fbpx
Jan 28, 2020 Last Updated 9:39 AM, Jan 14, 2020

Forschungswelten 2019

Save-the-date: Forschungswelten 2019! Vom 4.-5. April 2019 findet an der Hochsc...

Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: ESSE, Carl Heinrich
ESSE, Carl Heinrich
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 5, Seite(n) 64-66.
 

Biographie

In der Krankenpflege war die Wirksamkeit von Franz Anton Mai (1742-1814) , der 1781 in Mannheim die erste deutsche Krankenpflegeschule eröffnete und für deren Zöglinge ein Lehrbuch unter dem Titel „Unterricht für Krankenwärter zum Gebrau­che öffentlicher Vorlesungen“ veröffentlichte, bahnbrechend. Wenngleich die Mannheimer Schule für Krankenwärter ebenso wieder er­losch wie sein 1801 in Heidelberg gestarteter Versuch einer „Schule für Gesundheits- und Krankenwärterlehre für weibliche Zöglinge“, hatte seine Initiative in Deutschland Signal­wirkung, indem sich immer mehr Ärzte der Heranbildung von geschultem Pflegepersonal widmeten. Zu nennen sind in diesem Zusam­menhang etwa Johann Gottfried Pfähler und seine Veröffentlichung „Unterricht für Perso­nen, welche Kranke warten“ (Riga 1793), Johann Andreas Garn (1755-1809)  mit seinem Buch „Unmasgebliche Vorschläge zur Errichtung einer öffentlichen Krankenpflege für Arme jeden Orts und zur Abstellung der Kuren durch Afterärzte” (Wittenberg 1789) und Ernst Schwabe (1754-1824)  mit seiner “Anweisung zu den Pflichten und Ge­schäften eines Stadt- oder Land-Physikus“ (Erfurt 1786).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden dann mehrere Lehrbücher der Krankenpflege veröf­fentlicht, so etwa von dem Arzt Franz Chris­tian Carl Krügelstein (1779-1864)  das „Handbuch der allgemeinen Krankenpflege“ (Erfurt 1807); bereits ein Jahr zuvor (1806) hatte der Theologe Erhard Mangold (1770-1809)  in Bamberg seinen „Katechismus für Krankenwärterinnen“ veröffentlicht. Im Jahre 1813 erörterte der Mediziner Franz Xaver Häberl (1759-1846)  dann die Frage, welches der beiden Geschlechter sich mehr für den Krankenpflegedienst eignet, 1857 legte Verwaltungsdirektor Carl Heinrich Esse schließlich unter der Überschrift „Die Krankenhäuser, ihre Einrichtung und Ver­waltung“ einen umfassenden Entwurf zu einer Dienstanweisung für Krankenhauswärter und -wärterinnen vor.

Carl (Karl) Heinrich Esse wurde als Sohn eines armen Schlossers 1808 in Berlin gebo­ren. Nach Beendigung seiner Schulzeit trat er zunächst in den Militärdienst ein, verließ den­selben aber alsbald wieder, um in untergeord­neten Stellen bei der Regierung in Stettin und dem königlichen Polizeipräsidium von Berlin zu arbeiten, bis er 1832 das Amt eines Ren­danten (Rechnungsführers) der königlichen Charité erhielt. Dieser Einrichtung blieb er bis kurz vor seinem Tode erhalten, seit 1845 als Oberinspektor, zuletzt (seit 1850) als Ver­waltungsbeamter beziehungsweise Kranken­hausdirektor. Die Frage, ob die Leitung eines Krankenhauses in den Händen eines Verwal­tungsdirektors oder eines Arztes liegen sollte, wurde in Berlin lange diskutiert. Das Beispiel der Charité fürchtend setzte sich etwa Rudolf Virchow (1821-1902)  bei der Konzep­tion der Städtischen Krankenhäuser Berlins dafür ein, die Anstaltsdirektoren unter ärzt­liche Leitung zu stellen.

Die Tätigkeit von Esse wurde für die Kran­kenhaushygiene, insbesondere in Preußen, von großer Bedeutung. Gleichzeitig war er einer der ersten in Deutschland, der nicht die großen monumentalen Krankenhausbauten favorisierte, sondern das entgegengesetzte Prinzip kleinerer Spitäler, ein- bis zwei­geschossige Bauten, akzeptierte und – nach amerikanischem Vorbild – 1866/67 die Bara­cke der Chirurgischen Abteilung der Charité plante und bauen ließ. Die dort einquartierten Patienten, die frisch operiert waren, hatten zumeist komplikationslose Heilverläufe. Sie bestätigten die guten Erfahrungen, die man mit der Unterbringung von verwundeten Sol­daten schon früher in Zelten und in Lazaretten im Krimkrieg (1853-1856), im nordamerika­nischen Sezessionskrieg (1861-1865) und im Preußisch-Österreichischen Krieg (1866) ge­macht hatte. Nach dem Muster der Berliner Charité ergänzte man dann fast überall bis 1910 die Krankenhausanlagen, um die Thera­piemöglichkeiten zu verbessern und vor allem den Wundfieberepidemien vorzubeugen. Früh findet man so etwa vorbildlich weiterent­wickelte Baracken dieser Art unter anderem auf den Arealen der Städtischen Krankenhäu­ser von Bremen (1870), Krefeld (1872) und Halberstadt (1874). Im großen Rahmen ver­wirklichte man das Essesche Barackenmodell erstmals auf dem Tempelhofer Felde in Berlin 1870 in Form eines dezentralisierten Lazaretts mit über 50 Einzelgebäuden für 1.500 Ver­wundete des deutsch-französischen Krieges (1870/71). Im gleichen Jahr wurde eine Viel­zahl ähnlicher Lazarettanlagen sowohl in Deutschland (Aachen, Hamburg-Altona, Frankfurt am Main, Karlsruhe, Leipzig, Mün­chen) als auch in Frankreich (Nancy, Paris) errichtet.

Als Direktor der Berliner Charité war Esse auch vortragender Rat im preußischen Minis­terium der geistlichen, Unterrichts- und Me­dicinalangelegenheiten, der bei allen Fragen des Krankenhauses zu Stellungnahmen aufge­fordert wurde, so etwa beim Bau des Städti­schen Krankenhauses „Im Friedrichshain“ in Berlin (1868-1874). Gleichzeitig hatte er auch Anteil an der Organisation der freiwilligen Krankenpflege und der damit großenteils zu­sammenhängenden Neubildung des preußi­schen Militärsanitätswesens. Die Errichtung des nach dem sogenannten Barackensystem („Pavillonstil“) ausgeführten Augusta-Hospi­tals und das mit demselben verbundenen Asyl für Krankenpflegerinnen zu Berlin mit seiner musterhaften Ausstattung und Organisation war der Höhepunkt seiner praktischen Tätig­keit. Unter den von ihm geleiteten Kranken­hausbauten ist auch das am 3. September 1861 neu eröffnete jüdische Krankenhaus Berlin zu nennen, bei dessen Erbauung er nicht nur als Berater fungierte, sondern auch für dessen Einrichtung die Wassertoiletten konstruierte.

Carl (Karl) Heinrich Esse veröffentlichte zahlreiche wichtige Schriften, in denen er sich wiederholt auch über das Pflegepersonal äußerte. So sind seine 1850 vorgelegten „Ge­schichtliche[n] Nachrichten über das König­liche Charité-Krankenhaus zu Berlin“ ein wichtiges zeithistorisches Dokument, wenn er unter anderem berichtet: „Für die Verbesse­rung des Krankenwartpersonals wurde in der ausgedehntesten Weise gesorgt. Man hatte erkannt, daß das Wartpersonal, das nur aus gedungenen Personen bestand, den Anforde­rungen nicht mehr entsprach, die man an ein wohleingerichtetes Krankenhaus auch in die­ser Beziehung zu machen berechtigt war. Es boten sich indessen den auf Verbesserung des Wartpersonals gerichteten Absichten die mannigfaltigsten Schwierigkeiten, da man sich immer mit bezahlten Wärtern und Wärte­rinnen begnügen mußte, und es ein frommer aber unerfüllter Wunsch blieb, Personen, die sich lediglich um der christlichen Barmher­zigkeit willen dem Krankendienst widmeten, zu gewinnen. Es ist zu diesem Zweck der Versuch gemacht worden, einige in der Dia­konissenanstalt des Predigers [Theodor] Fliedner [(1800-1864) ] zu Kaiserswerth ausgebildete Pflegerinnen einzuführen. Indes­sen ist diese Zahl bis jetzt auf 15 stehen ge­blieben, da es an der zureichenden Anzahl Diakonissen überhaupt fehlte, auch mancher­lei andere Schwierigkeiten durch das aufge­hobene Abhängigkeitsverhältnis der Diako­nissen von ihrer Mutteranstalt sich heraus­stellten. Es mußten daher die beabsichtigten Reformen auf anderem Weg herbeigeführt werden. Dieser bot sich bei dem Umstand, daß das Wartpersonal sich lediglich des Le­bensunterhalts wegen dem Krankendienst widmete, darin, daß man die Stellung des Wartpersonals dadurch verbesserte, 1. daß man dasselbe ausschließlich für den eigentli­chen Krankendienst verpflichtete und von allen damit in Verbindung stehenden gröberen Arbeiten befreite und diese besonderen Dienstleuten übertrug; 2. daß man dem Wart­personal eine besonders gute Beköstigung gewährte, so daß die Versuchung zur Beein­trächtigung der Kranken ihnen fern gehalten wurde; 3. daß man ihm eine gleichmäßige saubere Bekleidung gab, und endlich, 4. daß die Direktion die Befugnis erhielt, verdienten Wärtern und Wärterinnen Gratifikationen und Lohnerhöhungen bis zu einem bestimmten Maximum zu bewilligen. Außerdem bewil­ligte man den im Dienst der Anstalt invalide gewordenen Personen auskömmliche lebens­längliche Unterstützungen, und scheint dies ein besonders wirksamer Hebel geworden zu sein, dem Wartpersonal den Dienst in der Anstalt wünschenswert zu machen, um sich durch vorzügliche Dienstleistungen für das spätere Alter erwähnte Benefiz [Unterstüt­zung] zu sichern. Diese Verbesserungen sind vollständig und mit dem besten Erfolg ausge­führt. [...] Als ein nicht minder gutes Mittel zur Verbesserung des Wartpersonals aber be­währte sich gleichzeitig die Handhabung einer ernsten und gerechten Disziplin über das Wartpersonal, zu welchem Behuf [Zweck] auch das aufsichtsführende Hausväterpersonal vermehrt wurde. Auch suchte man durch Erhaltung der im Jahr 1830 bei der Charité gegründeten Krankenwärterschule, der jetzt der Medizinalrat Dr. [Carl Emil] Gedike [1797-1867 ] vorsteht, auf eine möglichst vollkommene, technische Ausbildung der Krankenwärter und Wärterinnen hinzuwir­ken.“

1857 legte Carl Heinrich Esse unter der Über­schrift „Die Krankenhäuser, ihre Einrichtung und Verwaltung“ einen umfassenden Entwurf zu einer Dienstanweisung für Krankenhaus­wärter und -wärterinnen vor, der im Hinblick auf die Krankenpflege ein ebenso wichtiges Dokument darstellt wie sein 1873 veröffent­lichte Papier „Das Augusta-Hospital und das mit demselben verbundenen Asyl für Kran­kenpflegerinnen zu Berlin“. Im Jahre 1873 schied Carl (Karl) Heinrich Esse aus dem Dienst; er starb am 8. Dezember 1874 in seiner Heimatstadt.


Literatur

Börner, Paul: C. H. Esse und seine Bedeutung für das Krankenhauswesen der Gegenwart. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Ge­sundheitspflege, Band 7, 1875, Seite 337-339.

Börner, [Pau]l: Karl. H. Esse. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Sechster Band. Heraus­gegeben durch die Historische Commission bei der Königl. Akademie der Wissenschjaften. Duncker & Humblot. Leipzig 1877, Seite 379-381.

Esse, Carl Heinrich: Geschichtliche Nachrichten über das Königliche Charité-Krankenhaus zu Berlin. Schade. Berlin 1850.

Esse, Carl Heinrich: Die Krankenhäuser, ihre Ein­richtung und Verwaltung. 1. Atlas von 30 Tafeln. Enslin. Berlin 1857 (2. Auflage 1868).

Esse, Carl Heinrich: Die Krankenhäuser, ihre Ein­richtung und Verwaltung. 2. Text. Enslin. Berlin 1857 (2. Auflage 1868) (304 Seiten).

Esse, Carl Heinrich: Das neue Krankenhaus der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Enslin. Berlin 1861.

Esse, Carl Heinrich: Das Baracken-Lazareth der Kgl. Charité zu Berlin in seinen Einrichtungen dargestellt. Enslin. Berlin 1868.

Esse, Carl Heinrich: Das Augusta-Hospital und das mit demselben verbundenen Asyl für Kran­kenpflegerinnen zu Berlin. Enslin 1873 (29 Seiten).

Fischer, Alfons: Geschichte des deutschen Ge­sundheitswesens, Band II: Von den Anfängen der hygienischen Ortsbeschreibungen bis zur Gründung des Reichsgesundheitsamtes (Das 18. und 19. Jahrhundert). Georg Olms. Hildes­heim 1965, Seite 408.

Hess, Volker: Der Verwaltungsleiter als erster Diener seiner Anstalt. Das System Esse an der Charité. In: Bruch, Rüdiger vom (Hrsg.): Jahr­buch für Universitätsgeschichte, Band 3. Steiner. Stuttgart 2000, Seite 69-86.

Murken, Axel Hinrich: Vom Armenhospital zum Großklinikum. Die Geschichte des Krankenhau­ses vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. DuMont. Köln 1988, Seite 302.

Osten, Philipp: Die Modellanstalt. Über den Auf­bau einer „modernen Krüppelfürsorge“ 1905-1933. Mabuse. Frankfurt am Main 2004, Seite115.

Sticker, Anna (Hrsg.): Die Entstehung der neu­zeitlichen Krankenpflege. Deutsche Quellen­stücke aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts. Herausgegeben und mit Erläuterungen versehen von Anna Sticker, Kaiserswerth. W. Kohlhammer. Stuttgart 1960, Seite 329-330.

ESSE, Carl Heinrich

Version vom: 
2014-02-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 5. hpsmedia, 2014. S. 64-66

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=21

Statistik

Who was who: Liste aller Einträge

datenbankbanner 2