985.

Seidler, Eduard: Geschichte der Medizin und der Krankenpflege. 6., neu bearbeitete und erweiterte Auflage der „Geschichte des kranken Menschen“. Kohlhammer. Stuttgart, Berlin, Köln 1993.

Wolff, Horst-Peter: Vergleichende Geschichte der medizinischen Berufsbildung. Recom, Reinhardt. Basel 1994.

Wolff, Horst-Peter, Jutta Wolff: Geschichte der Krankenpflege. Recom, Basel, Eberswalde 1994.

Zechlin, Erich: Lüneburgs Hospitäler im Mittelalter (Forschungen zur Geschichte Niedersachsens. Band I, 6. Heft). Hahnsche Buchhandlung. Hannover, Leipzig 1907.

BRUNES, Hille

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Karin Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Karin Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 58-60

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=150

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge