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Forschungswelten 2019

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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: BONIN, Margot von
BONIN, Margot von
Artikel von: Karin Wittneben
Erschienen in Band 4, Seite(n) 44-48.
 

Biographie

Margot von Bonin, wenngleich nur vorübergehend als Rotkreuzoberin tätig, verdient dennoch pflegehistorische Beachtung. Sie war die erste Leiterin der Kieler Oberinnenschule, die selbst eine pflegeberufliche Weiterbildung durchlaufen hatte, und sie war die Gründungsoberin der heutigen DRK-Schwesternschaft Essen e. V. Die folgende Lebensskizze stützt sich auf Texte, die im Umfeld von Rotkreuzschwesternschaften entstanden sind, sowie auf eigene Recherchen. Bisher unveröffentlichte Daten sind schriftlichen Mitteilungen des Deutschen Adelsarchivs, des Stadtarchivs Essen und Hinweisen der Vorsitzenden der DRK-Schwesternschaft Essen e. V. zu verdanken.

Nach ihrem Selbstverständnis gehörte Margot von Bonin gebildeten und bemittelten Kreisen an. Davon unterschied sie einfachere Verhältnisse und unterste Schichten. Dieses Selbstverständnis hatte seinen Grund. M a r g o t  Alexandra Therese Johanna Arnoldine von Bonin wurde am 24. Juni 1880 in Bottschow (heute polnisch Boczow) geboren und evangelisch getauft. Das Kirchspiel Bottschow / Kreis Weststernberg in der Neumark gehörte zur evangelischen Kirche der altpreußischen Union. Sie war die Tochter des königlich-preußischen Kammerherrn, Rittmeisters a. D., Gutsbesitzers und Rechtsritters des Johanniterordens  S i e g f r i e d  Friedrich Fürchtegott von Bonin (1852-1929) und seiner Ehefrau Arnoldine, geborene Gräfin Finck von Finckenstein (1857-1918). Margots ältester Bruder, Siegfried von Bonin (1878-1929), ein promovierter Jurist, war ebenfalls Rechtsritter des Johanniterordens. So war ihre pflegeberufliche Laufbahn familiär nahezu vorprogrammiert.

Ihrem familiären Hintergrund entsprechend, erhielt sie 1905 / 1906 eine sechsmonatige krankenpflegerische Ausbildung als Johanniterschwester in dem ihrem Heimatort nahe gelegenen Diakonissenmutterhaus „Lutherstift“ in Frankfurt an der Oder / Brandenburg. Die Entstehung des Lutherstifts war anlässlich der Feiern zum 400. Geburtstag Martin Luthers im Jahr 1883 von dem damaligen Frankfurter Regierungspräsidenten und späteren preußischen Staatsminister, Wilhelm Karl von Heyden-Cadow (1839-1920), angeregt worden, der während seiner Amtstätigkeit in Stettin (heute polnisch Szczecin) die Arbeit des dortigen Diakonissenmutterhauses „Bethanien“ und seiner Schwesternschaft kennen gelernt hatte. Die erste Oberin des Lutherstifts und des 1891 fertig gestellten Krankenhauses, die Diakonisse Elisabeth Jahn, war aus dem Stettiner Diakonissenmutterhaus Bethanien entsandt worden. Sie amtierte 35 Jahre bis zum 1. Januar 1926 in Frankfurt / Oder. In dieser Zeit war sie auch die leitende Schwester von Margot von Bonin.

Eine weitere, bisher dokumentierte Station im Berufsleben Margot von Bonins war das Anscharschwesternhaus und Krankenhaus vom Roten Kreuz in Kiel, dem 1905 die 1903 von Clementine von Wallmenich (1849-1908)  konzipierte und in München begonnene Oberinnenschule angeschlossen worden war. Das Zentralkomitee der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz in Berlin hatte am 14. Mai 1902 die „Bestimmungen über die versuchsweise Errichtung einer Oberinnenschule in München“ genehmigt (zit. n. Schmidt-Meinecke 1978, S. 6). Auf der Jahressitzung des Verbandes Deutscher Krankenpflegeanstalten vom Roten Kreuz am 23./24. Oktober 1905 in Hamburg wurde bekannt gegeben: „Die mit Hilfe des Zentralkomitees eingerichtete Oberinnenschule unseres Verbandes ist zum 1. Oktober 1905 nach Kiel an unser dortiges Mitglied Anscharhaus verlegt worden“ (ebd., S. 12). Das Anscharhaus war Mutterhaus und Krankenhaus des Vereins „Anscharhaus vom Roten Kreuz“. Kurz nachdem Margot von Bonin nach mehrjähriger Tätigkeit im Anscharhaus dort einen 6-monatigen Oberinnenlehrgang absolviert hatte, wurde der 29-Jährigen am 21. April 1910 vom Vorstand des Mutterhauses die Leitung des Anscharhauses übertragen. Im Amt der Oberin folgte sie Auguste Wickel (1857-1910) . Eine Weiterbildung, nicht nur eine Ausbildung, war inzwischen dringend angezeigt, denn die Leitungstätigkeit umfasste jetzt die Leitung der Oberinnenschule, der Krankenpflegeschule, des Pflegedienstes im Anscharkrankenhaus und der Anscharschwesternschaft. In christlicher Ausrichtung leitete das 1873 gegründete Kieler „Mutterhaus für Krankenpflegerinnen“ seinen Namen erst seit 1890 von Ansgar (801-865) her, der 864 Erzbischof von Hamburg und Bremen wurde. Er förderte die Ausbreitung des Christentums und wird deshalb der „Apostel des Nordens“ genannt. Dem evangelischen Geist des Kieler Mutterhauses entsprach der Leitspruch: „Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. Joh., Kap. 12, Vers 26“ (zit. n. Schmidt-Meinecke 1973, S. 5). Die entschieden christliche Ausrichtung dürfte für die in einem Diakonissenmutterhaus ausgebildete Johanniterschwester bei der Wahl dieses Hauses maßgeblich gewesen sein. Margot von Bonin wirkte nur für eine kurze Zeit als Oberin in Kiel. Schon nach einem Jahr wurde sie 1911 von Ellen Lorentzen (1867-1947)  abgelöst, die ebenfalls die Oberinnenschule absolviert hatte. Die Kieler Oberinnenschule, die ihre Fortsetzung 1927 in der Wernerschule in Berlin fand und seit 1944 in Göttingen weiter besteht, soll damals die einzige pflegeberufliche Weiterbildungsstätte dieser Art in Europa gewesen sein.

Margot von Bonin aus dem Haus Bottschow erhielt 1913 einen Ruf auf die Oberinnenstelle des neu gegründeten „Rheinischen Mutterhauses vom Roten Kreuz in Essen“, seit 1970 „DRK-Schwesternschaft Essen e. V.“. Mit ihr kamen mehrere Kieler Schwestern nach Essen. Im April 1913 umfasste das neue Mutterhaus vom Roten Kreuz 34 Schwestern, 19 Schwesternschülerinnen und vier Hilfsschwestern. Sie übernahmen den Pflegedienst in den neu erbauten Städtischen Krankenanstalten Essen, heute das Universitätsklinikum Essen. Eine bekannte und inzwischen kritisch zu bewertende Krankenschwester, die ihre Ausbildung in den Städtischen Krankenanstalten Essen erhalten hat, ist Amalie Rau (1888-1974) , die ehemalige kommissarische Leiterin der „Reichsfachschaft deutscher Schwestern und Pflegerinnen“. Sie gehörte dem Rheinischen Mutterhaus vom Roten Kreuz bis 1921 an. Sie könnte noch eine Schülerin Margot von Bonins gewesen, vielleicht sogar mit ihr aus Kiel nach Essen gekommen sein. Der Oberin von Bonin oblag während des Ersten Weltkrieges die Entsendung von Schwestern an die West- und Ostfront einschließlich des Einsatzes in Lazarettzügen. Mit den Kriegsverpflichtungen, obwohl für eine kleine Schwesternschaft eine große Belastung, befand sich Margot von Bonin offenbar in Übereinstimmung. In einer kleinen Schrift „Die Schwester vom Roten Kreuz“ wandte sie sich 1913 an Mädchen gebildeter und bemittelter Kreise mit der Bitte, sich einmal zu überlegen, ob sie nicht in einer Rotkreuzschwesternschaft ihrem Leben Inhalt und Zweck geben könnten. Als einen Grundzug von Rotkreuzschwesternschaften nennt sie deren Entstehung in engstem Anschluss an das Heer. Im Gegensatz zu den Schwestern religiöser Gemeinschaften würden Rotkreuzschwestern deshalb vielfach auch „vaterländische Schwestern“ genannt. Von der Krankenpflege hatte sie eine hohe, christlich fundierte Auffassung. Zur Ausübung einer „reinen Krankenpflege“ bedürfe es tiefer sittlicher Kraft, die sie als Ausfluss einer in Gott gegründeten, freien Persönlichkeit verstand, wahrer Herzensbildung und genossenschaftlichen Haltes. Als Erziehungsmittel nennt sie an erster Stelle die Gottesdienste, dann den Geist und das Leben des Hauses, ferner die Arbeit, die Schwesterngemeinschaft und die Stunden der Ärzte und der Oberin. Als Rahmen des Lehrplans des Rheinischen Mutterhauses vom Roten Kreuz nennt sie a) ethische Schulung, b) praktische Schulung, c) Unterweisung über Verhalten gegen den Mitmenschen und d) Berufsschulung im weiteren Sinne. Das sind grobe Ausbildungsziele, die auch heute noch, inhaltlich anders gefüllt, Geltung beanspruchen können. Von der Qualität der technischen Ausbildung der Rotkreuzschwestern war sie überzeugt: „Und wir können es tatsächlich mit Stolz sagen, dass auf technischem Gebiet uns keine Schwesternschaft überlegen ist, und dass hier selbst die so viel gerühmten englischen Schwestern weit hinter uns zurückstehen“ (von Bonin 1913, S. 4-5).

Im Gegensatz zu dieser selbstbewusst und selbständig denkenden Leitenden Schwester gab der erste Ärztliche Direktor der Städtischen Krankenanstalten Essen (bis 1911), Julius Grober (1875-1967), ein streng hierarchisch geregeltes Verhältnis zwischen Arzt und Schwester vor: „Da sich die gesamte Arbeit der Schwesternschaft auf den Zweck der Anstalt einstellen soll, so steht der Dienst und mit ihm die Tätigkeit der Oberin nach dieser Richtung unter der Leitung des Direktors, der grundsätzlich für die Tätigkeit und die Ausbildung der Schwestern die Verantwortung trägt. Aber auch in inneren Angelegenheiten der Schwesternschaft, die einen männlichen Vertreter brauchen, wird die Oberin in dem Direktor den besten Berater finden“ (Grober 1932, S. 684 f.).

Der standesbewussten, bis an die Grenze der Selbstgefälligkeit gehenden Oberin aus privilegierter adeliger Familie und zu ihrer Zeit überdurchschnittlich qualifizierten Berufsschwester muss ein so grundlos bevormundender Stil, der Führung bis in die inneren Angelegenheiten der Schwesternschaft vorsah, ungewohnt und unpassend vorgekommen sein. Trotz eines deutlichen Plädoyers für den Beruf der Rotkreuzschwester schied Margot von Bonin schon 1917 aus bisher unbekannten Gründen aus ihrer Oberinnentätigkeit in Essen aus. Nach 1917 verliert sich ihre Spur. Margot von Bonin verstarb am 4. Februar 1945 in Bottschow, ihrem Heimatdorf, das 1939 nur 481 Einwohner zählte. Im Unterschied zu ihren vier Geschwistern blieb sie unverheiratet. Im Genealogischen Handbuch des Adels wird sie als Oberin a. D. geführt. Ihre Schwägerin, die Witwe ihres ältesten Bruders Siegfried, Elisabeth von Bonin, geborene von Wartenberg (1881-1940) war, wie es damals hieß, die letzte Gutsherrin auf dem Gut Bottschow. Anfang Februar 1945, kurz vor dem Todestag Margot von Bonins, rückte die Rote Armee in den Kreis Weststernberg vor.

Zur Beantwortung der spannenden Frage, ob Margot von Bonin sich 1917 in ein Privatleben auf dem elterlichen Gut zurückgezogen hat und ggf. warum, konnten noch keine Quellen aufgefunden werden. Ein Rückzug ins Private ließe sich z. B. mit dem Tod der Mutter im Jahr 1918 erklären, denn oft genug waren es die ledigen Töchter, die im Krankheitsfall eine häusliche Pflege übernehmen und im Todesfall die Lücke im Haushalt, hier einem großen Gutshaushalt, füllen mussten. Margot von Bonin war für beide Aufgabenbereiche prädestiniert. Denkbar wäre allerdings auch, und diese Annahme müsste noch eingehend geprüft werden, dass Margot von Bonin, die Frau vom Lande, sich nach Ausflügen in die aufstrebenden Industriestädte Kiel und Essen in die Idylle von Bottschow zurückgesehnt hat.


Literatur

Anonym: Das Diakonissenmutterhaus Lutherstift in Frankfurt an der Oder. In: Rathmann, [?]: Brandenburg. Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten. Fritz. Düsseldorf 1929, Seite 107-111.

Auszug aus dem Verzeichnis der Johanniter-Schwestern, wie sie vom 1. Oktober 1909 ab den einzelnen Provinzialgenossenschaften bzw. Diakonissenmutterhäusern zugeteilt sind, mit Angabe der Kommendatoren, Diakonissenmutterhäuser und Obhutritter [ohne Orts- und Jahresangabe] (Standort: Archiv der Johanniter-Schwesternschaft, Berlin, ohne Signatur).

Bonin, Margot von: Die Schwester vom Roten Kreuz. [Ohne Ortsangabe]. 1913 (Standort: Stadtarchiv Essen, Sign. 471 Nr. 194).

Deutsches Rotes Kreuz Schwesternschaft Essen e. V. (Hrsg.): 75 Jahre Deutsches Rotes Kreuz Schwesternschaft Essen e. V. 1913-1988. Essen 1988.

DRK-Anschar-Schwesternschaft Kiel e. V. http://www.anschar-schwestern.de/chronik.html [01.12.2006].

Grober, Julius: Leitung und Organisation von Krankenanstalten. In: Grober, Julius (Hrsg): Das deutsche Krankenhaus. Dritte Auflage. Fischer. Jena 1932, Seite 679-691 (1. Auflage 1911).

Hirschfeld, Magnus: Erotik in der Krankenpflege. In: Hirschfeld, Magnus / Gaspar, Andreas (Hrsg.): Sittengeschichte des Ersten Weltkrieges. Erweiterte, überarbeitete Ausgabe. Schustek. Hanau am Main [um 1960], Seite 121-138.

Margot Alexandra Therese Johanna Arnoldine [von Bonin], Oberin a. D. In: Deutsches Adelsarchiv (Hrsg.): Genealogisches Handbuch des Adels, Adelige Häuser A, Bd. III. Starke. Glücksburg 1957, Seite 52.

Müller, Walter: Vom Wöchnerinnenasyl zum Universitätsklinikum. Die Geschichte des Städtischen Krankenhauswesens in Essen (Studien zur Geschichte des Krankenhauswesens, Band. 15). Murken-Altrogge. Münster 1981.

Nielsen, Karl: Das Anschar-Schwestern- und Krankenhaus in Kiel. In: Gleisz, Friedrich: Handbuch der Inneren Mission in Schleswig-Holstein. Herausgegeben vom Landesverein für Innere Mission in Schleswig-Holstein, Neumünster. Nölke. Bordesholm 1917, Seite 296-299.

Oberinnenvereinigung im Deutschen Roten Kreuz (Hrsg.): Der Ruf der Stunde. Schwestern unter dem Roten Kreuz. Kohlhammer. Stuttgart 1963.

Schmidt-Meinecke, Sigrid: DRK Anschar-Schwesternschaft und Krankenhaus e. V. Kiel 1872/73 bis 1972/73. Kiel 1973.

Schmidt-Meinecke, Sigrid: 75 Jahre Weiterbildung für Schwestern im Deutschen Roten Kreuz 1903-1978. Rank. Speyer 1978.

Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz e.V. (Hrsg.): Rotkreuzschwestern. Die Pflegeprofis. Menschlichkeit – die Idee lebt. Olms. Hildesheim, Zürich, New York 2007.

Wittneben, Karin: Zur Situation der Weiterbildung von Pflegekräften zu Pflegelehrkräften in Deutschland von 1903 bis 1993. In: Mischo-Kelling, Maria und Karin Wittneben (Hrsg.): Pflegebildung und Pflegetheorien. Urban & Schwarzenberg. München 1995, Seite 252-291.

Bildquelle: Deutsches Rotes Kreuz Schwesternschaft Essen e. V. (Hrsg.): 75 Jahre Deutsches Rotes Kreuz Schwesternschaft Essen e. V 1913-1988. Essen 1988, Seite 20.

BONIN, Margot von

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Karin Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Karin Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 44-48

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