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Who was who in nursing history: CHRISTINA von Stommeln
CHRISTINA von Stommeln
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 5, Seite(n) 33-36.
 

Biographie

Im Mittelalter wurde die Krankenpflege außer den geistlichen Orden und den Rit­terorden auch von einer großen Zahl weltlicher Pflegege­meinschaften ausge­übt, von denen die sogenannten Beginen (auch Beghinen, Be­guinen) hervorgeho­ben werden können. Bei ihnen handelte es sich um Vereinigun­gen von Mädchen und Frauen, die erstmalig im 12. Jahrhundert in den Nieder­landen auftraten. Ihre Gründung durch Lam­bert de Bégue (?-1187), den Bischof von Lüt­tich, ist nicht sicher verbürgt. Ohne ein Klos­tergelübde abzulegen, vereinigten sich die Beginen unter einer frei gewählten Vorstehe­rin zu Übungen der Andacht und Wohltätig­keit, wobei sie gemeinsam in Beginenhöfen wohnten. Diese waren anfangs außerhalb der Städte, dann innerhalb derselben angelegt und bestanden aus einzelnen Wohnhäusern mit Kirche, Krankenhaus und Herberge. In Ent­sprechung zu dieser besonderen Lebensform für Frauen gab es auch einen männlichen Zweig, die Begarden.

Ihre Blütezeit hatten die Beginen, die von Adam Wienand zurecht als „der mittelalter­liche Typ der Barmherzigen Schwester“ be­zeichnet wurden, im 13. Jahrhundert, in dem sie sich in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland weit verbreiteten; um das Jahr 1300 wird ihre Gesamtzahl auf etwa 200.000 geschätzt. Frankfurt am Main etwa soll 57 solcher Beginenhöfe mit insgesamt 200, Straßburg 60 mit 600 und Köln 141 mit 2.000 Beginen gehabt haben. Am längsten erhielten sie sich in Deutschland, wo sie neben der Be­treuung von Hospitaliten vor allem auch die Hauskrankenpflege in den Städten ausübten. Eine herausragende Persönlichkeit in der ersten großen Blüte der Beginenbewegung war die Mystikerin Christina von Stommeln.

Christina von Stommeln, auch Christina Bruso oder – zum Unterschied von der belgi­schen – die „Kölnische Christina“ genannt, wurde vermutlich am 24. Juli 1242 in Stom­meln (heute ein Stadtteil von Pulheim) in der Nähe von Köln als Tochter der Eheleute Hilla und Heinrich Bruso auf einem landwirt­schaftlichen Hof geboren. Es war eine sehr unruhige Zeit, da der Kölner Erzbischof mit dem Jülicher Grafen Wilhelm IV. um die Macht in den Rheinlanden stritt. Bereits als Elfjährige hatte Christina erste Visionen, in denen sie sich als Auserlesene Christi zu be­sonderen Aufgaben bestimmt sah. Bereits im Alter von 13 Jahren (1255) verließ sie ohne Wissen und gegen den Willen der Eltern den väterlichen Hof und trat in die Schwestern­gemeinschaft der Beginen in der Kölner Stollgasse ein. Zwei Jahre später zeigten sich während der Betrachtung des Leidens Christi bei Christina zum ersten Mal an ihrem Leib die Wundmale des Herrn und an ihrem Kopf die Spuren seiner Dornkrone. 1259 kehrte sie aus Köln nach Stommeln zurück, weil sie wegen „Trance- und Entrückungszuständen“ beim Betrachten des Leidens Christi oft tage­lang für ihre Mitschwestern nicht mehr zu­gänglich war. Sie lebte weiterhin als Begine und führte ein Leben in Armut, Bescheiden­heit, Stille und Betrachtung. Seit 1267 wohnte Christina im Haus des Stommelner Pfarrers Johannes, der später ihre Vita niederschrieb. Im selben Jahr, am 21. Dezember 1267, lernte sie den Dominikanerpater Petrus (Peter) von Dacien (?-1288) aus dem schwedischen Got­land (Dacia, Name der Ordensprovinz, zu der außer Dänemark auch Schweden gehörte) kennen, mit dem sie bald in Briefwechsel trat und der als ihr Beichtvater auch ihre in der Karwoche 1268 empfangene Wundmale Christi bezeugte. Petrus von Dacien legte später ebenfalls eine Biographie über Chris­tina von Stommeln vor, die zusammen mit den Briefen und Aufzeichnungen des Pfarrers als Quelle für ihre Erscheinungen gilt. Hierzu hält Petrus von Dacien fest: „Während sie, vom Geist erfasst, so völlig von Sinnen war, öffnete sie ihre linke Hand, und ich sah, was ich mir von Kindheit an gewünscht hatte: in der weißen Hand der Jungfrau das Kreuz un­seres Herrn von blutroter Farbe. Dieses Kreuz aber war nicht nur mit Farbe oder Blut ge­malt, sondern als Wunde in die Hand geprägt: es war auch nicht ein einfaches Kreuz, es war vielmehr mit den schönsten Blumen ge­schmückt und wunderbar gestaltet.“

Christina starb am 6. November 1312 in Stommeln im Alter von 70 Jahren im Rufe der Heiligkeit. Ihr Leichnam wurde zunächst neben dem Westturm der Stommelner Pfarr­kirche begraben. Bald schon kamen Gläubige zu ihrem Grabe, um auf ihre Fürbitte hin Hilfe in körperlichen und seelischen Leiden zu er­langen. Nach einer auffälligen Heilung von der Gicht, die Graf Dietrich IX. von Kleve im Jahre 1339 zuteil wurde, gründete dieser zum Dank in Stommeln ein Stift. Die Gebeine Christinas wurden exhumiert und fortan in dieser Kirche aufbewahrt. Am 1. Mai 1342 wurden die Reliquien Christinas nach Nideg­gen in der Eifel zur Residenz des Grafen Wil­helm IV. in eine eigens erbaute Stiftskirche und von dort am 22. Juli 1586 in die Stiftskir­che in Jülich, der heutigen Propsteikirche St. Mariä Himmelfahrt überführt und verehrt. Über Jahrhunderte hin kamen Jahr für Jahr zahlreiche Pilgergruppen zum Grabe Christi­nas in der Jülicher Pfarrkirche, um auf ihre Fürbitte Hilfe in körperlichen, insbesondere bei Lähmungen, Gicht und in Fieberkrank­heiten sowie seelischen Leiden zu erfahren. Mit der Christina-Oktav war seit Alters her ein Markt verbunden, der eine sehr große Be­deutung hatte, weil er vor dem Beginn des Winters gelegen, den Bewohnern des Jülicher Landes Gelegenheit gab, neben der Ver­ehrung der Reliquien auch ihre Bedürfnisse für den Winter zu kaufen. Hiervon ist in der heutigen Zeit neben den kirchlichen Feier­lichkeiten nur die Christinakirmes verblieben, die alljährlich in den Straßen der Innenstadt gefeiert wird.

Christina von Stommeln, die am 12. August 1908 durch Papst Pius X. selig gesprochen wurde, war mit ihrem karitativen Wirken sicher kein Einzelfall. Unter ihren Zeitgenos­sinnen und Zeitgenossen lassen sich viele an­dere finden, die ihr weltliches Gut hingaben und ihre Familien verließen, um sich der praktischen Nächstenliebe beziehungsweise Krankenpflege zu widmen. Neben den Begi­nen Maria von Oignies (1177-1213)  und Mechthild von Magdeburg (1207-1282)  mögen Personen wie Franz von Assisi (1182-1228) , Elisabeth von Thüringen (1207-1231) , Agnes von Böhmen (1211-1282) , Gertrud von Thüringen (1227-1297)  und Elisabeth von Portugal (1269-1336)  als Beispiele dienen.


Literatur

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Lull, Caspar Peter: Lilium Inter Spinas. Das ist: Die wunderbarliche unter den Dörnern / eines zeitlichen schmertz-vollen Lebens / beständige in Göttlicher Liebe blühende Christina von Stummelen. Widenfeldt. Cöllen 1689.

Madey, Johannes: Christina von Stommeln. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band XV. Begründet und herausgegeben von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Trau­gott Bautz. Traugott Bautz. Herzberg 1999, Spalte 412.

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Ruh, Kurt: Geschichte der abendländischen Mys­tik, Band 2: Frauenmystik und Franziskanische Mystik der Frühzeit. Beck. München 1993, Seite 116-120.

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Bildquelle: www.dominikanerinnenchristinen hof.de/start.php [12.06.2007].

CHRISTINA von Stommeln

Version vom: 
2014-02-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 5. hpsmedia, 2014. S. 33-36

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