fbpx
Jan 28, 2020 Last Updated 9:39 AM, Jan 14, 2020

Forschungswelten 2019

Save-the-date: Forschungswelten 2019! Vom 4.-5. April 2019 findet an der Hochsc...

Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: BORKOWSKI, Margarete
BORKOWSKI, Margarete
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) 48-50.
 

Biographie

Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (1933-1945) beteiligten sich nicht nur Mediziner, wie beispielsweise Werner Catel (1894-1981) , Ernst Grawitz (1899-1945) , Siegfried Handloser (1885-1954) , Eva Justin (1909-1966)  oder Herbert Linden (1899-1945) , direkt oder indirekt an der Tötung von geistig und körperlich behinderten, kranken und alten Menschen, sondern auch Krankenschwestern und Krankenpfleger. Angehörige des Pflegepersonals begleiteten Vernichtungstransporte, verabreichten im Auftrag von „Euthanasie“-Ärzten tödliche Injektionen und Medikamente oder ließen ihre Schutzbefohlenen langsam verhungern; schließlich töteten sie auch aktiv und ohne direkte Anweisung ihre Patientinnen und Patienten.

Obwohl mittlerweile einige Arbeiten vorliegen, so etwa von Angelika Ebbinghaus (1987), Ulrike Gaida (2006), Mathias Hamann (1987), Franz Koch (1985), Hilde Steppe (2001) und Antje Wettläufer (2003), die sich kritisch mit dem Pflegepersonal in der NS-Zeit auseinandersetzen, wissen wir noch immer viel zu wenig über diesen dunkelsten Teil pflegerischer Geschichte. Ungeklärt ist etwa, wie viele Krankenschwestern und -pfleger insgesamt beim Morden geholfen oder sogar selbst gemordet haben. Fest steht aber zweifelsfrei, worauf Hilde Steppe (1947-1999)  zurecht hinwies, dass die Pflege als ausführendes Organ an allen Umsetzungsphasen der systematischen Vernichtung beteiligt war.

Wenngleich es auch vorbildliche Beispiele des Widerstandes, der Menschlichkeit und der Fürsorge gab, wie beispielsweise Elsa Eberlein (1910-1979) , Helene Kafka (1894-1943) , Anna Bertha Königsegg (1883-1948) , Sara Nussbaum (1868-1957)  und Gertrud Seele (1916-1945) , stellt sich die Frage, wie es geschehen konnte, dass im Nationalsozialismus Pflegepersonal zum Mörder wurde? Warum haben sich damals Frauen und Männer konträr zu ihrem eigentlichen Berufsethos des Pflegens und Heilens verhalten? Zur Rechenschaft für ihr Handeln gezogene und des Mordes angeklagte Schwestern und Pfleger waren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) zum überwiegenden Teil fest davon überzeugt, „nur ihre Pflicht“ getan zu haben.

Von zahlreichen namentlich bekannten Täterinnen und Täter, wie beispielsweise Luise Erdmann (1901-?), Pauline Kneissler (1900-?), Agnes Kappenberg (1907-?), Edith Korsch (1914-?), Maria Müller (1907-?), Lydia Thomas (1910-?), Anna Wrona (1907-?), Christel Zielke (1913-?), die an den Mordaktionen im Rahmen der sogenannten „T4“ (benannt nach der Berliner Zentrale in der Tiergartenstraße 4) beteiligt waren, konnten die Sterbedaten aus Datenschutzgründen bislang nicht erforscht werden. Lediglich in einigen Fällen ist es gelungen, diese für die jeweilige Biographie wichtigen Daten in Erfahrung zu bringen. Neben Käthe Gumbmann (1898-1985) , Irmgard Huber (1901-1974) , Paul Reuter (1907-1995) , Heinrich Ruoff (1887-1946) , Helene Schürg (1904-1975) , Karl Willig (1894-1946)  und Minna Zachow (1893-1977) gehört hierzu auch Margarete Borkowski.

Margarete („Gretel“) Borkowski wurde am 10. Oktober 1884 in Königsberg (Ostpreußen) geboren. Nachdem sie zirka 15 Jahre als sogenannte Fürsorgeerziehungsschwester in Berlin und Frankfurt an der Oder tätig gewesen war, trat sie im April 1924 beim Bezirksverband Nassau als Schwester in der Landesheilanstalt (LHA) Hadamar (für das sogenannte „Psychopathinnenheim“) ein. Zum 1. Oktober 1939 erfolgte ihre Versetzung zur LHA Herborn, zeitweise war sie auch in der Heilerziehungsanstalt (HEA) Kalmenhof und der LHA Weilmünster tätig. Von dort kam sie am 25. Januar 1943 als fünfte Bezirksverbandspflegrin – neben Irmgard Huber, Lydia Thomas, Agnes Kappenberg und Käthe Gumbmann – wieder zur LHA Hadamar. Dort wurde sie der Frauenstation 1b zugewiesen, auf der die Berliner Schwester Käthe Hakbarth (1896-?) Stationsschwester war. Wie sie später aussagte, habe diese ihr erklärt, dass ein Gesetz bestehe, nach dem die Geisteskranken eingeschläfert würden, und dass die „Berliner Schwestern“ dazu bestimmt seien, das auszuführen. Wenn Schwester Hakbarth dienstfrei habe, hätte sie deren Dienst übernehmen und auch die Einschläferung durchführen müssen. Hierzu hätte sie den zur Tötung bestimmten Kranken in den Abendstunden 8 bis 10 Tabletten Veronal oder Trional geben und für den Fall, dass sie hieran nicht stürben, ihnen am anderen Morgen noch eine tödlich wirkende Injektion von 1 bis 2 ccm Morphium verabfolgen müssen. Margarete Borkowski gab an, auftragsgemäß in etwa 50 Fällen in dieser Weise gehandelt zu haben. Hierbei erklärte sie noch, die Ausführung der Tötungen sei ihr schrecklich gewesen, sie habe das Ganze aber als einen Auftrag angesehen, dessen Ausführung sie nicht habe verweigern können.

Am 7. Juli 1945 wurde Margarete Borkowski aus dem Dienst entlassen und durch die US-Militärpolizei bis Oktober 1945 inhaftiert. Im sogenannten amerikanischen Hadamar-Prozess Wiesbaden (Kriegsverbrecherprozess) wurde sie am 8. Oktober 1945 als Zeugin vernommen. Hierbei sagte sie im Verfahren gegen Heinrich Ruoff und andere im Verhör durch den Ankläger folgendes aus: „Nachdem nun diese Frauen und zwei kleinen Kinder zu Bett gebracht worden waren, kam irgend jemand in den Raum? – Ja, Heinrich Ruoff. Als er hereinkam, hatte er da irgendwelche Instrumente bei sich? – Ja, eine Spritze. Hörten Sie, ob er etwas zu den Menschen in dem Schlafraum sagte, als er hereinkam? – Herr Ruoff sprach sehr freundlich mit ihnen und sagte, daß sie gegen Infektionskrankheiten geimpft würden. Sahen Sie, daß Heinrich Ruoff diese sogenannte Impfung vornahm? – Ja. Überlebten die Patienten diese Impfung? – Nein. Was passierte mit diesen Frauen und den zwei Kindern? – Sie erhielten Injektionen und schliefen dann langsam ein. Den ewigen Schlaf? – Ja. Nachdem sie die Injektion erhalten haben, wie lange dauerte es, bis diese Frauen und kleinen Kinder starben? – Zwanzig Minuten bis anderthalb Stunden.“

Aufgrund eines Haftbefehls vom 14. Februar 1946 wurde Margarete Borkowski noch am selben Tag in Hadamar oder Limburg festgenommen und nach Limburg in Untersuchungshaft gebracht. Am 2. April 1946 erfolgte Anklage. Nach Überzeugung der Justiz hatte sie am sogenannten Euthanasieprogramm des Nationalsozialismus als „Gehilfin“ teilgenommen und wurde daher am 26. März 1947 wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 50 Fällen von der 4. Strafkammer in Frankfurt am Main – im sogenannten Hadamar-Prozess Frankfurt – zu 2 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus verurteilt; zugleich wurden ihr die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 2 Jahren aberkannt. Bei der Urteilsfindung hatte das Gericht den Einwand des fehlenden Unrechtsbewusstseins, des Rechtsirrtums, des tatsächlichen oder vermeintlichen Befehlsnotstands nicht anerkannt. Die Angeklagte sei zwar zur strengen Verschwiegenheit verpflichtet gewesen und deshalb sogar vereidigt und mit schweren Strafen bedroht worden, wenn sie dagegen verstoßen hätte, von einem Befehlsnotstand könnte aber keine Rede sein. So seien etwa Anträge auf Arbeitsplatzwechsel, wenn nicht aus anderen Gründen Bruch der Verschwiegenheit zu befürchten war, nicht abgelehnt worden, wie mehrere Beispiele belegten. Allenfalls sei, wer ausscheiden wollte, auf die allgemein bestehende Arbeitspflicht hingewiesen, aber nicht bedroht worden. Nur wer durch aktives Handeln die Fortsetzung der Morde behindert hätte, habe mit Bestrafung rechnen müssen.

Am 16. August 1948 meldete sich Margarete Borkowski in Hadamar an. Noch bevor ihr Revisionsverfahren abgeschlossen war, starb sie dort am 17. Oktober 1948 im dortigen Altersheim.


Literatur

Aly, Götz (Hrsg.): Aktion T4. 1939-1945. Die Euthanasie-Zentrale in der Tiergartenstr. 4. Hentrich. Berlin 1987 (2. Auflage 1989).

Boberach, Heinz: Die strafrechtliche Verfolgung der Ermordung von Patienten in nassauischen Heil- und Pflegeanstalten nach 1945. In: Landeswohlfahrtsverband Hessen, Kassel (Hrsg.): Euthanasie in Hadamar. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in hessischen Anstalten. Begleitband. Eine Ausstellung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. Leitung, Konzeption und Texte der Ausstellung: Christina Vanja (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Kataloge Band 1). Kassel 1991, Seite 165-174.

Der Magistrat der Stadt Hadamar, Stadtbüro / Meldewesen: Schriftliche Mitteilungen an den Verfasser vom 5. März 2003 und 9. April 2003.

Ebbinghaus, Angelika (Hrsg.): Opfer und Täterinnen. Frauenbiographien des Nationalsozialismus (Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 2). Franz Greno. Nördlingen1987, Seite 218-247.

Gaida, Ulrike: Zwischen Pflegen und Töten. Krankenschwestern im Nationalsozialismus. Einführung und Quellen für Unterricht und Selbststudium. Mabuse. Frankfurt am Main 2006.

Greve, Michael: Die organisierte Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ im Rahmen der „Aktion T4“. Dargestellt am Beispiel des Wirkens und der strafrechtlichen Verfolgung ausgewählter NS-Tötungsärzte (Reihe Geschichtswissenschaft, Band 43). Centaurus. Herbolzheim 2006.

Hamann, Matthias: Die Morde an polnischen und sowjetischen Zwangsarbeitern in deutschen Anstalten. Beispiel Hadamar. In: Aussonderung und Tod. Die klinische Hinrichtung der Unbrauchbaren (Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Band 1). Mit Beiträgen von Götz Aly [und anderen]. Herausgegeben vom „Verein zur Erforschung der nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik e.V. (1. Auflage 1985). Zweite Auflage. Rotbuch. Berlin 1987, Seite 121-187.

Kintner, Earl W. (Hrsg.): The Hadamar Trial (War Crimes Trials, Band 4). London, Edingburgh, Glasgow. Hodge 1949.

Koch, Franz: Die Beteiligung von Krankenschwestern und Krankenpflegern an Massenverbrechen im Nationalsozialismus. In: Krankenpflege im Nationalsozialismus. Versuch einer kritischen Aufarbeitung. Herausgegeben von der AG Krankenpflegegeschichte. (1. Auflage 1984). Zweite, erweiterte Auflage. Mabuse. Frankfurt am Main 1985, Seite 25-67.

Landeswohlfahrtsverband (LWV) Hessen, Archiv, Ständeplatz 6-10, 34117 Kassel: Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 28. Januar 2003.

Mitscherlich, Alexander / Mielke, Fred (Hrsg.): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Fischer-Taschenbuch. Frankfurt am Main 1960 (16. Auflage 2004), Seite 212.

Rüter, Christian Frederick / Rüter-Erlemann, Adelheid L.: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1999. APA Holland Univ. Press Amsterdam und Saur. Amsterdam und München 1968-1999.

Sandner, Peter: Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Hochschulschriften Band 2). Psychosozial. Gießen 2003, Seite 726.

Standesamt I in Berlin, Rückerstraße 9, 10119 Berlin: Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 31. März 2003.

Steppe, Hilde: „Mit Tränen in den Augen haben wir dann diese Spritzen aufgezogen“. Die Beteiligung von Krankenschwestern und Krankenpflegern an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In: Steppe, Hilde (Hrsg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. 9. Auflage. Mabuse. Frankfurt am Main 2001, Seite 137-174.

Steppe, Hilde / Ulmer, Eva-Maria (Hrsg.): “Ich war von jeher mit Leib und Seele gerne Pflegerin.” Über die Beteiligung von Krankenschwestern an den „Euthanasie“-Aktionen in Meseritz-Obrawalde (Bericht der studentischen Projektgruppe im Nationalsozialismus an der Fachhochschule Frankfurt / Main 1998 / 1999). (1. Auflage 1999). Zweite Auflage. Mabuse. Frankfurt am Main 2001.

Wettlaufer, Antje: Die Beteiligung von Schwestern und Pflegern an den Morden in Hadamar. In: Roer, Dorothee / Henkel, Dieter (Hrsg.): Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945. Dritte, unveränderte Auflage. Mabuse. Frankfurt am Main 2003, Seite 283-330.

www.1.jur.uva.nl/junsv/Excerpts/017a001.htm. [10.01.2003]

BORKOWSKI, Margarete

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 48-50

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=146

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge

datenbankbanner 2